19.01.1976

AFFÄRENFrohe Laune im Bett

Das Glöggler-Imperium, Deutschlands größte Textilgruppe, zerbrach -- fast ein Ding von Gerling-Herstatt-Format.
Nach und nach werden die Leute sehen", so hatte der Augsburger Textilmagnat Hans Glöggler im Sommer letzten Jahres kundgetan, als er stolz den Erwerb einer 30-Prozent-Beteiligung an Deutschlands größter Baufirma Philipp Holzmann bekanntmachte, "wer hinter Glöggler steht."
In der vergangenen Woche wurde -- ziemlich unvermittelt -- klar, was sich hinter dem Konzernherrn verbarg: ein finanzieller Abgrund. Nur durch Staatshilfe sind die 11 000 Glöggler-Arbeitsplätze zu retten, auf den abgedankten Textilkönig warten Konkursrichter und Staatsanwalt.
Als "Vollstrecker der Konzentration in der Textilbranche" ("Handelsblatt") galt der einstige Augsburger Baustoffhändler. Mit "Begabung vor allem in der Finanzierungsstrategie" ("FAZ") errichtete Glöggler, 65, in Rekordtempo "eine der bedeutendsten Textilgruppen des EG-Raumes" (Glöggler).
Jetzt steht das Finanzgenie bei mehr als drei Dutzend Gläubigern hoch in der Kreide und kann die fälligen Zinsen nicht mehr bezahlen. Seine Schulden drohen den Konzernumsatz -- 900 Millionen Mark -- zu überrunden.
Schuld an dem Unglück, barmt der Bankrotteur, seien seine Manager. Er habe sie mit "überdurchschnittlich hohen Bezügen und Tantiemen", mit Pensionsanspruch und "schönen Villen" verwöhnt. Sie aber schlugen seine ständige Mahnung zu "äußerster Sparsamkeit" schnöde in den Wind.
Der Chef selber wohl auch: Der Spekulant, der längst den Überblick über seine verworrenen Transaktionen verloren hatte, ist allein über sein eigenes windiges Finanzierungssystem gestolpert. Das Modell Glöggler: Er kaufte ein marodes Unternehmen auf Pump, verhökerte den meist beträchtlichen Grundbesitz und stieg mit dem Erlös und neuen Krediten bei der nächsten Firma ein.
So übernahm er mit dem Geld, das ihm die Immobilien-Verwertung der Hanfwerke Füssen-Immenstadt AG (HFI) eintrug, im Februar 1972 die SWA Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg -- Slogan: "Frohe Laune im Bett" -, die auf 65 000 Quadratmetern wertvollen Geländes saß.
Bereits im Mai 1972 gehörte Glöggler die Mehrheit der Erba AG für Textilindustrie mit der, wie er fand, "guten Beigabe" von 1,5 Millionen Quadratmetern Bauland in und um Erlangen und Bamberg. Mit dem Kauf der Val. Mehler AG, Fulda, nur zwei Monate später, arrondierte der Firmenstripper seine Ländereien auf rund drei Millionen Quadratmeter. Fast ein Jahr ließ er sich dann Zeit, bis er im April 1973 die Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) mit gut 190 000 Quadratmetern Land übernahm.
Glögglers Junior Axel, der über die Liquiditäts-Theorie des Geldes promovierte, teilte als frisch gebackener Finanzchef des Konzerns mit: "Finanzierungsprobleme gibt es nicht und gab es niemals."
Die Banken, durch den Immobilienbesitz in Sicherheit gewiegt, liehen dem dreimal verehelichten Vater von acht Kindern gerne auch größere Summen -- so die Bank für Gemeinwirtschaft nahezu 130 Millionen Mark. Die Westdeutsche Landesbank und ihre Privatbank-Tochter Burgardt & Bröckelschen waren mit 126,5 Millionen Mark dabei und die Hessische Landesbank mit 123,6 Millionen.
In Preislagen zwischen 44,5 und sieben Millionen Mark engagierten sich die Deutsche Bank, die schweizerische Migros-Bank, die Bayerische Landesbank, der Schweizerische Bankverein, Bayerische Volkstanken, die Amexco, die Commerzbank, die Hypobank in München, die Bayerische Vereinsbank und die BHF-Bank.
Statt mit dem/vielen Geld seinen hastig zusammengerafften Textilerbhof zu konsolidieren, steckte Glöggler ("Die Leute denken, ich wäre ein Analphabet") immer mehr Millionen in den ehrgeizigen Versuch, aus den gesellschaftlichen Niederungen des angestammten Baustoffgeschäfts in den Industrie-Adel aufzusteigen. Der Spinner begann mit Aktienpaketen zu jonglieren, etwa mit Grün & Bilfinger, Ackermann-Göggingen, Philipp Holzmann oder AEG.
Aktionärssprecher Kurt Fiebich attestierte ihm, er entwickele sich zu einem zweiten Flick. Der Augsburger Textilherr Christian Gottfried Dierig hingegen meinte, als sich Glöggler zu 13 Prozent in sein Unternehmen einkaufte, er möge sich lieber um seinen "eigenen Kram kümmern": "Der beste Betrieb von Glöggler ist technisch noch schlechter als unser schlechtester."
Als die Bundesbank 1973 die Inflationsbremse zog, kam Glöggler immer mehr in die Klemme: Die Zinsen für die gepumpten Millionen stiegen, der Textilkrise im Inland folgten Absatzschwierigkeiten auf den Auslandsmärkten, und die floatenden Wechselkurse schmälerten die Erlöse. Der Grundstücksmarkt, Glögglers Perpetuum mobile, war gar völlig tot.
Mitte 1974 hatte die Bank für Gemeinwirtschaft weitere Kredite verweigert. Auch andere Banken waren verprellt, als Glöggler die gepumpten Gelder nicht in seine Produktionsfirmen steckte, sondern als Spielgeld an seine Holdings in Zürich, Luxemburg und Panama weiterreichte.
Andere sprangen ein. "Den Herren ist es seit 1975 gelungen, noch 15 neue Banken als Kreditgeber zu finden", erboste sich in der vergangenen Woche ein Münchner Privatbanker -- rund 130 Millionen Mark Neukredit, zumeist aus dem Ausland.
Vollends erkaltete die alte Liebe, als die Geldmenschen entdeckten, was der Konzernherr in 18 Monaten aus seinen Textilwerken abgezogen hatte: 69 Millionen aus der Erba, 43 Millionen aus der SWA, 32 Millionen aus HFI, 19 Millionen aus der Val. Mehler und 9 Millionen aus der AKS -- zusammen stattliche 172 Millionen, davon 60 allein im letzten halben Jahr.
"Wie ein Bankräuber die Pistole", erzählte Hessens Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry, habe Glöggler beispielsweise bei Val. Mehler in Fulda den Konzernbeherrschungsvertrag gezückt und Kasse gemacht.
Die Finanziers der Betriebe, wie die Bank für Gemeinwirtschaft, dürfen nach dem Rettungsplan hoffen, ihre Kredite in ferner Zukunft wiederzusehen: Die meisten Betriebe arbeiten weiter, denn die Banken spendieren, von den Ländern Bayern, Hessen und Baden-Württemberg staatsverbürgt, neue Kredite. Wer die Auslandsholdings finanzierte, wie vorwiegend die Hessische Landesbank, muß die Millionen wohl abschreiben.
"Wenn die Banken die Sanierung wollen, müssen sie auf die Möglichkeit verzichten, Glöggler zu hängen, zu vierteilen, zu lynchen oder so", läßt derweil der Münchner Glöggler-Anwalt wissen: "Das ist nun mal der Preis, den sie zahlen müssen."

DER SPIEGEL 4/1976
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