19.01.1976

Frankfurt: Karate, Seven-eleven und Heroin

Unter allen westdeutschen Großstädten hat Frankfurt die höchste Kriminalitätsrate. Die Stadt ist Treffpunkt für zwielichtige Figuren aus aller Welt: Rauschgifthändler, Zuhälter, Einbrecher. Nirgendwo sonst sind die Gang, so straff organisiert, rechnen Gangster so brutal miteinander ab -- manchmal „gibt es auch eine Hinrichtung“.
Herrenabend an der Hauptwache: Gespielt wurde "Seven-eleven", gesetzt ohne Limit, bezahlt in blanken Tausendern, und wenn beim verbotenen Würfeln das Bargeld ausging, reichte der Spieler schon mal eine Handvoll Juwelen über den Tisch -- Erlös aus Diebesgut, Dirnenarbeit, Hehlerei, Rauschgifthandel oder Waffenschmuggel. Im "Zero" pflegte die Unterwelt zu zocken.
Man kannte sich, mogelte möglichst wenig, denn so etwas kann blutig enden, und wenn die Polizei kam, war man im Spielkasino in der Schillerstraße, das offiziell Geschäftsschluß hatte, mit Sicherheit bei einer biederen Runde Rommé. Blitzartig verschwanden die Würfel, sobald die versteckte Kamera am Eingang Verdächtiges signalisierte.
Bis zum vorletzten Wochenende, als die Kripo das Kasino dichtmachte und versiegelte, verkehrte dort zahlungskräftige Kundschaft -- hörbar am allerwenigsten aus Hessen. Im Zweifelsfall fand sich im "Zero" ein, wer in Marseille schon abkassiert hatte, den israelischen Behörden aus gutem Grund aus dem Wege ging und sich tunlichst auch in Neapel nicht mehr blicken ließ.
Auf der kriminellen Szene zwischen Sachsenhausen und Bockenheim geben Typen den Ton an, die Deutsch nur radebrechen. Längst hat die alte Garde einheimischer Ganoven den Rückzug angetreten. Ohne Traute wich eine komplette Frankfurter Diebes- und Hehlerbande, die in den sechziger Jahren in Westdeutschland reichlich Beute machte, der neuen Macht am Main; einer organisiert jetzt Werbefahrten für Wärmedecken, und "Moppel", ein anderer, makelt nun Versicherungen. "Für uns", sagt einer der Alten über die Neuen, "sind die eine Nummer zu groß."
Als Anfang Januar vor der Ersten Strafkammer des Frankfurter Landgerichts der bislang größte Rauschgiftprozeß der Bundesrepublik begann, saßen auf der Anklagebank: Metzgermeister Jeshaja Fainsilber, 30, aus der Sowjet-Union ("Gingy" beschaffte laut Anklage das Heroin bei Chinesen in Amsterdam), Impresario Baruch Bar-Ziv, 28, aus Sofia ("Bachu" organisierte die Transporte über die Grenze), Kaufmann Joseph Yacob, 26, aus Bagdad ("Little Joe" vertrieb die Ware in Frankfurt), Landwirt Simon Rimon. 35, aus Jerusalem ("Kuschi" streckte und packte den Stoff), Dressman Josef Hozmi, 31, aus dem Jemen ("Joschi" suchte Kontakte zu Abnehmern).
Die etwa zehnköpfige Gang hatte im Verlauf von nur einem Jahr 20 Kilogramm Heroin im Frankfurter Raum abgesetzt und dafür etwa drei Millionen Mark kassiert. Der Boß der Bande, Kneipier Joseph ("Big Joe") Amiel, 34, aus Tel Aviv, Narbe am rechten Handgelenk und Tätowierung am linken Oberarm, fehlte im Gerichtssaal. Er war noch rechtzeitig vor Prozeßbeginn aus der Justizvollzugsanstalt Dieburg ausgebrochen; Freunde eskortierten ihn, standesgemäß im goldfarbenen Iso Rivolta, nach Amsterdam.
In der Frankfurter Strafjustiz sind Dolmetscher gefragt wie nie zuvor, im Gerichtssaal geraten Protokollführer in die Bredouille bei Namen wie Aboul-Haijo, Mamusukhai. Abu-Wahdan, Njegric oder Broblowski -- Frankfurt hat sich zum internationalen Treffpunkt der Unterwelt entwickelt, das gängige Klischee von der "Metropole des Verbrechens", es bekommt neuen, schäbigen Glanz,
Nach der Kriminalstatistik -- einziger, wenn auch dürftiger Meßwert der Delinquenz -- hält Frankfurt die Spitze der deutschen Großstadtkriminalität, "und diese Position", räumte Polizeipräsident Knut Müller jetzt ohne Umschweife ein, "werden wir wohl so schnell auch nicht räumen". 1974 wurden in Frankfurt 9530 Straftaten je 100 000 Einwohner registriert, in Berlin waren es 9088, in Hamburg 7960, in Stuttgart 6718.
Was die Statistik kaschiert, ist das Kaliber der kriminellen Tat, und da ist kein Zweifel erlaubt: Die Dinger, die in und um Frankfurt gedreht werden, erfordern superlativische Einordnung; zwei aktuelle Prozesse liefern die Beispiele.
* Zwei Millionen Mark, der größte Batzen, der je im Bundesgebiet bei einem Raub anfiel, wurden nach einem Überfall auf einen Geldtransporter der Dresdner Bank beiseite gebracht und blieben bis heute unauffindbar. Derzeit stehen Ludwig Lugmeier, 25, und Gerhard Linden, 26, vor Gericht -- zwei Bayern, immerhin.
* 41 Millionen Mark, die höchste Summe, die bislang in der Republik unterschlagen wurde, erbeutete eine Tätergruppe bei der Commerzbank. Als Drahtzieher muß diese Woche Ladislaus Tax, 48, auf die Anklagebank -- ein gebürtiger Ungar. Ebenfalls für keine Statistik faßbar, aber für Kriminalisten außer Frage: Nirgendwo in der Bundesrepublik geht so viel heiße Ware durch so viele Hände, nirgendwo fließt die Sore so glatt in dunkle Kanäle. Es liegt in der Natur der krummen Sache, daß mal eine Ladung Pelze, von Heimarbeiterinnen auf dem Lande umgenäht, in die Luxusläden der Frankfurter City gerät; daß aufwendige Photoausrüstungen, in einem Spezialfahrzeug mit eingebautem Versteck aber die Grenze geschafft, das Angebot von Spezialgeschäften auf den Pariser Champs-Élysées bereichern; daß hochkarätige Diamanten aus diesem oder jenem Juwelenraub, manche ungeschliffen, manche unverändert, in den Basaren von Casablanca verhökert werden.
Keine andere westdeutsche Stadt dient so häufig als Startloch für Beutezuge. Drei Gruppen, mit weitem Betätigungsfeld und Zentrale in Frankfurt, griff die Kripo in den letzten Jahren, darunter die bei den Fahndern berüchtigte "Eurogang"" eine Gruppe von nahezu 100 Personen, die Anfang der siebziger Jahre aus dem Erlös europaweit betriebener Straftaten lebte, etwa Falschmünzerei oder Autoverschiebung -- vorwiegend. Italiener und Franzosen. Erst letzte Woche ließen die Fahnder die "Alfa-Bande" hochgehen, etwa 50 Neapolitaner. die vom Main aus bis nach Österreich und in die Schweiz ausrückten.
Nicht von ungefähr. daß Kriminalisten in Frankfurt Konturen des organisierten Verbrechens ausmachten -- ein Novum für die Bundesrepublik; nur konsequent, daß die Frankfurter
* In einem beschlagnahmten Koffer. in dem sieh auch ein Kilogramm pures Kokain befand.
Staatsanwaltschaft eine "Abteilung für Schwerpunktkriminalität" einrichtete, um die in der Main-Stadt verfilzten Banden ins Visier zu bekommen -- auch das einzigartig in Westdeutschland. Die Stadt, die in ihrem weithin sichtbaren Dunstkreis die meisten Prostituierten und die schlimmsten Bodenspekulanten beherbergt, hat auch die routiniertesten Verbrecher aufzuweisen.
Daß jeder vierte in Frankfurt ertappte Täter Ausländer ist, besagt dabei nicht einmal viel -- es ist vorwiegend Amateur-Kriminalität der Gastarbeiter, die keineswegs typisch ist für das Handwerk zugereister Ganoven. Eher "ist bezeichnend, daß fast alle Pelzdiebstähle von Ausländern begangen werden", so ein Staatsanwalt, "und darunter findet man kaum einen Täter, der Gastarbeiter ist".
Wo Nerz und Nepp, heimlicher Spielbetrieb in Hinterzimmern und öffentliches Spekulantentum um Hochhäuser, wo häufig genug Geschäfte und Geschäftchen zusammengehen und Wirtschaftskriminalität an der Tagesordnung ist, wenn auch im dunkeln bleibt, wo der stärkste Flugverkehr des Kontinents Welt wie Unterwelt zusammenrückt, "unter einem solchen Licht". so beschreibt es der Regierungskriminaldirektor Erich Straß vom Bundeskriminalamt (BKA), "versammeln sich zwangsläufig auch die Motten aller Länder".
Ganze Schwärme fallen neuerdings ein, um am Frankfurter Rauschgiftmarkt zu schmarotzen Fette Gewinne sichert der stetig wachsende Kreis Heroinsüchtiger, 2500 Fixer sind es allein im Stadtgebiet, die täglich, so errechnete die Polizei, ihre Spritze oder Prise brauchen.
Und wenn das grausige Geschäft nicht genügend abwirft, züchten sich die Dealer ihre Kundschaft. Loddel al-
* Prozeßbeginn vor dem Landgericht Frankfurt am 7. Januar.
ler Länder, Deutsche wie Italiener und Jugoslawen, pumpen am Main ihre Mädchen mit dem gefährlichen Stoff voll, um sie, einmal süchtig, dann auch willig, "doppelt auszubeuten", wie es der Frankfurter Drogenarzt Hartmut Berger sagt. Händlerringe aus aller Herren Länder, Libanesen, Algerier und Marokkaner, jubeln noch jugendlichen Mädchen, die nur mal wieder auf einer Haschwolke entrücken wollen, das weiße Pulver unter, um sie dann zu Schmuggelfahrten zu pressen.
Drei Marokkaner etwa, Abdullah Rizq, Ahmed El Hardiz und Cherif Jamai, führten in ihrer Frankfurter Wohnung Mädchen ins Fixen und Schnupfen ein, die, so ein Zeuge, "gleich nach der Schule mit ihren Büchertaschen" kamen. Eine 17jährige aus Bad Nauheim, einmal auf harte Droge gesetzt, ließ sich dann leicht zu grßen Reisen nach Marokko und Amsterdam erweichen -- und hatte zudem, so ihre Aussage im Prozeß gegen das Trio, "Angst, von Abdullah und Ahmed umgebracht zu werden".
Ähnlich bei der Amiel-Gang, die sich ebenfalls junge Mädchen, so die 18jährige Amerikanerin Amy Devore, dienstbar gemacht hatte; sie wurden auf den Schmuggelfahrten von Amsterdam als "Bunker" eingesetzt: Am Körper, unter Mieder und Höschen, ging die heiße Ware über die Grenze -- "Verstecke", so Frankfurts Rauschgiftdezernent Gerhard Damm, "wo wir nicht ran dürfen".
Nach der Polizeistatistik hat sich die Zahl der ausländischen Dealer, die in Frankfurt mit Rauschgift handeln, in den letzten vier Jahren verdoppelt. Jeder zweite, der unterdessen auf der Szene mitmischt, vornehmlich mit Heroin, ist über die Grenze gekommen, und wie die Dealer zieht es Diebe und Schieber, Zuhälter und Scheckfälscher nach Frankfurt.
Warum nach Frankfurt? Diese Frage erscheint dem Staatsanwalt Wolfgang Heinrich vom Dezernat "Schwerpunktkriminalität" "so einfach, daß man sich darüber gar keine Gedanken macht". Für ihn ist es "die kriminalgeographische Lage", der die Stadt das Kriminelle zu verdanken hat.
Dazu gehört, simpel genug, die geographische Mittellage der Stadt, Schnittpunkt von Bahn und Autobahn, Luftkreuz mit täglich 300 Starts und Landungen, und da vergeht kein Tag, an dem Unerwünschte nicht gejettet kämen oder sich davonmachten. Für Samir Fayad Kairouz, 35, Heroin-Händler aus Oman und laut Gerichtsurteil "ein potentieller Mörder", war der Rhein-Main-Flughafen denn auch ein idealer Umschlagplatz.
In einem von der Kripo abgehörten Gespräch verriet der, wie er sich nannte, "Mann im Hintergrund" mit "insgesamt über 50 Mitarbeitern" seine Schleichwege: "... werfe ich einfach das kostbare Zeug zwischen die Abfälle der Mahlzeiten. die nach Ankunft auf dem Flughafen von einem nicht kontrollierten Verpflegungswagen abgeholt werden. Später nimmt man das Zeug außerhalb des Flughafens wieder an sich."
Dazu gehört die Präsenz der US-Army, die von jeher auch die Schatten des American way of life auf die Stadt geworfen hat -- in Besatzertagen war es der Schwarzmarkt, den die GIs mit Ware ausstatteten; zur Wirtschaftswunderzeit war es das kriminalitätsträchtige Bar- und Bordeilviertel längs und quer der Kaiserstraße, das sie in Schwung brachten; und in den siebziger Jahren ist Rauschgift "unser soziales Problem Nummer eins", wie Forest S. Termant sagt, ehemals Truppenpsychiater im Heidelberger Hauptquartier,
Ausgeflippte GIs aus den umliegenden Kasernen von Gießen im Norden bis Kaiserslautern im Süden decken sich vorwiegend auf der Frankfurter Szene ein, treiben den Umsatz in die Höhe. "Rund 70 Prozent der Ware", schätzt Rauschgiftdezernent Damm, "gehen an Amerikaner" -- aus der "Corso-Bar" am Bahnhof oder dem "Zoom" in der Stiftstraße.
Und gewiß gehört eben dazu, daß Frankfurt eine großspurige, internationale Silhouette hat. Das höchste Bürohaus (143 Meter) gehört dem persischen Bankier Ah Selmi, das höchste Hotel (160 Meter) baut am Messekreisei die kanadische Gesellschaft Canadian Pacific, von 16 000 Ausstellern bei Messen kommt fast jeder zweite aus dem Ausland. Was Wunder, daß, so drückt es BKA-Straß aus, für viele "in Frankfurt was drin ist" -- und daß sich das in aller Welt herumspricht, unter Neu- wie Erwerbsgierigen, Harlosen und Ausgebufften.
"Halbseidene Prominenz spielt Klaberjaß zu zwein."
Die Stadt ist Zwischenstation und Auffangbecken wie keine andere. Da holt ein türkischer Gastarbeiter illegal seine Familie ins Land, später womöglich Mündungsbett für einen Strom immer neuer illegaler Einwanderer. Da bleibt ein jüdischer Auswanderer auf dem Weg von Moskau nach Jerusalem im Westend hängen, wo seine Glaubensbrüder mehr Grund und Boden zusammenspekuliert haben, als jüdische Vorkriegsgenerationen insgesamt besaßen. Da findet der amerikanische Deserteur in einer Kommune Zuflucht, in der niemand fragt, woher der Stoff kommt.
Die Internationalität der Stadt bedingt die Internationalität des Verbrechens. Mitunter überlagern sich gewöhnliches Großstadtmilieu und kriminogene Zone kaum merklich, dann wieder ist der Zusammenhang sichtbar -- im Bahnhofsviertel etwa, wo sich die "halbseidene Prominenz der Zoeker und Zuhälter" (so Torsten Schiller, Chef der Frankfurter Ordnungsbehörde) in Nachtklubs und Spielkasinos zu "Search Poker", "Muschkater", "Klaberjaß zu zwein" trifft und einander Adressen. Tips und Warnungen zuschiebt; oder im Getto hinter dem Hauptbahnhof, wo sich Gastarbeiter in verrußten, verwahrlosten Häusern aus dem vergangenen Jahrhundert zu Tausenden zusammendrängen.
Rund 120 000 der 641 000 Stadtbewohner kommen aus Spanien oder der Türkei. aus Jugoslawien, Griechenland oder Italien, gar "jedes dritte Baby". so Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt, "spricht nicht mehr Deutsch". Alljährlich verlassen 60 000 Frankfurter die Stadt, etwa genauso viele kommen hinzu, statistisch gesehen ein kompletter Bevölkerungsumschlag in nur elf Jahren -- kein Platz zum Verweilen. in der Main-Metropole bleiben viele Fremde unter Fremden.
Von den Frankfurtern ist mittlerweille jeder fünfte Ausländer, von den Tatverdächtigen aber schon jeder vierte; mag sein, daß ein vergleichsweise niedriges Durchschnittsalter der Türken und Italiener, Griechen und Spanier strafanfälliger macht. Aber die Delinquenz der Gastarbeiter. die Frankfurts Kriminalstatistik in die Höhe treibt, ist auch andernorts höher als die Einheimischen-Kriminalität.
Die Leute vom Balkan, aus dem Süden, greifen nun mal häufiger in die verlockenden Auslagen der Kaufhäuser, haben schneller das Messer in der Hand und vergreifen sich, so sie sich nicht in der Fremde eine Freundin anlachen können, auch leichter an Mädchen. Jeder vierte ertappte kleine Dieb in Frankfurt ist denn auch ein Fremder. bei Mord und Totschlag (43 Prozent), bei Körperverletzung (34 Prozent) ist der Anteil noch größer, und gar 60 von 100 Vergewaltigungen werden Ausländern angelastet.
10 000 Mark -- oder "es gibt Putz".
Hier lassen sich Gastarbeiter-Kriminalität und Unterwelt-Kriminalität klar unterscheiden: Vergewaltigung ist nichts für Ganoven, die Herren des Milieus haben es auch gar nicht nötig. Nach außen hin geben sie sich, überhaupt, gern friedlich -- das Kriminalitätsprofil der Main-Stadt ist von eigener Art.
Spektakuläre Geiselnahmen gab es in München (Rammelmayr) oder in Köln (Vicenik), nicht am Main. Eine Rockerplage, wie sie in Hamburg oder München zuweilen grassiert, kennt Frankfurt nicht, und gefährlicher geht es, statistisch gesehen, in anderen Städten zu; in Mannheim oder Stuttgart etwa wird im Verhältnis häufiger vergewaltigt, in Schweinfurt oder Flensburg mehr gestochen, schwerer verletzt.
Wenn man von der spezifischen Gastarbeiter-Kriminalität absieht, von der Messerstecherei und vom kleinen Diebstahl, bleibt für die Frankfurter Kriminalität purer Professionalismus typisch -- möglichst gut ausbaldowern, solide Risikoabwägung, tunlichst kein Aufsehen, eher Rififi denn Ballermann. Nach Beobachtungen der Kriminalpolizei langen die Ganoven in Frankfurt in erster Linie untereinander hin, und wer in Frankfurts so weltoffener Subkultur zuviel redet oder querschießt, wird durchaus "eingestampft" -- niedergeprügelt oder angestochen. Dann und wann, so weiß die Staatsanwältin Adelheid Werner, in der Unterwelt "Babydoll" genannt, "gibt es auch eine Hinrichtung".
Immerhin, einschlägigen Ruf hat Frankfurt seit dem Mord an der Luxusdirne Rosemarie Nitribitt, und Brutalität im Milieu gab dem Frankfurter Vergnügungsviertel Mitte der sechziger Jahre, als Hamburgs St. Pauli wie eh und je, bis nachts um halb eins, liebevoll besungen wurde, eine unüberhörbar harte Note. Bars und Bares lockten damals eine Generation von Gangstern und Ganoven an, wie sie die heimische Branche niemals vorzuweisen hatte -- Yossef Ezra Levy etwa, der im Sinai-Krieg als Fallschirmjäger in der israelischen Armee kämpfte, sich dann in seiner Heimatstadt Haifa zum Zuhälter beförderte und schließlich im Frankfurter Nuttenviertel seine diversen Erfahrungen ausspielte.
Er war es, der zusammen mit einigen Kumpanen zum erstenmal in Frankfurt nach Mafia-Art abkassierte. Im Strip-Lokal "Europa" mahnte er 10000 Mark an und ließ am Telephon wissen: "Sonst gibt es Putz." Fortsetzen konnte er diese Karriere allerdings nicht, weil er die Bardame Bertilde ("Betty") Gruber mit Handkantenschlägen aus "Hedi"s Bierbar" ins Jenseits beförderte, die Leiche in einen Teppich rollte und das Verschnürte in einem Wald bei Heidelberg zurückließ; Betty Gruber ging als "Tote vom Königsstuhl", Yossef Ezra Levy als "Karate-Joschi" in die Geschichte der Frankfurter Unterwelt ein.
Dann nisteten sich vornehmlich Italiener und Franzosen im Revier ein. Sie bevorzugten die "Babalu-Bar", etablierten dort, wie auch im Restaurant "Mainblick" und im Imbiß "Mimi", Kontaktstellen und managten bald europaweit eine Art kriminelles Wirtschaftsunternehmen. Spezialitäten: Falschmünzerei und Waffenhandel, organisierter Diebstahl und Versicherungsbetrug, Hehlerei und Autoverschiebungen. Spezialisten: der Franzose Felix Lesca (Boß der Organisation), die Italiener Nicola Branca (Rauschgift), Ferdinando Cava (Falschgeld), Carlo Faiella (Erpressung), zusammen an die hundert Personen.
Nach monatelanger Telephonüberwachung sprengte die "Soko 514", eine Sonderkommission aus BKA-Spezialisten, Frankfurter Kripo und Staatsanwaltschaft, die Eurogang -- unter Zwang "leider etwas zu früh", wie Frankfurts Staatsanwalt und Ermittlungsleiter Wolfgang Heinrich heute meint. Freilich hatten die Fahnder keine andere Wahl, ein mitgeschnittener Gesprächsfetzen, eine eindeutige Aufforderung an den Franzosen Noël Bonardi ("Du brauchst nur noch zu schießen, dann bekommst du dein Geld"), verlangte schnellen Zugriff. Heinrich: "Bei einem geplanten Mord durften wir nicht mehr zuwarten."
Aber so ging auch der Schlag gegen das Gros der Gang daneben. Einige, wie Boß Lesca, konnten türmen, bei anderen, etwa dem -Italiener Franco Della Puppa, hielt der Haftbefehl nicht; die Gerichte ließen die Tollbandprotokolle nicht als Beweismittel zu. Jahrelang noch hatten Frankfurts Strafverfolger mit Sprenkeln des "größten Falles von Bandenkriminalität in der Nachkriegszeit" (BKA) zu tun.
Vor Jahresfrist erst stellten Kriminalisten nach großangelegter Interpol-Fahndung den Italiener Luigi Lepparelli, 51, in Neapel. "Napoleone" oder "Studente", wie ihn seine Gang-Kumpane respektvoll nannten, war der zweite Mann hinter dem noch immer flüchtigen Lesca.
Er war, so die Gründe im Urteil einer Frankfurter Strafkammer vom vergangenen August (zwei Jahre und zehn Monate für Lepparelli wegen Hehlerei) "Verbindungsmann zwischen den Franzosen und Italienern", hatte "Kontakte zu einschlägigen Kreisen im Ausland" und vermittelte von Frankfurt "nach Genua ... nach Brüssel und Amsterdam".
"Der hat die Augen auf Null gestellt."
Um die gleiche Zeit stand in Frankfurt ein anderer Italiener vor Gericht: Paolo Lippera, ein römischer Ganove, der am Main eine Unterweltsache zu bereinigen hatte und deshalb mit einem Killer-Kommando aus dem Süden angereist war. Auf der Tanzfläche der Diskothek "New Fashioned" richtete die Gang, als wär"s ein Stück vom "Paten", den Jugoslawen Josef Tudic einen im Milieu gefürchteten Schläger und Zuhälter.
Inmitten tanzender Paare stieß Paolo Lippera dem "Jugoslawen-Jo" mehrfach das Messer in Kopf und Körper, machte sich wieselflink davon, Kumpane deckten den Rückzug. Frankfurts früherer Preisboxer Oswald ("Ossi") Büttner, der sich mit Tudic in Bars und Bahnhofsgaststätten um die Krone des Stärksten im Kietz zu prügeln pflegte, schleifte das blutende Opfer aufs Trottoir, merkte jedoch schnell: "Der hat die Augen auf Null gestellt."
Wegen Totschlags wurde Lippera zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt, Mord und das Motiv dazu waren vor Gericht nicht nachzuweisen. Zeugen fühlten sich bedroht und wanden sich bei ihren Aussagen: Die türkische Garderobiere Tulin hatte, als sie den Täter identifizieren sollte, schon "so viele Menschen gesehen", die jugoslawische Bardame Mirjana wußte nicht mal, "was ich gestern gegessen habe", und Photographin Marion hatte damals "die falsche Brille auf".
Dennoch, Staatsanwältin Werner sah klar, daß Lippera, so ihr Plädoyer, "mit zynischer Kaltblütigkeit für seine Organisation einen Auftrag erledigt hat". Denn die Ermittlungen hatten Zusammenhänge mit dem Mord an Carlo Faiella, dem Erpressungs-Experten der Eurogang" aufgedeckt. Einen Monat vor der Hinrichtung von Tudid war Faiella in einem Auto auf der Viale Pilsudski in Rom tot aufgefunden worden, mit drei Kugeln in Kopf und Rücken. Das Morddezernat der Quästur in Rom: "Eine Abrechnung innerhalb von Verbrecherkreisen."
Bei der italienischen Polizei einc~en Hinweise ein, Tudid, zur Tatzeit in Italien gesehen, habe selbst Hand angelegt, und ein Faiella-Freund habe dann das Kommando nach Frankfurt geschickt, den Tod zu rächen. Eine andere Version kursiert in der Frankfurter Unterwelt: Tudic habe die Täter gekannt und zuviel geredet, deshalb habe er dran glauben müssen.
Faiella selbst, und da schließt sich womöglich der Kreis, war in Frankfurt beim Abkassieren eines Landsmannes, des Bar-Geschäftsführers Saveiro Coppola, beteiligt gewesen. Das Mafia-Stück am Main, wie es in der Gerichtsverhandlung rekonstruiert wurde:
Mario d"Ambrosio, in Italien fünfzehnmal vorbestraft, wollte in Coppolas Bar am Bahnhof einen Scheck über 253 000 Lire gegen bare Mark eintauschen. Coppola mißtraute, d'Ambrosio zog ("Du hast mich beleidigt") und schoß dem Wirt durch die Achselhohle. Doch dann wandelte er gnädig "die Todesstrafe in eine Geldstrafe" um, so später das Gericht über den Tathergang, und es war Faiella, der die erste Rate über 5000 Mark abholte.
Daß die Eurogang "nur ein Anfang war", wie Staatsanwältin Adelheid Werner erkannte, daß von nun an mit bestimmten Organisationsformen der Kriminalität wie auch mit Killer-Praktiken gerechnet werden mußte, zeigte sich in der mittlerweile zur Crime-Metropole gediehenen Stadt, als eine neue Völkerschar im Milieu aufkreuzte: Jugoslawen.
Auch die "Jugo-Gang", die der Justiz nun zu schaffen machte, war wie ein kriminelles Dienstleistungsgewerbe organisiert. Sie beschäftigte zeitweilig 30 Personen, die Rollen waren gut verteilt. Boß Ernest Sepe c, 37, kundschaftete die Örtlichkeiten aus und verhandelte mit den Hehlern; Sportlehrer Zeljko ("Django") Susak, 32, stieg über Balkons oder durch Luftschächte in die Gebäude ein; Schriftsetzer Teodor Pukl, 31, beschaffte die Fahrzeuge und organisierte den Abtransport. Andere wurden "je nach Bedarf angeheuert", so später der Staatsanwalt.
Vlastimir Lekic etwa, 65, in Frankreich zum Tode verurteilt, dann begnadigt und später abgeschoben, brachte als Einlage seine Erfahrung in das Unternehmen, das in Frankfurt seinen Sitz, im Restaurant "Ivo" und im "Terrassen-Café", so die Ermittlungen, seine Verbindungsstellen hatte. Von da aus wurden Diebesfahrten in die ganze Bundesrepublik gestartet.
Deckwort "Mayolapent": der 41-Millionen-Coup.
Und immer wurde die Beute nach Frankfurt verbracht, stets auf Parkplätzen und in Garagen an Hehlerringe abgesetzt: Schmuck im Wert von 200 000 Mark aus einem Münchner Juwelierladen, wo die Jugos die Wand durchbrochen hatten: für 160 000 Mark tibetanische Kunst- und Kultgegenstände aus einem Stuttgarter Möbelhaus, in dem sie Türschlösser und Schleichwege ausbaldowert hatten; Teppiche (260 000 Mark) aus dem Bochumer "Stilhaus", wo sie zehn Mark für eine gekippte Flasche Cognac zurückließen.
Als die Gang gefaßt war und ihr der Prozeß gemacht wurde, kam auch dies hoch: Ein Frankfurter Hehler hatte Ernest Sepec als Killer dingen wollen -- Auftrag: den Paßfälscher Ludwig Ullrich beseitigen; Honorar: 50 000 Mark. Als Sepec seine Bereitschaft und eine Pistole mit Schalldämpfer zeigte, bekam er als Vorschuß eine Schatulle mit Schmuck im Wert von 28 000 Mark. Sepec kassierte, aber killte nicht, vor Gericht behauptete er: "Ich habe das nicht ernsthaft vorgehabt."
Sepec wurde im letzten November als Organisator einer "gerissenen und recht erfolgreichen Einbrecherbande, die wie ein weitverzweigtes Wirtschaftsunternehmen arbeitet", so Frankfurts Staatsanwalt Volker Kramer, zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Wie Kleinkram mutete da an, was einheimische Banden auf eigene Faust unternahmen.
Die Frankfurter Gruppe um den Tresorknacker Roland Laner etwa sammelte ihre Beute kleckerweise aus nahezu 200 Einbrüchen, mal 3500 Mark aus dem Geldschrank eines Büros, ein Tausender aus dem Tresor einer Spedition oder ein paar Hunderter aus der Kasse der Frankfurter SPIEGEL-Redaktion.
Stand ein größerer Bruch an, kamen schon ausgekochte Auswärtige zur Hilfe. Österreicher und wiederum Jugoslawen beispielsweise gingen jahrelang einer Gang von "Berufs- und Gewohnheitsverbrechern aus dem Frankfurter Zuhälter- und Dirnenmilieu" (Polizeibericht) zur Hand, die zwischen Bad Hersfeld in Oberhessen und Ansbach in Mittelfranken nur neunmal auszurücken brauchten, um Ware im Wert von zwei Millionen zusammenzustehlen. Ihre Mädchen ließen die Loddel derweil weiterlaufen -- "als krisensichere Sache für schlechtere Zeiten", wie sich einer ausdrückt.
Beim 41-Millionen-Coup, den der Prokurist Wilhelm Edler aus Bad Nauheim bei der Frankfurter Commerzbank landete, war der gebürtige Ungar Ladislaus Tax laut Polizei "der zentrale Mann im Hintergrund". Kaufmann Tax, dessen Handelsbeziehungen bis nach Brasilien reichten, der wegen Betrügereien in München und Bologna gesucht wurde, verfügte, wie die Ermittlungen ergaben, über das Konto bei einer Züricher Bank, auf das Edler die Millionen unter dem Deckwort "Mayolapent" transferierte.
Aber nicht dieser phänomenale Bank-Betrug, sondern die von Frankfurt aus operierenden Banden wie Eurogang und Jugo-Gang -- mit Zentrale, festem Betriebsablauf und internationalen Verbindungen -- waren es, die Deutschlands Kriminalisten nach neuen Wegen sinnen ließen. Erweiterte Zuständigkeit des Bundeskriminalamtes bei international organisierten Gruppen, festgelegt im novellierten BKA-Gesetz vom Juni 1973, war der erste Schritt.
Auf einer Arbeitstagung des BKA über "Organisiertes Verbrechen", ein Jahr später, gestand Bonns Innenminister Werner Maihofer freilich, gegen die "kreuz und quer durch die Welt zunehmend international organisierte Kriminalität" gebe es noch keine "Waffengleichheit des Reaktionsapparates", und deutlich wurde das spätestens, als die Rauschgift-Kriminalität um sich griff.
Polizisten und Staatsanwälte sahen sich einer neuen Variante des Verbrechens konfrontiert, die wie keine andere Sparte weltweit verflochten und straff organisiert ist. Geschäftstüchtige Unternehmer füttern den Markt in Europa mit Heroin aus dem fernen Indonesien, dem Nahen Osten und der Türkei, gerissene Verteiler versorgen die Szenen in den Städten, süchtige Dealer am Ort spritzen ihre Dosis und verhökern ein paar Gramm.
Am umsatzträchtigsten Umschlagplatz der Bundesrepublik, in Frankfurt, machten von Anfang an vor allem Araber und Israelis das Geschäft -- die bislang jüngste Fremden-Welle, die ins Milieu schwappte. Nur selten gelang es den Fahndern, die abgeschotteten Ringe der Orientalen zu sprengen, gar einen Hintermann wie Samir Fayad Kairouz zu fassen. Und manch einer wie der Algerier Alain Charles Benoit, der in einer Armprothese den Stoff pfundweise von Amsterdam nach Frankfurt schmuggelte, entwischte, ehe die Beamten ihn auf frischer Tat ertappen konnten.
Nach Hause konnten sie in aller Regel nicht, dort stehen sie auf der Fahndungsliste -- wie Joseph "Big Joe" Amiel, der es, ehe er in Deutschland auftauchte, in Tel Aviv zu Ansehen in einschlägigen Kreisen gebracht hatte. Der Gelegenheitsmatrose und Barmixer betrieb erst im Norden der israelischen Hafenstadt das Fischrestaurant "Schaldag", dann in der Amüsierstraße Dizengoff die Kneipe "La Campana" -- ohne Konzession. Er verduftete, als ihm der Mord an dem Unterweltler Ilan Acherow angelastet wurde.
Nicht weniger bewegt verlief das Leben von Simon "Kuschi" Rimon, ehe er sich Amiels Rauschgiftring am Main anschloß. In Israel wurde der Farmer und Fallschirmspringer verurteilt, weil er in einem fort klaute, mal ein Motorboot aus dem Kibbuz Ein Gedi, mal einen Wagen aus UN-Beständen, mal einen Lastwagen voll Reifen. Auch geriet er in Verdacht, aus dem Karawanen-Hotel in Scharm el-Scheich eine Batterie Whisky im Wert von 70 000 Mark gestohlen zu haben.
Mit dem Auftritt der Rauschgifthändler vom Schlage der Joes und Kuschis gewann, wieder einmal, eine Besonderheit Frankfurts Bedeutung, die heikel genug in der Stadtgeschichte gründet: die Rolle der Juden.
Die jüdischen Familien, die über Jahrhunderte hinweg Wirtschaft wie Wissenschaft der Stadt bereichert und den Aufstieg Frankfurts zur Kulturmetropole mitbewirkt hatten, wurden von den Nazis umgebracht oder vertrieben. Unter den Juden aber, die nach dem Kriege nach Frankfurt kamen, waren nicht nur heimkehrende Emigranten leidvoller Vergangenheit, sondern auch clevere Neulinge, die nur einen Rebbach machen wollten.
Vornehmlich Juden waren es, die das Nacht- und Nacktbarviertel am Bahnhof betrieben, in dem, wie allerorten in solcher Umgebung, dann auch die Kriminalität Station machte. Und als das Frankfurter Westend durch eine bis dahin beispiellose Bodenspekulation verschandelt wurde, als Hausbesitzer alte Patrizierhäuser systematisch verkommen ließen, um Bauplatz für gewinnträchtige Bürosilos zu machen, druckte die "Frankfurter Allgemeine" im Lokalteil das "offene Geheimnis, daß die Mehrzahl der Westend-Investoren Juden sind".
Jüdische Spekulanten, die in Verruf gerieten, Bar- und Bordellbesitzer, die der Halbwelt ein Domizil gaben, ehrbare Bürger, die ihrer Arbeit nachgingen und in keiner Weise von sich reden machten -- bis zu Hause, nach Israel, Rumänien. Massachusetts, machten sich die Unterschiede wohl nicht bemerkbar. Aus der Ferne wirkte nur mehr, so ein Frankfurter Kriminalbeamter, die "magische Anziehungskraft", wie sie beispielsweise Belnwinida Baruch, 21, verspürte. Von den Golanhöhen zog es sie an den Main, weil sie erfahren hatte, daß "da viele Israelis sind, da sind meine Brüder, meine Sprache, da gehe ich hin".
Eine Freundin steckte ihr die Adresse vom Restaurant "Sabra" zu, und dort traf sie auf einen Landsmann, den sie "alsbald anhimmelte". Es war Joseph "Big Joe" Amiel. der Rauschgiftboß. In dem Prozeß, in dem sie -- im Vorgriff auf das Amiel-Verfahren -- zu fünf Jahren wegen Rauschgifthandels verurteilt wurde. gab Beinwinida Baruch zu Protokoll, sie habe "erst später" gemerkt, daß Big Joe "über Leichen gegangen" sei und "andere ausgenutzt hat, nur für seine Tasche".
Schicksalhafte Begegnungen standen im "Sabra", wo Amiel Teilhaber war, täglich ebenso an wie konspirative Treffs, nur war das Treiben für die Fahnder schwierig auszumachen. Staatsanwältin Adelheid Werner fand beim "privaten Besuch" nur heraus, daß es "dort einen guten Kaffee gibt", und wenn die Kripo mal reinsah, wurden, so Kommissar Franz Krebs, "die Schotten dicht gemacht, da stoßen wir auf eine Mauer".
Dabei hatten sie Amiel schließlich doch bekommen. Aber die Position, die sich der Israeli in Frankfurts Unterwelt erkämpft hatte, ermöglichte seine Flucht. Kumpane knüpften Kontakte in den Knast, sammelten draußen das "Bewegungsgeld" -- die nötigen Scheine für Mietwagen, Kleidung und Paß. Zwischen den Bars eines Kabel Adler und Henrik Zalczmann gibt es immer Freunde, die helfen, oder doch solche, die im entscheidenden Augenblick nichts zu sehen pflegen.
Anlaufstellen, wo weitergereicht wird, Nischen, in denen man sich verstecken kann, bietet das Milieu zur Genüge, und es ist für die Fahnder nur eine Frage der Zeit, bis sich ein neuer Rauschgiftring ähnlichen Formats etabliert hat -- wenn er Zucht unerkannt längst arbeitet.
Wenn die Polizei mal eine Gang hochnimmt, eine Clique zersprengt, so ist es nur, sagt Staatsanwalt Heinrich, "als ob man mit einer Klatsche in einen Fliegenschwarm schlägt, und drei bleiben kleben". Noch heute tauchen ehemalige Mitglieder der Eurogang im Milieu am Main auf oder unter, mit neuen Namen, aber der alten Härte, begleitet von anderen Gesichtern -- die gleichen Typen.
Mehr soll jetzt hängenbleiben bei der neuformierten "Abteilung für Schwerpunktkriminalität" der Frankfurter Staatsanwaltschaft, in der sich fünf Staatsanwälte ausschließlich um das Bandenwesen in Frankfurt kümmern -- frei von bürokratischen Zwängen etwa des sonst üblichen Geschäftsverteilungsplans, der Staatsanwälten die kriminelle Kundschaft nicht nach Kompetenz und Erfahrung, sondern nach dem Buchstaben zuweist. In Zusammenarbeit mit Sonderkommissionen der Frankfurter Kripo, aber auch den Spezialisten im BKA, will die Staatsanwaltschaft-Schar ihren Kenntnisstand über die internationalen Gruppen erweitern, sich nicht länger mit, so Kramer, "unnötigem Schreibkram und irgendwelchen Eier- oder Äppeldieben befassen müssen".
Immerhin reichte es schon zu Dossiers über einige neue Top-Ganoven und zu Anklagematerial über einige alte Randfiguren; so hat die Staatsanwaltschaft Hehlerei-Anklage gegen einen Exil-Rumänen fertig in der Schublade, dem vorgeworfen wird, mehrere gestohlene Posten hochwertiger Teppiche unter die Bestände seines Geschäftes gemischt zu haben -- Ware im Wert von insgesamt 240 000 Mark. "Ein Mann", so ein Staatsanwalt, "der hier inzwischen sehr arriviert ist", als Konzertagent nämlich, der Popsänger und Topbands auf die Bühne bringt. Der Flame, der Nase und Ohren umoperieren ließ.
Im Visier haben die Fahnder immer noch jenen Franzosen, der in Frankfurt an illegalen Spielklubs teilhat, das große Geld aber mit umfangreichen Hehlergeschäften machen soll, jenen Italiener, der einen Basar in der Großen Eschenheimer Straße betreibt, der Unterwelt aber angeblich wichtiger ist als Verbindungsmann zu Pelz- und Schmuckabnehmern im Ausland. Gerne wüßte die Kripo mehr über einen Mann namens Raul, über den Frankfurter Ganoven raunen: ein Flame, fünfsprachig, der sich "Nase und Ohren umoperieren ließ", ein ganz Großer.
Aufschluß, wer derzeit in Frankfurts Unterwelt das Sagen hat, könnte eine Gepflogenheit im Milieu geben, die dem SPIEGEL jetzt bekannt wurde. Die Branche, die sich selber am allerwenigsten von Brutalität ausnimmt, übt sich neuerdings in Karitas. Jedesmal, wenn einer der Ganoven von der Polizei geschnappt wird, geht eine Liste für eine Art Solidaritätsspende um -- Hilfsfonds für Hartgesottene. Auf der Sammelliste steht alles verzeichnet: vol. ler Name, geschätztes Einkommen des Spenders (als Richtschnur für die Höhe der Spende).
Alles in allem jedoch ist die Kriminalität in der Stadt für den Polizeipräsidenten Müller "nicht so schlimm, wie es manche sehen wollen", und daran ist so viel wahr, daß Frankfurt kein Chicago ist. Vergleichbar mit den Zuständen in der Schlachthof-Metropole am Michigansee während der zwanziger Jahre, als eine korrupte Polizei die Gangster vom Schlage eines Al Capone fast tatenlos gewähren ließ, ist die Lage am Main nicht -- wenn auch Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt schon den Paten spielt. Letzten Herbst ging seine Stadt, auf ein Jahr zur Probe, die Partnerschaft mit Chicago ein.

DER SPIEGEL 4/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 4/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Frankfurt: Karate, Seven-eleven und Heroin

  • Trump-Beraterin Conway zu Reporter: "Was ist Ihre ethnische Zugehörigkeit?"
  • Spektakulärer Arbeitsplatz: Die Fensterputzer von Dubai
  • Weltrekord: Die Welt hat eine neue steilste Straße
  • E-Auto in der Ukraine: Klein, elektrisch, selbstgebaut