12.01.1976

Popmusik: 22 wohlige Schauer

Erstmals haben deutsche Popmusik-Produzenten die Spitze der amerikanischen Hitparade erreicht. Kein Einzelfall: Münchner Musikmacher produzieren zunehmend erfolgreich für die USA. Von den deutschen US-Treffern profitiert auch die einheimische Unterhaltung: „Lady Bump“ aus München steht hierzulande auf Platz eins.
Sie habe, so renommierte die schwarze Schöne, in der 17-Minuten-Nummer 22 Orgasmen simuliert: "Ich ließ mir ins abgedunkelte Studio das Orchester-Tonband hereinspielen und gab dazu alles ins Mikrophon, von dem man mir seit Kindheit eingebleut hatte, daß man es besser verschweigt."
Jetzt ächzt, stöhnt, schluchzt und seufzt Donna Summer, "das Mädchen, das uns wieder wohlige Schauer beschert" (Fachblatt "Cash Box"), ihr "Love To Love You Baby" auf allen US-Frequenzen und in den meisten Diskotheken -- jeweils 28mal eine ganze Langspielplattenseite lang. Diese Woche steht der aus kaum mehr als den fünf Wörtern der Titelzeile gefügte Orgasmus-Hit, bei wöchentlichen Lagerabgängen von 100 000 Singles und 50 000 LPs, auf Platz sieben der amerikanischen Bestsellerliste -- mit aufsteigender Tendenz.
"Wenn es Donna morgen oder übermorgen gelingen sollte, die Spitze der US-Hitparade zu erreichen", übertreibt der Münchner Plattenproduzent Michael Kunze (der mit dem Summer-Seller nichts zu tun hat), "eröffnen Amerikas Plattenfirmen wahrscheinlich nächstens in München Büros." Innerhalb von drei Monaten wäre es -- undenkbar noch vor kurzem -- dann nämlich schon das zweite Mal, daß eine Münchner Pop-Platte in den USA einen Top-Treffer erzielt.
Mit dem von Kunze produzierten Stück "Fly, Robin, Fly" hatte das im November erstmals die Münchner Musikgruppe "Silver Convention" geschafft. Die unter diesem Ensemblenamen hergestellten Schallplatten, bisherige Weltauflage: rund 2,5 Millionen Singles und weit über eine Million LPs, bestätigen endgültig einen Trend, den Branchenbeobachter (SPIEGEL 34/1974) als "spätes Wirtschaftswunder" der westdeutschen Musikindustrie vorausgesagt hatten: Deutsche Popklang-Designer finden Anschluß an den internationalen Markt.
Nachdem Udo Lindenbergs Hamburg-Szene und Berliner Liedermacher wie Reinhard Mey und Gunter Gabriel das deutsche Schlager-Einerlei mit warmer Kneipen-Atmosphäre und musikantischen Moritaten schon gründlich umgekrempelt haben, sind nun in München kühle Studio- und Kommerz-Strategen am Drücker. "Silver Convention"-Kunze und das Donna-Summer-Produktionsteam Giorgio Moroder/Pete Bellotte wollen weder Musiker-Ehrgeiz noch ein beschränktes "Szene"-Publikum im Lokaldunst zufriedenstellen -- ihnen geht es um Dollars und den harten Hit.
Zuvor hatten sie mit einheimischem Schlager-Schmäh eine gute Mark gemacht. Kunze, 32, bester Abiturient des Jahrgangs 1964 im Freistaat Bayern und studierter Jurist, erwarb seine Produktionsmittel mit Schnulzen wie "Du" (für Peter Maffay) und Erfolgstexten für Udo Jürgens ("Griechischer Wein", "Ein ehrenwertes Haus"). Moroder, 35, gebürtiger Italiener, fuhr sich als Sänger in eigener Sache ("Son Of My Father") sowie mit Kompositionen für Ricky Shane und Mary Roos das finanzielle Heu ins Haus.
Bei einem auf zehn Prozent Umsatzanteil abgerutschten Schnulzengeschäft mochten sie jedoch "nicht auf der Verliererseite sein". Im Herbst 1974 riskierten Kunze und Moroder/Bellotte unabhängig voneinander das Experiment von Studioproduktionen "mit internationalem Diskotheken-Feeling". Beim Midem-Musikmarkt vor einem Jahr in Cannes machten sie mit Klanghändlern aus 43 Ländern für "Save Me" ("Silver Convention") und "Love To Love You Baby" Verträge, in beiden Fällen wurden Langspielplatten verlangt.
Das Rezept war simpel: Auf eine erregend monotone Baßfigur fürs Tanzbein wurden aufreizende Violinen- oder Synthesizerklänge sowie eine schlichte Plakatzeile "von hohem Signalwert" (Kunze) gepappt -- etwa: "Fly, Robin, fly, up upto the sky". Mit der Phrasierungskunst amerikanischer Gitarristen und der Bläser des sogenannten Philadelphia-Sounds "konnten unsere Musiker nicht konkurrieren, also ließen wir diese Instrumente weg" (Kunze). Dafür wurden für die "Silver Convention"-Aufnahmen sechs Streicher von den Münchner Philharmonikern engagiert, deren trockener und präziser Sound heute den Neid amerikanischer Plattenmacher erregt.
Daheim in der Bundesrepublik erhielt Kunze dagegen einen Tiefschlag. Nachdem das "Silver Convention"-Gesangstrio im November in der ZDF"Starparade" Glückwünsche für die US-Spitzenplacierung entgegengenommen hatte, polterte die "Bild"-Zeitung: "25 Millionen TV-Zuschauer beschwindelt". Auf der "Robin"-Platte hätten die drei Damen nicht gesungen.
Die Nachricht war korrekt. Während der sechs LP-Aufnahmewochen hatte Kunze mit verschiedenen Sängerinnen gearbeitet, das endgültige Trio wurde erst später formiert. Wer wirklich mit kurzen Gesangseinwürfen aus der Rille klingt, ist indes von geringem Belang. Bei derlei synthetischen 24-Spur-Studioaufnahmen mit raffinierter Überblendungs- und Mischtechnik sind die Stimmen auswechselbar; der Produzent macht die Musik.
Jetzt jedenfalls besteht die Damenriege, choreographisch getrimmt und in bester Bühnenform, aus der dunklen GI-Tochter Ramona Wulf, vordem Interpretin des Liedchens "Du, ich brauche was, und das bist du", der ehemaligen Les-Humphries-Chorsängerin Linda G. Thompson alias Linda Uebelherr, der Kunze nebenbei den Disco-Renner "Ooh, What A Night" fabrizierte, sowie Penny McLean, bürgerlich Gertrude Münzer, aus Klagenfurt. Deren Solo-Single "Lady Bump" startet derzeit in den USA und ist in Deutschland schon Nummer eins.
Auch Moroder und sein Partner Beilotte, die die aus Boston stammende "Lady of Love" (US-Slogan) Donna Summer nach Tingeljahren auf deutschsprachigen Musicalbühnen zum Bettgeflüster animierten, haben mit der "Love Power" (Single-Titel) der schwarzen, in München zugereisten Röntgenassistentin Roberta Kelly aus Kalifornien schon neues US-Hitpotential auf dem Band.
Ihr München-Sound sei freilich, darin stimmen die bayrischen Hitköche überein, weniger an Interpreten gebunden als vielmehr Mache und Resultat hochgezüchteter Studio-Technologie. In Moroders und Bellottes "Musicland Studio", wo sich englische Rockbands wie Rolling Stones und Deep Purple die Klinke in die Hand geben, sind beispielsweise allein 15 verschiedene Mikrophontypen verfügbar -die britische Konkurrenz kommt in der Regel mit drei Normen aus.
Das macht sich jetzt bezahlt. Früher, berichtet Moroder, sei er mit seinen Tonbändern oft nur bis zu den Sekretärinnen der US-Plattenfirmen vorgedrungen, jetzt stehe die Limousine schon am Flughafen für ihn bereit. "Was wir tun", ergänzt Kunze, "ist eigentlich eine Frechheit. Wir haben den Amerikanern Coca-Cola verkauft."

DER SPIEGEL 3/1976
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