05.01.1976

„Es wird einem kalt ums Herz“

Sowjetische Kriegsschiffe fahren auf allen Meeren, sie sind zahlreicher, schneller und besser bewaffnet als die der Nato; nicht mehr die amerikanische, die Rote Flotte ist die mächtigste der Welt -- ein neuartiges Mittel sowjetischer Interessenwahrnehmung weit jenseits ihrer Grenzen. Warum sucht Moskau Weltgeltung zur See?
"Die Marine ist eine Vergeudung und Verschwendung öffentlicher Gelder" (Lenin, 1917).
"Der Seeherrschaft der imperialistischen Mächte ist ein Ende gesetzt" (Sergej Gorschkow, 1975).
Gelöst und heiter in die Menge winkend. bauten sich in der vergangenen Woche Sowjet-Premier Alexej Kossygin und sein türkischer Kollege Süleiman Demirel vor imposanter Kulisse auf: vor dem mit russischem Geld gebauten Stahlwerk in Iskenderun. Nach neun Jahren war Kossygin erstmals wieder im Lande -- mit einer Riesendelegation von 64 Beratern, neuerlichen Kreditzusagen (bislang insgesamt 3,5 Milliarden Mark) und dem Angebot eines türkisch-sowjetischen Freundschafts- und Nichtangriffspakts, angeboten dem Nato-Staat Türkei.
Zwar kam es nicht ganz dazu, aber die Führungsmacht des Warschauer Pakts und die 1975 von den USA mit einem Waffenembargo gestrafte Türkei einigten sich immerhin auf baldige Unterschrift unter einen Freundschafts- und Zusammenarbeitsvertrag. "Unsere Beziehungen sind vom Stadium der kühlen zum Stadium der wärmeren Distanz gerückt", untertrieb ein türkischer Regierungssprecher.
Zum immer wachen Interesse Moskaus am südlichen Nachbarn Türkei war diesmal ein zusätzlicher Grund für Moskauer Gunstbezeugungen gekommen: lm Schwarzen Meer verborgen, aber auch gefangen, kreuzt seit einem Jahr Unerhörtes: eine sowjetische Flugzeugträger-Flotte, bestehend aus zwei von vier im Bau befindlichen Einheiten.
Sie sind für 30 Hubschrauber und 25 Senkrechtstart-Kampfflugzeuge ausgelegt und mit ihren bordgestützten Verteidigungswaffen beispiellos in der
* Verteidigungsminister Gretschko und Streitkräfte-Politchef Jepischew bei Manövern im Mittelmeer.
Welt: Drei verschiedene Flugkörper-Systeme machen die Träger der "Kiew"-Klasse so stark, daß sie -- anders als ihre amerikanischen Gegenstücke -- allein operieren und auf den Geleitschutz von Kreuzern und Zerstörern verzichten können. Sie haben eine Einsatzverdrängung von 42 000 Tonnen, sind 282 Meter lang und 33 Knoten schnell.
Aber: Die Russen, die diese Flugzeugträger ihren vier Flotten (Nordmeer, Ostsee, Schwarzmeer, Pazifik) zuordnen wollen, können nicht raus. Nach der Konvention von Montreux ist zwar die freie Durchfahrt sämtlicher Schiffe durch die Meerengen zwischen Schwarzem und Mittelmeer garantiert, vorausgesetzt, daß die Türkei vorher unterrichtet wird. Doch Flugzeugträger sind davon ausdrücklich ausgenommen. Diese dürfen nur, wenn die Türkei die Durchfahrt bewilligt.
Deshalb schon haben die Sowjets ihre neue Superwaffe vorsichtshalber nicht Flugzeugträger. sondern U-Jagdkreuzer genannt. Dennoch will es die UdSSR auf einen glatten Vertragsbruch offensichtlich nicht ankommen lassen und versucht, den Türken ihr Einverständnis abzukaufen.
Gespannt warten westliche Marine-Experten darauf, daß die Wunderwerke in westlichen Meeren auftauchen -- daß es Wunderwerke sind, wird nicht bezweifelt. Schon was bislang auf den sieben Meeren unter sowjetischer Kriegsflagge kreuzt, hat im Westen Angst, zum Teil Hysterie erzeugt.
Anfang 1975 prophezeite der damalige Vize-Chef der US-Marine, Admiral Worth Baglev, "den Zusammenbruch der Nato als Folge der politischen Wirkung, die die sowjetische Marine schon in Friedenszeiten ausübt". Für Bundeskanzler Helmut Schmidt ist die Ostsee bereits das "Marc Sovieticum". Neben der sowjetischen Marine, so befand die Londoner "limes", "sieht die vereinigte Nato-Flotte geradezu jämmerlich aus: Es wird einem kalt ums Herz".
Um seine Marine vor drastischen Einsparungen zu schützen, ließ der britische Verteidigungsminister Roy Mason vor der Unterhaus-Debatte Luftaufnahmen der sowjetischen Raketen-
* Mit schatten eines amerikanischen Patrouillen-Flugzeugs das das U-Boot am 21. 4. 1974 in der Malakka-Straße photographierte.
und Marinebasis Berbera in Somalia aufstellen -- der Trick hatte Erfolg.
Nicht nur, daß es eine Sowjet-Flotte gibt: "Sie ist auch noch überall", klagte der schwedische Konteradmiral Güte Blom. Vorbei die Tage, da sowjetische Schiffe sich nicht aus dem Nordmeer hervorwagten" in der Kronstädter Bucht ankerten, sich im Schwarzmeer versteckten oder das ferne Ochotskische Meer befuhren. Die Flotten der Sowjet-Union beobachten heute nicht nur, wie immer schon, Nato-Manöver aus nächster Nähe. sie üben selbst den Ernstfall auf allen Meeren, argwöhnisch beobachtet nunmehr von den Marinesoldaten der Nato..
Das Manöver Okean von 1970, das noch viele Fehler und Pannen einer Probe zeigte, entwickelte sich mit Okean 1975 zur beängstigenden Uraufführung: Die Flottenübungen bestätigten, so die Analyse der Feindaufklärer im Führungsstab Marine II/1 des Bonner Verteidigungsministeriums, das längst unterstellte sowjetische Operationsziel: Die Ausdehnung der Seeherrschaft auf dem Atlantik."
Nicht nur auf dem Atlantik: Insgesamt 220 Kriegs- und Hilfsschiffe nahmen an dem einwöchigen Manöver teil. Und zwar im Nord- und Südatlantik, im Mittelmeer, im Indischen und im Stillen Ozean.
Besonders beunruhigt ist die Nato über das präzise Zusammenwirken sowjetischer Marineflieger und U-Boote -- weil sie im Ernstfall den für Europa lebenswichtigen Nachschub aus den USA unterbinden könnten. "Sehr bedrohlich" für den deutschen Vize-Admiral Herbert Trebesch, Mitglied im ständigen Militärausschuß der Nato beim Oberkommando in Brüssel. "Oft standen wir da, auf unseren alten Pötten, und schauten sprachlos zu, was und vor allem wie schnell die das machten", so ein Leutnant der britischen Fregatte "Diomede" über Okean.
Und tatsächlich ist imposant, was sich die Sowjet-Union da an schwimmender Wehr zugelegt hat. Bislang unveröffentlichte Zahlen aus dem im März 1976 erscheinenden Buch des Bundesmarine-Leutnants Ulrich Schulz-Torge "Die sowjetische Kriegsmarine"* lassen keinen Zweifel daran: Nicht mehr die amerikanische, die Rote Flotte ist die größte der Welt. Nach den historischen Seemächten Spanien. England, Japan, nach den verunglückten Versuchen von Franzosen, Deutschen. Italienern, auf dem Wasser Macht zu sammeln, fühlen sieh nun offenbar die Russen an der Reihe.
* Ulrich Schulz-Torge: "Die sowjetische Kriegsmarine". Verlag Wehr & Wissen, Koblenz/Bonn; 800 seiten: zwei Bände; 120 Mark.
Nach der Kopf stärke sind die Seestreitkräfte der beiden Supermächte gerade noch vergleichbar (USA: 558 000, UdSSR: 500000 Mann), aber den 508 amerikanischen Überwasser-Schiffen stehen 1442 sowjetische gegenüber, und auf 110 amerikanische U-Boote kommen 408 russische.
Noch ungünstiger schneiden die Amerikaner bei einigen Spezialgattungen ab. So verfügt die U.S. Navy insgesamt über 33 U-Boot-Jäger und Schnellboote, die Russen besitzen 501 dieser schnellen Einheiten, ein Verhältnis von 1 zu 15.
Entscheidend aber ist, daß auch Qualität, Bewaffnung und Kampfkraft der sowjetischen Marine von allen westlichen Beobachtern neidvoll als gut bis sehr gut eingeschätzt werden -- und das scheint eher noch untertrieben.
Denn: Die USA haben zwar 14 Flugzeugträger im Dienst, davon zwei mit Atomantrieb, während die Sowjet-Union, bislang, auf diesen "seegestützten Luftarm" (so der sowjetische Manne-Oberbefehlshaber Gorschkow) verzichten mußte. Doch die sowjetische Antwort auf Amerikas Superwaffe könnte diese sehr wohl neutralisieren: Die meisten sowjetischen Kriegsschiffe haben heute Seezielraketen sowie weitere Flugkörper-Waffensysteme, vor allem zum Einsatz gegen Ziele in der Luft. Und die Überlegenheit dieser Seezielraketen über all das, was der Westen an Vergleichbarem aufzubieten hat, wird auch von Nato-Experten nicht bestritten, spätestens nicht mehr, seit die Ägypter 1967 von einem Schnellboot aus mit sowjetischen Schiff-Schiff-Flugkörpern den israelischen Zerstörer "Elath" versenkten.
Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Admiral Armin Zimmermann, zum SPIEGEL: "Ihre Flugkörper-Entwicklung reift bereits in der dritten Generation und ist die größte Sorge unserer Marine."
Was für kleine deutsche Zerstörer und Fregatten gilt, muß erst recht für die großflächigen amerikanischen Flugzeugträger gelten. Das auf sowjetischen U-Booten der "Golf"-Klasse installierte FK-Waffensystem SS-N-l 3 mit einer Reichweite von über 600 Kilometern und einer von der Nato als sensationell eingestuften vierfachen Schallgeschwindigkeit ist exakt für diesen Feind gedacht.
Für ihre U-Boot-Waffe hatten die Sowjets schon früh deutsche Entwicklungshilfe erhalten: Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 gaben sie gegen technische Informationen und Baupläne einen Stützpunkt in der Nähe von Murmansk. Und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sie, aufbauend auf dem reichsdeutschen U-Boot-Typ XXI, dem damals technologisch fortgeschrittensten Kampfboot der Welt, eine heute als beispiellos geltende U-Boot-Waffe.
Die Kurzsichtigkeit der Amerikaner hat den Sowjets zusätzlichen Vorteil verschafft: Als bei Salt I die Zahl der strategischen Atom-U-Boote für beide Seiten festgelegt wurde, räumten die Amerikaner den Sowjets 62 Boote ein und legten sich selbst auf nur 44 fest -- weil sie damals noch allein über Mirv (Mehrfach-Sprengköpfe) verfügten und den Russen diesen technologischen Durchbruch auf absehbare Zeit nicht zutrauten.
Mittlerweile haben die Amerikaner ihre 44 Boote, die Sowjets werden ihre Quote bis zum Ende dieses Jahres ausschöpfen und Mirv haben sie inzwischen auch.
U-Boote waren stets die Machtmittel der zur See Zuspätgekommenen. Was die Rüstungsexperten der Nato noch stärker alarmiert, ist Moskaus Versuch, den Westen auch mit Überwasserstreitkräften auszustechen mit dem Ergebnis, daß heute die sowjetischen Überwasserschiffe in der Regel nach Bewaffnung und Schnelligkeit ihren amerikanischen Gegenstücken eindeutig überlegen sind.
So haben die Russen schon 1963 als erste Raketenzerstörer ("Kaschin"-Klasse) mit Gasturbinenantrieb in Dienst gestellt und sich auf diesem Gebiet einen Vorsprung bewahrt. "Moderne Standard-Zerstörer oder -Fregatten der US-Marine laufen heute 31 Knoten -- die vergleichbaren Standardtypen der Sowjets waren bereits vor 20 Jahren 36 Knoten schnell", stellte das Fachblatt "U.S. Naval Institute Proceedings" im vorigen Jahr fest.
Größere Überwasser-Einheiten der Roten Flotte werden heute überhaupt nur noch mit Gasturbinen ausgestattet -- das macht die Schiffe um etwa 30 Prozent schneller als der herkömmliche Dieselantrieb.
Erst an Land wird die sowjetische Seerüstung perfekt: Kein Staat der Welt verfügt über so leistungsstarke und schnelle Werften wie die Sowjet-Union. Allein 50 Prozent der sowjetischen Bau kapazität sind an der Ostseeküste konzentriert. Zehn der größten Werften der UdSSR, zwölf mittlere und weitere 20 Reparaturwerften werden hier ausschließlich für die Kriegsmarine genutzt.
Die größte U-Boot-Werft der Welt liegt auf einem 20 Quadratkilometer großen Gebiet in Sewerodwinsk 35 Kilometer nordwestlich von Archangelsk an der nördlichen Dwina. Zwei gewaltige Baudocks von je 337 Meter Länge und 137 Meter Breite sind zum besonderen Schutz gegen amerikanische Satellitenaufklärung voll überdacht und direkt an das Eisenbahnnetz angeschlossen.
"U.S. Naval Institute Proceedings" resignierte: "Wo einstmals die U.S. Navy führend war in Technologie, Schiffen und Personal, haben die Sowjets aufgeholt und uns auf vielen Gebieten sogar überflügelt."
Was will die Sowjet-Union mit dieser gigantischen Seerüstung? Es gibt fünf denkbare Möglichkeiten:
* planvolle Aggression gegen den Westen,
* offensive Interessenwahrnehmung
bei sich bietender Gelegenheit,
* Gerüstetsein, wie es einer Weltmacht auch bei geringer Risikobereitschaft zukommt,
* Tatsachen. schaffen für günstige Ausgangspunkte bei vertraglichen Rüstungsbeschränkungen mit den USA,
* Absicherung gegen die Unwägbarkeiten der Entspannungspolitik im eigenen Machtbereich.
Von diesen scheidet die erste selbst für engagierte kalte Krieger unter den West-Marinern wie dem früheren US-Stabschef Zumwalt aus, verliert die letzte durch Ausmaß und Aufwand der sowjetischen Seerüstung zunehmend an Logik.
Welches von den drei verbleibenden Motiven für die Moskauer Führung am wichtigsten ist, mögen auch die Feind-Experten der Nato nicht entscheiden. Sicher scheint nur, daß die sowjetische Außenpolitik die Phase des Rückzugs auf haltbare Positionen hinter sich gelassen hat und, ermuntert durch wirkliche wie eingebildete Verfallserscheinungen im Westen, wieder offensiver geworden ist, daß Helsinki insoweit eher ein Ende als ein Anfang war.
Moskaus gleichfalls gigantische Landrüstung, die neuerliche Orientierung der sowjetischen Wirtschaft von den Konsumgütern auf die Schwerindustrie, die barsche Zurückweisung jeder ideologischen Koexistenz, die Intervention in Angola sind Signale jedenfalls eher in dieser als in jeder anderen Richtung.
Sowjetische Entspannungsfreunde geben heute zu verstehen, daß die Ausgleichspolitiker im Kreml in die Defensive geraten sind -- und daß Sowjet-Admirale nicht weniger konservativ denken als viele ihrer Berufskollegen im Westen, daß ihnen im Zeitalter der Raketen die großen Pötte immer noch der Inbegriff dessen sind, was sie als Seegeltung verstehen.
Denn die Sowjet-Admirale haben einen historischen Nachholbedarf, vergleichbar dem der kaiserlich-deutschen aus den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg: Der russische Bär lernte vergleichsweise schwer schwimmen und ging oft genug unter.
Zwar nannte Rußland beim Tod des flottenbesessenen Peter des Großen 48 Linienschiffe, 787 Galeeren und kleinere Einheiten mit 28 000 Mann Besatzung sein eigen. Doch seine Tochter Elisabeth 1. interessierte sich für die Neuerung nicht. Sie glaubte zeit ihres Lebens, daß man von Petersburg aus mit dem Wagen nach England fahren könne, ohne ein Schiff zu benutzen.
Schlamperei riß in der Russen-Flotte ein. So waren im Etat der Petersburger Admiralität unter Zar Nikolaus 1. 90 Pferde für das Schleppen von Balken vorgesehen. In Wahrheit schleppten die Matrosen Balken, und die Pferde fuhren hohe Beamte spazieren.
Der russisch-japanische Krieg von 1904/05 endete mit einer katastrophalen Niederlage für Rußland: dem Verlust erst seiner Fernostflotte, und fast ein Jahr später, nachdem sie 18 000 Kilometer rund um Afrika gefahren war, auch noch der Ostseeflotte in der Seeschlacht bei Tsuschima.
Freilich, die Sowjet-Flotte hat auch revolutionäre Tradition. Auf dem Linienschiff "Potemkin" rebellierte im Sommer 1905 die Mannschaft, weil ihr madiges Fleisch vorgesetzt worden war. Sie warf den Kommandanten über Bord und hißte die rote Flagge.
Seither konnte der Zar sich seiner Seesoldaten nicht mehr sicher sein. Schon 1906 meuterten Matrosen in der Petersburg vorgelagerten Festung Kronstadt, verwüsteten die Wohnungen ihrer Vorgesetzten und Läden und konnten erst durch Wodka besänftigt werden.
Auch die Sowjets hatten mit ihrer Flotte zunächst kein Glück, obschon es so verheißungsvoll begonnen hatte: Mit dem Signalschuß des Kreuzers "Aurora" auf den Petersburger Winterpalast am 7. November 1917 begann die sowjetische Oktober-Revolution. Lenin zeichnete die Matrosen mit dem Ehrentitel "Vorhut der Arbeiterklasse" aus.
Doch am 1. März 1921 meuterten Matrosen der Baltischen Flotte in Kronstadt gegen das Sowjetregime und verlangten, unter anderem, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit und geheime Wahlen. Erst nach verlustreichen Kämpfen wurde die Meuterei blutig niedergeschlagen. 15 000 unzuverlässige Seeleute, ein Sechstel der gesamten Flotte, fielen der ersten "Tschistka" (Säuberung) innerhalb der Marine zum Opfer.
1923 waren die Marine-Rüstungsausgaben geringer als die Aufwendungen für die Bekleidung der Soldaten. Im Schwarzmeer blieben nur kleinere Einheiten übrig, nachdem sich der weißrussische General Pjotr Nikolajewitsch Wrangel mit sämtlichen Schlachtschiffen und Kreuzern nach Bizerta (Tunesien) abgesetzt hatte.
Hinzu kamen innere Richtungskämpfe. Erbittert widersetzte sich Trotzki dem Druck, sich "eine proletarische Strategie aus den Fingern saugen zu müssen", wie sie die roten Bürgerkriegshelden Frunse, Tuchatschewski und Woroschilow propagierten: Auch die Marine sollte sich die Erfahrungen des Partisanenkampfes nutzbar machen. Trotzki wurde 1925 abgelöst.
Mit dem Sieg der proletarischen Militärdoktrin hatte sich die "Junge Schule" von Marine-Theoretikern durchgesetzt, denen das U-Boot als Prototyp des Guerillakriegs die zeitgemäße Antwort auf das "kapitalistische" (weil teure) Schlachtschiff schien: Es ist klein, beweglich, unsichtbar.
Die Sowjets bauten U-Boote wie am Fließband, 1938 besaßen sie mit 180 Einheiten bereits die stärkste U-Boot-Waffe der Welt. Doch im selben Jahr kam, im spanischen Bürgerkrieg, der große Schock: Eben weil U-Boote unsichtbar sind und nicht durch ihre bloße Existenz imponieren, wurden von den zehn Sowjet-Frachtern, die während des Krieges die iberischen Genossen versorgen sollten, sieben gekapert -- die übrigen drei versenkt.
Stalin gab daraufhin die bisherige Seestrategie auf und scherte abrupt in die Politik einer traditionell aufgebauten Marine ein: Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen U-Booten. kleinen und großen Oberwasser-Schiffen, hieß das neue Programm.
1939 wurde im dritten Fünfjahresplan folgerichtig der Neubau von Schlachtschiffen und Kreuzern vorgesehen, 1939 bot Stalin England und Frankreich gar gemeinsame Manöver in der Ostsee an. Zum erstenmal meldete die "Prawda" sowjetische Globalansprüche zur See an, sollte die UdSSR zur "größten Seemacht der Welt" werden.
Aber vorerst wurde nichts daraus. Der Zweite Weltkrieg endete für die russische Marine ebenso unrühmlich wie die Kriege mit Japan und der Erste Weltkrieg. Die Ostsee-Flotte wurde von den Deutschen im Finnischen Meerbusen abgeschnürt, die Schwarzmeerflotte fast vollständig vernichtet.
Dabei hatten die Sowjet-Matrosen durchaus seemännische Tüchtigkeit, Mut, Improvisationstalent und organisatorisches Geschick bewiesen. Sie trugen mit ihrer Schiffsartillerie, die zum größten Teil auf das Festland verlagert, aber von 80 000 Matrosen bedient wurde, zur Verteidigung von Leningrad bei und kämpften mit kleinen Einheiten an der Ostküste des Schwarzen Meeres im Kommandostil in aussichtsloser Lage, unter ihnen Sergej Gorschkow, der heutige Chef der Sowjet-Flotte (sie. he Kasten Seite 58).
Ausgestattet mit Tirpitzschem Zielbewußtsein, Zähigkeit und Organisationstalent setzte Gorschkow durch, was schon seine Vorgänger gewollt, aber nicht erreicht hatten: den Ausbau der Roten Flotte zum überseeischen Arm sowjetischer Machtpolitik.
Die tiefsitzende Sehnsucht klassischer Kontinentalmächte nach maritimer Weltgeltung hat dabei zweifelsfrei mitgespielt, aber ebenso -- was westliche Marinechefs und Rüstungslobbyisten gern vergessen -- die vorangegangene offensive Seerüstung der USA.
Bereits 1956 hatte die U.S. Navy den ersten Super-Flugzeugträger der "Forrestal"-Klasse und das erste Atom-U-Boot in Dienst gestellt. Die Sowjets, bis dato auch nach Ansicht westlicher Marine-Historiker maritim auf reine Defensive eingestellt, wurden gezwungen, ihr Konzept der bloßen Küstenverteidigung zu überdenken.
Denn die amerikanische Luftüberlegenheit konnte nunmehr bis unmittelbar vor die sowjetischen Küsten getragen werden. Die UdSSR, mit einem dicht gewobenen Netz amerikanischer Luft- und Marinestützpunkte umgeben, tat, was nur logisch war: sie entwickelte moderne, mit Seeziel-Flugkörpern bewaffnete Zerstörer und Schnellboote -- und eigene nuklear angetriebene U-Boote
Dennoch wurde zunächst das Prinzip der Küstenverteidigung nicht grundsätzlich aufgegeben -- das besorgte erst das traumatische Erlebnis von Kuba 1962, bei dem Moskau indes gleichfalls eher reagierte als agierte: Auf dem Gebiet interkontinentaler ballistischer Raketen den USA damals noch hoffnungslos unterlegen, versuchte die Sowjet-Union, mit nicht so weit reichenden Raketen in die Nähe amerikanischer Siedlungs- und Industriezentren zu gelangen, um einen möglichen amerikanischen Präventivschlag kontern zu können.
Doch vor den Augen der ganzen Welt stoppten Kennedys Zerstörer die sowjetischen Raketenfrachter in der Karibik. Wie vom Lehrer ertappte Schuljungen mußten die Sowjets sich nach Hause trollen: Sie hatten der Super-Seemacht USA nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen,
Chruschtschow, der bis dahin über die eigene Marine nur gespöttelt, der Flugzeugträger als "schwimmende Friedhöfe", Kreuzer als "wertlose Schrotthaufen" bezeichnet und ausschließlich auf Raketen gesetzt hatte, sah sich eines Besseren belehrt.
Gorschkow nutzte die Stunde. Beredt und zäh überzeugte er die politische Führung, daß Schiffe hermüßten, viele, gute und schnelle. Die Sowjets "haben die Lektion gelernt, die ihnen die Amerikaner 20 Jahre lang vorexerziert haben". schreibt Professor Jürgen Rohwer von der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart.
Moskau begab sich damit freilich in die Zwänge einer aberwitzigen Seerüstung: Auf das nuklear angetriebene I.J-Boot konventioneller Bewaffnung folgte bald das Atom-U-Boot mit Inter-
* 350 Seemeilen vor der irischen Küste versucht ein angeleinter Matrose. eine von einem amerikanischen Flugzeug abgeworfene Sonar-Boje zur U-Boot-Ortung zu bergen.
kontinental-Raketen -- und, versteht sich, nuklearem Sprengkopf.
Aus dieser genialen Erfindung folgten weitere Notwendigkeiten: das nuklear angetriebene Kampf-U-Boot, ausgelegt ganz speziell für die Jagd auf die nuklear angetriebenen strategischen U-Boote -- der "Hunter-Killer".
Solche U-Boote wiederum müssen von elektronisch entsprechend ausgerüsteten Oberwasser-Einheiten zur Aufspürung der strategischen U-Boote geleitet werden, die ihrerseits, weil unzureichend bewaffnet, Schutz durch stärkere Oberwasser-Einheiten benötigen. So wächst um das strategische U-Boot zwangsläufig eine komplette Flotte.
Die Alarm-Rufe von Nato-Generalsekretär Luns, Verteidigungsminister Leber und Nato-Oberbefehlshaber Atlantik, Admiral Kidd, über die bedrohliche Sowjet-Flotte lassen vergessen, daß Washington diesen Kreislauf in Gang setzte. Andererseits ist die Sowjet-Union, sind ihre Ansprüche gewissermaßen mit der Marine gewachsen.
"Heute benötigen die Supermächte im Grunde zwei Marinen", so Frank Barnaby, Direktor des "Stockholm International Peace Research Institute" (Sipri), "eine für den Konflikt- und eine für den Friedensfall." Das heißt: das strategische U-Boot" wenn"s denn einmal ernst werden sollte, und die Überwasserschiffe für maritimes Imponiergehabe klassischer Art.
In der Tat tut die Sowjet-Union neuerdings, was bislang Monopol westlicher Kolonialmächte war: Einschüchterung von Gegnern oder Partnern, fern der eigenen Küsten.
Die Sowjet-Union macht dies mit zunehmender Offenheit, so unverhohlen, daß der von China seit Jahren erhobene Vorwurf, sie sei eine "imperialistische Neo-Kolonialmacht", unterdes vielen Staaten der Dritten Welt einleuchtet.
Denn inzwischen ist das Netz sowjetischer Stützpunkte und Häfen, in denen die Moskauer Landerechte für ihre Kriegsflotte besitzen, ständig gewachsen. Sie haben sich in Conakry einen eigenen Flughafen gebaut, haben dort Hafenrechte und 3000 militärische "Berater". In Cienfuegos (Kuba) liegen sowjetische Schiffe.
Kaum daß sich eine der klassischen Kolonialmächte aus einer Ecke der Welt zurückzieht, rückt die Sowjet-Union in das Vakuum nach, am erkennbarsten im Indischen Ozean.
1968 waren die ersten sowjetischen Kriegsschiffe dort aufgetaucht, heute ankern hier ständig mindestens 20 Einheiten der Roten Flotte. Die UdSSR haute Häfen in Hodeida (Jemen), in Berbera (Somalia), in Umm Kasr (Irak) und auf den Adamanen-Inseln. Stützpunkte in Mogadischu (Somalia), auf der Inselgruppe Socotra und in Aden, Hafenrechte auf Sansibar, in Madras und Visakhapatnam (Indien) und Massana (Äthiopien> runden die Präsenz im Indischen Ozean ab.
1973 kreuzte ein sowjetischer Flottenverband so nahe und so lange vor den Küsten der kleinen Insel Mauritius, bis die Regierung in Port Louis den Sowjets Fischerei- und Landerechte einräumte. Für die rotchinesische Nachrichtenagentur Hsinhua der Beweis einer "rücksichtslosen Expansion der sowjetrevisionistischen neuen Zaren im Indischen Ozean". Nüchterner gesagt: Aus der Sowjet-Marine wurde nach defensiven Anfängen ein offensives Instrument der Außenpolitik -- was zuvor nur die US-Marine war.
Vorbei die Zeit, da Amerika risikolos direkt intervenieren konnte -- wie 1958 im Libanon. Im Nahost-Krieg von 1973 stellten die Sowjets den USA gar ein Ultimatum: Sollte es Washington nicht gelingen, ein weiteres israelisches Vordringen über den Suezkanal zu verhindern, müsse Moskau direkt eingreifen. Es kam nicht dazu: Amerika brachte Israel zur Raison.
Gegenbeispiele wie die Verminung des nordvietnamesischen Haiphong durch die Amerikaner 1972 haben ein anderes Gewicht: Die Sowjets, dort ohnehin unterlegen, wußten, daß die Verminung ein letzter, nicht mehr recht ernst gemeinter Versuch Amerikas war, den beschlossenen Rückzug aus Indochina glaubhaft zu verschleiern. Mit anderen Worten: Nicht in jedem Fall steigert Moskaus Flotte die Kriegsgefahr -- jedenfalls nicht, solange trotz mancher Rückfälle die rationale Verständigungsbereitschaft der Großen fortbesteht. Wohl aber helfen Seestrategen und -historiker beider Seiten die Spannung schüren, indem sie noch immer in den Denkkategorien von Geleitzügen und Skagerrak-Schlachten schreiben und Schiff gegen Schiff, Kanone gegen Kanone aufrechnen.
Der Weg ist frei für ein klassisches Wettrüsten zur See, wie es die Welt noch nie erlebt hat. Die benötigten Summen sind gigantisch: Allein die Betriebskosten der 14 aktiven amerikanischen Flugzeugträger liegen bei jährlich 1,4 Milliarden Dollar. Die Amerikaner werden in den nächsten fünf Jahren etwa 100 Milliarden Mark für die Modernisierung ihrer Kriegsflotte und Neubauten ausgeben.
Und die Sowjet-Union, schwer leidend unter Wachstums-Rückgang, Mißernte und Auslandsverschuldung, kann sich den Irrwitz der Flottenrüstung erst recht nicht leisten. Dennoch pulvert sie rund vier Prozent ihres Bruttosozialproduktes in die Schiffe.
Angeheizt durch die Leistung des derzeit stärksten strategischen U-Boots der Welt, der russischen "Delta"-Klasse, deren Raketen eine Reichweite von 7500 Kilometern haben (Poseidon 4600), werden die Amerikaner 1978 die ersten Einheiten der Trident-Klasse in Dienst stellen, deren Reichweite bereits bei 11 000 Kilometern liegt und die mit 24 Startschächten im Vergleich zu nur 16 der Sowjet-Boote ausgerüstet sind.
Die Planer im Pentagon warten bereits auf die Antwort der Sowjets -- um sich eine Antwort auf die Antwort einfallen zu lassen.

DER SPIEGEL 1/1976
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