22.03.1976

AFFÄRENTod in Brighton

Die Suche nach den in der Londoner Trustee-Finance-Gruppe verschwundenen Millionen wird immer mysteriöser. Nach dem geheimnisvollen Tod eines Rechtsanwalts verfolgt die Polizei jetzt eine neue Spur.
Die Beamten von Scotland Yard konnten an der Leiche des Winsener Rechtsanwalts Ernst-Ulrich Poll "keine Spuren einer kriminellen Handlung" entdecken. Der Fremde war, so ihre Vermutung, in den Klippen der Steilküste von Brighton entweder ausgerutscht oder freiwillig abgegangen.
Der lapidare Leichenschaubefund wurde Mitte Oktober vergangenen Jahres in London protokolliert. Und seither recherchieren britische Detektive und ihre westdeutschen Kollegen vom Wiesbadener Bundeskriminalamt Geschäfte und Bekanntschaften des Winsener Anwalts. Zwar kamen die Ermittler noch nicht so recht weiter, doch einige Kollegen des verstorbenen Juristen behaupten inzwischen unverhohlen, bei Polls Tod sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Der Verstorbene sei vielmehr ein Opfer finsterer Finanzschieber, denen seine Kenntnisse über die hei der Trustee-Finance-Gruppe verschwundenen 54 Millionen Mark unbequem gewesen seien.
Der Trustee-Hort gilt als verschollen, seit das Unternehmen im Sommer 1973 zusammenkrachte und der Hamburger Firmengründer Jörn Grimmsmann mit mehreren Partnern verhaftet wurde. In dem nach Ansicht des Bundeskriminalamtes "größten Fall seit IOS" konnte Konkursverwalter Hinnerk-Joachim Müller bislang ganze 1,4 Millionen Mark sicherstellen.
Den Grundstock zu den Trustee-Millionen hatte Grimmsmann schon Ende der sechziger Jahre gelegt. Damals begann der frühere Finanzinspektor und spätere Steuerberater damit, versteuertes und schwarzes Geld für allerlei lohnende Anlagen einzusammeln.
Unter Großverdienern, aber auch bei Mittelständlern galt Grimmsmann, der seine Klientel mit Monatszinsen bis zu vier Prozent köderte, bald als eine der ersten Adressen des Gewerbes. Grimmsmann-Kunden wurden unter anderem die Anlagegesellschaften Euro-Capital, Cituna, Ingesta und Dekava, aber auch so prominente Einzelverdiener wie der Hamburger Verleger John Jahr senior, der CDU-Abgeordnete Dietrich Rollmann und die Schlagersängerin Dunja Rajter.
Um den Geldfluß zu kanalisieren, gründete Grimmsmann eine mit klangvollen Namen ausgestattete Firmenkette. In Zürich ließ er zum Beispiel eine Trustee AG eintragen, in London die Trustee-Finance Ltd. Im Steuerparadies Panama gründete er eine Consolidated Value 5. A., in Vaduz eine Establishment for International Values.
Einem Teil der Kundschaft wurden die versprochenen Gewinne zunächst auch tatsächlich ausgezahlt oder gutgeschrieben. So konnte ein Hamburger Kaufmann für 1,4 Millionen Mark in sechs Monaten 267 000 Mark Zinsen einstreichen.
Daß Grimmsmanns außergewöhnliche Gewinnausschüttungen nach Meinung amerikanischer Broker allenfalls vorübergehender Natur sein konnten, störte den Trustee-Chef kaum. Mitte 1968 hatte er nämlich den amerikanischen Wertpapierhändler Arie Leo From kennengelernt, der den Deutschen Wertpapiergeschäfte mit Verdienstspannen von fünf bis acht Prozent vermitteln wollte.
Nachdem sich Grimmsmann bei einem 100 000-Mark-Einsatz überzeugt hatte, daß der Israeli mit dem amerikanischen Paß die versprochenen Zinsen auch tatsächlich zahlte, ließ er über den Partner immer größere Transaktionen abwickeln.
Im Frühjahr 1972 war Gewinnmacher From plötzlich mit mehreren Millionen Dollar verschwunden. Doch Grimmsmann verzichtete darauf, Polizei und Kundschaft zu alarmieren. Und als From in Deutschland wieder auftauchte, nahm er ihm sogar einen Wiedergutmachungsposten amerikanischer Wertpapiere ab, die ganze 20 Prozent ihres Nennwertes kosteten.
Die Sonderangebote hatten freilich einen Schönheitsfehler: Sie stammten aus einer Mafia-Aktion auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen, bei der amerikanische Gangster Wertpapiere der US-Gesellschaft ACF Industries Inc. im Wert von 48 Millionen Dollar erbeutet hatten.
Einen Teil der gestohlenen Papiere ließ Grimmsmann für 3,9 Millionen Mark bei der zum Oetker-Konzern gehörenden Lampe-Bank beleihen. Das Geld sollte unter anderem eine Spielbank Froms in Nizza finanzieren helfen.
Der Lampe-Coup war bislang auch der einzige Tatkomplex, mit dem den Wertpapierjongleuren der Prozeß gemacht werden konnte. Ende Februar verurteilte eine Wirtschaftskammer des Hamburger Landgerichts Grimmsmann wegen fortgesetzter gewerbsmäßiger Hehlerei in Tateinheit mit gemeinschaftlichem fortgesetztem Betrug zu sechs Jahren Freiheitsentzug. From, dem das amerikanische FBI Beziehungen zu Mafia-Kreisen nachsagt, kam mit vier Jahren Gefängnis davon. Beide Partner bezeichnen sich im übrigen als unschuldig und wollen gegen das Urteil Revision einlegen.
In dem unter dem Aktenzeichen 151 Js 156/73 geführten Hauptermittlungsverfahren "Gegen Arie Leo From und andere", bei dem es um die in der Trustee-Gruppe versickerten Millionen geht, konnte dagegen noch keine Anklage erhoben werden. In dem Verfahren will der Staatsanwalt From nachweisen, "mehrere Millionen US-Dollar veruntreut zu haben". Um die Tat "zu kaschieren", habe From bei Grimmsmann ein "selbst hergestelltes Schreiben der amerikanischen Broker-Firma Bache & Co." vorgelegt, aus dem sich für Grimmsmanns Firma Establishment for International Values "ein Guthaben in Höhe von rund 8,8 Millionen US-Dollar ergab".
Dem Kompagnon Grimmsmann wirft die Staatsanwaltschaft unter anderem vor, "neueingegangene Beträge bei Abruf durch alte Kunden zur Rückzahlung von Anlagegeldern und Auszahlung fiktiver Renditen verwendet zu haben".
Trustee-Konkursverwalter Hinnerk-Joachim Müller sucht indessen die Kanäle zu erforschen, über die die Grimmsmann-Millionen geflossen sind. Als er in Liechtenstein auf eine heiße Spur gestoßen war, mußte er jedoch Hals über Kopf wieder abreisen, weil ihm wegen unbefugter Schnüffeleien eine Verhaftung drohte.
Gleichwohl fand Müller heraus, daß Grimmsmann seine Gründerrechte an der Ferria-Immobilien-Anstalt Vaduz und Europäischer Gemeinsamer Handelsmarkt Vaduz an den Hamburger Verleger John Jahr sen. abgetreten hatte. Um einen Teil der verschwundenen Gelder für seine Konkursmasse zu sichern, versuchte er, dem Verleger einen Teil der ehemaligen Grimmsmann-Werte wieder abzunehmen. Nach einem Rechtsstreit vor dem Hamburger Landgericht (Aktenzeichen 150532/74) schlossen die beiden schließlich einen Vergleich, in dem der Konkursverwalter "auf sämtliche ihm möglicherweise zustehenden Anfechtungsrechte im Hinblick auf die Abtretung der Gründerrechte an den liechtensteinischen Anstalten Ferria-Immobilien-Anstalt und Europäischer Gemeinsamer Handelsmarkt" verzichtete. Auch die "Anfechtungsrechte im Hinblick auf die Abtretung von Rechten aus Lebensversicherungsverträgen" gab Müller auf.
Über die Gewinne aus den ehemaligen Grimmsmann-Firmen heißt es in dem Vergleich wörtlich: "Sämtliche Erlöse, die sich aus der Verwaltung und Verwertung der im Vermögen der Ferria-Immobilien-Anstalt und der Anstalt Europäischer Gemeinsamer Handelsmarkt stehenden Aktivwerte ergeben (einschließlich aller evtl. zukünftig bekanntwerdenden Vermögenswerte), werden im Verhältnis 33 1/3 Prozent für den Konkursverwalter und 66 2/3 für Herrn Jahr sen. aufgeteilt. Diese Verteilerquote gilt auch für die Erlöse aus abgetretenen Lebensversicherungen."
Auf eine andere Geldspur scheint der in Brighton verunglückte Rechtsanwalt Ernst-Ulrich Poll gestoßen zu sein. Nach vor seiner Abreise aus Deutschland erklärte er nämlich, er müsse in England "Millionen abkassieren". Britische Detektive versuchen jetzt herauszufinden, welche Rolle dabei einige Vertrauensleute Froms spielten.
Inzwischen ist in Winsen ein weiterer Rechtsanwalt verschwunden, der mit From Kontakt hatte: Dr. Erwin Rieckmann, in dessen Kanzlei eine Zeitlang auch Poll beschäftigt war, hat sich mit unbekanntem Ziel abgesetzt. Der Besitzer eines der lukrativsten niedersächsischen Notariate hatte sich in letzter Zeit immer häufiger mit dubiosen Finanzierungsgeschäften befaßt.
Ein Hamburger Anwalt, der bislang mit einer Gruppe von Gläubigem besonders eifrig hinter den Trustee-Millianen herjagte, hat aus dem traurigen Schicksal der Standeskollegen gelernt: "Wem sein Leben lieb ist, mag in dem Fall nicht zuviel herumrühren."

DER SPIEGEL 13/1976
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