16.02.1976

Stich in den Punkt der Göttlichen Gleichmut

Andere Nadeltherapeuten handeln nach der alten Chinesenweisheit, wonach noch verborgenste Leiden sich im Puls des Patienten ankündigen. Für den Dr. jur. Manfred Köhnlechner ist das "albern" und "ein Schmarrn" -- ein Überbleibsel aus den Zeiten, da Chinas Ärzte die Frauen der Mandarine nur am Händchen fassen durften.
Dr. med. Rolf von Leitner, der Präsident der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V., huldigt noch diesem diagnostischen Ritual, ehe er in seiner Berliner Praxis nadelt. Ihm wiederum erscheint es merkwürdig, wenn der 31jährige Dr. med. Frank Bahr in München, der Gründer und Herr einer sogenannten "Deutschen Akademie für Akupunktur" (DAA) und "für Aurikulo-Medizin" (DAAM), das gesamte Ach und Weh des Patienten millimetergenau am Ohr und nur da erspüren und nadeln will.
Bahr seinerseits spottet heute über den vom väterlichen Kollegen Leitner hochgelobten vietnamesischen Nadelmeister Dr. Nguyen Van Nghi, für den alle Krankheit Folge des "gestörten Gleichgewichts der Energie des Himmels und der Erde" ist. Er selber allerdings half das kostspielige Lehrbuch Nghis, dem er abschwört, übersetzen.
Nun verbreitet er eine Generalstabskarte mit der Nadelstich-Topographie der menschlichen Hörmuschel (vollgültig selbst noch für die Blumenkohlohren der Boxer). Er muß aber darauf hinweisen, daß der von ihm angebetete französische Ohr-Faust Dr. Paul Nogier seine sensationellen Erfolge noch anhand etwas anderer Stichpunkte erzielte. "Heut" ist der, morgen jener Punkt interessant", beklagt das der Münchner Akupunktur-Senior Dr. med. Kampik, in dessen Praxis der nämliche Bahr vor drei Jahren noch Stiche am ganzen Körper übte.
Daß die Kollegen in Maos China heute mit stählernen Nadeln auskommen, hindert die genannten Ärzte nicht, von goldenen Nadeln zu erwarten, daß sie in einem damit angestochenen Nervensystem Anregung, und von silbernen, daß sie Dämpfung bewirken; die heutigen Chinesen sind eben arm. Doch der heilende Jurist Köhnlechner, die Hamburger Heilpraktiker Manfred und Lena Schröder oder die Uelzener Augendiagriostikerin Christa Gräfin von Hardenberg tun es bloß mit Stahl (wenngleich nicht für weniger Geld).
Soviel zur Einführung. Gemeinsam hochgetragen von der großen Woge einer neuen Mode-Therapie, zerren und sticheln die Akupunkteure doch in sehr unterschiedliche Richtungen. Das propagandistische Genie des Laienmediziners Köhnlechner und die aus Rotchina hervordringende Welle von Berichten über ernadelte Schmerzbetäubung bei chirurgischen Eingriffen haben die Fingerfertigkeit einheimischer Akupunkteure in den letzten drei Jahren über Gebühr zu einem Faszinosum erhoben. Zuvor wurde Akupunktur ohne Aufsehen ein Vierteljahrhundert lang von einer Handvoll Außenseiter mit mäßigem Erfolg praktiziert. Die nun jäh erweckten Heilserwartungen Hunderttausender von Kranken und eingebildeten Kranken sowie der steil aufblühende Nachahmungstrieb von Heilkünstlern und Ärzten jeglicher Spielart überfordern die prominenten Stichlinge. Sie sprechen zunehmend schlecht übereinander, befehden sich in dem Maße, in dem ihre Fertigkeit sich zum großen Geschäft auswächst, und bezweifeln, ob die Lehr-, Glaubens- und Honorarsätze des jeweils anderen Nadelstechers annehmbar sind.
Die organisierten Akupunktur-Ärzte, widereinander dirigiert von Leitner und Bahr, wollen die lukrative Sache jedenfalls aus den Händen der Heilpraktiker winden. Was tut"s, daß die Behandlung mit Nadeln in China ursprünglich gerade von barfüßigen Wanderärzten ausgeübt wurde. Es irritiert jetzt das ärztliche Gewissen, wenn -um nur zwei Beispiele zu nennen -- das Heilpraktiker-Ehepaar Schröder, auf Monate ausgebucht, gleich in zwei Praxen in und bei Hamburg wie am Fließband gegen bar Kasse nadelt (145 Mark pro Termin) oder der ehemalige Metzger Nikolaus Döring in Kempten seine Kurgäste langfristig (3000 Mark pro Monat inklusive Bett und Frühstück) mit seiner Akupunktur besticht,
"Wir lassen uns", empört sich der seit drei Jahren mitstechende Dr. med. Bahr, "die Akupunktur nicht in den Dreck ziehen." Scheint einer im mindesten verdächtig, den Heilpraktikern zuzugehören. so wird dem der Zutritt zu den regelmäßigen Wochenendkursen seiner "Akademie" im Münchner "Sheraton" (Standard-Gebühr: 200 Mark) verwehrt, bei denen bis zu 1200 Ärzte in einem Schub erfahren, wie man auf der Nadelwoge mitsegelt.
Bahr mit seiner nicht als gemeinnützig anerkannten Akademie erstrebt für den nadelsetzenden deutschen Doktor med., Doktor med. dent. oder Doktor med. vet. eine deutliche Sondermarke zum Praxisschild. Ihm schwebt der diplomierte Nadler vor; ein Diplom ist gut ins Wartezimmer zu hängen. 1475 Ärzte der genannten Fakultät liefen ihm bisher als zahlende Mitglieder zu. Das bestärkt ihn zu der Vorhersage, daß in wenigen Jahren zehn Prozent aller approbierten Ärzte Akupunktur anwenden könnten.
Viertausend haben 1975, sagt Bahr, "die Ausbildung" bei seiner Akademie begonnen. Und er meint, da sei schon ein Unterschied zu den zahllosen schnellen Nadelkursen für Heilpraktiker oder jedermann. Vorderhand muten die Prüfungsanforderungen der "Akademie" jedoch bescheiden an.
Unter anderem sollen die Wochenendschüler wichtige Stichpunkte, wie sie heute schon ins Blickfeld des Illustriertenlesers rücken. auf einem Fragebogen ankreuzen und später, mit Hilfe eines Elektro-Suchgerätes und eines Filzstifts, auch am lebenden Objekt.
Wer sich das nicht zutraut, darf erst einmal zusehen. Man glaube ja nicht, entschuldigt das Bahr, "was Ärzte für Prüfungsängste haben". Von sechzig sind ihm kürzlich zwanzig trotz aller Kulanz noch durchgefallen.
Im Gegensatz zu dieser flotten Aushebung von Mitstechern reicht die Ärztegesellschaft für Akupunktur, von Bahr in Unfrieden verlassen, die Nadelkunst auf eine mehr individuelle Art weiter. Dementsprechend langsam stieg ihre Mitgliederzahl auf 550. Ihr Präsident von Leitner praktiziert die Akupunktur seit 24 Jahren und sammelt zu seinen Einführungskursen eigentlich nur ein Schock Adepten, in denen er die Hoffnung auf einen Zusatz auf dem Schild vor der Praxis erst gar nicht erweckt; die Bundesärztekammer lehne das ab.
Bei derartigen Teilnehmerzahlen lernt einer, glaubt von Leitner, die heilsamen Punkte "mit eigenen Pfoten" fühlen. Daß sich der deutsche Akupunktur-Arzt, wie"s in der Praxis eben doch oft vorkommt, "mit dem Lehrbuch in der Hand" an den Patienten herantastet, hält dieser Senior für eine "große Gefahr". Er, der außer Nadeln Schröpfköpfe setzt und Ozon, auch Frischzellen spritzt, weiß nur einen Weg für den Anfänger: "Üben, üben", und zwar durchaus auch an sich selber. So müsse er erfahren, wie die Wärme in den Arm pulst, falls der Punkt "Dickdarm 4" richtig getroffen wird.
Rechnet man"s zusammen, so segnet sein Verein den Neuling ebenfalls schon nach höchstens 14 Tagen Ertüchtigung für die Praxis ein. Bald mag er dann, wie von Leitner, 50 Mark für die Nadelung verlangen; eine Einnahme jenseits des Krankenscheins. Es existieren nicht einmal grobe Schätzungen, wie viele Mediziner, Heilpraktiker oder Kurpfuscher in der Bundesrepublik sich der Akupunktur bedienen. Noch immer verhält sich zwar die absolute Mehrheit der Ärzte gegenüber der Modetherapie des Dezenniums abwartend bis ablehnend. Doch der Zulauf der zum Mitverdienen Entschlossenen nahm seit letztem Sommer derart beklemmende Formen an, daß Manfred Köhnlechner mittlerweile nichts so häufig und entschieden proklamiert wie die -- von ihm mit heraufbeschworene -- Notwendigkeit des "Kampfes gegen die Scharlatanerie mit der Akupunktur".
Es nährte seinen Nimbus, für die Masse der Leidenden den photogenen und souveränen Nadelsetzer abzugeben. Dabei bediente er sich in seiner Praxis der Akupunktur eher wie einer Begleitmusik zu anderen von ihm gepriesenen und ebenfalls lange bekannten Außenseitermethoden: Neural-, Ozon-, Enzym-Therapie.
Mit Nadeln war das kritiklose Augenmerk wundersüchtiger Massenmedien auf bestechend einfache Weise zu gewinnen. Dafür, dies gewußt zu haben, zollen Nadelsetzer jeglicher Preislage dem Dilettanten Köhnlechner tiefen Respekt.
Aber ein Virtuose der Akupunktur ist er nicht, und er teilt schon gar nicht die umfassenden therapeutischen Erwartungen vieler nun mächtig abkassierender Akupunkteure.
Mag der Nadel-Praktiker Schröder sich rühmen, die großen Kicker von Hertha BSC wieder und wieder fitzustechen und beispielsweise dem Stürmer Erich Beer eine fiebrige Angina schnell noch "weggenommen" zu haben, bevor der das "Tor des Monats" schoß. Köhnlechner hilft seinen Fußballfreunden Franz Beckenbauer oder Franz Roth vor entscheidenden Treffen durch regelmäßige Enzym-Klistiere auf, die sie sich angeblich selber schon prophylaktisch einführen.
Es scheint ihn anzuwidern, wenn die Münchner Abschreibungsgesellschaft "Cinema 77" unter finanzieller Beteiligung deutscher Ärzte am Akupunkturglauben des Publikums mit der Schnulze "Das chinesische Wunder" verdienen will und sich dabei auf seine Beratung beruft. Er sagt: "Mich kotzt das an." Ihm wäre es "solcher Sachen wegen oft am liebsten", sagt er, er würde "auf den Mond geschossen".
Sodann begibt er sich ins Studio und zeigt an der Hauptdarstellerin Senta Berger, wie die laut Drehbuch erlösenden Nadeln zu stechen wären. Natürlich rein zufällig steht ein Photograph herum und der Auftritt (siehe nebenstehendes Bild), von dem sich Köhnlechner und das von ihm gegründete, nicht als gemeinnützig anerkannte "Köhnlechner-Institut für Erfahrungs-Medizin" umgehend distanzieren, kommt in die Boulevard-Presse. Das wirbt für ein Filmprojekt, hinter dem nach Überzeugung des Produzenten sein "Freund Köhnlechner" stehe "wie eine Eins".
Der Manager Köhnlechner nutzt und fürchtet die ungeahnte Beschleunigungskraft der von ihm gestarteten Bewegung, einem Grand-Prix-Fahrer vergleichbar, der Gas- und Bremspedal kunstvoll gleichzeitig tritt. Über den wildwuchernden Heilglauben, den er da geweckt hat, erschrickt er. Andererseits sollen Nachrichten, die ihn drosseln könnten, erst gar nicht heraus.
Einem alten Münchner, der nach Behandlung durch eine der drei approbierten ärztlichen Kräfte im Dunstkreis des Manfred-Köhnlechner-Institutes längere Zeit an beiden Beinen gelähmt war, hat Köhnlechner selber ohne viel Umstände 81 000 Mark gegeben, auf daß er sich ruhig verhalte. Über kleinere Fehlanzeigen oder die bloße Wirkungslosigkeit der gepriesenen Anwendungen wird von den Betroffenen ohnehin kostenlos geschwiegen.
Manfred Köhnlechner praktiziert eigentlich nicht mehr. Als auf der Warteliste seiner Praxis 8000 Namen standen, legte er Nadeln, Klistiere und Spritzen beiseite und fortan nur noch Wert auf die Verfeinerung des Ansehens, in dem die von ihm hochgemanagten Methoden derzeit stehen. Das Köhnlechner-Institut fördert vom Obergeschoß einer Harlachinger Herrschaftsvilla aus heute die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen: etwa einen derzeit in einer Münchner Universitätsklinik ablaufenden Test mit 120 Migräne-Leidenden, an denen auf Köhnlechners Art gearbeitet wird. Denn, von den angeblich 40 000 in der Bundesrepublik bisher so kurierten Fällen blieb in den Karteien nichts wissenschaftlich Vorweisbares.
In der genannten Münchner Villa arbeiten drei Ärzte und zwei Heilpraktiker, an denen Köhnlechner sein Wohlgefallen hat, in seinem Sinne an den eigentlich nach ihm lechzenden Patienten. Darüber hinaus beliefert er aus seiner täglichen Post (oft 500 Briefe) Mediziner im ganzen Bundesgebiet, die gleichfalls in seine Fußstapfen zu treten wünschen, mit Nachschub für ihre Praxis. Ihre Eignung muß sich allerdings zuvor in einer einwöchigen Hospitantenzeit bei einem versierten Köhnlechner-Mediziner erweisen.
Die Sterne des FC Bayern und der von Köhnlechner genossenen Münchner Party-Society tragen die Geheimnummer bei sich, unter der sie ihn selber weiterhin für ihre speziellen Molesten interessieren können. Die wartende Mehrheit auf den Stufen und Segeltuchstühlen der Instituts-Villa sehen von ihrem Idol nur die Mutter.
Sie hilft dort behende bei den Zureichungen einer zumindest ungewöhnlichen Praxismischung und erinnert durch ihr bloßes Vorhandensein an die Heilkunst des Sohnes. Von einer bereits eingetretenen Querschnittslähmung, sagt er, habe er die 78jährige durch eine kühne Magnesium-Injektion in die Aorta geheilt, "gell, Mutti?". Er selber nahm sich bereits eine seiner Meinung nach akute Blinddarmentzündung "weg", allerdings in ständiger Fühlungnahme mit zwei zum konventionellen Eingriff bereitstehenden Chirurgen.
Solche Wunder kommen, was soll er machen, bei ihm eben vor. Das überglänzt eine Menge von Fällen, wo Besserung sich nicht schnell, nicht dauerhaft oder gar nicht einstellt. Und es weckt jene Erwartungen, die ihm und anderen namhaften Anhängern seiner Methoden angeblich unliebsam sind.
"Es gibt", glaubt er selber schon, "die Droge Köhnlechner. Davon werden 25 Prozent der Patienten entscheidend beeinflußt." Und um bei der großen Zugnummer Akupunktur zu bleiben: "Es gibt", so immer noch Köhnlechner, "den Glauben an die Nadel." Für ihn steht es außer Frage, daß da "Placebo mit im Spiel ist".
Der von Köhnlechner geringgeschätzte Hamburger Akkord-Akupunkteur Manfred Schröder stimmt mit dem seltsamen Heiligen seiner Zunft zumindest darin überein. Gewiß doch, es sei auch bei seinen Erfolgen "eine gute Portion guter Glaube dabei". Den bringen ihm Klienten aus der Oberschicht, ungeachtet ihrer privilegierten Verstandesschulung" ebenso entgegen wie jene armen Rentner, welche Schröder, Hamburg, gerne auf Köhnlechner, München, verwies, weil der, allerdings nur vorübergehend, den Vorsatz verfolgte, sich ihnen kostenlos zu widmen.
Einfache Leute ringen bei Schröder mitunter monatelang telephonisch und schriftlich um einen Termin. Zum Fürsten Bismarck kam Lena Schröder mit den Nadeln regelmäßig auf Schloß Friedrichsruh, an Durchlaucht bis zu dero Ableben das geheime Fitneß-Programm abzuwickeln, das sie und ihr Mann in Hongkong schrecklich teuer von einem alten Heilkünstler erwarben.
Beim Fürsten habe sie Manfred Prinz zu Bentheim und Steinfurt eingeführt, ein Lebenskünstler und Zementmanager aus der Hansestadt Hamburg, der freimütig berichtet, dank wiederholter Nadelung heute vom Rauchen, übermäßigen Blutdruck sowie fast jeglicher Erschlaffung frei zu sein. Zu den glücklichen Folgen der Arbeit am Stamme Bismarck wiederum rechnet der Akupunkteur Schröder es, den bayrischen Staatsminister für Bundesangelegenheiten Franz Heubl samt Leibwächter in seiner Praxis gehabt zu haben.
Leute von Welt reichen die bonne adresse ihres Akupunkteurs wie ein Statuszeichen in ihren Kreisen weiter. Zu vernehmen, wer wessen Nadler ist, bläht aber auch den allgemeinen Glauben an die Wirkung der Nadeln auf. Die Heilpraktiker, im Unterschied zu den Schulmedizinern zur Werbung befugt, nutzen solchen Nimbus.
Die Gräfin Hardenberg beruft sich auf den Erfolg ihrer Entwöhnungskur an der Raucherin Elke Sommer wie auf das Urteil einer oberen Instanz. Das zieht arrivierte Kundschaft an, darunter durchaus auch medizinisch ausgereifte Leute wie den Wiesbadener Orthopäden und Klinik-Chef Professor Joachim Eichler, der sich nicht muckste, als er nach den üblichen zwei Sitzungen bei der Gräfin unvermindert
Lust auf Zigaretten spürte. Andere rühmen laut den Erfolg.
Für das von ihr und ihrem koreanischen Lehrmeister in Seoul kreierte Stechprogramm am Raucher nimmt die Gräfin pauschal 290 Mark. Fortwährend wittert sie unter der Kundschaft Spione aus der eben nicht so feinen Zunft, die ihr die kostspieligen Stiche abgucken könnten.
Im übrigen wird sie besonders von der Landwirtschaft mit geeigneten Nadel-Objekten beliefert. Es kommen Heidebauern, denen der Rücken vom Treckerfahren zerschunden ist, "liebe gute Menschen", sagt die Heilfrau, die "meist schon auf der Trage hier raufkommen" (ihre Treppe ist steil).
Die Gräfin sagt: "Mir ist der einfache Mensch genauso lieb." Sie nimmt pro Behandlung 90 Mark, doppelt soviel wie Köhnlechner, und damit es flotter geht, gibt es eine Reihe Auskleidekabinen und vier Helferinnen. Auf Wunsch eines Bauern kam die Praktikerin in den Stall, ein vom Verschlag gepeinigtes Pferd zu stechen, erfolgreich, sagt sie. Sie hat da so ein Tiermodell, von dem sie die Meridiane abliest. Davon profitierte bereits ihre Whippet-Hündin, ihr setzte die Herrin nach einem Abortus die Stahlnadeln. In zwei Tagen war das Tier frei von Schmerz, der wohl auch so vergangen wäre.
Die deutsche Sprache der Akupunktur ist vor allem ein Erfolgs-Idiom. Typisch dafür ist, wie die Gräfin Hardenberg das von ihr Bewirkte beschreibt: "Leute, die immer irgendwelche seelischen Konflikte haben, mache ich einfach frei ...
Einfach so. Und Schröder spricht ähnlich: "Fünfzig bis siebzig Prozent der Leute gehen wesentlich gebessert weg." Unter genauerer Befragung verliert sich die Kontur des Heilerfolgs. Daß spontane Heilungen ungemein selten sind, räumen die Aktiven dann gerne ein.
"Nein", beteuert Schröder, "arbeiten muß man am Patienten." Für gewöhnlich setzt er zwanzig bis dreißig Stahlnadeln am Körper. Zuvor haben die Leute bei leichter Musik das Honorar entrichtet, dessen Höhe der 34jährige mit den Spesen seiner existenzbildenden Studien in Japan und Hongkong begründet. Bei einer gewöhnlichen Migränebehandlung summiert sich das schon für den Anfang leicht auf runde 1500 Mark, und keine Krankenkasse ist bereit, dafür aufzukommen. Läßt die Wirkung, wie so oft, bald nach, heißt es eben erneut beginnen.
Die Schröders engen ihren ursprünglich auf einen imposanten Leidenskatalog ausgedehnten Optimismus nun selber programmatisch immer weiter ein: Kopfschmerz, Asthma, chronisches Rheuma, vegetative Magen- und Darmstörungen werden mit Vorliebe behandelt, wobei nach drei, vier Nadelungen für gewöhnlich erst die Entscheidung fällt, ob Weitermachen überhaupt Sinn hat.
Akupunkteure wie diese können wenig dagegen tun, daß man sie als letzte Instanz bemüht. Mancher, den die Konkurrenz ihm schickt, sagt Schröder, "hat Blutdruck 220 und schon zwei Infarkte". Für die somit immer drohenden Zwischenfälle entwickelte er einen abgestuften Alarmplan ("A bedeutet Herzstillstand"). Gegen die Gefahr, an Unheilbare zu geraten, sichert er sich, indem er selber Blutuntersuchungen und in zweifelhaften Fällen mit dem Zeigefinger im Rektum der Klienten die, wie er es nennt, "Hafenrundfahrt" vollführt.
Jeder weiß ja, die Ärzteschaft liegt auf der Lauer. Die wartet nur auf Heil-Kunstfehler. Andererseits sitzen dann aber wieder reputierliche Schulmediziner mit ihren eigenen Gebrechen ganz klein im Wartezimmer und erhoffen sich etwas von diesen Stichen. Schröder erkennt das an: "Da muß es einem als Arzt schon sehr dreckig gehen."
Der pensionierte Pathologe Dr. Hermann Roer wurde bei ihm eine rätselhafte vegetative Störung los. Nun nimmt er sich seinerseits der verwirrenden Schröderschen Patienten-Kartei an, um daraus eines Tages vielleicht noch ernstzunehmende Daten für die Wissenschaft zu ziehen. Beispielsweise stört es den Durchblick, daß die Anbehandelten dieses Bar-Kasse-Unternehmens oft nicht wiederkehren und sich auch nicht wieder melden. Kann sein, sie sind kuriert. Kann aber auch sein, sie sind bloß bedient.
Die von promovierten Praktikern erbrachten Unterlagen oder Erfolgsmeldungen bringen nicht viel mehr Erhellung in das rosige Zwielicht der Nadelzunft. "Einer Frau, die ein Teufel war, habe ich in den Punkt der Göttlichen Gleichmut gestochen und so die Ehe gerettet." Worte des Vorsitzenden Dr. med. Rolf von Leitner.
Dr. Johannes Bischko, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts in Wien, Nestor aller approbierten Stichler, empfiehlt Neulingen, sich nicht ans Westlich-Wissenschaftliche zu klammern. "Schadet gar nicht, wenn man so ein paar kleine Chinoiserien drin hat." Fast angewidert rät er davon ab, Akupunktur gar mit Stecknadeln zu üben, was technisch möglich wäre. "Es macht keinen Eindruck beim Patienten."
Bischkos Mitarbeiter Dr. Hans Zeitler ermutigt Anfänger, getrost zuzustechen, es sei so ein angenehmer Nachteil der Akupunktur, "daß sie den Fehler nicht bestraft". Mehr noch -- in der "Wiener klinischen Wochenschrift" bescheinigten 1975 sechs Mediziner und Biotechniker aus Wiener Universitätsinstituten nach einem Versuch an 16 Personen, daß bei allen für Akupunktur Empfänglichen die Schmerzempfindung auch nachließ, wenn man sie gar nicht in Akupunkturpunkte stach, sondern anderswohin.
Da braucht es niemanden zu überraschen, wenn auf einem der überfüllten "Akademie"-Seminare des Dr. Frank Bahr ehrenwerte Mediziner sich gleich bei den dort hausierenden Vertretern des aufblühenden Nadelhandels erkundigen, wohin sie beispielsweise bei einem Ischias zu stechen hätten.
Die Beweisführung vor so einem Massenkursus besteht überwiegend aus Filmen über Operationen, bei welchen ein Teil der Schmerzunempfindlichkeit von Patienten oder Versuchstieren der Akupunktur zu danken war. Es wird nicht darüber diskutiert, welcher bemerkenswerte Unterschied zwischen Schmerzbetäubung und Heilbehandlung besteht. Die Schmerzbetäubung mit Nadeln gelingt zwar nur bei einer Minderheit der zu Operierenden vollkommen, doch diese immerhin verblüffende Erfolgsdemonstration dient nun dazu, Heilserwartungen im allerweitesten Sinne zu nähren.
Akademie-Präsident Bahr will, sagt er, das enorme Geld, das die nicht abreißende Serie seiner ausverkauften Kongresse einbringt, dazu verwenden, die gewaltigen Beweislücken der Akupunktur mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen zu stopfen. Die Akupunktur und ihre Einwirkung aufs Vegetativum wissenschaftlich zu adeln, treibt es den erwerbstüchtigen Jung-Siegfried dieser Bewegung schon deshalb, weil manche Versicherungen den nadelsetzenden Doktor vorerst mit höheren Prämien belasten.
Vorderhand ermutigt Bahr die Masse approbierter Anfänger durchs Saalmikrophon, nicht zimperlich zu liquidieren, wenn"s hilft: "Falls Sie mit zwei Nadeln einen Ischiasschmerz beseitigen können, dann 100 Mark oder mehr..." Über seine eigenen Tarife verweigert er die Auskunft.
Wer, wie er, ausschließlich am Ohr zum Stich kommt, der, sagt er, könne mit dem schnellsten überhaupt möglichen Erfolg rechnen. "Und wer zu uns kommt, wartet auf schnellen Erfolg." Sein Gastdozent Bischko bittet allerdings zu beachten, daß da auch die Wirkung von entsprechend kurzer Dauer sei. Bahr hingegen wirbt bei den Kollegen: "Bei der Ohr-Akupunktur muß der Patient sich nicht erst entkleiden, außerdem sind die kurzen Wege zum Gehirn ein Vorzug."
Die Mehrheit der Mediziner kehrt aus solchen Wochenend-Seminaren recht gläubig heim in die Praxis, mit Ohrkarten, Lehrbüchern, Trainingsohren aus Plastik, dazu einem Standardsortiment teurer Silber-, Gold- und Stahlnadeln. Viele haben elektrisches Suchgerät bestellt. Denn Bahr sagt: "Ohne das können sie nicht wissen, ob in Silber stechen oder in Gold." Doch wie, wenn der Arzt sich nicht zutraut, die feine Spitze unter die Haut zu bringen? Kein Problem: Die Kongreßhändler halten Nadelschußgeräte bereit
Dergestalt also waten Schulmediziner nun in eine Woge, die nach Meinung des Heilpraktikers Schröder "bald zurückgehen muß". Wichtig, sagt Frank Bahr, sei vor allem ein Ohrstempel für die Patienten-Kartei, damit sich der Behandler seine Treffer merken kann. "Schlimm, wenn's geholfen hat", warnt Bahr, "und Sie finden die Punkte nicht wieder"
Die angehenden Akupunktur-Arzte halten Papier auf den Knien und notieren angespannt Hunderte vom Redner-Podium her angegebene Punkte, deren Nummern, Namen ("großer Erwärmer Nummer 17") und vielseitige Bedeutung. Dazu noch Hinweise wie diesen: "Gegen Gürtelrose bringt eine Goldnadel ins Ohr spektakuläre Erfolge." Bei blutenden Hämorrhoiden, sagt Präsident Dr. Bahr, nehme man Gold, bei nichtblutenden Silber.
Allerdings ersucht er die Kollegenschaft, sich fürs erste was Kleines vorzunehmen, "nicht gleich eine Schizophrenie oder so was". Man möge schreiben, wenn"s nicht funktioniert.
In ihrer akuten Ratlosigkeit rufen viele Kollegen den Pionier Bahr lieber gleich an. Aber was ist denn der häufigste Grund dafür. daß es nicht klappt? Zu 90 Prozent, sagt Dr. Bahr, haben die Ärzte nur eine leere Batterie im Suchgerät.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 8/1976
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