16.02.1976

MEDIZINGeschlossene Gesellschaft

Fünf Patienten starben nach der Behandlung in einer Überdruckkammer. Die fragwürdige „Therapie“ brachte Millionengewinne ein.
Sie sollen ein lebenswertes Leben führen", versprach der himmelblaue Faltprospekt, "mit Hilfe des wichtigsten, kostbarsten aber auch einfachsten Medikamentes: der Luft mit ihrem Sauerstoff."
Durch eine "Überdruckbehandlung mit hyperbarer Luft", so suggerierte die Reklame der "Gesellschaft für regenerative Überdrucktherapie (GRT)" könne so manche Krankheit "sehr gut gebess." werden: zum Beispiel Wadenschmerzen oder überhaupt offene Beine, Fettleber und Angina pectoris" Herzrhythmusstörungen und wer weiß was noch alles. Die größten Besserungschancen -- 62.5 Prozent -- lagen angeblich bei Migräne.
Jahrelang gingen die Geschäfte mit der Krankheit glänzend. Dann, letzte Woche, kam es in Hannover zum Eklat: Fünf Menschen starben nach der Behandlung in der Überdruckkammer. Sie wurden, so die Niedersächsische Ärztekammer, Opfer einer "obskuren Gesellschaft", die sich "an allen gesetzlichen und behördlichen Vorschriften vorbeigemogelt" hatte.
Seit 1969 unterhält die Gesellschaft "Institute" in ganz Norddeutschland, in Hannover allerdings erst seit knapp einem Monat. Martin 0. Hinterthür, der sich als Medizinalphysiker bezeichnet, ist technischer Leiter und Konstrukteur der hannoverschen Anlage -- gleichzeitig auch Geschäftsführer einer Produktionsfirma "Mehydra, Medizinische Hyperdruckanlagen-Bau" in Leeste bei Bremen.
Aber eigentlich gab es die "ORT" in Hannover noch gar nicht: beim Handelsregister nicht eingetragen, weil noch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung fehlte, vom TÜV noch nicht abgenommen. Der einzige Mediziner, von den wenigen Angestellten "leitender Arzt" genannt, hatte sich auch noch nicht, wie es vorgeschrieben ist, bei der zuständigen Ärztekammer angemeldet.
Nur die Werbung lief, und schon vor der Eröffnung behauptete Hinterthür vor der Lokalpresse: "Bis März sind wir ausgebucht." Inzwischen, nach der Katastrophe letzter Woche, sind wohl etliche Buchungen storniert.
Am Montagabend war in die Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein Mann eingeliefert worden, bewußtlos, und "es war absolut unklar, was ihm fehlte", so der diensthabende Oberarzt Rolf-Dieter Hesch. Eine halbe Stunde später wurde noch einer gebracht, der schien einem Herzinfarkt nahe, konnte aber trotzdem noch ein bißchen reden. Er sei, so erzählte er, vormittags zur Behandlung in der "ORT" gewesen.
An jenem Vormittag, Punkt zehn, hatten sich zwanzig Männer und Frauen, überwiegend ältere, in die beiden Überdruck-Kabinen der "ORT" begeben -- eine Gemeinschaft auf Tod und Leben, wie sich später herausstellte. Sie saßen dort in Badekluft und Pantoletten und hofften auf Heilung. Keiner war auf Anraten des Hausarztes, fast alle waren ohne dessen Wissen gekommen. Ihre Krankheiten hatten sie sich meist selbst diagnostiziert.
Von draußen steuerte der "GRT"Arzt Rudolf Lammert, 63, den Luftdruck bis auf 4.6 atü, was einer Tauchtiefe von etwa vierzig Metern entspricht. Um 10.51 Uhr, als der Druck wieder vermindert wurde, signalisierte der Patient Kurt Bick, 62, daß es ihm schlecht ergebe; Lammert, der die geschlossene Gesellschaft über TV-Monitore und Lautsprecher unter Kontrolle hatte, befürchtete einen Kreislaufkollaps und erhöhte den Luftdruck wieder. Als dann gegen 15 Uhr, beim erneuten Versuch, den Druck herunterzufahren, der Patient heftiger klagte, geriet der Mediziner offenbar in Panik.
Der biedere Doktor, der bis November vorigen Jahres im westfälischen Lengerich eine mittlere Praxis für (nicht ganz schulmäßige) Allgemein-Medizin betrieben und in Hannover nun einen Job für den Rest des Berufslebens gefunden hatte. ließ in seiner Hilflosigkeit den Druck rapide sinken und gefährdete damit alle 20 Patienten.
Mit Bick, der Patientin Irma Flörke, 60, der es nun plötzlich auch miserabel ging, und "GRT"-Chef Hinterthür ließ Lammert sich einschließen -- nachdem er alle anderen Patienten einfach nach Hause geschickt hatte. Und während einer nach dem anderen Anzeichen der Caisson-Krankheit, auch Taucherkrankheit genannt, verspürte. saßen Arzt und Techniker in der Druckkabine und mühten sich vergebens um die beiden Patienten. Der Mann starb um 20 Uhr, die Frau eine Stunde später.
Die beiden Überlebenden, Lammert und Hinterthür, mußten bis nachts, 1.02 Uhr, bei den Leichen ausharren; erst dann war der Luftdruck wieder auf normal abgesenkt. Als erstes schrieb Lammert, formlos auf "GRT"Briefbögen, die Todesscheine: "Natürlicher Tod infolge Herz- und Kreislaufversagens."
Erst durch den Leichenbestatter, dem das seltsam vorkam, erfuhr die Kripo und erst durch die Polizei schließlich auch die Medizinische Hochschule von den beiden Toten -- Dienstag morgen um zehn. Wären sie noch am Unglückstage voll informiert worden. meinen die Hochschulmediziner, hätte womöglich der eine oder andere der verunglückten Patienten überlebt.
Sie vor der Gefährdung zu bewahren. war freilich schon früher versäumt worden: Weitgehend unkontrolliert von Behörden, so macht das Hannover-Unglück deutlich, und zeitweilig ohne jede medizinische Sachkunde ist da eine Branche tätig. deren größtes Kapital die Hoffnung medizinischer Laien ist.
Was die "ORT" in Hannover und anderswo als "hyperbare Therapie" verkaufte, war in erster Linie teuer. Wenn die Angaben der Gesellschaft stimmen -- danach sind in den letzten sieben Jahren in den "GRT"-Instituten 50 000 Patienten behandelt worden -, dann muß das Unternehmen 35 Millionen Mark eingenommen haben: 700 Mark pro Kopf, im voraus zu zahlen.
Für erfahrene Mediziner ist die hyperbare Therapie, wie sie von der "ORT" angewendet wurde, wenn schon nicht Humbug und reine Beutel-
* Vorn rechts: Mediziner Lammert.
schneiderei, so doch zumindest zweifelhaft. Nur zwei Indikationen sind medizinisch unumstritten: Die Druckluft hilft hei Gasbrand. einer oft tödlichen infektiösen Wunderkrankung, und bei Vergiftungen mit Kohlenoxid.
Physiologischer Effekt der Druckluft-Behandlung ist, daß Sauerstoff gleichsam in den Organismus hineingepreßt wird. Allerdings wird auch Stickstoff im Blut gelöst, der bei zu schneller Dekompression in Form kleiner Gasbläschen freigesetzt wird; dabei kann es zu gefährlichen Gas-Embolien kommen.
Höher als ein einstweilen unbewiesener Nutzen der strittigen Außenseiter-Therapie ist allenfalls deren subjektiver Effekt. Er liegt, so MHH-Professor Helmut Fabel, "mehr im Psychologischen, nicht das eigentliche Leiden beeinflussend" -- eine Euphorie durch Tiefenrausch.
Daß in Hannover überhaupt ein Arzt dabei war, scheint nicht einmal selbstverständlich. So hatte Druckluft-Unternehmer Hinterthür 1973 auf Norderney unter dem hochtrabenden Namen "Nordsee-Ambulatorium für hyperbare Sauerstofftherapie" ein "Institut" eröffnet (es wurde inzwischen, wegen schlechten Wintergeschäfts, wieder geschlossen); damals schmiß er, nachdem sein ärztlicher Angestellter ausgestiegen war, den Laden zeitweilig allein.
Kritiker wurden von Hinterthür grob beschieden, sie möchten sich "schriftlich und differenziert äußern", damit er gegen sie vorgehen könne. Im übrigen, so der Druck-Therapeut damals, bedürfe sein Privatunternehmen "keiner wissenschaftlichen Nachweise".
Schon damals, im August 1973, wies Dr. med. Heinz Mevenkamp, Leitender Medizinaldirektor an der Kurklinik Norderney, das niedersächsische Sozialministerium auf die "fragwürdigen Methoden" des Unternehmers Hinterthür hin.
Mevenkamp verwies dabei unter anderem auf die sogenannte Druckluftverordnung, ein 20seitiges Bonner Verordnungswerk vom Oktober 1972, das für die gewerbliche Wirtschaft Sicherheitsgrenzen setzt. Danach dürfen Arbeitnehmer (zum Beispiel bei Arbeiten an Brückenpfeilern unter Wasser) nicht unter höherem Druck als drei Kilopond pro Quadratzentimeter, entsprechend einer Tauchtiefe von 30 Metern, tätig sein, Jugendliche und ältere Arbeiter (über 50 Jahre) nicht mal das.
Doch diese Vorschriften gelten für Druckluft-Heiler nicht: Ella Martin, in Hinterthürs Druckkammer bis auf 40 Meter Tauchtiefe gebracht, war 77. Sie starb, als fünftes Opfer von Hannover, am Mittwoch letzter Woche.

DER SPIEGEL 8/1976
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