15.12.1975

Film: Das verkannte Un-Tier

Der größte Kassenerfolg des Kinos kommt jetzt nach Deutschland -- ab Freitag dieser Woche zeigen 72 Filmtheater der Bundesrepublik das amerikanische Horrorlichtspiel „Der weiße Hai“. Das Spektakel, in dem eine menschenfressende Fisch-Bestie einen US-Badeort terrorisiert, sah für den SPIEGEL Horst Stern, bekannt geworden durch seine kritischen TV-Tiersendungen ("Sterns Stunde"). Er hält den Film für einen Rufmord am Hai.
Ich möchte niemandem das Entsetzen schmälern, auf das er für sein Eintrittsgeld Anspruch hat. Sicherlich ist Biologie auch keine Eile, an der man diesen "härtesten Schocker Hollywoods", diesen "perfektesten Trickfilm, der je gedreht wurde" (so die zur Maulsperrweite des Hauptdarstellers Carcharodon carcharias passende Filmwerbung), messen sollte.
Biologie aber muß erlaubt sein, wenn eine im mentalen Dunstkreis dieses Films von Nordamerika zu uns herüberschwappende Massenhysterie wenn auch nicht wahrscheinlich, so doch nicht auszuschließen ist.
An den Küsten der USA, hört man, leerten sich die Strände, und sie haben dort viele Strände. In den Kinos, in denen "Jaws" -- dies der englische Filmtitel -- lief, fielen sich wildfremde Menschen, auf den Stühlen stehend, in die Arme, als das computerisierte Plastikmonster, das Badegäste en gros und en detail gefressen hatte, am Ende explodierte.
In der Diskussion über dies eiskalt auf Kasse gemachte, mit irrationalen Ängsten der Menschen spielende Leinwandspektakel tauchen immer wieder zwei Problemkreise auf: der Hai als "Mörder", als blutrünstige, nach Menschenfleisch gierende Bestie, und die "Ur-Angst" des Menschen vor dem Hai. Beide halten einem Nachdenken nicht stand.
Ur-Angst ist stammesgeschichtlich, phylogenetisch programmiert. Das Gedächtnis der Art bewahrt das Bild des Freßfeindes auch dann noch und liefert das Individuum der Angst und dem Fluchtinstinkt aus, wenn durch veränderte Umweltverhältnisse der Feind nur mehr imaginär ist.
Nach Cousteau hat erst der moderne, zivilisierte Mensch "den Hai zu einem grauenvollen Untier gemacht, das Ekel und irrationale Angst auslöst".
Und in der Tat: In Polynesien fangen die erwachsenen Insulaner seit je Haie und setzen sie in die großen und flachen Lagunen, in denen ihre Kinder spielen. Sie sollen sich an ein Leben mit Haien gewöhnen, das frei von Panik ist, aber nicht ohne Respekt vor den Großtieren.
Das Risiko wird stark gemildert durch eine Beobachtung, die auch Cousteau "oft" machte: "Daß sich der Hai in sehr flachen Gewässern nur mit Mühe fortbewegen kann
Das muß wohl auch dem australischen Taucher Ben Cropp geläufig sein, der sich unlängst erbot, für eine Million Dollar vor den Kameras einer amerikanischen Fernsehgesellschaft mit einem Sechs-Meter-Hai, der in einer Lagune West-Samoas gefangen gehalten wird, bis zum Tod von Mensch oder Hai zu kämpfen.
"Hai, wie lustig!" schrieb die "Südddeutsche Zeitung". Die Regierung der Fidschi-Inseln verbot das vernünftigerweise. Der Plan sei eine Beleidigung der Inselbevölkerung, die den Hai als Stammeszeichen führe.
Eine genetisch programmierte unüberwindliche Ur-Angst des Menschen vor dem Hai sehe ich nicht. Der Hai figuriert nicht in der Hominisationsphase unserer Evolution. Unsere Angst vor ihm ist die ganz kreatürliche Angst landgebundener Lebewesen, die sich in ein ihnen nicht zugehöriges feindliches Element begeben.
Den Boden unter den Füßen zu verlieren, mit spezialisierten Gehwerkzeugen schwimmen zu müssen, mit Lungen statt mit Kiemen zu atmen, die eigenen unteren Extremitäten mit zunehmender Wassertiefe aus dem gewohnten Sichtkreis zu verlieren und -- Filme wie diesen gesehen zu haben, das summiert sich zur Angst der Menschen vor den Haien.
Ein Fisch an Land macht auch keine gute Figur. Alle territorial gebundenen Tiere, gleichgültig wie ranghoch oder wie aggressiv, bewegen sich nirgendwo defensiver, ängstlicher als auf fremdem Grund. Man soll biologische Sachverhalte nicht dämonisieren.
Der Hai tötet Menschen. Ist er darum auch schon ein Mörder? Es ist das Elend der Ethologie, daß sie tierisches. nie ganz zu erforschendes Verhalten mit der Humansprache beschreiben muß. Das hat etwas sublimiert Sodomistisches an sich: Das menschliche Wort deckt einen tierischen Sachverhalt und erzeugt mit ihm nichts als Unbehagen, zum Beispiel: der Hai als Mörder.
Mord, das fällt in die Abteilung Moral. Das ist Kam. Das ist menschlich. Tierisches Verhalten -- banale Weisheit und doch so oft nicht geglaubt -- ist aber moralisch nicht qualifizierbar. Es ist unserer Moral nur analog. Es sieht so aus, weil wir es so sehen. Es fehlt den Tieren an der Einsicht in ihre Handlungen und am echten freien Willen, sich so oder anders zu entscheiden.
Dabei ist nicht einmal der indische Tiger ein Mörder, der sich auf Menschen spezialisiert hat. Er machte durch Zufall die Erfahrung, daß ein nackter Affe weit bequemer zu erbeuten ist als ein behaarter; so blieb er halt dabei -- das freilich an ihm ist menschlich. Es lieferte das Hauptmotiv für seine nahezu abgeschlossene Ausrottung.
Den Hai auszurotten, das wird kaum gelingen, und hier liegt auch ein Motiv des westlichen Hasses auf ihn. Er entzieht sich uns in die Tiefe der Ozeane und setzt gleichzeitig ihrer technologischen Invasion kraft seiner schieren Zahl und seiner Gefährlichkeit Grenzen. "Er ist die perfekte Freßmaschine" -einer der wenigen biologisch wahren Sätze dieses Films.
Die Lebenswirklichkeit der Haie hat Qualitäten, die unsere Phantasie, wenn man nur wollte, weit stärker und vor allem: weit menschenwürdiger, weil wahrer, zu erregen vermöchte als dies filmische Un-Tier.
Wo jede Beziehung zur Realität verlorengeht, wo nicht mehr, wie durch Melvilles Moby Dick, die Scheidelinie zwischen den Elementen und den Arten vom mythologischen Über-Tier durchbrochen wird, vielmehr in Gestalt eines US-Sheriffs mit dem Teufel kämpft, da rettet man sich ins Kalauern.
Da wird einem selbst der grandios gefilmte Versuch des Plastik-Hais, einen seiner Jäger aus einem Cousteauschen Schutzkäfig herauszufressen, zu einem Probieren der für einen Hai neuartigen Nahrung "Menschen in Dosen". Da gerät einem der makaber-komische Versuch des Monsters" auch den letzten seiner drei Verfolger noch, den Sheriff, von Bord des Trawlers zu holen, zum Beweis dafür, daß dieser Super-Hai sogar bis drei zählen kann.
Kapitän Ahabs weißer Wal war auch ein Hollywood-Tier, doch agierte er vor der dichterischen Folie einer Tier-Mensch-Beziehung, die ihre Glaubwürdigkeit ganz und gar aus der dämonisch überhöhten Jagdbesessenheit des von seinem Wild stigmatisierten Jägers bezog. Der Jäger dieses Hais aber ist ein Westerland-Hemingway" der seinem Wild nur an Großmäuligkeit nahekommt, nicht aber im geistigen Biß.
Wo indessen beides fehlt, die Glaubwürdigkeit der Menschenzeichnung wie auch die der Tierdarstellung, da wird man -- bei einer zerdehnten Überlänge des Films -- nur zu bald aus der Spannung in die dann doch aufkommende biologische Nörgelei entlassen.
Da besinnt man sich darauf, daß Haie keine Schwimmblase haben, daß sie unweigerlich versinken, wenn sie mit dem Schwimmen aufhören: Was also hat ein Hai, zum Teufel, so lange so mucksmäuschenstill unter dem Boot seiner Jäger verloren?
Er muß schwimmen, ruhelos auch deshalb, weil er nicht, wie andere Fische, sich das Wasser mit dem Maul durch die Kiemen pumpen kann. Er kommt zu Sauerstoff nur, wenn das Wasser die Kiemen in Fahrt durchströmt. Als Cousteau Haie in einem Käfig fing, starben sie ihm weg.
Haie haben keine Bindehaut, die bauchseitig ihre Eingeweide abstützen könnte, wenn das Wasser den Leib nicht mehr stützt. Was also treibt einen Knorpelfisch ohne echte Knochen bäuchlings zum Selbstmord an Deck des Bootes seiner Jäger?
Ich glaubte es am Schluß zu wissen: Der Junge hatte viel Geld gekostet, 150 000 Dollar das Stück, und drei Stück waren nötig gewesen. Da wollte man ihn auch mal richtig vorzeigen.
Eine Million Dollar kosteten die Dreharbeiten mehr, weil Meer und Wind vor Cape Cod, dem sommerlichen Spielgrund auch der Kennedys, nicht mitmachten. "Das Meer", soll der Regisseur Steven Spielberg gesagt haben, "war ein richtiges Arschloch."
Er hat es, mit allem, was darin lebt, nie begriffen. Was wahrscheinlicher ist: Er hat das auch nie vorgehabt.
Die Folgen dieses Films dürften deprimierend sein: Tiermonster aller Sorten werden in die Kinos kommen und das rationale Bild vom geringeren Bruder Tier, das einige Wissenschaftler und Forscher mühsam genug aufzurichten begannen, wieder einreißen.

DER SPIEGEL 51/1975
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