15.12.1975

ALTENKULTEin Glück, gell

Alt ist in: In Fernsehen, Film, Theater sind Greise das Thema der Saison.
Rentner tapern am Stock, einsame Alte dämmern und wursteln vor sich hin, seltsame Greisenlieben glimmen auf, und immer steht einer wartend dabei, der Hippenmann. Die Welt ist ein Altenheim.
In den Medien zumindest. Letzten Dienstag startete die ARD die dreiteilige Reihe "Rest des Lebens"; im September zeigte das ZDF, in vier Teilen, "Menschen im Alter"; an der Kinokasse hat die Oldtimer-Komödie" Lina Braake" mittlerweile zwei Millionen Mark gemacht, und der Theaterrenner "Rheinpromenade", die Tragödie des Rentners Fritz, ist gerade auf 60-Tage-Tournee.
Ade, süßer Vogel Jugend, willkommen, ihr Mühseligen und Bejahrten. Kein "zur Sache" mehr mit fummelnden Schätzchen, vorbei die massierten Reporte über Kommunen und Fixer, Gastarbeiter und Ehekrüppel: "Die Welt" notiert einen "Alten-Boom".
Er kommt zur Zeit. Schon 20 Prozent der Bundesdeutschen sind über 60; Alters-Lehre und Alters-Medizin, Gerontologie und Geriatrie, beginnen sich zu etablieren; die Werbung setzt, nicht nur bei Kukident, auf die Gereiften, und reifer werden auch die Stückeschreiber und Filmemacher.
Man gerate in die Jahre, sagt Franz Xaver Kroetz, 29, "wo die Eltern und Tanten im Sterbealter sind". Kroetz schrieb für die mittlerweile verstorbene Therese Giehse das TV-Spiel "Weitere Aussichten" -- eine Greisin packt ihre Habseligkeiten und tröstet sich: "Ein Altersheim ist ja kein Gefängnis, sondern ein Glück, gell! Wo"s so wenige gibt."
Weil er "die vielen Jungen satt" hatte, sagt Rainer Werner Fassbinder, 29 und ein Vorreiter des Alten-Kults, kürte er die mollige Brigitte Mira, 60, zu seinem Star. Im Film "Angst essen Seele auf" ließ er sie ein spätes, jedoch nicht ungetrübtes Glück mit einem jungen Marokkaner erleben. Jetzt dreht er -- "die Alten sind doch viel aufregender" -- mit der Kortner-Witwe Johanna Hofer, 79.
Auch auf der Bühne machten, rund um den Auftakt mit Karl Otto Mühls "Rheinpromenade"" Greise Karriere: Dorsts "Eiszeit" über den uralten Hamsun, Henkels Altmänner-Zimmerschlacht "Olaf und Albert"; und die Spaß-Variante, das US-Stück "Sonny Boys", erklomm, nach Zahl der Aufführungen, einen Spitzenplatz. Mühls Neuestes ist das Hörspiel "Die Reise der drei alten Männer" -- sie entweichen einem Altenheim.
Die ARD-Altenreihe "Rest des Lebens" war schon vor drei Jahren konzipiert worden. Rolf von Sydow, Fernsehspiel-Chef beim SWF" sah eine "Marktlücke" für das Thema und orderte drei Folgen bei verschiedenen Autoren: Elke Heidenreich/ Bernd Sehroeder ("Die Herausforderung"), Erika Runge ("Opa Schulz") und Otto Jagersberg ("Seniorenschweiz").
Die Herausforderung, nämlich ein sinnreiches Witwenlehen zu führen, hatte da, als Darstellerin, der einstige Ufa-Star Heidemarie Hatheyer anzunehmen. Der Gatte, Ufa-Star René Deltgen spielt ihn, konnte den Pensionierungs-Schock nicht überwinden; mißmutig schlurfte er durch Karlsruhe, bis ihn ein Herzschlag vom Schaukelstuhl kippte.
"Opa Schulz" (Sendung am 16. Januar) soll, in Erika Runges halbdokumentarischem Stil, einen Berliner Rentner vorführen, der es im Altenheim nicht aushält. Und Jägersbergs "Seniorenschweiz" (Sendung am 16. März) entwirft, so Sydow, ein " 1984 der Altenversorgung".
Woher der Boom? Der Geheimrat Zufall hat sicher mitgespielt, aber ebenso sicher das herrschende Väterchen Frust: Die Jugend gibt nichts mehr her, keine Hippies, keine Revoluzzer; die Büromänner sind müde; so richtet sich der trübe Blick auf das, was kommt, aufs Alter.
In einer Zeit, die sich die "Rilke-Sülze" wieder anrühre, sieht der Berliner Medien-Professor Friedrich Knilli ("Die Fernsehfamilie") bei den Senioren-Sendungen noch mehr am Werk: den "Trend zur Innerlichkeit" und die Dramatisierung der "sogenannten schicksalshaften Lage der Menschen".
Knilli, Kenner des US-Fernsehens, vergleicht die "Mattscheiben-Marlitts" mit den wehleidigen "Soap operas" der Amerikaner und stellt sie in ein Fach mit der "melodramatischen Malheur- Literatur"; voll in den Innerlichkeitsrahmen paßten die Ufa-Stars: "Die sind ja auch alt geworden", könnten die Zuschauer sich trösten.
Freilich, Altsein und Altenheim sind auch als Chiffren zu begreifen -- für soziale Outcasts und in Zwänge Eingeschlos-
* Lina Carstens. Unten: René Deltgen und Heidemarie Hatheyer.
sene, und so will Regisseur Bernhard Sinkel seine "Lina Braake" verstanden wissen: "Das ist kein Film über Alte, sondern mit Alten über Probleme der Jungen"; die laufen dem Film vor allem zu.
Denn die listige Lina zeigt ja, wie man als Winzling einen Übermächtigen, eine Bank, aufs Kreuz legt: John Wayne gegen tausend Komantschen. Für Lina Carstens, 83, die Braake-Darstellerin, gibt es selbst "kein Altersproblem". Sie ist jetzt für drei Monate auf Theater-Tournee und sagt: "Ich hasse alte Kacker."
Heiter sind auch andere Greise. "60 Jahre und kein bißchen weise" singt -- mein Gott, Alter -- Curd Jürgens. Und Evelyn Künneke, 54, Kult-Star und Lebensgefährtin des Jungfilmers Rosa von Praunheim, macht aus dem Alter gleichfalls einen Jux.
In einem ihrer Comeback-Chansons besingt sie ihre "Sieben Nasen" (-Operationen) und findet nur traurig: "Meine Freunde werden immer wärmer und ich immer kälter."

DER SPIEGEL 51/1975
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