08.08.2005

MILLIARDÄREDie Spur des Oligarchen

Roman Abramowitsch, aufgewachsen in einem Plattenbau, gilt als reichster Russe. Seine ersten Ölmillionen schaffte er nach Deutschland. Eine Biografie beschreibt seinen unheimlichen Aufstieg.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, der Ball ist rund, ich habe fertig - es sind letzte, endgültige Wahrheiten, die im Fußball stecken.
Seit kurzem ist eine neue hinzugekommen: "Stellt keine Fragen", intonieren die Fans des Londoner Clubs FC Chelsea, wenn sie den Besitzer ihres Vereins, Roman Abramowitsch, besingen. Im Sommer 2003 hatte der russische Öl-Milliardär den Club gekauft, für 60 Millionen Pfund. In bar. 80 Millionen Pfund Schulden übernahm er noch dazu.
Wo Abramowitschs Reichtum herkommt, scheint ein Rätsel. "Sind es Waffen? Sind es Drogen? Ist es Öl aus dem Meer?", singen die Chelsea-Anhänger. Vielleicht kommt es auch vom Gas, Aluminium, von Pharma-
zeutika, Autos oder Fluglinien - Abramowitsch hat mit vielen Dingen gehandelt.
Warum sie unbedingt was auf die Fresse bekommen wollten, wurden Dominic Midgley und Chris Hutchins von Freunden gefragt, als die beiden britischen Journalisten begannen, sich doch ein paar Fragen zu stellen, über Abramowitsch recherchierten und Ende vergangenen Jahres eine vielgelobte Biografie des scheuen Oligarchen vorlegten, die nun auf Deutsch erscheint**.
Es war im Herbst 2003, als Midgley und Hutchins Abramowitschs Spur aufnahmen. Der Sohn jüdischer Eltern aus Uchta, der meist in die Welt schaut, als wäre er gerade aus dem Nest gefallen, und der Puppen und Plastikenten verkaufte, bevor ihn der russische Chaoskapitalismus der neunziger Jahre ganz nach oben spülte, hatte Russland zu jener Zeit schon den Rücken gekehrt. Im Jahr 2001 hatte der 38-Jährige
mit seiner Familie ein 424 Hektar großes Anwesen in Sussex bezogen - mit 28 Angestellten, darunter 4 ständig einsatzbereiten Piloten. Auf Ausflüge nimmt er bis zu 30 Bodyguards mit. Seine Yachten sind mit Raketenabwehrsystem und eigenem Mini-U-Boot zum Aufspüren von Haftminen bestückt.
Abramowitschs Vermögen wird auf 13 Milliarden Euro geschätzt. Er gilt als weltweit reichster Mann unter 40, als Kassenwart des Jelzin-Clans, als Strippenzieher im Kreml.
Doch anders als sein Mentor und Geschäftspartner Boris Beresowski, der ihn 1995 in die Jelzin-Familie einführte, dann unter Putin in Ungnade fiel und nach London floh, kam Abramowitsch freiwillig auf die Insel. Im Kreml ist er noch gern gesehen. Er wurde auch nie zur politischen Gefahr: Weder führte er den kleinbürgerlichen Lebensstil von Präsident Wladimir Putin vor (wie Beresowskis damalige Fernsehsender und Zeitungen), noch fühlte er sich zum Oppositionellen berufen wie der inhaftierte ehemalige Jukos-Chef Michail Chodorkowski, früher einer der engsten Geschäftspartner Abramowitschs. Kurz vor der Verhaftung Chodorkowskis hatten die beiden Oligarchen ihre Ölfirmen Jukos und Sibneft verschmolzen - was Abramowitsch daraufhin hastig rückgängig machte.
Vom Waisenkind, das früh seine Eltern verlor und bei Verwandten in einem Plattenbau in Nordrussland aufwuchs, über den Straßenhändler zum Ölexporteur und Fußball-Tycoon - es ging alles ziemlich schnell im Leben des Roman Abramowitsch, und für Midgley und Hutchins schienen da einige Fragen offen. Doch von Abramowitsch erhielten sie keine Antworten. Andere, die reden wollten, wie etwa der israelische Fußballagent Pini Zahavi, der den Chelsea-Deal miteingefädelt hatte, seien "von der Maschinerie Abramowitschs gestoppt worden", so Hutchins. Zeitweise hatten die Autoren das Gefühl, sich auf einer "mission impossible" zu befinden. Als sie etwa Ende 2003 in Moskau ankamen, um erst mal ungestört das Terrain zu sondieren, sagte ihnen ein Sibneft-Mitarbeiter: "Sie wissen, dass ihr hier seid, alle reden schon über euch."
Die Widrigkeiten der Recherche sind Teil des Buchs geworden. Sie sagen einiges über die Ängste, den Charakter und die Reichweite des jungen Oligarchen. Im Mai 2004 fragten die Autoren den russischen Präsidenten Wladimir Putin per Fax, ob er Sibneft vernichtet hätte, wenn Beresowski seine Anteile nicht zu einem Discountpreis Abramowitsch abgetreten hätte. Einen Tag später kam die Antwort - von Sibneft. Am Apparat war John Mann, Harvard-Absolvent und Pressesprecher des Unternehmens. Er bestellte die Autoren nach London ein. Abramowitsch war nervös geworden, die Recherche schien ihm zu weite Kreise zu ziehen. Einer seiner engsten Mitarbeiter, der im Buch ungenannt bleibt, sollte für seinen Chef einiges geraderücken.
Bei diesem Treffen kamen die Autoren auf einen Vorfall aus dem Jahr 1992 zu sprechen. Im Februar jenes Jahres waren
aus der Ölraffinerie in Uchta 55 Tankwaggons mit Dieseltreibstoff im Wert von 3,8 Millionen Rubel auf einen verschlungenen Weg gebracht worden - mit gefälschten Papieren, ausgestellt auf einen fiktiven Besteller in Kaliningrad, der nie zahlte. Tatsächlich gelangte die Ware über Moskau nach Riga, wo sie auf dem grauen Markt abgesetzt wurde. Als Mitorganisator des Coups verdächtigt: Roman Abramowitsch, 25 Jahre alt und Generaldirektor der involvierten Firma AWK, einer undurchsichtigen Agentur für die Vermittlung von Erdölgeschäften, über die sich Abramowitsch offenbar das Startkapital für seine Karriere besorgte.
Er habe ihn nach dieser Geschichte gefragt, weil er die Wahrheit erfahren musste, so der Abramowitsch-Mitarbeiter leicht theatralisch. "Das ist eine reine Erfindung", war die Antwort seines Chefs. Auch Alexej Wenediktow erhielt eine ähnliche Auskunft. Der Chefredakteur des Radiosenders "Echo Moskau", bekannt für seine unerschrockenen Politikerinterviews und in regelmäßigem Kontakt mit Abramowitsch, erinnert sich, wie der Milliardär abgewinkt habe. Da sei wohl das Märchen vom Goldenen Kalb auf ihn übertragen worden, so Abramowitsch. "Ich stehle keine Züge und esse keine Kinder."
Doch in diesem Fall hatte die Moskauer Staatsanwaltschaft dem Märchen sogar eine Aktennummer gegeben. Unter 79 067 ermittelte der stellvertretende Leiter der Staatsanwaltschaft wegen Raubes an staatlichem Eigentum in besonders schwerem Fall. Am 17. Juni 1992 soll Abramowitsch in Untersuchungshaft genommen worden sein, wo er ganz generös darauf verwies, "dass ich als Generaldirektor von AWK gern bereit bin, den dem Staate zugefügten Schaden zu ersetzen".
Am Ende soll jedoch ein ominöses lettisch-amerikanisches Joint Venture für Abramowitsch eingesprungen sein, berichtet das Uchtaer Magazin "Nep + S". Andere Artikel sehen im Trick mit den Waggons den etwas ungelenken Einstieg von Abramowitsch in den Ölhandel und betonen, die Ermittlungen seien nie eingestellt worden. "Wenn er mal ins Gefängnis kommen sollte, wird man die Akten rausholen", glaubt Wenediktow.
Die Firma AWK hatte Abramowitsch zusammen mit seinem Jugendfreund Andrej Bloch 1991 gegründet. Die Blochs, bei denen Abramowitsch ein und aus ging, waren so etwas wie die Taufpaten des jungen Oligarchen. Sie halfen ihm auch beim Sprung über die Grenze, denn als Rohstoffhändler brauchte er zwingend eine stabile Drehscheibe für seine Geldströme - und damit Stützpunkte im westlichen Ausland.
Dort ließ sich praktischerweise auch der Zwangsumtausch von Deviseneinnahmen in Rubel umgehen - und Semjon Bloch, der Bruder Andrejs, war dabei behilflich. Semjon Bloch hatte an der Moskauer Universität als Dozent für Erdölkunde gearbeitet und war 1991 als russisch-jüdischer Kontingentsflüchtling nach Deutschland gekommen.
Die entscheidenden Fäden hatte zuvor Blochs Onkel geknüpft. Als Autor eines Kulturführers über Moskau pflegte er freundschaftliche Beziehungen zu Franz Mehling, dem damaligen Lektor des Münchner Droemer-Knaur-Verlags. Und Mehling war es auch, der schließlich als Keimzelle für den deutschen Ableger Abramowitschs dienen sollte - bis heute unbemerkt von der Öffentlichkeit und dem englischen Biografen-Duo.
Bei mehreren Treffen lernten sich die Familien Mehling und Bloch näher kennen. Die russischen Freunde besuchten den Lektor in seinem Haus in Garmisch-Partenkirchen. Schließlich half Mehling Semjon Bloch beim Aufbau einer neuen Existenz. 1992 gründeten die beiden in München die BMP Trading.
Der Bildband-Experte von Knaur fungierte also plötzlich als Geschäftsführer einer Ölhandelsfirma, die ziemlich improvisiert wirkte. Mehling hatte von Öl und der russischen Sprache keine Ahnung. Zu den exotischen Gesellschaftern gehörte sogar ein mit Bloch befreundeter russischer Konzertpianist.
Die holprigen Anfänge waren schnell vergessen, als Abramowitsch die Bühne betrat. In den Monaten nach der Gründung
kaufte sich der Oligarch schrittweise mit insgesamt 450 000 Mark in die BMP ein und kontrollierte damit die Mehrheit der Firmenanteile.
Für BMP begannen die goldenen Jahre. Schon bald lagen die Umsätze der Firma bei mehr als hundert Millionen Mark, der Hausbank Reuschel & Co. bescherten die russischen Millionentransfers ansehnliche Gewinne.
Der Aufstieg Abramowitschs und seine häufigen Aufenthalte in Garmisch-Partenkirchen erregten bald die Aufmerksamkeit der Verfassungsschützer. Die bayerischen Schlapphüte vermuteten hinter den Kulissen der BMP die Zentrale des Schattenimperiums des Jelzin-Clans.
Als im Sommer 1998 in der deutschen Presse die ersten Gerüchte über ein Immobiliengeschäft der Jelzin-Tochter Tatjana in Garmisch-Partenkirchen kursierten, fühlten sich die Verfassungsschützer bestätigt. Es folgten Observationen und konspirative Treffen mit mindestens einem Angestellten der BMP in der Münchner Pizzeria "Roberto".
Doch Ende der Neunziger spielte die BMP für Abramowitsch kaum noch eine Rolle. Die großen Geschäfte liefen inzwischen über andere Kanäle, das russische Bankensystem hatte sich stabilisiert. Zudem stimmte mit Bloch die Chemie wohl nicht mehr so richtig. Laut Münchner Handelsregister übertrug er am 6. Oktober 1998 sämtliche Anteile an Bloch, der jedoch zur Sache keine Stellung nimmt.
Den Draht nach Deutschland hielt Abramowitsch dennoch: Gerade kaufte er sich in Garmisch-Partenkirchen das herrschaftliche Leitenschlössl, das zuvor dem Jelzin-Clan als Refugium diente.
In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wuchs Abramowitschs Vermögen im Zeitraffer. Als der russische Präsident Boris Jelzin 1995 aus finanzieller Not mit dem Ausverkauf des Landes begann und die Staatsunternehmen verscherbelte, ließ sich Abramowitsch nicht lange bitten. Zusammen mit Beresowski erwarb er 1996 Sibneft, das fünftgrößte Erdölkombinat des Landes - zum Schnäppchenpreis von knapp 200 Millionen Dollar. Bereits sieben Jahre später war Sibneft 15 Milliarden wert. Der junge Oligarch war endgültig in die Klasse der Schwergewichte aufgestiegen.
Obwohl er später in einem Interview behauptete, Jelzin nie gesehen zu haben, war er über dessen Tochter Tatjana, mit der er zusammen Ski fahren ging, längst in die Familie eingeführt. "Sein Auto stand in dieser Zeit dauernd auf dem Kreml-Parkplatz", sagt die Journalistin Elena Tregubowa, die damals im Kreml akkreditiert war. Zusammen mit anderen Oligarchen finanzierte er 1996 Jelzins Wahlkampagne. Politisch hielt man sich jedoch nach allen Seiten offen: Als die Regierung Kirijenko 1998 die Steuern für Erdölgesellschaften erhöhen wollte, drohten die Oligarchen damit, "einen Volksaufstand zu sponsern", sagt Tregubowa.
In einem seiner seltenen Interviews mit der Tageszeitung "Wedemosti" plädierte Abramowitsch 1999 für "mehr Einfluss des Großkapitals auf die Politik". Das Gespräch dokumentiert ein kommunistisch geprägtes Kapitalismus-Verständnis auf Klippschüler-Niveau: "Was dem russischen Business gut tut, sollte auch der Regierung gut tun."
Sich selbst konnte Abramowitsch mit dem mangelnden Einfluss kaum gemeint haben: Im Mai 1999 saß er im Vorzimmer des zukünftigen Regierungschefs Sergej Stepaschin und klopfte Ministerkandidaten auf deren Eignung ab. Der Journalist Alexej Wenediktow wartete damals in einem Nebenraum und beobachtete die groteske Szene, die von den Beteiligten später als "kleines Beisammensein" abgetan wurde.
Auch der Kontakt zu Putin, so beschreiben es die Autoren, lief wie geschmiert. Abramowitsch finanzierte nicht nur dessen aus dem Boden gestampfte Partei "Jedinstwo" (Einheit), sondern sprang auch als Zwischenhändler ein, als es darum ging, die privaten Medien wieder an die staatliche Kandare zu nehmen. Abramowitsch war sich bewusst, dass sein Reichtum eine Bringschuld nach sich zieht. Für Putin werde er "alles machen, was man mir vorschlägt", sagt er.
Den größten Gefallen tat der Oligarch dem Präsidenten Anfang 2000, als er sich mit über 92 Prozent der Stimmen zum Gouverneur der Dauerfrostregion Tschuchotka wählen ließ. Das Gebiet im Nordosten des Landes versank in Armut und konnte kaum mehr über das Wasser versorgt werden. Über die Hälfte der Bewohner hing an der Flasche, Wohnungen
wurden gegen ein Ticket nach Moskau verkauft.
Mit Abramowitsch schien die Sonne aufzugehen: Er baute Schulen, sorgte für pünktliche Gehaltszahlungen und schickte die Kinder in den Ferien nach Südeuropa. Dort erlebten sie Dinge, die sie nicht für möglich hielten - Aufschnittscheiben etwa, die sie ihren Eltern mit der Post nach Hause schickten.
Rund 200 Millionen Dollar an eigenem Geld soll Abramowitsch in die Region investiert haben. Doch dessen Verzinsung hatte er längst miteingeplant: Sibneft verlegte über 20 Filialen in die Region und wickelte über diese seine Öllieferungen ab. Dem Konzern ermöglichte diese Operation, so ein späterer Bericht des Wirtschaftsprüfungsamtes, eine Steuerumgehung von einer halben Milliarde Dollar. Schon oft ermittelten die Staatsanwälte wegen ähnlicher Tricks gegen Abramowitsch und Sibneft. Doch den Ermittlungen fehlte der in Russland entscheidende politische Segen.
Chelsea, glauben seine Biografen Midgley und Hutchins, sei nichts weiter als eine Lebensversicherung für Abramowitsch, "die billigste, die es gab". Kein englischer Premier wird ihn mehr ausweisen. Ruhe allerdings wird er auch in Sussex kaum finden, selbst wenn ihn die russische Politik in Ruhe lässt. Irgendwann, glaubt Wenediktow, werden seine alten Geschäftspartner vor der Tür stehen und ihre Anteile fordern. "Was macht er, wenn Chodorkowski aus dem Gefängnis kommt?", fragt der Journalist.
Gut möglich, dass Abramowitsch aber auch für diesen Fall vorgesorgt hat. "Vielleicht", so Wenediktow, "sagt er dann ja: Guck mal hier, hab all deine Sachen schon geregelt." BEAT BALZLI, NILS KLAWITTER
* Mit Ehefrau Irina. ** Dominic Midgley und Chris Hutchins: "Der Milliardär aus dem Nichts - Roman Abramowitsch". Murmann Verlag, Hamburg; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Von Beat Balzli und Nils Klawitter

DER SPIEGEL 32/2005
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