22.12.1975

Datum: 22. Dezember 1975 Betr.: Mettke-Ausweisung

Zweimal Deutschlandpolitik in einer Woche. Zweimal waren SPIEGEL-Männer an exponierter Stelle dabei, ein ehemaliger und ein aktiver. Günter Gaus, einst Chefredakteur des SPIEGEL, heute Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin, feilte mit seinen DDR-Verhandlungspartnern an den letzten Artikeln des Verkehrsabkommens, der Ost-Berlin 200 Millionen Mark für Autobahnreparaturen und jährlich 400 Millionen Mark als Transitpauschale einbringen wird -- Beweis der Normalisierung. Jörg R. Mettke, SPIEGEL-Korrespondent in Ost-Berlin, verlor Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung für die Deutsche Demokratische Republik -- Beweis der Anomalität im Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander.
Korrespondent Mettke, dem die DDR-Herren erst vor wenigen Tagen (am 12. Dezember) Akkreditierung und Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängert hatten " war am vergangenen Dienstag "noch im guten Glauben, die DDR wolle sich in einem -- von mir gewünschten -- Gespräch nun doch noch zur Sache der Zwangsadoption äussern", ins DDR-Aussenministerium gefahren. Ein Funktionär erwartete ihn um 16.50 Uhr am offenbar für diesen Zweck freigehaltenen Fahrstuhl und geleitete ihn in einen fensterlosen Konferenzraum im vierten Stock. Der im Umgang mit DDR-Diplomaten geübte Journalist erkannte an einem sicheren Indiz, dass sein Gespräch nur kurz sein werde: Auf dem Konferenztisch standen weder Rauchzeug noch Aschenbecher. Ohne Gruss und Eingangsformel wurde ihm von zwei Herren bedeutet, dass ihm wegen Verleumdung der DDR (in Heft 51 des SPIEGEL war ein Beitrag über Zwangsadoptionen von Kindern republikflüchtiger Eltern veröffentlicht) die Akkreditierung entzogen werde und er das Land binnen 48 Stunden zu verlassen habe. Mettke erhielt weder eine Begründung noch Gelegenheit zur Stellungnahme, wie es -- von der DDR mit unterschrieben -- im Korb drei der KSZE-Vereinbarung von Helsinki kodifiziert ist. Auf Weisung aus Bonn wurde letzten Mittwoch der ehemalige SPIEGEL-Mann Gaus bei den DDR-Behörden vorstellig, um die Ausweisung des aktiven SPIEGEL-Mannes rückgängig zu machen -- vorläufig ohne Erfolg. Mettke muss raus. Der SPIEGEL wird sich auf die von der DDR ratifizierten Verträge berufen, um Mettke wieder nach Ost-Berlin reinzubringen.

DER SPIEGEL 52/1975
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