17.11.1975

Ich fand mich gut

Nach zwei sieglosen Länderspielen protestierten jüngere deutsche Nationalspieler gegen den Einsatz von Günter Netzer. Am Mittwoch gegen Bulgarien dürfen sie ohne ihn spielen.
In Madrid nennen die Fußballfans den Deutschen Günter Netzer den "blonden Engel mit den großen Füßen". Dabei übersehen sie, daß jeweils ein X- und ein O-Bein sowie eine Wirbelsäulenverkrümmung Gestalt und Haltung des Spielers mit der Schuhgröße 47 beugen; für sie ist der langhaarige Deutsche der Motor aller Siege ihres Klubs Real Madrid. Die Gastwirte der Hauptstadt rechnen es sich zur Ehre an, dem Star gratis aufzutischen.
Daheim in Deutschland ist jedoch das Ansehen des 1973 abgewanderten Nationalspielers beträchtlich gesunken. Seine Diskothek "Lover's Lane" und das Speiselokal "La Lacque" im Geburtsort Mönchengladbach mußte Netzer, 31, aufgeben. Der Platz in der Nationalmannschaft ging in der vergangenen Woche in einer mal telephonisch, mal in der Presse aufgeführten internationalen Talk-Show verloren.
Zwischen Wiesbaden, wo der Bundestrainer wohnt, und Netzers Exil Madrid jagten sich Telephonate. Von Berlin bis Athen, von Gelsenkirchen bis München spalteten sich die Deutschen und die Fußballexperten Europas in zwei Lager.
"Es ist lästig, jedesmal bei Real Madrid anfragen zu müssen, ob Netzer und Paul Breitner für das nächste Länderspiel freigegeben werden", verzagte schließlich auch Bundestrainer Helmut Schön. "Weder bei Real Madrid noch in der Nationalmannschaft hat Günter Netzer eine Zukunft", muckte der Münchner Uli Hoeneß, 23, auf.
Griechenlands Nationaltrainer Alketas Panagoulias, der jüngst sogar in Deutschland gegen die Deutschen mit Netzer 1:1 gespielt hatte, mahnte: "Ein Land mit 62 Millionen Einwohnern und der härtesten Fußball-Liga der Welt muß doch ohne den Veteranen Netzer auskommen."
Dem schloß sich auch Trainer Max Merkel von Schalke 04 an: "Eines Tages läßt sich der alte Herr Netzer am Fuße des Zuckerhutes in Rio nieder, und der arme Bundestrainer kann ihn telephonisch nur noch nachts erreichen." Merkeis Ketzerei zur "Netzerei" stärkt zugleich die Personalpolitik beim eigenen Klub FC Schalke 04. Dort spielt Hans Bongartz, 24, blond wie Netzer und ebenfalls Mittelfeldspieler wie der Europameister von 1972. Zielbewußt merkte Bongartz ("Ich bin ein Spieler, der für den großen Raum geschaffen ist") an: "Ich glaube, die Ära vom Günter ist nun wirklich vorbei."
Doch das täuscht. "Ich spiele nie mehr für Deutschland", hatte Netzer 1970 kurz vor der Weltmeisterschaft in Mexiko gelobt. "Und mit Herrn Schön bin ich fertig." Die Nationalmannschaft mit Netzer hatte 0:2 in Sevilla verloren. Netzer warf Schön vor, er habe dessen Kritik erst in der Zeitung gelesen: "Auf dem Rückflug saß Schön hinter mir und sagte nichts."
In Mexiko gehörte Netzer nicht mehr zur Nationalmannschaft. Als "Bild"- Reporter tauchte er im deutschen Quartier auf. Bundestrainer Schön aus dem Swimming-pool: "Eine Unverschämtheit, hier noch herzukommen, nachdem Sie sich an die Sensationsmacher verkauft haben." Doch ein halbes Jahr später spielte der Unverschämte wieder für Deutschland und wurde unter Schön Europameister. "Hoffentlich kann ich diese Mannschaft bis zur Weltmeisterschaft konservieren", bangte Schön. Es gelang nicht.
"Ich werde nie mehr den Dreß der Nationalmannschaft tragen", hatte Netzer schon im Jahr darauf neuerlich den Abschied genommen. Aus gutem Grund: Er verließ seinen Klub Borussia Mönchengladbach, mit dem er zweimal Deutscher Meister und einmal Pokalsieger geworden war, und wechselte zu Real Madrid. Der spanische Klub zahlte rund eine Million Mark Ablöse an Netzers deutschen Verein und setzte dem Spieler ein Jahressalär von 500 000 Mark aus. Real gewann mit Netzer wieder Spaniens Fußballtitel. Netzer: "Erst hier in Madrid habe ich gemerkt, wie sehr ich in Mönchengladbach am Leben vorbeigelebt habe."
Auch ohne Deutschlands Nationalmannschaft mochte Netzer nun doch nicht mehr weiterleben. Schließlich fand die Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik statt. Prompt übten die meisten deutschen Nationalspieler passiven Widerstand gegen "den Spanier Kurz vor dem ersten WM-Spiel entschied Schön: "Ohne Netzer." Flugs wurde noch eine kleine Verletzung ersonnen. Erst im dritten Spiel, gegen die DDR, kam Netzer als Reservespieler zum Einsatz -- die Deutschen verloren 0:1. Wieder entsagte Netzer. Die Schön-Spieler wurden ohne ihn Weltmeister.
Doch Netzers spanische Spätlese -- auch in der laufenden Spielzeit liegt Real Madrid an der Tabellenspitze -- alarmierte Weitmeistermacher Schön ("Der Günter ist ja doch ein Riesenfußballer") neuerdings. Inzwischen war ein weiterer Deutscher, Weltmeister Paul Breitner, 24, aus München zu Real Madrid gestoßen. Der laufstärkere Landsmann überspielte dort Netzers läuferische Mängel.
Der in Spanien bevorzugte Stil, den Ball auf kurzem Abstand zum Mitspieler weiterzuleiten, statt mit kraftvollen Schlägen über 50 Meter nach vorn zu dreschen, wie in der Bundesliga üblich, ließ die "deutschen Bullen". so Real-Trainer Miljan Miljanic, ohne viel Aufwand Supergagen verdienen. Breitner fand noch Zeit, nebenbei in dem Film "Potato-Fritz" mitzuwirken. Netzer eilte zu Klimbim-Treffs öfter mal nach Deutschland.
Im letzten Frühjahr setzte Schön den Nie-wieder-Nationalspieler in Sofia gegen Bulgarien ein. Mühsam erreichte die Netzer-Equipe ein 1:1. Aber auch im Heimspiel gegen Fußballzwerg Griechenland vor fünf Wochen glückte wieder nur ein 1:1. Als Mitspieler und die Presse Netzer und auch Breitner kritisierten, wehrte sich Netzer: "Ich fand mich gut." Auch Schön erklärte sich mit dem Real-Star zufrieden.
"Nur nicht noch einmal mit Netzer und Breitner im Mittelfeld", rügte dagegen der dritte Mann im deutschen Mittelfeld, Erich Beer. "Denn dann haben wir nur noch den Torwart in der Abwehr." Netzer entgegnete, daß er gekämpft habe wie noch nie. "Die Spanier trainieren zuwenig", rügte Schalkes Merkel. "Nur Real tut etwas mehr, die atmen sechsmal mehr durch."
Irritiert vom Widerstreit der Meinungen, suchte Bundestrainer Schön nach einem Ausweg. Rief er in Madrid an, war Netzer nicht da. Rief Netzer bei Schön an, war der Bundestrainer nicht da. "Ich melde mich noch", hinterließ letzten Montag der umstrittene Star. Dann "traf ihn der Schlag". Er las in der Zeitung, er sei für das Bulgarienspiel an diesem Mittwoch nicht mehr vorgesehen, dafür Hans Bongartz von Schalke 04. Wieder faßte Netzer seinen unverbrüchlichen Entschluß: "Nie mehr spiele ich für Deutschland."
Woran der Wiener Max Merkel noch nicht glauben kann: "Dös is wie mit dem alten Barbarossa. in 100 Jahren noch werden die Leute glauben, dös da Netzer wieder spuilt."

DER SPIEGEL 47/1975
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