25.04.1977

BILDERRAUBHeimspiel für Hertha

Mit einem spektakulären Millionenraub im Potsdamer Schloß Sanssouci wollte ein Westdeutscher die DDR erpressen -- Beute gegen Braut.
Es war kurz nach 22 Uhr, am 29. Januar dieses Jahres. Ein weißer Mercedes, besetzt mit zwei Heimkehrern vom Bundesligaspiel Hertha BSC gegen den MSV Duisburg, rollt auf einen Parkplatz an der Transitstrecke Berlin-Helmstedt. Auf dem Rücksitz liegt breit die Fahne des West-Berliner Fußballklubs.
Wie Schemen stehen plötzlich zwei dunkelhaarige Männer am Wagen, verstauen im Kofferraum und unter dem blau-weißen Tuch in Decken eingeschlagene Gegenstände. Ohne Hast verläßt wenig später der Wagen den rund 50 Kilometer von der Raststätte Michendorf gelegenen Platz. Noch vor Mitternacht ist er im Westen.
Mit der nächtlichen Ost-West-Fuhre muß sich von diesem Montag an ein Frankfurter Schöffengericht beschäf-
* Die Frankfurter Oberstaatsanwältin Adelheid Werner mit Tintorettos "Bildnis eines alten Mannes".
tigen. Denn für Staatsanwaltschaft und Bundeskriminalamt gehört das, was da abseits der Transitstrecke geschah, zum spektakulärsten Kunstraub der deutschen Nachkriegsgeschichte, minutiös geplant und perfekt ausgeführt von einer Diebes- und Hehlerbande, deren Kopf, ein bislang unbescholtener Innenarchitekt aus Melsungen bei Kassel, das Gaunerstück freilich ganz anders einschätzt: "Mir ging es nicht ums Geld; ich wollte die DDR erpressen."
Von solcher Motivation will die Anklagevertreterin. die Frankfurter Oberstaatsanwältin Adelheid Werner, wegen besonders effektiver Arbeit von Deutschlands Kripo-Beamten unlängst mit dem "Bullen-Orden" ausgezeichnet, wenig wissen. Denn immerhin steht fest, daß die Beute aus dem Bruch im Potsdamer Schloß Sanssouci für sieben Millionen Mark auf dem schwarzen Kunstmarkt angeboten worden ist.
Und so hätte der 36jährige Bernd Wuchold vor Gericht wohl kaum noch eine Chance, wenn es nicht, wie sein Verteidiger meint, "Belege und Indizien" dafür gebe, daß der von langer Hand vorbereitete Millionenraub DDR-Bürgern den Weg in den Westen öffnen sollte: vor allem der 23jährigen diplomierten Kunsterzieherin Martina Ulbrich, der Verlobten des Innenarchitekten, die nach drei abgelehnten Ausreiseanträgen jetzt als Hilfskraft in einer Ost-Berliner Drogerie arbeiten muß.
Geboren wurde die Idee, der DDR die Freiheit einzelner gewaltsam abzupressen, Ende 1975 im Gefängnis von Cottbus. Dort hatte der in der Nähe von Erfurt wohnende und als Kunstsachverständige geschätzte Wuchold "wegen staatsfeindlicher Verbindungen" und "Devisenvergehen" drei Jahre und drei Monate abzusitzen. Beamte des Staatssicherheitsdienstes hatten ihn bei den Vorbereitungen zu seiner, beim West-Beliner Fluchthilfe-Boß Wolfgang Loeffler bestellten Flucht überrascht.
Mit den DDR-Behörden lebte der 1961 als 20jähriger freiwillig in den Osten Übergesiedelte schon seit 1968 in ständigem Konflikt, nachdem er, beeinflußt von tschechischen Kunstfreunden, beim Prager Frühling und anschließend auch bei der Revolte gegen die sowjetischen Truppen mitgemacht hatte. Wuchold: "Für mich und meine Freunde gab es seit den Ereignissen in der CSSR nur noch eines -- weg."
Der Countdown für den Kunstraub aus dem Kabinett in Sanssouci begann, als sich Wuchold, freigekauft von der Bundesregierung, am 12. Mai letzten Jahres im Notaufnahmelager Gießen meldete. Während Helfer in der DDR ("Ich bin bereit, die Namen dem Verfassungsschutz zu nennen") den nun wieder westdeutschen Staatsbürger mit Ortsskizzen und Plänen der Sicherungsanlagen versorgten, warb Wuchold für die Tat zwei sportgestählte Türken und für den Transport zwei arbeitslose Bekannte an.
Zum Diebstahl ausersehen hatten Wuchold und seine Helfer drei Gemälde des Flamen Anthonis van Dyck, und dies aus einem besonderen Grund. Der Besitz der Bilder im Wert von mehreren Millionen Mark ist zwischen Bonn und Ost-Berlin umstritten. "Wir dachten", so Wucholds Kalkül, "wenn wir die van Dycks der Bonner DDR-Vertretung zur Rückgabe anbieten und dafür die Freilassung von 14 Ausreisewilligen fordern, machen die das sofort, nur damit sie ihre Bilder schnell wiederkriegen."
Als Tattag wurde der 29. Januar bestimmt; ein Samstag, an dem Hertha im Olympiastadion ein Heimspiel und wie immer zahlreiche Besucher aus Westdeutschland hatte. Im Troß der Fußball-Fans, spekulierte der Melsunger, ließen sich die lockeren Transitkontrollen am leichtesten passieren.
Doch dann lief alles ganz anders. Zwar überwanden die durchtrainierten und mit Montiereisen, Taschenlampen und einem Messer ausgerüsteten Türken die nahezu drei Meter hohe Mauer, die den volkseigenen Besitz im alten Lustschloß Friedrichs des Großen schützen soll. Sie fanden auch, wie Wucholds Mittelsmänner zugesagt hatten, die wichtigsten Gitter, Fenster und Türen unverschlossen, nur mit den im Katalog angekreuzten van Dycks gab es Schwierigkeiten. Nr. 96, Nr. 103 und Nr. 105 ließen sich mit dem mitgebrachten Messer nicht aus den Rahmen schneiden. Die über dreihundert Jahre alte Leinwand war zu stark.
Wahllos griffen sich die unsachverständigen Kunstdiebe aus Kabinett und Galerie Gemälde, die sie samt Rahmen mitnehmen konnten, packten die Sore in ihren beim Schloß abgestellten NSU-Prinz und fuhren zum verabredeten Treffpunkt bei Michendorf.
"Als ich dann in Helmstedt sah, was die beiden angeschleppt hatten", erinnert sich Wuchold, "wußte ich, aus unserem Plan wird nichts. Selbst für das wohl wertvollste Stück, Tintorettos "Bildnis eines alten Mannes', hätte die DDR nicht mal die Martina allein rausgelassen."
Eine Woche nach dem Fehlschlag reiste Wuchold nach Prag, um mit seinen auf Freiheit hoffenden Komplicen eine neue Marschroute abzusprechen. Dabei sei beschlossen worden, sagt er heute, die Bilder zu verkaufen und den Erlös zur Bezahlung von Fluchthelfern zu verwenden. "Wir wollten, daß Honecker quasi aus dem eigenen Säckel dafür zahlt, daß die Leute ausreisen dürfen."
Dazu kam es nicht. Zwar konnte der verhinderte Erpresser noch bei der Kreissparkasse in Kassel ein Konto mit dem Kennwort "Flüchtlingshilfe Thüringen" einrichten, Geld aber ging dort nicht mehr ein.
Kaum hatte der Innenarchitekt über einen Kasseler Antiquitätenhändler das Diebesgut offeriert und ein einschlägig erfahrener Makler aus Dortmund für potente Kundschaft gesorgt, wurde Wuchold samt Beute in Karlsruhe gefaßt. Er war gerade dabei, einem Schweizer Kunstsammler vier der Bilder vorzulegen. Ob der Makler verpfiffen wurde oder der Kunde faul war, darüber schweigt sich die Polizei aus.
Seit Anfang März liegen die Gemälde, für eine Million Mark versichert, beim Museum in Wiesbaden. Wann die DDR sie zurückerhält, ist noch nicht entschieden.

DER SPIEGEL 18/1977
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