25.04.1977

FERNSEHENEigentümliche Blindheit

„Generale“. Fernsehspiel von Sebastian Haffner (Buch) und Franz Peter Wirth (Regie). ZDF, 29. April, 20.15 Uhr.
Die Einsatzpläne sind unterzeichnet, im Hintergrund dröhnt schon der Marschtritt der Infanterie. Am Freitagabend dieser Woche ist es soweit: Auf bundesrepublikanischen Fernsehschirmen schlagen Deutsche, Franzosen und Briten noch einmal, was einst einer ganzen Generation als Wunder und Menetekel erschien -- die Schlacht an der Marne im September 1914.
"Generale", das erste Dokumentarspiel des ehemaligen "Stern"-Kolumnisten Sebastian Haffner, ist freilich mehr als ein gewöhnlicher Kriegsfilm. Keine der sonst obligaten Kampfszenen wird zu sehen sein, Haffners Krieg findet nur in den Quartieren und Gehirnen der führenden Militärs beider Seiten statt.
"Nicht die gewaltigen Leistungen und Opfer der Truppe", erläutert Haffner, "haben die Schlacht entschieden. Die Marneschlacht war keine Soldatenschlacht, sondern eine Generalsschlacht! Nicht der deutsche Soldat ist an der Marne besiegt worden, sondern die deutsche Generalität."
Solche Erkenntnis verdankt er nicht zuletzt dem Berliner Schriftsteller Wolfgang Paul, dessen Buch "Entscheidung im September" (1974) Haffner zu dem TV-Spiel inspirierte. Paul hatte mit seinem Buch die von den Deutschen lange Zeit verdrängte Marne-Niederlage gleichsam wiederentdeckt, jene rätselhafte, heftig umstrittene Kehrtwendung des sich zu Tode siegenden deutschen Westheeres, die Deutschlands Siegesaussichten im Ersten Weltkrieg zerstörte.
Haffner hatte sein Thema gefunden: "die eigentümliche Betriebsblindheit der Generale am Anfang eines Krieges". Der Krieg mit seinen neuen technischen Bedingungen, so Haffner, läßt die hohen Militärs zunächst ratlos im dunkeln tappen: alle "handeln, ohne die Bedingungen und Folgen ihres Handelns wirklich zu übersehen, und wissen im Grunde keinen Augenblick wirklich, was sie tun".
Archetypen dieser Unzulänglichkeit: die beiden Hauptgegenspieler der Marneschlacht, Deutschlands schwankendnervöser Generalstabschef Moltke und Frankreichs bullig-beschränkter Oberbefehlshaber Joffre. Haffner: "Die Ironie ist, daß dabei der Allerblindeste, bis zum Schluß in seinen Irrtümern Unerschütterliche (Joffre) sich dem Klügeren, Selbstkritischeren, Tiefersehenden (Moltke) schließlich überlegen erweist."
Haffner forschte weiter und hatte bald ein Psychogramm der Weltkrieg-I-Generalität zusammen, das er für fernsehreif hielt. Doch die TV-Redakteure mochten sich dem Journalisten ohne Drehbuch-Erfahrung nicht anvertrauen, auch Paul hatte beim ZDF mit einem ähnlichen Projekt kein Glück. Erst Wolfgang Venohr, Chef der Hamburger Fernsehgesellschaft "stern-tv" und Produzent gefeierter zeitgeschichtlicher Arbeiten (sein Laval-Film "Der Opportunist" erhielt soeben den DAG-Fernsehpreis), bahnte Haffner einen Weg an die richtigen ZDF-Schreibtische. Haffners Projekt wurde akzeptiert, stern-tv erhielt den Produktionsauftrag. Im Sommer 1976 begann Regisseur Franz Peter Wirth mit den Außenaufnahmen.
Am Ende entstand ein Fernsehfilm, der nicht nur wegen seiner hohen Produktionskosten (825 500 Mark) aus der grauen Masse zeitgeschichtlicher TV-Konfektionsware herausragt. Selten hat ein bundesdeutsches TV-Spiel die Atmosphäre einer fremden Zeit so dicht wiedergegeben, noch nie Arbeit und Mentalität von Generalen so realistisch dargestellt.
Das ist das Verdienst Haffners, der gescheite Dialoge zu schreiben weiß, und zum Teil guter Schauspieler: hervorragend Siegfried Wischnewskis Joffre-Studie, überzeugend auch Otto Kurth in der Rolle Moltkes und Alexander Hegarth als Moltkes Unglücksbote Hentsch. Brillanter Höhepunkt: der Monolog von Hannes Messemer als Paris-Verteidiger Galliéni. Sebastian Haffner versteht es zudem, die komplizierte Schlacht auf die Kernvorgänge zu reduzieren und damit auch für Nichtfachleute überschaubar zu machen.
So wäre denn am Freitag ein rundum gelungenes TV-Ereignis zu gewärtigen, würde sich nicht Haffner dem Erfolg seines Spiels in den Weg stellen. Nach einem unseligen Regie-Einfall des ZDF muß er seinen Film selber moderieren: Der dozierende Haffner, krampfhaft-lächelnd am Schreibtisch sitzend, unterbricht immer wieder die spannende Handlung -- kein Wunder, daß Wirth dagegen lange Zeit opponierte.
Noch ärgerlicher aber ist, daß dem Autor-Moderator dabei Detailfehler und Mißdeutungen unterlaufen, die die Frage aufwerfen, ob Haffner seine Story gründlich genug recherchiert hat. Er selber provoziert die Frage -- durch ein allzu keckes Wort zu Beginn seines Films: "Alles, was wir in unserer Rekonstruktion zeigen werden, hat sich wirklich abgespielt. Jede Szene, die wir nachstellen, ist bis in Einzelheiten historisch bezeugt."
Sie ist es mitnichten. Nun mag es unerheblich sein, ob Haffner seinen Moltke mit unzeitgemäßen Orden und imaginären Titeln ausstattet oder ein deutsches Botschafter-Telegramm mit erfundenen Daten und Sachverhalten anreichert. Fragwürdig aber wird es, wenn er ohne Quellenstützung ganze Szenen erfindet und den Akteuren Äußerungen zuschreibt, die im Gegensatz zu ihren historiographisch gesicherten Auffassungen stehen.
Beispiele? Die angebliche Brüskierung Hentschs durch den Führer der 1. Armee, das entscheidende Gespräch Moltke-Hentsch am 7. September, die Monologe des Generalobersten von Bülow -- alles reine Phantasie. Auch die Darstellung der Mission Hentschs, die zum deutschen Rückzug führte, weicht erheblich von den Erkenntnissen der Geschichtsforschung ab.
Schade, daß Haffner damit die alten Vorurteile der Fachhistoriker gegen die historisierenden Amateurtalente des Fernsehens erneut belebt. Dabei könnte er anders. Ein bißchen mehr Gründlichkeit, größere Nähe zu den Quellen -- und Sebastian Haffner könnte eine neue Ära intelligenter Dokumentarspiele eröffnen. Heinz Höhne
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 18/1977
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