25.04.1977

„Es mußte erst Todesfälle geben“

SPIEGEL: Herr Senator Brückner, im Februar 1976 wurden in einer Überdruckkammer in Hannover fünf Menschen getötet. Am letzten Montag gab es hier in Bremen den sechsten Todesfall. War ein Jahr Zeit nicht genug, um aus Schaden klug zu werden?
BRÜCKNER: Wir haben im letzten Jahr zunächst auch die Bremer Überdruckkammer geschlossen und eine Reihe von technischen Auflagen gemacht, wobei sich zeigte, daß die Bremer Überdruckkammer schon eine Vorschleuse hatte, was die in Hannover nicht hatte.
SPIEGEL: Beide werden von dem Heilpraktiker Martin Hinterthür betrieben.
BRÜCKNER: Ja. Nachdem wir diese zusätzlichen Auflagen, gegen die er sich gewehrt hat, dann mit Polizeianordnung durchgesetzt haben, blieben uns keine rechtlichen Möglichkeiten, eine Wiedereröffnung der Überdruckkammer zu verhindern.
SPIEGEL: Schon vor einem Jahr ist diese Gesetzeslücke beklagt worden. Wie ist zu verhindern, daß kranke, überwiegend alte Menschen einer mit so hohem Risiko behafteten Behandlung ausgesetzt werden -- wobei allein die Betreiber einen Nutzen haben? Im westdeutschen Druckkammer-Business wurden in den letzten Jahren über 50 Millionen Mark umgesetzt.
BRÜCKNER: In vielen Fällen wird mit dem Wunsch nach Gesundheit ein Geschäft gemacht. Der apparative Aufwand in der Medizin wird immer größer. Wir haben eine medizintechnische Ausstattung, die nicht ausschließlich an der Heilung von Patienten orientiert, sondern auch stark von den Hersteller-Interessen bestimmt ist.
SPIEGEL: Hinterthür ist sogar beides: Hersteller und Betreiber seiner Druckkammern.
BRÜCKNER: Ja. Und bisher sind die Einflußmöglichkeiten des Staates außerordentlich gering. Die Behandlung bei Heilpraktikern und Ärzten im gesamten ambulanten Bereich unterliegt der sogenannten Therapiefreiheit. Deshalb bleibt uns einstweilen nur das Polizeirecht. Wenn man die Kammer schließen will, müßte nachgewiesen werden, daß die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet ist. Aber es ist nicht leicht zu beweisen, daß zum Beispiel der Todesfall vom letzten Montag auf schuldhaftes Versagen am Gerät oder bei der Behandlung zurückzuführen ist.
SPIEGEL: Der Hinweis auf die Therapiefreiheit kam schon im letzten Jahr. Aber damals sprachen die Ärztekammern, zum Beispiel in Niedersachsen, von einem "Mißbrauch der Kurierfreiheit"; eine "obskure Gesellschaft" habe sich an den gesetzlichen Vorschriften "vorbeigemogelt".
BRÜCKNER: Ich habe schon nach dem Vorfall in Hannover in der Gesundheitsminister-Konferenz der Länder vorgeschlagen, diese Gesetzeslücke zu schließen. Wir haben die Frage zunächst an den Ausschuß der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamten überwiesen. Diese haben nach zweimaliger Erörterung festgelegt, daß zunächst die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Hannover abgewartet werden sollten.
SPIEGEL: Mit dem Prozeß in Hannover ist offenbar frühestens Ende dieses Jahres zu rechnen. Welches Ziel hat Ihre Gesetzesinitiative?
BRÜCKNER: Es geht darum, daß wir -- ähnlich wie im Arzneimittelbereich durch das neue Arzneimittelgesetz -- auch in diesen, den medizinischtechnischen Bereich der Therapiefreiheit eingreifen müssen. Es müßte eine Art TÜV für medizinisch-technische Geräte geschaffen werden. Solche Geräte müssen, soweit sie ein Risiko für den Patienten mit sich bringen, einer staatlichen Konzession unterliegen.
SPIEGEL: Dazu gehört die Frage nach dem medizinischen Nutzen. Ist denn in Ihrem Ausschuß klargestellt worden, daß es sich bei der Überdruckkammer à la Hinterthür eher um Scharlatanerie als um medizinisch sinnvolles Tun handelt?
BRÜCKNER: Die große Mehrheit aller Mediziner -- in diesem Ausschuß, glaube ich, einstimmig -- ist der Auffassung, daß außer etwa bei Gasbrand und Kohlenmonoxid-Vergiftung eine Behandlung in Überdruckkammern medizinisch wirkungslos, wenn nicht gar gefährlich ist.
SPIEGEL: Dabei arbeiten die kommerziellen Druckkammern wie in Hannover und Bremen noch nicht einmal mit reinem Sauerstoff, sondern nur mit simpler Preßluft. Die von den Druckkammer-Unternehmen propagierte Sauerstoffanreicherung im Blut kann auch mit einer ganz normalen Sauerstoffdusche bewirkt werden.
BRÜCKNER: Ja, ohne das Risiko der Überdruckkammer...
SPIEGEL: ... und ohne daß dafür 700 Mark von jedem Patienten erlegt werden müssen.
BRÜCKNER: Leider ist es so, daß solche Unternehmer ihre Patienten zum großen Teil von Ärzten überwiesen bekommen und daß die Patienten auf die Behandlung schwören.
SPIEGEL: In Wahrheit erhalten sie für das Geld nur eine Art Tiefenrausch, eine Euphorie wie beim Tauchen in größerer Tiefe. Dann werden sie wieder ausgeschleust -- weiter nichts.
BRÜCKNER: Vor einem Jahr habe ich im Fernsehen beobachtet, wie Menschen im Wartezimmer der Hamburger Hinterthür-Niederlassung saßen und nach dem Desaster von Hannover befragt wurden. Die waren von den Todesfällen überhaupt nicht beeindruckt. Das haut einen um.
SPIEGEL: Die Werbebroschüren von Druckkammer-Unternehmer Hinterthür versprechen Heileffekte nicht nur bei Hautkrankheiten, vegetativer Dystonie und Leberschäden, sondern sogar bei Herzinfarkt und Asthma.
BRÜCKNER: Für mich ist die Frage, wie wir den Patienten vor solcher, wie Sie sagen, Scharlatanerie schützen können. Ich kann nicht mal den Appell loslassen und der Bevölkerung sagen: Gehen Sie nicht dorthin. Der Herr kann mich dann verklagen wegen Geschäftsschädigung. Obwohl ich offen sage: Das ist eine unnütze Behandlung, wer dahin geht, soll sich das ein paarmal überlegen.
SPIEGEL: Sie haben auch keine Möglichkeit, diese haarsträubende Werbung zu unterbinden?
BRÜCKNER: Nein. Ich kann im ambulanten Bereich aufgrund der generellen, in unserem Land gesetzlich festgelegten Therapiefreiheit keinem Heilpraktiker oder Arzt vorschreiben, er dürfe dieses oder jenes Gerät nicht benutzen, dieses oder jenes Medikament nicht verschreiben. Das steht nicht in meiner Macht.
SPIEGEL: Im Gegensatz zum Risiko steht auch, daß die Zulassung einer Überdruckkammer nur eine Formsache darstellt: Anmeldung als gewerbliches Unternehmen, Kostenpunkt acht Mark ...
BRÜCKNER: Ja, Gewerbeordnung Paragraph 30...
SPIEGEL: ... dann vielleicht noch eine sogenannte Baunutzungsgenehmigung und schließlich die TÜV-Prüfung des Druckkessels.
BRÜCKNER: Ja, insofern handelt es sich gar nicht um eine medizinische, auf die Heilbehandlung ausgerichtete Überprüfung.
SPIEGEL: Wieviel Zeit wird noch hingehen, oder anders gefragt: Wie viele Druckkammerpatienten müssen noch sterben?
BRÜCKNER: Es ist tatsächlich nicht auszuschließen, daß, wenn nicht ein weiterer Todesfall passiert wäre, die Arbeit an der Schließung der Gesetzeslücken verlangsamt worden wäre ...
SPIEGEL: Und wie geht es weiter?
BRÜCKNER: Ich werde auf der nächsten Gesundheitsministerkonferenz im Juni diesen Punkt auf die Tagesordnung setzen. Ich bin derzeit Vorsitzender, und das ist also kein Problem. Aber ich sehe schon jetzt große Schwierigkeiten auf uns zukommen.
SPIEGEL: Rechnen Sie mit dem Widerstand der Ärzteverbände?
BRÜCKNER: Ich befürchte, daß bei den Ärztefunktionären auch diejenigen, die vor einem Jahr gesagt haben, dies sei Mißbrauch der Therapiefreiheit, jetzt anders sprechen werden, wenn es darum geht, daß der Staat dort die Hand drauf legt. Aber ich meine, daß wir als Gesetzgeber tätig werden müssen zum Schutze von Patienten, die auf der Suche nach Heilung auf solche Personen mit solchen Geräten hereinfallen und dafür viel Geld bezahlen.
SPIEGEL: Gibt es keine Möglichkeit, diesen Eingriff in die Therapiefreiheit vorerst nur auf jenes Gerät zu begrenzen, in dem nun schon ein halbes Dutzend Menschen umgekommen sind?
BRÜCKNER: Ich will Ihnen offen sagen, daß mir das nicht genügt. Wenn schon ein Gesetz, dann muß der gesamte medizinisch-technische Bereich einbezogen werden.

DER SPIEGEL 18/1977
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