08.12.1975

VERBÄNDEZiemlich bedripst

Binnen weniger Monate machte Harms Martin Schleyer aus dem vergleichsweise harmlosen Arbeitgeberverband eine wirksame Unternehmer-Lobby.
Aus der schweigenden Mehrheit der Hundertschaft nahm nur einer den Gast an.
Anders als seine Unternehmerkollegen griff Hanns Martin Schleyer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, unverblümt den Kanzler an, als sich der Sozialdemokrat unlängst auf eine Diskussion mit Topmanagern der westdeutschen Industrie einließ: "Eine Regierung, die nur Milch und Honig verspricht", habe das Recht verwirkt, den Unternehmern eine Mitschuld an den von Schmidt monierten hohen Lohnzuwachsraten der frühen siebziger Jahre anzulasten. "Jede volkswirtschaftlich vernünftige Lohnpolitik", rügte Schleyer, sei durch die Neigung der Koalition, ihre "Kolonnen aufmarschieren" zu lassen, hinfällig geworden. Sogar Hartmann Schmidt zeigte Wirkung: "Das war nicht zu meiner Zeit."
Kaum eine Gelegenheit läßt sich Schwergewicht Schleyer entgehen, als Sprecher der gesamten Wirtschaft aufzuwarten. Während Industrieverbands-Chef Hans-Günther Sohl und Handelstags-Präses Otto Wolff von Amerongen auf deutliche Distanz zu Bonns Sozialliberalen Wert legten, verschaffte sich der Arbeitgeber-Präsident mit kumpelhafter Bärbeißigkeit Gehör und Respekt.
Mit Ausnahme von Schleyer, berichtete Schmidt nach einem Besuch von fünf Verbandsführern im Palais Schaumburg, seien alle "nach vier Stunden ziemlich bedripst" abgezogen.
Präsident Schleyer hat sich vor allem das Lob seiner Arbeitgeber-Klientel verdient. Kein Arbeitgeber-Präsident der Nachkriegszeit war erfolgreicher; zielstrebig machte er in Boomjahren verlorenes Terrain wieder gut.
Seit seiner Amtsübernahme vor zwei Jahren nutzte er die durch Konjunkturflaute und Arbeitslosigkeit bedingte Formschwäche von Gewerkschaften und sozialdemokratischen Neuerem, um geplante Reformen zu verhindern und Lohnraten zu drücken. Beizeiten schon hatte der Sechzigjährige, im Hauptberuf Daimler-Benz-Vorstand, den einst behäbigen Arbeitgeber-Debattierklub in eine schlagkräftige Lobby umgerüstet.
Noch einer seiner Vorgänger, Hans-Constantin Paulssen, hatte in den fünfziger Jahren gejammert, die Unternehmer ließen sich kaum zu einer disziplinierten Organisation zusammenführen: Da sei es schon leichter, "einen Sack Flöhe zu hüten".
Vorgänger Otto A. Friedrich, Flick-Teilhaber und Feingeist im Präsidentenamt, mochte diesen Versuch gar nicht erst riskieren. Er zog Appelle an die Partnerschaft zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern vor, bei Lohnkonflikten hielt er sich vornehm zurück.
Anders Schleyer: Als sich etwa Baugewerkschaftler und Bauunternehmer zu Tarifverhandlungen trafen, war ein Schleyer-Vertrauter dabei: Der Oberarbeitgeber wollte jedes Zurückweichen seiner Kollegen hinter die von ihm festgelegten Grenzen verhindern.
Weit wirksamer als seine Kollegen aus den anderen Spitzenverbänden baute Schleyer seine Kontakte nach Bonn aus. Folge: Der Verbandsboß verfügt zumeist über Informationen aus erster Hand. Während sich beispielsweise Sohl noch die letzten Nachrichten der koalitionsinternen Mitbestimmungsdiskussion zusammenklauben ließ, war Schleyer. längst einen Schritt weiter. "In zahlreichen Gesprächen von namhaften FDP-Politikern" informiert, holte er zu Gegenschlägen aus:
* Als er Mitte Oktober ausgemacht hatte, daß die FDP eine rasche Verabschiedung der Mitbestimmungsregel koalitionsintern "mit einer Beunruhigung der Wirtschaft" begründete, erließ er einen "Appell an die politisch Verantwortlichen", auf die Forderungen lieber ganz zu verzichten.
* Als vergangenen Mittwoch die Presse neuen Mitbestimmungsstreit zwischen SPD und FDP meldete. war Schleyer längst im Bilde. Zwei Tage zuvor hatte er vorsorglich mit seinen Geschäftsführern eine passende Pressemitteilung entworfen.
Rasch und publikumswirksam reagierte Schleyers Funktionärstruppe auf politische Reizworte. Er warf eine Dokumentation über die angeblich ausgewucherten Sozialleistungen auf den Markt, als erstmals in Bonn von sozialer Demontage die Rede war. Kaum hatten einige SPD-Untergliederungen eine staatliche Investitionslenkung gefordert, verteilte sein Verband Streitschriften und Argumentationshilfen gegen derlei Pläne.
In den nächsten Wochen will Schleyer seinen neuesten Coup riskieren. Nachdem die Koalition die versprochene Reform der Vermögensbildung aufgab, wollen die Arbeitgeber schon bald mit einem eigenen Konzept der überbetrieblichen Vermögensbeteiligung für Arbeitnehmer auftreten. Die Reform, nahm sich Schleyer vor, werde manchem Arbeitnehmer wohl-, dürfe aber keinem Konzern weh tun. Auch an seinem persönlichen Image arbeitet Schleyer unermüdlich. Der Jurist, von einigen Mensuren und etlichen Kilo Übergewicht gezeichnet, ließ sich, ganz Fußballfan, in den Wirtschaftsbeirat des Bundesligaklubs Hertha BSC wählen. Als engagierter Olympia-Förderer schrieb er jenen Firmen Bittbriefe, die Sportler aus dem Olympiakader beschäftigen: Zum Ruhme des Sports und zur besseren Vorbereitung seien diese Athleten für zwölf Wochen "freizustellen".
In seiner gewohnten Disziplin, dem Lohnkampf, läßt sich Schleyer ohnehin kaum abhängen: "Für wirtschaftlich unvertretbare Tarifabschlüsse" gebe es diesmal keine Entschuldigung, warnte er unlängst seinen Vorstand. Bei der Veröffentlichung und Interpretation von Konjunkturprognosen dürften deshalb "keine Erwartungen erzeugt werden, die als Bereitschaft der Unternehmer gedeutet werden könnten, unberechtigten gewerkschaftlichen Forderungen nachzugeben".
Statt dessen müsse diesmal die Arbeitgeberfront zum Angriff übergehen. Der Verband solle deshalb Ziele anpeilen wie "ein Lohndatum unterhalb der zu erwartenden Inflationsrate" oder gar "einen Abschlag zur Erhaltung der Arbeitsplätze und zur Vergrößerung der Investitionsspielräume".
Solch aggressives Selbstbewußtsein gefällt den Kollegen aus den Vorstandsetagen. Im neuesten, noch nicht veröffentlichten Verbands-Bericht finden die Schleyer-Freunde Grund zur Freude: "Der ideologische Druck gegen das Unternehmertum ist gewichen." Und sein Verbandsorgan rühmte die neue Masche: "Man trägt wieder Unternehmer."

DER SPIEGEL 50/1975
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