08.12.1975

RECHNENZug der Zeit

Für elektronische Taschenrechner tut sich ein neuer Markt auf: in den Schulen.
Kellner benutzen sie in Kneipen, Käufer drücken sie im Supermarkt. Was jeder zehnte bundesdeutsche Haushalt schon besitzt, brauchen jetzt auch Schüler nicht mehr zu verstecken: elektronische Taschenrechner.
Jedenfalls in Bremen, im kleinsten Bundesland. In einem Erlaß, den Bildungssenator Moritz Thape (SPD) Anfang dieser Woche verkünden will, wird der Einsatz der Mini-Computer in den Schulen "grundsätzlich gestattet".
Mehr noch: Die Lehranstalten haben künftig dafür zu sorgen, daß bei der Lösung mathematischer Aufgaben derjenige nicht benachteiligt wird, der keinen Taschenrechner besitzt; Schulen müssen dann selber welche kaufen.
Mit ihrer Entscheidung belichtet Bremens Schulbehörde eine Grauzone, in der sich in letzter Zeit mehr und mehr der schulische Wettbewerb verzerrt hat. Seit im vergangenen Jahr die Preise für die handlichen Rechner unter 50 Mark purzelten, gerieten die Automaten überall da zum Problem, wo Prozente, Wurzeln und Sinus von Hand angegangen werden mußten -- im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht.
Während die einen, wie die Hamburger Realschullehrerin Gisela Niemeyer, den Gebrauch des Taschenrechners generell untersagen, weil sie ihn noch bei 15jährigen "für pädagogisch nicht vertretbar" halten, setzen ihn andere wie der Studiendirektor Harald Brandes in ihren Stunden ein, um aufwendige Rechenoperationen abzukürzen.
Daß die einen vom technischen Fortschritt profitieren, den andere Pädagogen aussperren, kümmert die Hamburger Schulbehörde nicht. Dieter Ollesky vom Referat Unterrichtsgestaltung: "Taschenrechner sind weder offiziell eingeführt noch genehmigt. Ob private Geräte im Unterricht benutzt werden dürfen, muß der Lehrer entscheiden."
Auf eine ähnlich "pragmatische Lösung" (NRW-Kultussprecher Franz Niehl) reden sich auch die Schulbehörden in den anderen Bundesländern heraus. Nur einer stemmte sich bisher entschlossen gegen den Zug der Zeit, der baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn (CDU).
Weil "die Kinder in den schriftlichen Rechenoperationen als einer alten Kulturtechnik bis zu einer bestimmten Fähigkeit unterwiesen werden sollen, ist die Benutzung eines Taschenrechners" in den ersten sechs Schuljahren auf Hahns Weisung "nicht erlaubt". Lediglich in höheren Klassen "kann gelegentlich mit ihm gerechnet werden".
Zwar haben auch die Bremer die Grundschüler aus ihrem Plazet ausgeklammert, jedoch aus anderen Gründen. Oberschulrat Friedrich Geisler-Knickmann: "Unser Geld reicht nicht, um auch diese Schulen noch mit Taschenrechnern auszustatten." Ganz ungelegen kommt dem Schulmann die Finanznot freilich nicht: "Wir wären sicherlich mißverstanden worden."
Das Mißverständnis ist verbreitet. Daß Grundschüler das Einmaleins quasi als Gedächtnistraining auswendig lernen, daß Malnehmen, Abziehen, Zuzählen und Teilen erst im Kopf beherrscht werden müssen, bevor ein Knopf gedrückt werden darf, ist gängige Meinung von Eltern wie Lehrern.
Belegen läßt sich das Vorurteil nicht. Im Gegenteil: In einer Versuchsschule der Harvard-Universität prüften amerikanische Wissenschaftler Drittkläßler, die ihre Rechenaufgaben ständig mit Taschen-Computern erledigt hatten -- und fanden heraus, daß sie ihren konventionell unterrichteten Altersgenossen im Kopfrechnen überlegen waren. Die Erklärung der Experten: Kinder rechnen viel lieber mit Automaten und prägen sich Ergebnisse leichter ein.
In den USA scheint auch der nächste Lernschritt schon programmiert. Henry Mullish von der New Yorker Universität: "In ein paar Jahren tragen die Kinder Armbanduhren mit Elektronenrechnern, und in die Schultische werden Rechenautomaten eingebaut sein wie früher Tintenfässer."
* Am Gymnasium Bremen-Horn.

DER SPIEGEL 50/1975
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