08.12.1975

„Koloß auf tönernen Füßen“

Der Wirtin des Schwetzinger "Löwen" war ein bißchen bange, ob der "Weltstar" sich in ihrer kleinen, jedoch feinen Herberge wohl fühlen würde. Aber Curd Jürgens, 60 Jahre und ein bißchen heiser, ließ es sich da wohl ergehen.
Bis zum lichten Morgen wachte ein Notdienst, damit der hohe Gast, ehe er sich allein ins Fürstenzimmer "Luné ville" zurückzog, sein Gläschen Whisky, Marke "Chivas Regal", nicht entbehren mußte. Und sein ständiger Begleiter, der kalbsgroße irische Wolfshund "Rasputin" (70 Kilo), bekam aus der Küche die besten Stücke.
Auch öffentliche Ehren wurden dem Star zuteil. Ins "Goldene Buch" der Spargelstadt durfte er, gleich hinter Ertl, seinen Namen setzen, und vom Bürgermeister Kurt Waibel erhielt er den Orts-Orden, die nach dem kunstsinnigen Kurfürsten genannte "Carl-Theodor-Medaille", in Silber geschlagen.
Denn an vier Abenden der letzten Woche zeigte Jürgens da im schönen Rokoko-Theater, womit er ab diesem Dienstag in der Berliner "Komödie" Furore machen will: das Ein-Mann-Stück "Im Zweifel für den Angeklagten", die Lebensgeschichte des legendären US-Strafverteidigers Clarence Darrow (1857 bis 1938).
Der hatte, was in Deutschland vielleicht nicht jeder weiß, gegen die Todesstrafe gestritten und über 100 Mandanten vor der Exekution bewahrt, für Anarchisten, Arbeiter und den Acht-Stunden-Tag gekämpft und dafür polemisiert, daß US-Schulen Darwins Lehre verbreiten.
Mit dem Un-Stück' nach einem Dokumentar-Roman von Irving Stone, war Henry Fonda am Broadway zu Erfolg und einem Herzinfarkt gekommen. Nach US-Vorbild testet Jürgens die Produktion (Regie: Willi Schmidt) zunächst in der Provinz; später wollen ihn damit die Salzburger Festspiele haben.
Die Tour de force, zwei Stunden mai [3 er mit unsichtbaren Figuren reden, nimmt Jürgens als eine "ungeheure Disziplin-Übung" auf sich: um für sein "ramponiertes Image etwas zu tun". Zuviel habe man in letzter Zeit über seinen Verzehr von Whisky und Weibern geschrieben und ganz vergessen, "daß ich auch Schauspieler bin".
"Ich trink "ne ganze Menge, o.k.", sagt Jürgens, rauchend (Filter) und an Grippe kränkelnd, "aber ich bin eigentlich nie besoffen." Auftauchend wie ein Phönix aus der Flasche, will er jetzt auch "nachholen, was ich versäumt habe": Wieder Junggeselle sein, niemanden fragen müssen und "in Blue jeans in eine Premiere bei Grace und Rainier gehen".
Er war ja sein "ganzes Leben lang verheiratet", viermal, und "ein viel treuerer Ehemann, als man mir nachgesagt hat". Von der Vierten, die von einem anderen Herrn ein Baby kriegt, lebt er "notariell getrennt"; wegen eines Unfalls mit 17 Jahren, bei dem "irgendwelche Stränge unterbrochen wurden", kam Jürgens selbst nicht zu Nachwuchs, was ihn eine Zeitlang "ungeheuer traf".
So weiß er auch noch nicht, wem er seine in aller Welt verstreuten Häuschen, die goldenen Löffel und die jeweils zum Schlips passenden Automobile vererben wird. Heiraten mag er nicht noch mal, Ehe sei nur Egoismus: "Man will doch eigentlich, wenn man klapprig und impotent geworden ist, nur jemanden haben, der einem den Rollstuhl schiebt und die letzten Schlaftabletten gibt."
Das fröhliche Rauhbein, des Teufels General, der Weiberräuber Schinderhannes, der im jüngsten Film "Der zweite Frühling" sogar den blanken Hintern zeigt: Er habe dieses Haudegen-Image immer als "Panzer" getragen; dahinter stecke ein "Beunruhigter", der "Angst und Verzweiflung" kenne, und diese düstre Ansicht will er nun "nach außen stülpen": Curd Jürgens schreibt, 160 Seiten sind fertig, seine Memoiren.
Sie sollen "Spurensicherung" heißen oder: "Ich, normannischer Schrank, Koloß auf tönernen Füßen". Der äußere Antrieb ist das "viele Geld" vom Verleger Droemer, der innere ein trauriger: Vor zwei Jahren war, mit seinem Jeep, seine ägyptische Freundin Mathilda, 25, tödlich verunglückt.
Mit der hatte er "faszinierende Tage und Nächte", und der will er, "weil wir nie über uns gesprochen haben", sein ganzes Leben erzählen. Anhebt das Buch, "ein bissel simmelhaft", mit Mathildens Begräbnis, und dahin soll es, nach 400 Seiten Selbst-Inspektion, zurückkehren.
Er redet, mit dem alten Blaublick über Augensäcken, ganz frank und frei, auch davon, wie schön "junger Ton in des Töpfers Hand" sei. und daß er, obwohl er "Geld genug" habe, Erfolgs-Chancen nicht vorüberlasse: "Mein Vater war Hamburger Kaufmann."
So trabt er mit Toupet, auf Geheiß seiner Schallplattenfirma, in jedwede TV-Show' um sein Ego-Liedlein "60 Jahre und kein bißchen weise" mit stummem Lippenspiel zu begleiten; privat summt er: "60 Jahre und ein bißchen Scheiße". Und so steigt er, voll engagiert für das strapaziöse Advokaten-Stück, auf die Bühne -- obgleich er der Leute Reden ahnt: "Was hat der Rolls-Royce-Fahrer mit Anarchisten und Arbeitern zu schaffen."
Kein bißchen weise? Aber!

DER SPIEGEL 50/1975
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