08.12.1975

UNTERHALTUNGWein? wieder

Wiens provokanter Song-Literat André Heller gab in Israel seine ersten Konzerte außerhalb des deutschen Sprachraums -- an der Grenze des guten Geschmacks?
Alte Tanten hat er nun wohl genug. Nach seinen Auftritten in Haifa, Jerusalem und Tel Aviv kamen gleich mehrere betagte Damen, mündlich und schriftlich, um Anerkennung als Angehörige ein -- und das nicht etwa, weil es bei dem Sproß einer abgewirtschafteten Wiener Süßwaren-Dynastie viel Materielles zu erben gäbe. André Heller hat Israel auf seine Art für sich eingenommen: mit Wort-Schlagsahne und bittersüßem Song-Schmalzgebäck.
Noch einen Monat vorher hätte sich der daheim als leidig verrufene Literat und Liedermacher im Heiligen Land auch als Trapezartist oder Tierstimmenimitator offerieren können. Niemand hätte sich gewundert, denn keiner hat ihn gekannt. Als er dann aber am Airport zugleich mit Israels Industrie- und Handelsminister Chaim Bar-Lev eingeschwebt war, machte dieser bereits einen tiefen Diener: "Ich bin bloß ein Politiker, und Sie sind ein Poet."
So hat er sich's in den Paß eintragen lassen, und damit renommiert Heller, wo er geht und steht. Die Beschwörung von Anton Kuh, Peter Altenberg und anderen Wiener Kaffeehausdichtern des Jahrhundertanfangs, als deren Erbe und Testamentsverwalter er sich fühlt, hätte ihm in Israel allein allerdings schwerlich die Säle gefüllt. Zufall oder Absicht, Koinzidenz oder perfektes Management: Daß Andre Heller just vor der Tournee in Wien gegen seinen Kanzler Kreisky polemisierte, der sich vor den FPÖ-Politiker und früheren SS-Mann Friedrich Peter gestellt und die Juden "kein Volk" genannt hatte (SPIEGEL 47/1975); daß er zudem das österreichische Patronat über seine Tournee zurückwies und einen Empfang in der Botschaft absagte, hat ihm im Land der Juden jedenfalls viele Türen aufgemacht.
Die Herzen erschloß er sich dann mit Wiener Herzlichkeit. Noch nie gab sich das Enfant terrible so gefühlsselig, so sentimental. Nie auch agierte der notorische Provokateur als Interpret eigener und fremder Texte so glaubwürdig, so engagiert. Heller in Haifa -- das war, "vor Jahrgängen (ab 50), die zu meinen Konzerten in Wien nie kommen", eine Massage der Tränendrüsen nach dem Motto seiner Eröffnungslieder "Wann i amal stirb"' und "Wein' wieder, wenn du weinen willst".
Geweint wurde mächtig: beim Lied über das Wiener Bel-Aria-Kino etwa, "wo der Zelluloid-Tod herauskommt", oder bei der Selbstmörder-Moritat "Franz"; bei der hymnischen Schmonzette "Jetzt fahr' ma nach Jerusalem" ebenso wie bei den Conférencen über den Vater Heller, "der nahe dem alten Grab von (Zionismus-Begründer) Theodor Herzl beerdigt liegt". Heller auf leisen Sohlen. von gemütvoller Heurigen-Schrammelei begleitet, hat den alten Herrschaften von Haifa nichts erspart: nicht die KZ-Assoziationen einer makabren Narrengeschichte, auch nicht das Friedhof-Zwiegespräch mit der toten Anna, von dem er selbst meinte, es liege "an der Grenze dessen, was man guten Geschmack nennt, aber was heißt schon guter Geschmack angesichts von Schmerz".
"Vielleicht", kommentierte er später auf einer Pressekonferenz, "war die ganze Tour ein Fehler. Es war soviel Gefühl in mir, das nicht durch Wiener Lieder ausgedrückt werden kann." Auch fände er es selber absurd, "wenn ein Österreicher nach Israel Depressionen importiert". In den folgenden Shows herrschten dann wieder mehr Frohsinn, Kalkül und Distanz. Vor den jungen Soldaten einer Luftwaffen-Basis, die überwiegend kein Deutsch verstanden, wollte er nicht auftreten und gab nach dem Jazz-Rock seiner Begleitmusiker widerstrebend nur drei Lieder von sich. Als er den Uniformträgern jedoch tags darauf in Jerusalem begegnete, ließ er sich gern händeschüttelnd von ihnen feiern -- eine TV-Kamera nahm ja alles auf.
Ob André Heller ein Dichter sei, darüber mag man angesichts seiner flinken Geistreicheleien streiten. In seiner überhitzten Prosa ("Ein aus der Verankerung gerissenes Stück Sommer ist sie. Eine Dämmerung auf zwei Beinen"), soeben im Luxusband "Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien" veröffentlicht, geraten ihm die Sätze zu hohlen Aphorismen, die Worte zu bemühten Pointen. Aber als Selbstdarsteller ist er ein Superstar.
Für den Fernsehfilm über die Israel-Tournee, den er auf eigene Rechnung herstellen läßt, war dem Künstler jede Maske und jede Geste recht. Mal milder Messias, mal müder Décadent, strich er Araberkindern übers Haupt, ging er zu den Beduinen in die Wüste, rezitierte er Eigenes am Meer ins Tosen der Flut. Die orthodoxen "Männer in Hüten und Mänteln, die an der Klagemauer mit ihrem Gott hadern", kann er nach eigenem Bekunden nicht begreifen. Dennoch setzte er sich fürs Fernsehen zum Gebet an der Klagemauer ein religiöses Käppchen auf.
"Wer bin ich eigentlich?" hat Andre Heller einst in einem Songtext kokettiert: "Meines jüdischen Vaters europäisches Kind, dessen Exil die Buchstaben sind? Oder bin ich ein Eulenspiegel aus Wien, zur Zeit an die Nutzlosigkeit verliehn?" Knapp unter 30, wird er sich nun bald entscheiden müssen.
Die Reise nach Jerusalem betrachten Heller und seine Berater als erfolgreich bestandenen Test für eine Polen-Tournee und für Konzerte in der New Yorker Carnegie Hall. Und es ist vorauszusehen, daß er mit der erprobten Mischung aus Poesie und Politik, Show und Schmäh auch dort, bei einer großen jüdischen und deutschsprechenden Bevölkerung, volle Häuser haben wird.
Er wird dann wieder fast nur für Senioren singen. Er muß, Resteverwerter der Vergangenheit, ein Repertoire abspulen, das mit den Problemen seiner Generation kaum Berührungspunkte hat. Wird Heller zahm? Verkauft er seine Aggressionen, die bislang zum Hinhören zwangen, für bequemen Applaus? Es sei ein Unterschied, sagt er, "ob man auf den Strich geht oder ob man eine Linie hat". Ein guter Spruch. Siegfried Schmidt-Joos

DER SPIEGEL 50/1975
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