01.12.1975

Bundeswehr: Armee von Arbeitnehmern

20 Jahre nach ihrer Gründung ist die westdeutsche Armee, jahrelang ohne Ansehen und Selbstwertgefühl, fest im Staat verankert und bei rechten wie linken Demokraton gleichermaßen geachtet. Woche für Woche meldet sich eine Hundertschaft freiwillig in den Kasernen, in Zeiten der Rezession vornehmlich zu eigener Sicherheit.
Nun wissen es auch die Chinesen. Bei seinem Peking-Besuch Ende Oktober beruhigte Kanzler Helmut Schmidt den um Westeuropas Verteidigung besorgten stellvertretenden chinesischen Ministerpräsidenten Teng Hsiao-ping: "Die Bundeswehr ist erstklassig." Für Generalmajor Jürgen Brandt vom Führungsstab der Streitkräfte ist sie noch mehr: "Wir gehören zum Besten, was auf der Welt zu finden ist."
Mit diesem Lob steht er nicht allein. Kurz vor seiner Ablösung sagte US-Verteidigungsminister James Schlesinger: "Die deutschen Streitkräfte sind heute besser als vor zwei Jahren und bei weitem besser als vor einem Jahrzehnt." Auch die Warschauer Wochenzeitschrift "Perspektywy" befand, Bonns Streitmacht sei die "modernste und bestausgerüstete konventionelle Armee des Westens".
Viele Jahre lang fühlten sich Westdeutschlands Staatsbürger in Uniform als Stiefkinder der Nation: unzulänglich ausgerüstet, von der Gesellschaft mit Mißtrauen beäugt und sozial wenig angesehen, zudem politisch umstritten. Heute, 20 Jahre nach Einkleidung der ersten 101 Freiwilligen, ist die Bundeswehr salviert: Bei den Demokraten aller Couleur hat die Armee längst keine Feinde mehr, und in ihre Kasernen drängen mehr Wehrpflichtige und Freiwillige, als sie braucht.
Selbst die Linken in der SPD, seit Kaiser Wilhelms Zeiten notorische Antimilitaristen, singen das Lied von der braven Wehrmacht. Der ehemalige Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler rühmt: "In unserer Geschichte gab es noch nie eine bewaffnete Macht, die sich so eindeutig wie die Bundeswehr zu den Grundrechten und Gesetzen einer parlamentarischen Demokratie bekannt hat." Auch Karl-Heinz Hansen, Mitglied des Verteidigungsausschusses und Linksaußen seiner Bundestagsfraktion, kann "ruhig schlafen, wenn ich an die Bundeswehr denke".
Offiziere und Soldaten der westdeutschen Armee geben für ideologische wie politische Kontroversen in der Tat kaum noch etwas her. Während die Politologen Rudolf Wildenmann und Heribert Schatz noch 1967 eine erhebliche Anfälligkeit der Militärs für rechtsextreme Ideen feststellten, haben Meinungsforscher bei jüngsten Untersuchungen herausgefunden, daß rechts- wie linksextreme Parolen bei den Soldaten keine Resonanz mehr finden.
Die Sozialdemokraten haben in den letzten Jahren vor allem im Korps der Unterführer erheblich an Sympathien gewonnen. In der Aufbauzeit der Bundeswehr galten Offiziere und Unteroffiziere gleichermaßen in ihrer großen Mehrheit als CDU-Wähler. Eine Untersuchung des Godesberger Infas-Instituts vom Herbst vergangenen Jahres revidierte dieses Bild: Laut Infas bekannten sich 41 Prozent der Unteroffiziers-Bewerber zur SPD, 28 Prozent zur CDU/CSU und elf Prozent zur FDP. SPD-MdB und Fallschirmjäger-Major der Reserve Conrad Ahlers: "Das ist für mich die aufregendste Entwicklung in der Bundeswehr."
Soziologen im Bonner Verteidigungsministerium nennen für den Wandel in der Partei-Präferenz einen simplen Grund: In den ersten Jahren der Bundeswehr waren die meisten Unterführer altgediente Berufssoldaten aus der Wehrmacht mit überwiegend militärischer, autoritär geprägter Staatsauffassung. Der Unteroffizier der zweiten Generation hingegen verstehe sich nicht mehr als Drillmeister der Obrigkeit, sondern fühle sich vielmehr als Waffen-Facharbeiter "eher in einer Arbeitnehmerposition und wählt deshalb SPD" (so ein mit der Nachwuchswerbung betrauter Major).
Die Offiziere sehen sich nach dieser Analyse heute mehr als "leitende Angestellte und Arbeitgeber in einem geliehenen Unternehmen" -- mit allen politischen und ideologischen Vorlieben dieser Klasse. Zwar ist der SPD-Verteidigungsminister Georg Leber bei ihnen wie schon sein Vorgänger Helmut Schmidt beliebt und unumstritten, aber für Lebers Partei schlägt diese Sympathie nicht zu Buch. Führungsstäbler Brandt weiß: "Die Mehrheit aller Offiziersdienstgrade ist für die CDU/CSU." Laut Infas entschieden sich die Offiziers-Bewerber des Jahres 1974 zu 40 Prozent für die CDU/CSU, nur zu 27 Prozent für die SPD, aber zu 16 Prozent für die FDP. Brandts Erklärung: "Eine Armee muß immer au fond konservativ sein, weil sie den Auftrag hat, etwas zu bewahren." Außerdem wirke in diesen Kreisen noch immer nach, daß die Bundeswehr lange Zeit von der SPD abgelehnt, von der Union hingegen hofiert worden sei.
Stärker noch scheint die politische Einstellung des Offizierskorps durch soziale Herkunft bestimmt. Noch immer stellt eine überwiegend konservative Gesellschaftsschicht fast die Hälfte des Führungspersonals: 1970 kamen 40 Prozent der Offiziere aus Beamten- und Soldatenfamilien.
Inzwischen gerät jedoch auch diese Tradition ins Wanken: 1973 hatten bereits 34,2 Prozent der Leutnants Angestellte zu Vätern, nur 32,4 Prozent stammten von Beamten ab. Auch der Arbeiter-Anteil stieg von 1962 bis 1973, wenn auch langsamer, von zwölf auf 17,4 Prozent.
Die Beamten, so mutmaßt der Militärpsychologe Rudolf Warnke, sehen "im Militärberuf kaum mehr konkrete Vorteile" und schicken "ihre Söhne deshalb wieder stärker auf direktem Wege in den Staatsdienst". Für Angestellte und Arbeiter bleibe der Offiziersberuf hingegen eine attraktive Alternative, "insbesondere wegen der dort gebotenen ökonomischen Sicherheit".
Daß die große Mehrheit der 39 000 Offiziere und fast 130 000 Unteroffiziere heute, anders als die Militärs in der Weimarer Republik, eindeutig den demokratischen Staat und seine Parteien bejaht, erklärt sich aus der Geschichte der Bundeswehr. Das Jahr * 1956 bei seinem ersten offiziellen Truppen. Besuch in Andernach; mit dem Bundesverteidigungsminister Theo Blank.
1945 bedeutete einen in der deutschen Militärhistorie bislang einmaligen Bruch: Mit der bedingungslosen Kapitulation verlor die Armee ihren Einfluß auf die Nation, ihre Stellung im Staat, mehr noch: ihre Existenz.
In der Nachkriegsgesellschaft blieb der Gedanke an eine neue Wehrmacht fast zehn Jahre tabuisiert. Und als sich die Bundesrepublik und ihre West-Verbündeten 1955 die Bundeswehr zulegten, konnte die neue Armee kaum mehr an ihre klassische preußische Tradition anknüpfen, die auf den Staat und seinen Königs-Souverän ausgerichtet und mithin in der Wurzel antidemokratisch war. Zum einen war die Bundeswehr nicht mehr auf die Verteidigung von Nation und Staat allein verpflichtet, sondern eng eingeschnürt in das westliche Bündnissystem. Zum anderen verhinderten die Politiker durch strikte Unterordnung der Militärs unter die Regierung, daß die Soldaten noch einmal, wie zu Zeiten der Reichswehr. zum Staat im Staate werden konnten.
Mit 20 Jahren ist die Bundeswehr inzwischen älter, als Reichswehr und Hitler-Wehrmacht mit je zwölf Jahren geworden sind. Die meisten ihrer Offiziere und Unteroffiziere sind als Bürger der Bundesrepublik groß geworden und frei von Erinnerungen an Diktatur und verlorenen Krieg. Luftwaffen-Oberst Eberhard Eimler, Jahrgang 1930, der demnächst als erster seines ungedienten Jahrgangs zur Generalsbeförderung ansteht, selbstbewußt: "Wir Jüngeren haben nicht den 45er Komplex."
Den Ton in der Armee geben zunehmend die "Selbstgestrickten" (Bundeswehr-Jargon) an. Zwei Generale kommen bereits aus dem Jahrgang 1928, der den Krieg höchstens noch als Flakhelfer oder im Volkssturm mitgemacht hat. Bei den Obristen ist schon jeder zehnte zwischen 1928 und 1937 geboren.
Für diese am Leistungsdenken der zivilen Gesellschaft orientierte neue Militär-Elite haben selbst äußerliche Traditionen ihren Wert verloren. Generalmajor Brandt: "Es ist einfach kein Bedürfnis für Tradition da."
Selbst in der etikettebewußten Marine, die beispielsweise gern den Offizierssäbel wiederhaben möchte, schwindet der Hang zum Vorgestern. Kapitän zur See Dieter Wellershoff, Jahrgang 1933, Einsatz- und Operationsoffizier des Flottenkommandos in Glücksburg und Admiralsanwärter: "Mir ist es scheißegal, wie die Skagerrak-Schlacht verlaufen ist; ich kann daraus nichts für meinen Job lernen."
In allen Waffengattungen wird der Job heute weitgehend von der Technik vorprogrammiert. Während ihre Väter kaum mehr als die Funktion des Karabiners 98 k beherrschten oder sich im schlichten Cockpit einer Me 109 zurechtfinden mußten, lernt die Mehrheit der Bundeswehrsoldaten mit so komplizierten Vernichtungstechniken umzugehen wie Raketen, elektronikbestückten Überschall-Jets oder maritimen Lenkwaffenträgern. Allenfalls 30 Prozent aller Soldaten sind noch Landser im klassischen Militärsinn.
Die hierarchische Ordnung ist in den hochtechnisierten Einheiten längst durch leistungsorientierte Autorität überlagert. Oberst Jörg Kuebart, Jahrgang 1934, der mit 37 Jahren jüngster Kommodore eines Jagdbombergeschwaders war und heute Militärattaché ist: "Es kommt nicht so sehr auf die Sterne an, man muß etwas können und Leistungen bringen."
Neben der Technik hat vor allem die internationale Verflechtung der Bundeswehr in der Nato das Selbstverständnis der Militärs verändert. Das Bündnis zwingt sie, spätestens vom Bataillonskommandeur an aufwärts, über die Grenzen des Nationalstaats hinauszublicken.
So erwünscht dieser Effekt des Bündnisses auf Bonns Offiziere auch sein mag, nach Ansicht mancher Politiker birgt er auch eine Gefahr: Es drohe nicht mehr der Staat im Staat, dafür aber das Bündnis im Bündnis.
In der Tat hat sich in den Nato-Stäben längst eine "internationale Bruderschaft der Offiziere" (so ein Generalstäbler im Verteidigungsministerium) gebildet, die ihre eigene Formel-Sprache spricht, gleich ausgebildet wurde und militärische Geheimnisse miteinander teilt, die außer ihnen nur die höchste politische Führung kennt. SPD-Hansen sorgt sich: "Die kriegen doch das Bewußtsein, sie könnten es als Militärs über die Grenzen hinweg eigentlich besser machen als die Politiker."
Vorerst indes stärken sich Bonns regierende Sozialdemokraten lieber an dem Gefühl, die Soldaten der Nation mit ihrem westdeutschen Staat ein für allemal in Gleichklang gebracht zu haben. Zwei SPD-Minister auf der Bonner Hardthöhe, Helmut Schmidt und Georg Leber -- darin sind sich rechte wie linke Genossen einig -, haben der Armee das Bewußtsein gegeben, ihr oberster Dienstherr stehe über den Parteien und kümmere sich um die Generale ebenso wie um die Landser.
Sozialdemokrat Karl Wilhelm Berkhan, Parlamentarischer Staatssekretär unter Schmidt und Leber und derzeit Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages: "Soldaten wollen geliebt werden. Das Gefühl haben sie jetzt."

DER SPIEGEL 49/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bundeswehr: Armee von Arbeitnehmern

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"