01.12.1975

50 000 Dollar Kopfgeld

Nie zuvor wurden die Gangstermethoden einer Großmacht von eigenen Verfassungsorganen so schonungslos bloßgelegt, wie dies die Sonderkommission des US-Senats zur Untersuchung der CIA getan hat. Doch erst wer den offiziellen, 346 Seiten starken Bericht der Church-Kommission auf Fußnoten und versteckte Hinweise durchforstet, stößt auf Details, die selbst die übelste antiamerikanische Propaganda als phantasielos erscheinen lassen. Ein Beispiel ist die von Washington in Auftrag gegebene Ermordung des chilenischen Heeresstabschefs General René Schneider, des Freundes von Präsident Allende. So ist es zu erklären, daß vorige Woche ein Präsident der USA das Gelöbnis abgab: „Unter dieser Administration wird keine Behörde des Bundes die Ermordung eines ausländischen Führers planen oder an ihr teilnehmen.“
Frühstück in Washington. Am Morgen des 15. September 1970 treffen sich Kissinger und Justizminister John Mitchell mit Donald Kendall, damals wie heute Chef von Pepsi-Cola, und dem einflußreichen chilenischen Zeitungs-, Bank- und Fernsehzar Augustin Edwards, der zur konservativen Chile-Lobby in den USA gehört.
Edwards ist ein alter Freund von Kendall, der wiederum ein Nixon-Intimus aus alten Tagen: Er hatte den Präsidenten in der Zeit politischer Bedeutungslosigkeit als Pepsi-Botschafter weltweit eingesetzt.
Kissinger und Mitchell hören aufmerksam zu, als Edwards die heraufziehenden Gefahren einer Präsidentschaft des eben vom Volk gewählten Marxisten Salvador Allende in Chile beschreibt -- überzeugend. Denn im Anschluß an das Frühstück wird Edwards dem damaligen Chef der CIA, Richard Helms, vorgestellt. Noch am selben Tage beraten Kissinger, Mitchell und Helms gemeinsam mit Nixon über die weitere Chile-Politik der USA.
Auch ohne Tonbandaufzeichnung läßt sich das Gespräch ziemlich genau wiedergeben, denn Helms schrieb mit. In Stichworten notierte der CIA-Boß, so der Church-Report, "Anliegen und Instruktionen des Präsidenten". Sie lauteten unter anderem:
Botschaft darf nichts damit zu tun haben ... Ganze Arbeit leisten, die besten Leute, die wir haben ... zehn Millionen Dollar zur Verfolgung, wenn nötig mehr ... Operationsplan, 48 Stunden Zeit ... Wirtschaft sabotieren.
Zwar, notierte Helms, war nicht ausdrücklich von Mord die Rede, aber: "Der Präsident ließ keinen Zweifel daran, daß da was geschehen müsse -- und daß es ihm gleichgültig sei, wie
Allendes Präsidentschaft sollte verhindert werden. Dies bedeutete eine Kehrtwendung der bisherigen Chile-Politik der USA. Noch kurz zuvor war die CIA in ihrer Lagebeurteilung zu dem Schluß gekommen, daß "die USA keine lebenswichtigen Interessen in Chile" schützen müßten und daß "das militärische Gleichgewicht in der Welt durch die Allende-Präsidentschaft nicht wesentlich beeinflußt wird". An einem einzigen Tag hatten zwei Limonaden-Manager diese über Jahre gesammelten Erkenntnisse- der CIA umgeworfen --
Schon am nächsten Tag gab das "40 Comittee", der Überwachungsausschuß aller US-Geheimdienste, unter dem Vorsitz von Kissinger, eine "nüchterne (cold-blooded) Beurteilung der Ausgangslage" für einen Militärputsch gegen Allende in Auftrag.
Die freilich sah nicht gut aus. Washingtons Chile-Botschafter Ed Korry kabelte am 12. September prompt und deutlich: "Keine Chance" ... solange jedenfalls, wie General Schneider Chef des Heeresstabes ist. Der verfassungstreue General müsse "ausgeschaltet werden, wenn nötig durch Beseitigung".
Das war offenbar kein Problem für Kissingers Prinzip der "double-trackpolicy", des politischen Doppelspieles, das er schon 1968 für Vietnam empfohlen hatte: verhandeln einerseits und handeln außerdem.
Nachdem sich ein mit 250 000 Dollar unternommener Versuch, die Stimmen von Kongreßmitgliedern zu kaufen, als nicht praktikabel erwiesen hatte, wurden härtere Bandagen angelegt: Erpressung, wirtschaftlicher Boykott. Botschafter Korry machte dem christdemokratischen Präsidenten Frei in einem charmanten Werbeversuch klar, wie weit dies gehen würde: "Keine Schraube und kein Nagel geht durch unser Netz. Wenn Allende an die Macht kommt, werden wir dafür sorgen, daß Chile und die Chilenen erfahren, was Armut und Entbehrung ist." Dennoch -- Frei wollte nicht.
Daraufhin wurde ein im Church-Report nicht identifizierter Militärattaché der US-Botschaft in Santiago beauftragt, putschwillige Offiziere der chilenischen Streitkräfte "für eine militärische Lösung" zu interessieren und, so Kissinger vor dem Untersuchungsausschuß, darüber direkt dem Weißen Haus zu berichten -- "aus Sicherheitsgründen".
Dieser militärischen Lösung freilich lag nach wie vor ein "Stolperstein", wie der Ausschuß berichtet, im Weg: General René Schneider, der sich jedem Eingreifen des Militärs in den Verfassungsprozeß widersetzen würde. Immer deutlicher erschien der General im Fadenkreuz der Vollstreckungsgehilfen Kissingers -- ein Hindernis, das beseitigt werden mußte.
Mittlerweile drängte die Zeit. Es war Anfang Oktober, und am 3. ii. sollte Allende nach der notwendigen Abstimmung im Kongreß sein Amt übernehmen.
Amerikas Militärattaché wurde bald fündig. Der im Vorjahr wegen einer Meuterei entlassene General Viaux und der Standortkommandant von Santiago, General Valenzuela, waren bereit zu putschen, gingen aber ebenfalls davon aus, daß zunächst General Schneider "neutralisiert" werden müsse -vorausgesetzt, die Kasse stimmte.
Dafür war gesorgt. Der Attaché wurde beauftragt, 50 000 Dollar zu zahlen, allerdings erst nach erfolgter Tat: Der Betrag war als Prämie gedacht, nicht als Finanzierung.
Am 7. Oktober vereinbarte der Militärattaché mit putschwilligen Offizieren der Santiagoer Kriegsakademie die Lieferung von drei "sauberen" Maschinenpistolen -- Waffen also, deren Quelle nicht auf Grund von Seriennummern feststellbar ist.
Diese Vorsichtsmaßnahme der Putschisten scheint Kissinger mißtrauisch gemacht zu haben. Nach Beratung mit dem CIA-Vize-Chef der Planungsabteilung Thomas Karamessines ("der Grieche") sollte folgende Botschaft an General Viaux gesendet werden:
Ihr Plan für einen Militärputsch scheint gegenwärtig wenig erfolgversprechend. Bei Mißerfolg könnte dies Ihre Aktionen für die Zukunft einengen. Wahren Sie Ihre Möglichkeiten, wir bleiben in Kontakt. Ihre Zeit und die Ihrer Freunde wird kommen, wir werden Sie auch in Zukunft unterstützen.
An dieser Stelle, so bedauert der Bericht der Untersuchungskommission, "deckt sich die Aussage Kissingers nicht mit derjenigen von Mister Karamessines -- und auch nicht mit dem Telegramm, das am nächsten Tag an das CIA-Büro in Santiago gesendet wurde". Diese Botschaft nämlich stellte ausdrücklich fest: "Es ist unser eindeutiges und unverändertes Ziel, Allende durch einen Militärputsch zu beseitigen ... Unser Interesse an den Umtrieben von Valenzuela ist anhaltend stark, und wir wünschen ihm das größtmögliche Glück."
Kissinger erschien es zwar im nachhinein -- in seiner Aussage über den 15. Oktober -- so, als ob "wir eher den Putsch abgeblasen als ihn weiter ermutigt hätten". Doch wenn dem so wäre, hätte sich die CIA in einer Angelegenheit, die das besondere Interesse Nixons und Kissingers besaß, außerordentlich weit gehende Entscheidungsfreiheit angemaßt.
Denn von jetzt an überstürzten sich die Ereignisse. Am 18. Oktober traf sich ein CIA-Mann mit einem Mitglied des Putschistenkreises. Das Datum für die Entführung Schneiders, die "das erste Glied in der Kette" des beabsichtigten Putsches sein sollte, wurde auf den 22. Oktober festgesetzt.
Am Tage darauf, so der Church-Report, gingen aus Washington die versprochenen Mordwaffen ab -- per Kurierpost und als Diplomatengepäck: drei Maschinenpistolen Kaliber .45 des ehemaligen US-Armee-Standardmodells M-3 samt Munition.
Am selben Tag auch trafen sich der Militärattaché und General Valenzuela zu einem weiteren vertraulichen Gespräch, in dessen Verlauf der General die Entführung noch für den 19. in Aussicht stellte. Tatsächlich scheiterte ein Versuch wenige Stunden später und ein weiterer am 20. Oktober. Auch über dieses zweite Unternehmen, so der Report, war der amerikanische Militärattaché zuvor informiert worden.
Wieder zwei Tage später, am 22. Oktober, übergibt der Militärattaché drei "saubere" Maschinenpistolen in einem einsamen Viertel Santiagos einem chilenischen Armeeoffizier. Es ist zwei Uhr morgens.
Genau sechs Stunden später wird General Schneider in der Nähe seiner Wohnung auf der Fahrt zur Dienststelle überfallen und während eines Schußwechsels verwundet. Er stirbt drei Tage später, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.
Kurz darauf melden erste CIA-Nachrichten aus Santiago den Erfolg nach Washington: "General Schneider mit MP niedergeschossen .. Attentäter benutzten "grease guns' (Spitzname für die US-Maschinenpistole M-3)." Und: "Haben Befehl gegeben, die 50 000 Dollar zu übergeben, wenn General Valenzuela dies wünscht."
Der Bericht sagt nicht, ob Valenzuela wünschte. Fest steht jedoch: Beide, Viaux und Valenzuela, wurden als Urheber des Attentats verurteilt. Valenzuela wurde des Landes verwiesen, Viaux zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, später vom Obersten Militärgericht zu zwei Jahren Haft und fünf Jahren Verbannung begnadigt. Er bekennt sich noch heute zu seiner Tat.

DER SPIEGEL 49/1975
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