01.12.1975

DDR-ZENSURKreuz vom Funktionär

Weil sie kritische Lieder machte, wurde eine der populärsten Beat-Grupp.n der DDR von der Leipziger Kultur-Bürokratie aufgelöst.
Ein Fan aus Leipzig zitierte zur "kleinen Ermutigung" Seneca: "Und wenn man dir die Kehle zudrückt, bleibe auf deinem Posten." Ein anderer, aus Greifswald, mahnte: "Mensch, haltet bloß zusammen!"
Zusammenhalten, sich nicht die Kehle zudrücken lassen, auf ihrem Posten bleiben sollen sechs junge Musiker aus Leipzig: Sie signieren Autogramm-Postkarten mit Monster, Kuno, Peter, Cäsar, Jochen und Klaus und firmieren, seit 1971, als "Klaus-Renft-Combo".
Denn die Renfts sollen, geht es nach dem Willen Ost-Berliner Kulturverwalter und Leipziger Pop-Zensoren, ausgespielt haben -- obwohl sie mit zwei Langspielplatten auf dem DDR-Markt sind, obwohl ihre Titel ("Ketten werden knapper") zu den Spitzenreitern der DDR-Hitparade zählten und obwohl ihnen das SED-Zentralblatt "Neues Deutschland" noch vor zwei Jahren bescheinigte: "Alle Musikstücke sind unserem Hier und Heute, unserer Lebenshaltung verbunden."
Doch die Verbundenheit der Kulturbürokratie endete jäh. Weil -- hier und heute -- ihre Texte "mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das geringste zu tun" hätten und weil durch Renfts Gesänge "die Arbeiterklasse verletzt", die "Staats und Schutzorgane diffamiert" wurden, ließ Ruth Oelschlegel, Chefin der Leipziger Bezirks-Kommission für Unterhaltungskunst" die Beat-Formation unlängst wissen, jetzt sei Schluß. Dies freilich nicht ohne Feinsinn, denn von "Verbot" wollte die Schwiegermutter des DDR-Erfolgsautors Hermann Kant ("Die Aula") nicht gesprochen haben: "Ich habe nur gesagt, daß Sie für uns nicht mehr existieren."
Die Dreckarbeit verrichteten andere. Gleich nach dem Oelschlegel-Verdikt erfuhren die Renfts von einem anderen Leipziger Kulturwächter, die der Gruppe geliehene Verstärker-Anlage habe ab sofort
im Kulturhaus "Alfred Frank" zu verbleiben, die Zulassungen als Unterhaltungsmusiker seien abzuliefern.
Wenige Tage später erhielten alle sechs Gruppenmitglieder ihre Berufsverbote schriftlich vom Kultur-Rat des Bezirks Leipzig, Werner Wolf: "Mit Wirkung vom 22. September 1975 gilt die Tanzmusikformation "Klaus-Renft-Combo" als aufgelöst."
Unmittelbar darauf starteten die Leipziger Kultur-Obleute und ihre Kombattanten von der Konzert- und Gastspieldirektion (KGD) eine großangelegte Beweis-Aktion für die Nicht-Existenz der Combo: Renft-Platten verschwanden aus den Musikläden der Messestadt, Rundfunk-Redakteure mußten alle Renft-Titel aus dem Programm nehmen, Bänder wurden gelöscht. Und unter der Hand ließen Funktionäre verlauten, die Renfts seien "nach dem Westen abgehauen". Der wahre Grund, warum der vor allem in der Kulturpolitik als stalinistisch bekannte Leipziger Parteiapparat so kompromißlos zuschlug, freilich ist, daß die Renft-Combo in letzter Zeit immer heftiger gegen staatliche Reglementierung aufmuckte und auf freier Programm-Gestaltung bestand. Schon im April hatte deshalb Walter Kubiczek, Vize-Chef der Ost-Berliner KGD-Zentrale, die Leipziger ins Gebet genommen: "Die Gruppe wird jegliche öffentlichen Äußerungen provokatorischer Art unterlassen."
Obwohl die Renfts einen KGD-Exklusiv-Vertrag (Spitzengage pro Konzert: 2400 Mark) zu verlieren hatten, moserten sic weiter von den Bühnen zwischen Zingst und Zella-Mehlis ("Das deutsche Volk besteht seit jeher aus Denkern und Barbaren") und ließen sich Haar und Bärte lang und länger wachsen. Zudem weigerten sie sich, von ihrem bereits vor sieben Monaten mit Auftrittsverbot belegten Texter Gerulf Pannach Abschied zu nehmen.
Denn Pannach schreibt und singt Lieder, die er selbst "DDR-konkret" nennt. DDR-konkret ist zum Beispiel die "Rockballade vom kleinen Otto", die Pannach für jenes Renft-Programm schrieb, das, öffentlich vorgetragen, angeblich Gefühle der Werktätigen verletzen würde: Da hört der kleine DDR-Otto von seinem großen Hamburger Namensvetter, und den fleht er an: "Hol mich fort, oder ich flieh." Denn DDR-Leben, sagt Otto, ist manchmal "wie Lotto" doch die Kreuze macht ein Funktionär". Aber Otto-Ost wartet vergebens "auf die Deutschen Mark, die harten" von Otto-West, und nach einem vereitelten Fluchtversuch mit einem Elb-Kahn schließt die letzte Strophe:
Nach dem Tütenkleben wollt er nicht mehr leben. Er fuhr nach Wittenberge rauf, und ging in die Elbe, die Stelle war dieselbe. Vielleicht taucht er in Hamburg wieder auf.
Nachdem sich Pannach über seine eigene Maßregelung bei SED-Chef Erich Honecker beschwert hatte, der von DDR-Künstlern doch gerade kritische "Vielfalt der neuen Lebensäußerungen" gefordert hatte, hielt ZK-Mitarbeiter Leo Sletschek dem aufsässigen Liedermacher vor, er stelle "das Untypische als das Allgemeine" hin. Und dann tat der ZK-Mann einen tiefen Griff in die Historie unglücklicher DDR-Kulturpolitik: "Und auch Ihre Nähe zu Biermann ist nicht zu übersehen."
Doch genau diese -- tatsächliche oder vermeintliche -- Nähe zum bekanntesten Polit-Sänger der DDR mag inzwischen bewirkt haben, daß Spitzengenossen im SED-Politbüro nachdenklich geworden sind. Denn seit 14 Tagen spielt, wenn auch noch kommentarlos, der DDR-Rundfunk wieder Renft-Beat. Und auch der Leipziger Unterhaltungs-Dame Oelschlegel tut es mittlerweile "richtig weh", daß "so intelligente und begabte junge Leute" wie Pannach "in solche Schwierigkeiten kommen".
Ob dieser späten Einsicht auch eine Aufhebung der Berufsverbote folgen wird, steht einstweilen dahin. Immerhin scheinen einige in der Parteispitze die vom Leipziger Kultur-Klüngel und der KGD-Generaldirektion eingebrockte Suppe nicht mehr unbesehen auslöffeln zu wollen und dafür, so ein Ost-Berliner Kultur-Funktionär, "auch noch öffentlich Prügel zu beziehen: So etwas muß uns doch langfristig von der Jugend isolieren".

DER SPIEGEL 49/1975
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