27.10.1975

WARENTESTRost am Blech

Mit einstweiligen Verfügungen wollten fünf Hersteller von Rostschutzmitteln einen Testbericht der Stiftung Warentest unterdrücken.
Anfang November, so planten es die Manager der Stiftung Warentest in Berlin, sollten die Autofahrer im Lande erfahren, welche Unterbodenschutz-Mittel die besseren seien. Nun erfahren sie es schon Ende Oktober -- aber drei der 24 geprüften Schutzmittel stehen nicht mehr im Test.
Die drei stammen von der Heidelberger Chemikalienfabrik Teroson GmbH, die ihre Produkte nicht nur unter eigener Marke verkauft, sondern an die Ölmultis Shell, BP und Texaco weiterreicht. "Das stammt", so Teroson-Manager Eberhard Buse, "alles aus einem Töpfchen."
Leider aber destillierten die Prüfer bei den drei unter Teroson-Marke erschienenen Rosthemmern andere Ergebnisse als bei den unter Shell, Texaco und BP verkauften Teroson-Produkten. Da schlugen die Geprüften mit einstweiligen Verfügungen zurück -- lange bevor das Testheft erschien.
Umstellt von den Rechtspflegern der Konzerne, läßt Stiftungsvorstand Roland Hüttenrauch den Test nun vorzeitig, aber ohne die Teroson-Marken erscheinen -- und bei den unter Multi-Namen erschienenen Teroson-Produkten stehen keine Meßwerte, sondern nur Beurteilungen im Heft.
Daß die Konzernjuristen so eilig reagieren konnten, verdanken sie einer Gewohnheit des Stiftungsmanagements, die allfällige Prozeßrisiken mildem sollte: Test, Testmethode und Testergebnisse werden den Betroffenen zwecks Stellungnahme vorweg mitgeteilt. "Jedes Produkt", so der Hausbrauch der Zensoren, "wird bis an die Grenzen seiner Verwendbarkeit und Haltbarkeit beansprucht." Deshalb vergruben die Tester Teppichböden in der Erde, um deren Beständigkeit gegen Verrottung zu prüfen, ließen Reißverschlüsse tausendmal auf- und zuziehen und Matratzen 80 000 mal mit dem Gewicht eines Erwachsenen belasten -- die Industrie akzeptierte.
Methode und mutmaßliches Qualitätsurteil beim Unterbodenschutz-Test mißfielen den vorweg informierten Ölmanagern dagegen sehr. Zunächst nämlich hatten die Prüfrunden keine erheblichen Unterschiede bei den getesteten Chemikalien erbracht. Dann aber verordneten die Stiftungsmanager den Korrosionsschützern Schärferes: Die mit den Unterbodenschutz-Mitteln präparierten Bleche wurden zusätzlich noch mit Salznebel besprüht.
Nach 192 Stunden Dauerberieselung waren die ersehnten Unterschiede da: Mit "BP Duralife neu" behandelte Bleche zeigten nur vereinzelte Blasen und Roststellen, die mit Shell (Werbespruch: "Auch im Kleinen groß") geschützten dagegen über SO Prozent Blasen und Durchrostungen. Shells Justitiar Dieter Ahrens: "Das ist kein praxisnaher Test."
Laborprüfungen unter extremen Bedingungen, monierten die Olleute, seien für den Verbraucher nutzlos. Zuverlässiges, weiß Wolfgang Saalow von der Rostschutz-Firma Bostik, lasse sich nur mit einem großen Straßentest erfahren -- der drei Jahre dauert. Hüttenrauch ("Da wären wir bald bei einer Art Genehmigungsverfahren") blockte ab, die Konzerne boxten beim Landgericht Hamburg "der Dringlichkeit wegen ohne mündliche Verhandlung" (Gerichtsbeschluß) ihre fünf einstweiligen Verfügungen auf Unterlassung der Veröffentlichung der Testergebnisse durch. Nur eine davon -- die der Dinol -- brachte Hüttenrauch per Vergleich vom Tisch.
Noch nie in ihrer Geschichte hatten die Stiftungsmanager soviel Prozesse und Prozeßdrohungen abzuwehren wie in den ersten zehn Monaten 1975. Obwohl die Tester lebensgefährliche Tauchsieder, ungesicherte Wäscheschleudern und knochenbrechende Ski-Bindungen aus dem deutschen Angebot tilgen halfen, obwohl sie in 500 Tests rund 10 000 Produkte prüften, von denen 1600 mit der Note "nicht" oder "weniger zufriedenstellend" durchfielen, mußten sie bis Ende 1974 nur sechsmal vor Gericht.
1975 aber fingen sie gleich im Frühjahr eine einstweilige Verfügung des Zigaretten-Konzerns BAT ein, der die Verbreitung eines freilich auch nicht ganz korrekten Nikotin- und Teertests untersagte. Mit dem Kadi drohten Großunternehmen wie Philips und kleine Fabrikanten von Bettlattenrosten.
immer mehr nämlich lassen sich die von der Stiftung veröffentlichten Testergebnisse wenig später in der Absatzkurve der betroffenen Produkte nachlesen: Weil die Prüfer ein vergleichsweise preiswertes Fernrohr aus dem Neckermann-Katalog besonders gut bewerteten, waren die Frankfurter Versandhändler binnen weniger Tage mit dem von den Sowjets gelieferten Rohr ausverkauft. Als bei einem Waschmitteltest die Billig-Marke "Tandil" des Großdiscounters Aldi gute Noten holte, schaffte sie einen beträchtlichen Umsatzsprung -- vor allem zu Lasten der teuren Henkel-Marke Persil.
"Diese Arbeit", rühmte Wirtschaftsminister Hans Friderichs vergangenen November auf der Zehnjahresfeier der Stiftung Warentest in der Charlottenburger Sporthalle, "ist heute allseits geachtet" Veedol-Direktor Rudolf W. Heinemann, durch ein "Weniger zufriedenstellend" -Urteil beim Unterbodenschutz-Test gebeutelt, bezieht solche Achtung nun aus der Furcht. Heinemann: "Die können eine Marke kaputtmachen."

DER SPIEGEL 44/1975
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