27.10.1975

VERBRECHENPerfekt kaputt

Ein neuer Täter-Typ beschäftigt Psychologen und Juristen: der Mörder ohne Motiv.
Im Oberhausener Stadtwald stoppten zur Mittagszeit drei Minderjährige den Schüler Ralph Weiss auf der Heimfahrt von der Schule. Sie rissen ihn vom Fahrrad, schlugen ihn nieder und ertränkten den Wehrlosen in einem Tümpel.
Bei einer Brücke der Autobahn Amberg-Nürnberg baten zwei Jugendliche den Unternehmer Wolfgang Sasse abends gegen zehn um Benzin für ihr Moped. Als der Autofahrer im Kofferraum nach dem Reservekanister suchte, trafen ihn drei tödliche Kugeln von hinten in den Kopf.
Im rheinischen Neuwied rempelte ein Mädchen nachts um drei den Arbeiter Ulrich von Heymann an. Als auch die drei Begleiter des Mädchens zuschlugen, wehrte sich von Heymann nicht mehr. Eine Stunde später war er tot -- gestorben an 32 Messerstichen in Brust und Rücken.
Ob in Oberhausen oder Neuwied -- stets standen Kriminale wie Kriminologen vor einem Rätsel. Zwar waren die Täter schnell gefaßt, lagen bald Geständnisse auf dem Tisch, doch eines blieb im dunkeln: das Motiv.
Immer öfter und immer brutaler verüben immer jüngere Täter in der Bundesrepublik motivlose Verbrechen -- meist an Zufalls-Opfern, die sie nie zuvor gesehen haben. Sie quälen und morden, so fürchtet Alfred Stümper, Chef der Polizeiabteilung im Stuttgarter Innenministerium, aus einer "unbewußten Negativeinstellung zur bestehenden Umwelt -- krimineller Ausläufer einer echt nihilistischen Geistesrichtung".
Ein neuer Tätertyp beschäftigt Psychologen und Juristen. Staatsanwälte argumentieren, die Gesellschaft müsse vor ihm geschützt werden, Kriminologen wie der Marburger Erich Hupe halten ihn eher für das "Produkt einer kranken Gesellschaft". Im Dschungel der Subkultur wachse ein neuer Krimineller heran, der geprägt sei von einer "allgemeinen Wertunsicherheit und Verwirrung der Begriffe" (Stümper) und vom psychischen Vakuum zerstörter Familien. Hupe: "Der perfekte kaputte Mensch."
Vier Vertreter dieser Generation motivloser Krimineller stehen demnächst in Koblenz vor Gericht. Geahndet werden soll die Tat von Neuwied vom Januar 1973, die ebenso grausam wie sinnlos war und selbst erfahrenen Ermittlern, so der Koblenzer Oberstaatsanwalt Heribert Braun, "Schauer des Entsetzens über den Rücken gejagt" hatte.
Nach ein paar Gläschen Bier im Gasthaus "Zum Käthchen" waren Andreas A.*, 16, und sein Stiefbruder Carsten C.*, 18, sowie die Geschwister Katrin und Michael K.*, 18 und 21, noch unternehmungslustig, als sie in der Neuwieder Peter-Siemeister-Straße den Arbeiter Ulrich von Heymann, 18, trafen.
Katrin K.* rempelte den einsamen Spaziergänger an: "Kannst du nicht guten Abend sagen?" Dann schlugen alle vier auf ihn ein.
Auf einer Parkbank schnitten Katrin K.* und A.* ihrem Opfer mit einem Fahrtenmesser büschelweise die halblangen Haare ab und schlitzten ihm die Hosen auf. Sie zwangen von Heymann, sieh auszuziehen; wenn er protestierte, warf A.*. "wie ein Zirkusartist" (der Koblenzer Generalstaatsanwalt Hans-Joachim Ulrich) haarscharf mit dem Messer an ihm vorbei.
Je geringer von Heymanns Widerstand wurde, desto mehr steigerte sich die Brutalität seiner Quäler. Abwechselnd, so der Erkenntnisstand der Ermittler, hieben sie auf ihr Opfer ein, schlugen ihm Zähne aus und rissen ihm die letzten Kleider vom Leib. Mit dem nackten Verletzten zogen die vier zu einem nahe gelegenen Sportplatz, um ihm "den Rest zu geben".
Nachdem sie dort von Heymann bis zur Bewegungsunfähigkeit geschlagen und getreten hatten, begann in einer Mischung aus Rausch und Ritual die "Endphase der Tat" (Ulrich). Reihum -erst die Linkshänder C.* und K.*, dann Katrin K.* und A.* -- stachen die Mörder von Heymann wahllos das Messer in Brust und Rücken insgesamt 32mal.
Jetzt soll Recht gesprochen werden in Koblenz. Doch fraglich scheint, ob es den Tätern gerecht werden kann, Ins Haus steht ein langwieriger Gutachter-Disput um die Frage der Verantwortlichkeit von Destruktions-Tätern. Kriminologie-Professor Hupe und sein Mainzer Kollege Armand Mergen wollen mit einer Truppe von Psychologen und Soziologen nachweisen, "daß für den Mörder-Mensch nicht er selbst, sondern seine Umwelt verantwortlich ist" (Hupe).
Das Verbrechen von Neuwied scheint den Wissenschaftlern für das geplante Exempel vor allem deshalb geeignet, weil sie im Haupttäter Andreas A.* den Prototyp des motivlosen Täters verkörpert sehen. Wie seine Mittäter stammt er, so das Urteil des Jugendpsychiaters Hans-Robert Fetzner in einem Gutachten für die Koblenzer Staatsanwaltschaft, aus "katastrophalen geborgenheitssterilen Verhältnissen". Als Folge versagte er in der Schule und Berufsausbildung und schloß sich einer subkulturellen Gruppe Gleichaltriger an, die "gewissenloses Verhalten dadurch belohnte, daß das Ansehen größer wurde" -- so das Gutachten von Fetzners Kollegen Werner Becht.
Fortan orientierte sich Andreas A.* nicht mehr an den üblichen sozialen Normen. Seine Philosophie: "Die ganze Menschheit besteht nur aus Lügen. Jeder Mensch liebt nur sich selbst."
Auch aus dem zerrütteten Elternhaus nahm er Lehren mit, wenn der betrunkene Vater die Mutter prügelte: "Mädchen kann man nur mit Brutalität und Härte beeindrucken." Stets auf der "Suche nach Anerkennung und Bewunderung" (Becht), zeigte sich A.* denn auch in der Mordnacht von seiner harten Seite. Katrin K.*, erkannten die Gutachter, habe auf ihn "wie ein Stimulans" gewirkt.
Gefühle -- von Schmerz abgesehen -- erfuhr er weder an sich noch bei anderen. Und selbst nach den tödlichen Messerstichen in Neuwied, vorläufiger Höhepunkt einer "sukzessiven Eskalation der Gewalt" (Becht), empfand Andreas A.* -- nichts:
Auch wenn einer umgebracht wird oder so, das ist mir ganz schnurz piep egal. Ich fühle nichts dabei. Ich versuche mir immer einzureden, daß ich unheimlich Schuld auf mich geladen habe, aber das wirkt nicht auf meine Gefühle. Ich fühle gar nicht, es läßt mich ganz gleichgültig, ich kann beim Tod nichts empfinden.
Die erschreckende Gefühlskälte ist keine Ausnahme. Auch bei Mittäter Carsten C.* stieß der Sachverständige Becht bei der Suche nach Empfindungen ins Leere: "Primitive Formen des Mitleids, zum Beispiel Tötungshemmungen, finden sich bei Herrn C.* nicht" -- für den Marburger Kriminologie-Professor Hupe Indiz für "schwerste Sozialisationsschäden eines determinierten Tätertyps, der die Gerichte in Zukunft überschwemmen wird".
*Namen wurden von der Redaktion geändert!

DER SPIEGEL 44/1975
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