24.11.1975

BURGENWie im Busch

Rheinland-pfälzische Beamte verhinderten den Verkauf einer Rheinfeste an Hare-Krishna-Jünger: Deutsch soll Burg Rheinstein bleiben.
Im Kultusministerium zu Mainz galt es, den Untergang des Abendlandes zu vereiteln. "Es ging", sagt Landrat Heribert Bickel (CDU), "um preußische Tradition" und um den "Charakter der rheinischen Landschaft."
Als müßte deutsches Kulturgut vor dem Ansturm fernöstlicher Horden verteidigt werden, kämpften Bickel, Bürger und Beamte des Ministeriums gegen die westdeutschen Junger der Hare-Krishna-Bewegung. Nach dreitätiger Schlacht vermeldete der Christdemokrat einen Sieg: "Die Burg Rheinstein ist gerettet."
Denn: Für 330 000 Mark hatte ihre manchmal noch so genannte Königliche Hoheit, Herzogin Barbara von Mecklenburg, das alte Gemäuer bei Bingen an den Opernsänger Hermann Hecher-Schypek, den Favoriten der Landesregierung, verkauft.
Der Ausgang des Gerangels um die mayntzerische Vogtsburg aus dem 13. Jahrhundert mutet im Zeitalter der Marktwirtschaft freilich seltsam an. Denn trotz des höheren Gebotes von 500 000 Mark ging die Burg nicht an die kahlköpfigen Bettelmönche, was den Frankfurter Rechtsanwalt und Krishna-Beistand Hansgötz Werner zu der Bemerkung veranlaßte, im rheinland-pfälzischen Kultusministerium gehe es zu "wie in einer Emotionshütte im finstersten Busch".
Begonnen hatte das Burgtheater schon vor einem Jahr, als die adlige Dame das Objekt, das alljährlich von 40 000 Touristen beäugt wird, für 2,5 Millionen Mark an den Engländer Peter Nicolas Lodge veräußerte. Doch der Brite bluffte nur; er verkaufte das Inventar auf eigene Rechnung und blieb den Kaufpreis schuldig.
Erst als die Preußen-Prinzessin nach dem Reinfall die Burg zum Discount-Preis anbot, stellten sich zwei neue Interessenten ein: der Wagner-Interpret Hecher-Schypek, der auf der Rheinstein-Nachbarburg Reichenstein ein Hotel betreibt, und die "Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewußtsein".
Als ruchbar wurde, daß die Mönche womöglich zahlungskräftiger sein könnten, machten Bürger und Regierende. Christ- wie Sozialdemokraten Front gegen die Krishna-Jünger. "Ein schwer kultureller Bruch", sagt Ministerialdirigent Ernst Maurer vom Mainzer Kultusministerium, "mußte verhindert werden."
Im Gespräch war auch schnell wieder ein Ermittlungsverfahren, das seit einem Jahr bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft ansteht. Den Anführern der Sekte will die Justiz Kindesentführung, Bettelbetrug und unerlaubten Waffenbesitz nachweisen (SPIEGEL 52/1974), und so richteten 586 Bürger aus dem Burgenland Bittbriefe an Ministerpräsident Helmut Kohl, er möge den Mönchshandel verhindern.
Doch die Burg schien schon dahin. Weil ihr die Herren von Hare-Krishna "so sympathisch" waren und "ich schon immer jeder Religion offen gegenübergestanden habe", handelte die Prinzessin mit den München einen unterschriftsreifen Vertrag aus. Doch da, Anfang November, mobilisierten die Rheinland-Pfälzer noch einmal Personal und Kapital. Gemeinsam mit Kulturbewahrer Maurer nahm Landrat Bickel die adlige Dame ins Gebet, die Sparkasse des Landkreises Mainz-Bingen bewilligte dem finanzschwachen Hecher-Schypek einen Kredit über 330 000 Mark, der Landkreis selbst übernahm eine Bürgschaft über 150 000 Mark und das rheinland-pfälzische Kabinett beschloß, für den Zinsendienst bis zu 150 000 Mark aufzubringen.
Bickel drohte derweil mit "allen erdenklichen Schwierigkeiten", übte auf die Herzogin "erheblichen Druck" aus und warnte vor einem Aufstand der Binger Bürger -- so erinnert sich jedenfalls Krishna-Unterhändler Werner. Der Landrat freilich will sich korrekt verhalten haben: "Sachlich und bestimmt, aber im Schongang sind wir nicht gefahren.
Jetzt fühlen sich die Mönche, die die Burg lediglich als Krishna-Museum nutzen wollten, "behandelt wie die Juden im Dritten Reich" -- so der Vorsitzende der deutschen Hare-Krishna-Sektion, Peter Kaufmann. Für ihr einseitiges Engagement steht den Mainzern womöglich eine Klage wegen Diskriminierung von religiösen Minderheiten ins Haus, eine Anzeige an den Landesrechnungshof wegen Verschwendung von Steuergeldern und ein Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, der die Praktiken der Geldvergabe im Kultusministerium klären soll. Der Einzug des "höchsten Kontrollierenden" am Rhein scheint ohnehin kaum mehr aufzuhalten: Krishna-Chef Kaufmann sah sich schon als Ausweichobjekt die Burg Maus in Rheinland-Pfalz an, die für 600 000 Mark angeboten wird. Kultussprecher Jürgen Doetz erwartet keine neue Rettungsaktion: "Da können wir auch nichts mehr machen, da fehlt nun der Kaufinteressent."

DER SPIEGEL 48/1975
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