24.11.1975

Sancho Pansa oder Die Kunst des Überlebens

Fast vier Jahrzehnte lang galt Francisco Franco als ein Diktator von Hitlers Gnaden. Doch die Wirklichkeit war komplizierter: Trotz deutscher Waffenhilfe im Spanischen Bürgerkrieg weigerte er sich, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Sein Helfer Hitler war darüber so empört, daß er Franco mit Hilfe von Altfalangisten stürzen wollte.
Er liebte die Deutschen nicht, doch er wußte sich ihrer oft zu bedienen. Sein Aufstieg an die Macht war ohne sie nicht denkbar: Mit der Assistenz Adolf Hitlers und dessen Waffen sprengte er sich den Weg frei zum Herrschersessel im Madrider Pardopalast.
Deutsche Flugzeuge brachten seine Truppen an die Front, deutsche Instrukteure trimmten seine Armee, ein deutscher General kommandierte seine Luftstreitkräfte, deutsches Geld hielt seine Rebellenbewegung gegen Republik und Demokratie am Leben, bis er war, was er fast vier Jahrzehnte lang blieb: Diktator, Tyrann, Generalissimus oder (wie er sich selber nannte) "durch die Gnade Gottes Caudillo von Spanien".
Sowenig aber auch Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Dankbarkeit kannte -- die deutsche Hilfe vergaß er nie. Deutschland blieb zeitlebens ein Fixpunkt auf seiner politischen Landkarte. "Wenn Deutschland nicht existieren würde", schrieb er 1943 an Winston Churchill, "dann müßten es die Europäer erfinden."
Der "letzte der drei Musketiere des europäischen Faschismus", wie ihn der britische Diplomat Sir Samuel Hoare nannte, schien so mit dem Dritten Reich verquickt, daß unter linken Antifaschisten die Version umging, Franco sei so etwas wie eine Kreatur des deutschen Imperialismus, allzeit von den Führern in Berlin gesteuert.
Der amerikanische Historiker und Spanien-Experte David T. Cattell hielt zumindest für erwiesen, "daß zwischen den Nazis und Franco bereits vor dem Bürgerkrieg enge Beziehungen bestanden", und selbst kritischere Köpfe wie der britische Sozialist Harold J. Laski sahen in Franco nichts anderes als einen "Miniatur-Hitler", vergleichbar etwa mit dem sudetendeutschen NS-Führer Henlein, der sich von Hitler widerstandslos manipulieren ließ.
Der DDR-Publizist und Spionage-Experte Julius Mader ließ Franco gar zu einem simplen deutschen Geheimagenten zusammenschrumpfen. Er wollte eine "Bereitschaftserklärung" gefunden haben, in der sich Franco verpflichtet habe, "auf der Iberischen Halbinsel und in Nordafrika als V-Mann zu wirken -- zunächst für den deutschen Kaiser, dann für die Reichswehr und schließlich für das OKW-Amt "Ausland/Abwehr'" (Mader).
Die Sowjets veröffentlichten denn auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Aussagen kriegsgefangener deutscher Offiziere, die den spanischen Staatschef als Söldner des deutschen Imperialismus entlarven sollten. So gab am 16. Mai 1946 Oberst a. D. Hans Remer, ehemaliger Wehrmachtsattaché in Spanisch-Marokko, zu Protokoll:
Franco hat seinen Weg nicht nur ausschließlich mit deutscher Waffenhilfe machen können, er ist darüber hinaus von Anbeginn Vertrauensmann der deutschen Abwehr gewesen. In ihrem Auftrage trat er im Sommer 1936 erstmalig vor die Öffentlichkeit der Welt mit dem Ziel die faschistische Diktatur in Spanien endgültig zu errichten. Als Vertrauensmann der deutschen Abwehr ... handelte er auch während des ganzen großen Eroberungskrieges Deutschlands von 1989 bis 1945.
Die Enthüller konnten freilich ihre These nicht beweisen. Die deutschen Ex-Offiziere hatten nie Kontakt mit Franco gehabt und beriefen sich weitgehend auf Hörensagen, Mader aber legte bis heute Francos angebliche Bereitschaftserklärung nicht vor.
Zudem läßt sich die rote Agentenmär nicht mit den Details der Franco-Biographie in Einklang bringen. Die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens hatte der zurückhaltende, ausländerscheue Offizier verbracht, ohne mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Das Leben in Kaserne und Truppe nahm alle seine Energien in Anspruch: 1907 Besuch der Infanterieakademie in Toledo, seit 1912 Dienst bei der Kolonialtruppe in Marokko, 1915 jüngster Hauptmann der Armee.
Er zeichnete sich in den Kolonialkriegen Spaniens in Marokko so aus, daß König Alfons XIII. auf ihn aufmerksam wurde. Er holte Franco 1926 nach Madrid und machte ihn zum Brigadegeneral. Zum erstenmal öffnete sich vor dem provinziellen Kolonialkrieger die Welt der Diplomatie und Politik.
Am Königshof begegnete er einem deutschen Marineoffizier, der in Spanien unter dem Decknamen "Kika" reiste und den geheimen deutschen U-Boot-Bau auf spanischen Werften beaufsichtigte, den er mit der spanischen Marine arrangiert hatte. Sein Klarname: Wilhelm Canaris.
Der Korvettenkapitän, auch er ein Intimus des Königs, und General Franco fanden rasch Gefallen aneinander, denn sie verband manches: Beide waren scheu, zurückhaltend, introvertiert, beide ultrakonservativ, nationalistisch, Anhänger des autoritären Untertanenstaates. Sie wurden Freunde, obwohl keiner von ihnen das Wort "Freundschaft" jemals ausgesprochen hätte.
Franco und Canaris blieben zunächst in lockerer Verbindung, allzusehr beschäftigt mit der eigenen Karriere: Der Deutsche avancierte zum Geheimdienstchef des Dritten Reiches, Franco zum Generalstabschef des 1931 republikanisch gewordenen Spanien.
Doch die Vernunftehe zwischen Franco und Republik hielt nicht lange. Die Herrschaft der Linksparteien, die auch begannen, die Machtstellung der Armee einzuschränken, und der wachsende Straßenterror sozialistischer und faschistischer Banden trieben Franco in das Lager jener Militärs, die den Sturz der Republik planten.
Die Putschisten schlugen am 17. Juli 1936 los, doch der Aufstand erwies sich nahezu als ein Fehlschlag. Der größte Teil Spaniens blieb anfangs in der Hand der Regierung, der Titularchef des Putschistenheeres kam ums Leben. Und Franco, inzwischen Befehlshaber seiner alten Marokko-Armee, saß in Afrika fest, weil die Flotte ausblieb, die seine Truppe ins spanische Mutterland transportieren sollte.
Jetzt konnten nur noch ein paar Flugzeuge helfen, die Franco-Armee wieder flottzumachen. Allein die faschistischen Mächte konnten die Maschinen liefern. Franco war freilich noch so wenig auf Hitler-Deutschland fixiert, daß er sich an Mussolinis Italien wandte, das zunächst zögerte.
Erst dann kam Franco die rettende Idee. Ihm war bei einem Empfang in Tetuan ein heruntergekommener deutscher Kaufmann namens Johannes Bernhardt aufgefallen, der Küchenherde an die Armee verkaufte und nebenbei als Pressewart für die NS-Ortsgruppe arbeitete. Franco setzte Bernhardt und zwei Begleiter am 22. Juli in eine beschlagnahmte Lufthansa-Maschine und schickte sie nach Berlin -- mit einem Handschreiben an Hitler, in dem er um Hilfe bat.
Hitler, stets auf Machtausweitung aus, griff zu -- in der irrigen Annahme, der Sieg der Putschisten sei nur noch eine Frage von Tagen. Auch Abwehrchef Canaris, der Hitler eifrig zuredete, ahnte nicht, daß Freund Franco und dessen Rebellen durch ihre Stümperhaftigkeit einen der langwierigsten und grausamsten Bürgerkriege Europas entfacht hatten.
Ein paar Stunden später lief das "Unternehmen Feuerzauber" an (so der Deckname der deutschen Hilfsaktion). Flugzeuge, Bomber, Panzer und Soldaten wurden auf den Weg nach Spanien gebracht, Vorkommandos der divisionsstarken "Legion Gondor", mit der das Dritte Reich in den Bürgerkrieg eingriff. Und immer stand Canaris bereit, dem im September 1936 zum Staatschef und Generalissimus "Nationalspaniens" aufgerückten Franco jeden Wunsch nach mehr Waffen, mehr Soldaten zu erfüllen.
Kaum aber hatte sich der Caudillo notdürftig etabliert, da demonstrierte er seine Eigenwilligkeit gegenüber den faschistischen Mächten. Er ließ sich zwar nach langem Drängen dazu herbei, dem Antikominternpakt der autoritären Staaten beizutreten, aber den Abschluß eines Bündnisvertrages mit Berlin und Rom lehnte er ab.
Plötzlich erwies sich der scheinbar so unpolitische und hinterwäldlerische General als ein Artist des Gleichgewichts, als ein Erbe altspanischer Kabinettskunst und ihrer hohen Politik des Seiltanzens. "Nüchtern bis zur Grenze der Prinzipienlosigkeit" (so ein US-Historiker), niemals einen Gegner frontal angreifend, ein Meister in der Kunst, Konkurrenten gegeneinander auszuspielen, zimmerte sich Franco einen Machtapparat, der ihm das Überleben sichern sollte.
Sein Staat glich eher einer traditionalistischen Diktatur denn einem faschistischen Modell. Da er (im Gegensatz zu seinen Vorgängern) wußte, daß eine Diktatur einer Ideologie und einer Partei bedarf, schuf er eine Einheitspartei, in die er alle noch geduldeten und politisch bedeutenden Gruppen -- Monarchisten, Militärs, Faschisten -- zwang.
Dazu bediente er sich des äußeren Gehäuses der Falange, einer faschistisch-sozialrevolutionären Partei, die ihm und den konservativen Mächten noch hätte gefährlich werden können. Franco hatte leichtes Spiel mit ihr, denn die profiliertesten Führer der Falange waren von den Republikanern erschossen worden. Die Nachfolger aber wagten nicht, die von Franco verordnete Aufnahme neuer konservativer Mitglieder zu verhindern.
Als fünf Falange-Führer -- unterstützt von dem deutschen Botschafter, dem Ultra-Nazi Wilhelm Faupel -- dennoch gegen die Verwässerung ihrer Partei aufmuckten, ließ sie Franco wegen Verschwörung verhaften und zum Tode verurteilen. "Versuch der Wiederaufrichtung einer ausgesprochenen Pfaffenherrschaft", zürnte Faupel. Canaris trug Sorge, daß Hitler seinen indiskreten Botschafter abberief.
So konnte der Caudillo hoffen, sein noch unfertiges Regime durch die stürmischen Zeitläufe zu manövrieren. Doch Hitlers Zweiter Weltkrieg gefährdete den Balanceakt des Spaniers. Die großdeutschen Divisionen überrollten Europa, und damit zerfiel die alte Staatenwelt, in der allein das Franco-Regime ungestört leben konnte.
Einen Augenblick lang ließ selbst der nüchterne Caudillo sich vom deutschen Siegestaumel mitreißen -- nach dem Westfeldzug im Sommer 1940, als er ernsthaft glaubte, Hitler habe den Krieg bereits gewonnen. Da kamen in dem ehemaligen Kolonialoffizier alte imperiale Träume hoch: Er wollte Spanien die nordafrikanische Erbschaft Frankreichs antreten lassen und auch Gibraltar zurückerobern.
Franco schickte seinen Generalstabschef Vigón nach Berlin, der die spanischen Ansprüche anmeldete. Als Hitler jedoch Einzelheiten über den spanischen Gibraltar-Plan wissen wollte. wich Vigón aus: So genau habe sich Seine Exzellenz nicht geäußert.
Die Deutschen aber glaubten, nun wolle Spanien in den Krieg eintreten. Ein paar Monate später hatten Hitlers Militärs einen Feldzugsplan gegen Gibraltar ausgearbeitet, doch Franco mochte nicht mehr. Er wußte nur allzugut, daß Hitler nicht mehr gewinnen konnte.
Auch eine Zusammenkunft zwischen den beiden Diktatoren in Hendaye im Oktober 1940 brachte keine Fortschritte. Hemmungslos schimpfte Hendaye-Teilnehmer Joachim von Ribbentrop über den "undankbaren Feigling" Franco, "der uns alles verdankt und nun nicht mitmachen will".
Hitler war über den Caudillo so wütend, daß ihm "das Blut in den Kopf schoß, wenn nur dessen Name genannt wurde", wie der Historiker Trevor-Roper berichtet. Immer häufiger klang durch Hitlers Worte das Bedauern, Franco geholfen zu haben. Eine fixe Idee stieg in Hitler und seinen Beratern auf: den Caudillo zu stürzen.
Agenten von Himmlers Sicherheitsdienst (SD) und geheime Sendboten des Reichsaußenministers von Ribbentrop vereinigten sich zu einer intrigenreichen Anti-Franco-Kampagne, über die der Historiker Klaus-Jörg Ruhl jetzt bislang unbekannte Details mitteilt**.
Himmlers und Ribbentrops Agenten kontaktierten die "Alten Hemden", unzufriedene Altfalangisten, die Franco nachtrugen, daß er die von ihnen geforderte Reform der Gesellschaft durch eine reaktionäre Sozialpolitik verhinderte. Die Altfalangisten waren nicht ohne Einfluß: Sie beherrschten die Syndikate, die Zwangsvereinigungen der
* Soldaten der von Munoz Grandes geführten spanischen Hilfstruppe vor dem Einsatz an der Ostfront; Grafenwöhr, 1941.
** Klaus-Jörg Ruhl: "Spanien im Zweiten Weltkrieg"; Hoffmann und Campe, Hamburg; 461 Seiten; 58 Mark.
Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und waren in manchen konspirativen Zirkeln tätig, die gegen Francos "Neue Falange" intrigierten.
Ihr Wortführer war der Syndikats-Boß Gerardo Salvador Merino, der auf den Sturz des Innen- und Außenministers Ramón Serrano Súner, Francos Schwager und Hauptvertreter der Neuen Falange, abzielte. Ihm kamen die Anfragen der Deutschen gerade recht: Mit ihrer Hilfe hoffte er, die von Franco verbotene Sozialrevolution doch noch verwirklichen zu können.
Salvador reiste nach Deutschland und sprach mit Berlin ein Aktionsprogramm ab. Doch Franco kam ihm zuvor: Im Mai 1941 ließ er Geheimdienstmaterial veröffentlichen, das den Syndikatschef als ehemaligen Freimaurer (im erzkatholischen Spanien eine tödliche Denunziation) entlarvte, und enthob ihn aller Ämter.
Zugleich entlastete sich der Diktator vom Druck der altfalangistischen Opposition -- durch eine Kabinettsumbildung, die Serrano Súners Machtstellung (er blieb nur Außenminister) zerstörte. Dennoch gaben SD und Ribbentrop ihre Hoffnungen auf die Alten Hemden nicht auf, die sich weiterhin unbefriedigt zeigten.
Da spielte der Ausbruch von Hitlers Rußlandkrieg dem bedrängten Caudillo die Chance zu, die Energien der Opposition auf das Schlachtfeld abzulenken. Er stellte Hitler als Geste des Good will eine Truppe, die "Blaue Division", zur Verfügung, in die nicht zufällig die unruhigsten Anhänger der Altfalange strömten.
Was indes Franco ein besonders geglückter Schachzug dünken mochte, erwies sich nachher als die größte Gefährdung seines Regimes. Denn an der Spitze der Blauen Division stand der General Agustín Munoz Grandes, ein Altfalangist, der nichts Geringeres erstrebte, als sich an die Stelle Francos zu setzen -- mit Hitlers Hilfe.
Munoz-Dolmetscher Hans Hoffmann vermittelte dem General und Ritterkreuzträger eine Audienz im Führerhauptquartier. Am 12. Juli 1942 stand der Spanier vor Hitler, der seine ganze Wut über den Caudillo herausschrie. Hitler deutete an, auf den General warte in Spanien eine "große Aufgabe".
Munoz verstand und arbeitete einen Putschplan aus, den Chronist Ruhl so umschreibt:
Noch im Herbst 1942 kehrt Munoz Grandes nach Spanien zurück tritt vor Franco und bittet, ihn mit der Durchführung eines neuen außen- und innenpolitischen Kurses zu beauftragen. Gleichzeitig überreicht ein deutscher Beauftragter eine Botschaft Hitlers. Eventuell unter Mitwirkung der deutschen Luftwaffe werden Aufrufe des Generals an das spanische Volk verteilt, deutsche Truppen überqueren die Pyrenäen und marschieren in Spanien ein, um gemeinsam mit der spanischen Wehrmacht den Schutz des Landes zu übernehmen. Sollte sich aber Franco widersetzen, darf er keine Zeit haben, die spanische Armee zu mobilisieren.
Hoffmann und andere V-Männer reisten nach Spanien. um in altfalangistischen Kreisen für die Munoz-Pläne zu werben. Mancher rechte Franco-Gegner, darunter Provinzgouverneure und der einflußreiche General Yagüe, waren nicht abgeneigt, mit dem Blauen Divisionär zu paktieren.
Entscheidend aber blieb. ob sich der mächtige Parteiminister Arrese, ein Altfalangist, der jedoch auf den Franco-Kurs umgeschwenkt war, für die Verschwörer gewinnen ließ. Man hielt ihn für ansprechbar, weil er eine vorsichtige Kurskorrektur im Sinne der alten Falange-Ideale anstrebte. Die deutschen Mittelsmänner wollten nun Arrese nach Berlin einladen lassen und dort mit Munoz Grandes zusammenbringen, zu einem Anti-Franco- Pakt,
Doch der Caudillo durchschaute die Manöver seiner Gegner und neutralisierte sie Zug um Zug. Die altfalangistischen Provinzgouverneure setzte er ab, den General Yagüe schob er auf einen Posten in Marokko, und der Blauen Division gab er einen neuen Kommandeur.
Munoz Grandes war längst von seinen Anhängern isoliert, als er endlich am 17. Dezember 1942 in Madrid erschien und vor Franco trat. Der Caudillo behandelte die Forderungen nach einer Änderung der spanischen Außenpolitik dilatorisch und ließ den General zugleich spüren, in welches Abseits er geraten war. Daraufhin konnte er Arrese getrost nach Berlin reisen lassen, wußte er doch, "daß kaum noch ein Spanier ernstlich einen spanischen Kriegseintritt befürwortete" (Ruhl).
Der Rückzug der deutschen Armeen aus Nordafrika und Italien im Sommer 1943 befreite Franco vollends von dem Zwang, auf Hitlers Forderungen und Empfindlichkeiten eingehen zu müssen. Ein paar Monate später wurde die Blaue Division aufgelöst. Nicht ohne Geschicklichkeit näherte er sich den Alliierten: Er stoppte kriegswirtschaftliche Lieferungen an Deutschland und erwarb sich durch strikte Neutralitätspolitik das Lob Churchills, den Sieg der Alliierten erleichtert zu haben.
Die Deutschland-Politik der Alliierten brachte ihn freilich noch einmal auf die Seite der Deutschen. Als die Parole von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands umging, warnte Franco seinen Briefpartner Churchill vor kurzsichtiger Rache, denn es schien ihm "doch einfach lächerlich zu glauben, daß Deutschlands Stelle durch eine Föderation von Litauern, Polen, Tschechen und Rumänen ersetzt werden könnte, eine Föderation, die sich außerdem sehr rasch in einen Bund von Sowjetstaaten verwandeln wird".
Solche Sprüche mochten später den in ähnlichen antikommunistischen Vorstellungen angesiedelten Kanzler Adenauer und seine CDU-Nachfolger beflügeln, das sterile, längst überlebte Franco-Regime als Bundesgenossen der Nato zu empfehlen. Adenauer ließ es sich nicht nehmen, seinen Dank persönlich im Pardopalast abzustatten.
Für die meisten Bundesbürger aber blieb Francisco Franco ein Relikt aus unguter Vergangenheit, Protektor all der Skorzenys, Degrelles und der vielen Nazi-Flüchtlinge, die er aufnahm und vor demokratischen Vergangenheitsbewältigern schützte.
Er selber ließ sich von seiner überlebten Vergangenheit nicht anfechten. Als ihm einmal ein britischer Besucher schmeichelte, er sei ein moderner Sancho Pansa, da erwiderte Franco: "Sancho Pansa wollte zwar etwas gewinnen, aber am Ende der Geschichte war er jedenfalls noch am Leben" Die Kunst des Überlebens -- er hat sie bis zum letzten Atemzug praktiziert.

DER SPIEGEL 48/1975
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