24.11.1975

BIOGRAPHIENAlles über Tante Jenny

Die erste umfassende Biographie über Jenny Marx, die Frau von Karl Marx, ist jetzt erschienen. Verfaßt hat sie Jennys Großneffe: Hitlers Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk.
Jenny war eine "wunderbare Frau", schwärmt der 88jährige Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister von 1932 bis 1945 und nach Hitlers Selbstmord 20 Tage lang Vorsitzender der "Geschäftsführenden Reichsregierung" unter Hitler-Nachfolger Dönitz.
Die Frau, deren "leidenschaftliche Liebe" und "seelische Kraft" der preußische Adlige mit überschwenglichen Worten rühmt, war des Grafen Großtante und die Ehefrau des meistgehaßten und meistbewunderten Mannes des 19. Jahrhunderts - Karl Marx.
Die Verwandtschaft zwischen der "überzeugten Kommunistin" Jenny Marx, geborene von Westphalen, und dem konservativen Staatsdiener Krosigk brachte jetzt die erste umfassende Biographie der Marx-Frau zuwege*. Der Großneffe hielt es für seine "Pflicht, zur Richtigstellung und Ergänzung des Bildes von Jenny beizutragen".
Krosigk ist nicht nur - weil en familie - ein liebevoller, sondern auch ein fleißiger Biograph, dessen Detail-Kenntnisse manche Legenden um Jenny zerstören und manche Schnitzer früherer Jenny- und Karl-Marx-Biographen aufdecken.
So gehört zum kommunistischen Heiligen-Bild von Jenny Marx, daß ihre Mutter, Caroline Heubel, ein "Kind aus dem Volke" gewesen sei, wie die Ost-Berliner Jenny-Marx-Biographin Luise Dornemann behauptet. Demgegenüber weist Krosigk nach, daß "die Heubels dem Thüringischen Bürgertum angehörten und ... seit Generationen in gehobenen Stellungen im Dienste des Schwarzburg-Rudolstädter Fürstenhauses" standen.
Andererseits entstammte Jenny Marx väterlicherseits nicht jenen preußischen Adelskreisen, "in denen es als ein Verbrechen galt, für die Rechte des Volkes einzutreten" (Dornemann). Im Gegenteil: Es war Jennys Vater, Ludwig von Westphalen - das Adelsprädikat war erst Jennys Großvater 1764 verliehen worden -, der als Rat bei der preußischen Bezirksregierung in Trier die sozialen Probleme des von Berlin vernachlässigten Regierungsbezirks sehr gut kannte und den jungen Marx mit den Gedanken des französischen utopischen Sozialisten Saint-Sin~on vertraut machte.
Auch die ins Bild von einer strengen Sozialistin gehörende Feindschaft zwischen Jenny und ihrem konservativen Halbbruder Ferdinand von Westphalen, der von 1850 bis 1858 preußischer Innenminister gewesen war, wird von Krosigk relativiert. Zwar war sie "politisch eine Gegnerin" Ferdinands, "aber dem Briefwechsel mit ihm und seiner Frau, den Luise Dornemann nicht erwähnt, fehlte es nicht an Herzlichkeit".
Überhaupt, so meint Krosigk, habe sich Jenny "von ihrer "bürgerlichen" Herkunft nie ganz lösen können". Sie lebte in dem Gegensatz zwischen der "neuen Weltanschauung" und der "überkommenen Lebensart". Das trifft in gleichem Maße auch für Karl Marx zu, der in Zeiten größter Armut "ängstlich darauf bedacht war, Besuchern gegenüber den Schein eines gewissen Wohlstandes zu wahren" (Krosigk).
Er ließ in London sogar für Jenny Visitenkarten drucken mit dem Text: "Mme Jenny Marx née Baronesse de Westphalen", und auf ihrem Grabstein stand nur ihr Mädchenname mit dem Zusatz: "The beloved wife of Karl Marx". Als Marx 1863 zur Beerdigung seiner Mutter in Trier war, vermerkte er nicht ohne Eitelkeit in einem Brief an Jenny nach London: "... man fragt mich täglich, links und rechts, nach dem quondam "schönsten Mädchen von Trier" und der "Ballkönigin'. Es ist verdammt angenehm für einen Mann, wenn seine Frau in der Phantasie einer ganzen Stadt so als "verwunschene Prinzessin" fortlebt."
Freilich, selber getanzt hat 1831 der damals vier Jahre jüngere Marx mit der 17jährigen Ballkönigin nicht. Aber die beiden kannten sich schon längere Zeit, denn Jennys Bruder Edgar war ein Schulfreund von Marx, und Jenny war mit Marxens ältester Schwester Sophie befreundet. 1831 verlobte sich Jenny mit dem Leutnant Karl von Pannwitz. Über diese Verlobung war bislang wenig bekannt; auch Luise Dornemann erwähnt sie nicht.
Erst kürzlich in einem Hamburger Archiv entdeckte Briefe der Familie Florencourt - Jennys Halbbruder Ferdinand war mit Louise Florencourt verheiratet gewesen - geben Aufschluß über "Jennys neu geknüpftes Verhältnis". Mit Hilfe der Briefe gelang Krosigk der Nachweis, daß die Verlobung nach dem 10. April 1831 stattgefunden haben muß und spätestens im Dezember des gleichen Jahres wieder aufgelöst wurde.
Fritz Raddatz behauptet hingegen in seiner vor kurzem erschienenen Marx-Biographie (SPIEGEL 17/1975), der Leutnant habe Pannewitz geheißen und es sei Marx gewesen, der ihm das "schönste Mädchen von Trier ... abspenstig gemacht und sich ... mit ihr heimlich verlobt" habe. Doch 1831 war Marx erst 13 Jahre alt, und die heimliche Verlobung zwischen Karl und Jenny kam erst fünf Jahre später - im Herbst 1836 - zustande.
Als Marx im März 1837 offiziell um Jennys Hand anhielt, war die Familie Westphalen nicht begeistert. Besonders Ferdinand war gegen den "verbummelten Studenten", ein Verdikt, das auch Autor Krosigk seinem Großonkel vorhält. Daß Marx "unverkennbar die Neigung zum "ewigen Studenten"" (Krosigk) hatte, erlebte auch Jenny.
Während der siebenjährigen Werbungszeit mußte sie öfters ihr "Schwarzwildchen" mahnen: "Bedenk nur immer, daß Du daheim ein Liebchen hast, das da hofft und jammert und ganz abhängig von deinem Schicksal ist." Und als Marx 1842 die Leitung der "Rheinischen Zeitung" übernahm. klagte Jenny: "... nun mengelierst Du Dich noch gar in die Politik. Das ist ja das Halsbrechendste."
Für Krosigk war es die "Maßlosigkeit" ihrer Liebe zu Karl, die Jenny das unstete und zwei Jahrzehnte lang von erbärmlicher Armut geprägte Leben ertragen ließ. Von ihren sieben Kindern starben drei in jungen Jahren, eins brachte sie tot zur Welt.
Von einem "Schlag" freilich habe sich Jenny "nie völlig erholt", und zwar vom Ehebruch ihres Mannes mit der langjährigen Haushälterin Helene (Lenchen) Demuth. Am 23. Juni 1851 hatte Lenchen Demuth einen Sohn geboren, der als Frederick Demuth im standesamtlichen Register eingetragen wurde und für den Friedrich Engels gegenüber der Familie Marx und den Freunden die Vaterschaft übernahm.
Mehr als 100 Jahre später, 1962, veröffentlichte Werner Blumenberg einen Brief von Louise Freyberger, der ersten Frau Karl Kautskys, an August Bebel. Darin behauptet Louise Freyberger, Engels habe ihr kurz vor seinem Tode mitgeteilt, daß Marx der Vater von Frederick Demuth gewesen sei.
Seither streiten sich die Marx-Forscher darüber, ob der Freyberger-Brief echt sei. Für Krosigk ist der Fall eindeutig: Großonkel Karl und nicht Engels ist der Vater von Lenchens Sohn. Denn niemals hätte "der noble Engels den Frieden des Marxschen Hauses in dieser Form zerstört, das allseits, auch von ihm, verehrte Lenchen in "Unehren" gebracht und die Achtung Jennys, auf die er großen Wert legte, aufs Spiel gesetzt". Krosigk glaubt auch, daß Engels - wäre er der Vater gewesen - Lenchen nach dem Tode von Marx geheiratet hätte. Ein Argument, das einiges für sich hat, denn Engels war ein Kindernarr und hätte seinen Sohn "mit tausend Freuden" (Krosigk) legitimiert.
Marxens "Fehltritt" ist für den Großneffen durchaus begreiflich. Die fünfziger Jahre waren für Jenny und Karl die schwersten. Krosigk: "Eine Ehe ist in Gefahr auseinanderzubrechen, wenn die Frau wünscht, mit ihren Kindern klaftertief in der Erde zu liegen, und wenn der Mann sich fürchtet, nach Hause zu kommen, weil dort das unerträgliche Klagen und Jammern wieder beginnt ..."
Angesichts der hysterischen Jenny findet es Krosigk "sehr menschlich", daß Marx bei dem etwa zehn Jahre jüngeren, "leiblich und geistig" kerngesunden "Lenchen Trost und Erholung" suchte und fand: "Marx war nicht der einzige große Mann, der gegen die Regeln der Moral verstieß."
Krosigk widerlegt auch die von Raddatz aufgestellte Behauptung, es gäbe keinen Beleg dafür, daß die Sozialisten-Führer etwas von dem unehelichen Marx-Sohn gewußt hätten. Er zitiert einen 1971 veröffentlichten Brief von Bebel an Kautsky vom 3. August 1899, in dem es heißt, Samuel Moore, der juristische Berater von Marx und Engels, bestätigte Frederick, "Engels habe noch wenige Tage vor seinem Tode lebhaft protestierend abgelehnt, der Vater von Freddy zu sein Und weiter schreibt Bebel, daß Moore Frederick gesagt habe, er könne daraus "seine Schlüsse ziehen."
Wann freilich Jenny vom "Fehltritt ihres Mannes erfahren hatte", vermag auch der akribische Krosigk nicht eindeutig zu klären. Sicherlich nicht sofort, sie hätte sich sonst "höchstwahrscheinlich scheiden lassen". Krosigk hält drei Termine für möglich: 1855 oder 1865, spätestens 1867.
In ihrem Brief an Bebel erwähnt Louise Freyberger, daß "Frau Marx einmal ihrem Mann von London durchbrannte". Es könnte, glaubt Krosigk, sich dabei um jene Reise im Jahre 1855 gehandelt haben, von der "sie (Jenny) weder in Briefen noch in Erinnerungen etwas erzählt".
Für das Jahr 1865 spricht ein Brief, den Jenny an Frau Liebknecht schrieb, in dem sie im "Ton bitterer Resignation" (Krosigk) ihre "getäuschten Hoffnungen" beschreibt. Und schließlich fand Krosigk einen Brief von Jenny an den Marx-Freund Ludwig Kugelmann aus dem Jahre 1867, der auf jene bittere Erfahrung Jennys schließen läßt. Doch, so meint Krosigk, mußte Jenny mit Rücksicht auf die kommunistische Bewegung und die Familie "die These von der Vaterschaft Engels' fortbestehen lassen, konnte für sich aber die Konsequenz ziehen, dem ehelichen Verkehr mit ihrem Mann ein Ende zu machen".
Daß Jenny durch die "Rücksichtslosigkeit eines Genies" hysterisch wurde, ist für den Großneffen durchaus begreiflich. Er beruft sich auf den englischen Professor Alexander Gray: "Jenny scheine so etwas wie eine Heilige gewesen zu sein, aber selbst einer Heiligen müsse man verzeihen, daß sie neurotisch würde, wenn sie zufällig mit einem Karl Marx verheiratet sei."
* Lutz Graf Schwerin von Krosigk: "Jenny Marx", Verlag Fr. Staats GmbH, Wuppertal; 264 Seiten; 32,50 Mark.

DER SPIEGEL 48/1975
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