24.11.1975

„In die Hocke, 800 er!“

Werner nennt sich selber eine Tunte. Das schafft er, indem er sein Ehrgefühl verlagert. Während er vor Jahren dieses Wort noch fürchtete, weil es eine abschätzige Zutat seines Leumunds war, verwendet er es heute als vorbeugend niedersausende Keule. Werner ist 36 und Filialleiter einer Berliner Feinkostkette.
Von den äußerlichen Merkmalen eines Knaben sind ihm schülerhafte Hüften geblieben. Dennoch befindet sich seine Schönheit schon im Stadium einer fragilen, leicht verwüstbaren Blüte. Werner möchte klargestellt wissen, daß er ein "Laie im Fummel" ist. An diesem Abend in der "Neuen Welt" trägt er für 300 Mark Federn am Leib. Auf seine Zahnarztrechnung von 10 000 Mark kommt er zu sprechen, als gegen 21 Uhr das Gefühl in seinem bis dahin durch Spritzen betäubten Oberkiefer allmählich wiederkehrt: Werner hat sich ohne ästhetische Notwendigkeit die oberen Zähne ersetzen lassen.
Lange vor Werner mühte sich "Blondin" in der "Neuen Welt" für ein bißchen Echo ab. Theodor Fontane beschrieb es in "Irrungen, Wirrungen "Blondin, nur in Trikot und Medaillen gekleidet, stand balancierend auf dem Seil, überall von Feuerwerk umblitzt, während um und neben ihm allerlei kleinere Plakate Ballonauffahrten und Tanzvergnügungen ankündigten. Eins lautete: "Sizilianische Nacht. Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer.'"
Es war abzusehen, daß einer auftritt und die Zarah auf der Rolle hat, die gutturalen Buffo-Stücke der Clara Zylinder: Waldemarr mal wieder wunderbarr. Am Flügel, den die Schnittblumen im Laufe der "unvergänglichen Lieder" langsam zu einem Sarkophag ausstatten, steht "Christina aus Amsterdam". Sie hat kesselrote, über die Haarspraydüse in Schach gehaltene Locken und darunter Zarahs zahnstarkes Lächeln, das in den Applaus zu beißen scheint. Christina ist die Umkehrung des Märchenwolfes, der Kreide fressen mußte, um hell zu sprechen.
An der Bühnenrückwand im großen Saal der "Neuen Welt" hängt eine Kulisse, auf der sich über der silberbronzierten Sacré-Coeur der Himmel von Paris ausbreitet. Im oberen Teil des Pariser Himmels steht regenbogenförmig "Tuntenball" geschrieben.
"Husch, husch, Mädels", sagt der Toilettenmann. Auf den Bodenkacheln unter den Spiegeln liegt der Abrieb der kühnen Prozeduren. Serge de Paris trägt Blattgold auf den Lippen und gekörntes Silber um die Augen. Für seinen Schutenhut, der die Größe einer hochkant gestellten Sitzwanne hat, ist jede Tür zu niedrig. "In die Hocke, Süßer!" sagt der lotsende Toilettenmann.
Die "Neue Welt" in der Berliner Hasenheide ist seit 110 Jahren das Ausschanklokal der Bergschloßbrauerei heute ein Nebenbetrieb von Schultheiss. Beim Bockbierfest 1921 wählte das Publikum "die pikanteste Damenfrisur"; 1924 "das eleganteste Damensportkostüm mit Breeches, Sweater und Pudelmütze". Jetzt, am vorletzten Wochenende, wurde in der "Neuen Welt" die "originellste Tunte Berlins" prämiiert.
Den Zuschlag bekommt eine brachiale Blondine aus der Trocadero-Bar, "Hermine, die Wahnsinnige": sechs Tage New York. Hermine ist ein Standard-Transvestit. Ihre preiswürdigen Effekte beschränken sich auf einen weit geöffneten Brokatmantel über einer schwarz behaarten Körperfront. Die Drahtzieher dieser Wahl sind bei der Mafia der Berliner Damenbässe zu suchen, beim Matriarchat der Schwuchtel-Diseusen, das, bei Krawattenzwang und Mindestverzehr, die weiträumigen, kariösen Sprechgesänge gestriger Chansonetten verkauft, die Delikatessen aus der Pariser Hutschachtel: "Pariii ... Pariii... Pariii ...

DER SPIEGEL 48/1975
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