08.09.1975

BÜCHERPenetrieren unerwünscht

Alice Schwarzer: „Der „kleine Unterschied' und seine großen Folgen“. S. Fischer; 248 Seiten; 14,80 Mark.
Alice Schwarzer, 32, Kopf der neuen Frauenbewegung, wenn diese denn in der Bundesrepublik eine Führerfigur besitzt, legt Protokolle vor. Es geht um das Privatleben von sechzehn Frauen -- Hausfrauen, Studentinnen, Müttern, Berufstätigen, Prostituierten. Genauer gesagt geht es darum, wie diese Frauen Sexualität erleben.
"Hauptkriterium" der Autorin bei der Auswahl gerade dieser "exemplarischen" Frauen war ihre "Normalität" (Schwarzer). Für "repräsentativ" hält sie denn auch "die Skala der Frauenprobleme und Lebenskonstellationen in den Protokollen"
Deutschlands Frauen, so entnimmt man dem Schwarzer-Buch unterm Strich, sind nicht glücklich.
Sie sehen sich als Menschen zweiter Klasse und empfinden es als Bestätigung ihrer Minderwertigkeit, wenn der Freund sie zurechtstaucht: "Wer bist du denn schon?" Sie haben versucht, nur für andere -- Männer! -- dazusein und nicht an sich selbst zu denken. Allen sechzehn aber hat irgendwann gedämmert -- und darin sind sie "nicht repräsentativ" (Schwarzer) -, daß sie ihr Leben in eigene Hände nehmen müssen. Ihr Verhalten im Bett hält die Feministin für den "Angelpunkt", an dem sich alles entscheidet.
Unter der Überschrift "Bei allen Frauen immer dasselbe ..." resümiert die Autorin: "Verwirrung in der Kindheit durch den Zwang zur weiblichen Rolle. -- Erster Beischlaf als Pflichtübung im Ritual des Frauwerdens. Keine tut es aus Lust, alle tun es aus Angst. Viele empfinden ihre sexuellen Kontakte mit dem Ehemann oder Freund als Prostitution. Alle Frauen fühlen sich benutzt ... Keine der Frauen, die explizit über ihre Sexualpraktiken sprechen, erlebt einen sogenannten "vaginalen Orgasmus" ...
An dieses letzte Ergebnis der Gespräche knüpft Alice Schwarzer ihre wichtigste These, jene von der "Verelendung" weiblicher Sexualität unter dem "Sexmonopol" des Penis. Sie behauptet, keine Frau gefunden zu haben, die bei dem, was altmodisch Vereinigung der Liebenden heißt, durchaus positive Empfindungen verspürt habe -- von Erfüllung ganz zu schweigen.
Wie kommt sie zu dieser These? Fünf der interviewten Frauen sind homosexuell, wenn als homosexuell jemand gelten darf, der bei sexuellen Aktivitäten Partner des gleichen Geschlechts hat oder sie phantasiert. Alfred Kinsey, den Alice Schwarzer wie ich als einen -- ausnehmend sachlichen -- Experten anerkennen, hat sich nicht getraut, in seinem Werk "Das sexuelle Verhalten der Frau" eine Schätzung über das Vorkommen von Homosexualität in der nordamerikanischen oder irgendeiner anderen Bevölkerung zu machen. Ich glaube, daß fünf lesbische Frauen -- dazu kommt noch eine bisexuelle -- bei 16 insgesamt "ausgewählten" (was das heißt, wird nicht geklärt) Frauen stark überrepräsentiert sind.
Aber das ist nicht einmal entscheidend. Die Einseitigkeit der Gedankenführung in Alice Schwarzers Buch kommt durch etwas anderes zustande. Die 52jährige Kauffrau Annegret 0.. geschieden, zwei erwachsene Kinder, hat zum Beispiel "in der Phantasie immer nur an den Körper einer Frau" gedacht. "Mit Männern", jüngeren, oft ausländischen, hat sie gleichwohl "meistens zwei oder drei" Orgasmen.
Karen J., 34, Hausfrau, drei Kinder. Ehemann Angestellter, ist zur Zeit eng mit einer Frau liiert und sagt trotzdem -- auch noch von ihrer Entjungferung durch einen Schulfreund: "Es war wirklich wunderschön."
Also selbst lesbische Frauen genießen die sexuelle Vereinigung mit einem Mann? Oder darf man annehmen, daß junge Männer bei der Defloration, jüngere "Ausländer", vielleicht gar nicht in die Frau eingedrungen sind? Die Autorin fragt nicht danach, es bleibt ungeklärt.
Das ist das schlimmste an diesem Buch vom kleinen Unterschied: Wann immer die Frauen erzählen -- und mindestens sechs tun das -, daß sie mit ihren Männern oder Liebhabern trotz aller Differenzen doch im Bett glücklich sind, es einmal waren oder es heute im Gegensatz zu früher sind, verstummt Alice Schwarzer offenbar. Sie fragt nicht weiter nach, vor allem stellt sie die zum Beweis ihrer These wichtigste Frage nicht: Nur da, wo sie nachgefragt hat, sagen die Frauen, daß sie keinen Penis brauchen.
Wie aber, wenn nun alle sechs sexuell befriedigten Frauen sich geweigert hätten, auf die Rolle des Phallus bei ihren Sexualpraktiken einzugehen? Dann müßte Alice Schwarzer dies zu Protokoll gegeben haben.
Noch ein Beispiel soll das Groteske ihrer Methode veranschaulichen: Die typische dicke Hausfrau "Irmgard S., vier Kinder, Ehemann Ingenieur", sagt: "Ich kann heute auch gut mit ihm darüber reden. Da freut er sich, wenn ich ihm sage, was ich gerne möchte. Die meisten Männer sind ja anders, die zwingen ja oft ihre Frauen, aber mein Mann ist nicht so, ich hab' da nur gute Erfahrungen mit ihm gemacht."
Alice S. und Irmgard S. überlegen daraufhin "zusammen, woher es kommt, daß auch ihr Mann trotz allem relativ aufgeschlossen scheint", statt daß die Interviewerin fragt, wie sie es denn gern mag und was er denn macht.
So kann sie ihre These halten: "Der die Frau zur Passivität verdammende Koitus" (!), für ihn spreche "nichts bei den Frauen, viel bei den Männern Koitus gleich "Penetration", gleich Eindringen, gleich "Schwanzficken".
Dieses Schwanzficken, läßt Alice Schwarzer vermuten, gehört abgeschafft, nicht etwa nur eingeschränkt. "Penetrieren" wollen sie sich nicht mehr lassen, sagen gleich mehrere der jungen frauenbewegten Gesprächspartnerinnen, und die Leserin muß im Kontext der ganzen übrigen Abhängigkeiten, die von den Frauen in diesem Buch so real und so richtig geschildert werden, glauben, daß hier und nur hier ihre Befreiung beginnen kann.
Das aber ist unverantwortlich, Frauen einzureden, "nichts" spreche für Penetration, nachdem ihnen, spätestens seit Freud, eingebimst worden ist, alles spreche nur für sie! Hieß es bisher (genauer: bei Kinsey), die Frau, die beim bloßen Koitieren selten oder nie einen Orgasmus erziele, sei frigid, so heißt es nun laut Schwarzer andersherum: Die Frau, die beim Eindringen eines Penis in ihre Vagina überhaupt noch Lust empfindet, macht sich -- bestenfalls -- etwas vor, schlimmerenfalls ist sie anormal.
Wer so "blitzgescheit" ist wie Alice Schwarzer (deutsches Presseurteil). muß mit Blindheit geschlagen sein, den "Terror" der einen Norm zu zerstören, nur um einen neuen Normenterror anzubahnen. Sophie von Behr
Von Sophie von Behr

DER SPIEGEL 37/1975
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