06.10.1975

„Umsturz, wenn Franco weiter mordet“

SPIEGEL: Herr Carrillo, glauben Sie, daß es nach den Hinrichtungen und neuen Morden noch einen friedlichen Weg zu einem demokratischen Spanien geben kann?
CARRILLO: Das glaube ich schon. Wenn es den demokratischen Kräften gemeinsam gelingt, eine Einheit herzustellen und eine Alternative zum bisherigen Regime anzubieten, dann ist eine Demokratie in Spanien noch immer möglich.
SPIEGEL: Angesichts der brutalen Repression und des fortdauernden Blutvergießens sieht es doch so aus, als sei Ihre Linie einer friedlichen Entwicklung gescheitert. Müssen Sie Ihre Strategie ändern?
CARRILLO: Wenn das Franco-Regime noch lange die derzeitige Repressionspolitik weiterführt. dann ist nicht ausgeschlossen, daß es in Spanien zu keiner friedlichen Lösung mehr kommen kann.
SPIEGEL: Also Bürgerkrieg?
CARRILLO: Nein, ich sehe keinen Bruderkrieg, aber wenn Franco weiter mordet, dann wird es zu heftigen Haßreaktionen kommen. Das könnte dann zu einem gewaltsamen Umsturz führen -- aber das muß noch nicht Bürgerkrieg bedeuten. Allerdings ist Franco dabei, ein Bürgerkriegsklima zu schaffen. Aber ich glaube, daß die spanische Gesellschaft entwickelt und reif genug ist, um einen wirklichen Bürgerkrieg zu vermeiden.
SPIEGEL: Halten Sie die Proteste der europäischen Regierungen für eine unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Spaniens?
CARRILLO: Ganz im Gegenteil, ich halte sie für eine Hilfe, damit das spanische Volk einmal seine Souveränität ausüben kann. Diese Reaktionen sind wichtig, gerade damit es nicht zum Bürgerkrieg kommt.
SPIEGEL: Sollten Sie eines Tages in einer spanischen Regierung sitzen, würden Sie sich dann revanchieren und an der Zusammenarbeit Europas teilnehmen?
CARRILLO: Natürlich wird Spanien sieh zu Europa bekennen.
SPIEGEL: Auch zur kapitalistischen EG?
CARRILLO: In die müssen wir sogar schnell rein, damit sie sozialistisch wird.
SPIEGEL: Zur Situation heute. Hat Prinz Juan Carlos nach seiner Fraternisierung mit Franco -- zu der er vielleicht gezwungen wurde -- überhaupt noch eine politische Zukunft?
CARRILLO: Nein, die hat er verspielt. Juan Carlos ist Francos Kreatur und muß verschwinden, sobald Franco nicht mehr ist.
SPIEGEL: Aber im Prinzip sind Sie nicht gegen eine Monarchie?
CARRILLO: Wenn das spanische Volk sieh in einer wirklich freien Wahl für sie ausspräche, würde ich sie akzeptieren.
SPIEGEL: Kann die spanische Armee nach Francos Abgang eine ähnliche Rolle spielen wie die portugiesische?
CARRILLO: Nein, nicht, wenn Franco bald verschwindet. Allenfalls, indem sie das Entstehen einer von Zivilisten geführten Gesellschaft erleichtert. Wenn aber Franco noch ein Jahr lebt, ist alles möglich.
SPIEGEL: Die portugiesische Armee ist durch die Erfahrung schmutziger Kolonialkriege zu demokratischen Vorstellungen gekommen, eine Erfahrung, die Spaniens Armee nicht machen konnte.
CARRILLO: Aber die spanische Armee hat eine andere Erfahrung gemacht: Sie hat Franco an die Macht gebracht, und der hat sie im Stich gelassen. Sie ist heute schlechter ausgerüstet als einige afrikanische Armeen, das treibt die Offiziere zur Opposition. Franco hat die Armee niemals als Verteidigungsinstrument nach außen angesehen, sondern als Polizeikorps im Inneren. Und dafür genügten Gewehre und Maschinenpistolen.
SPIEGEL: Herr Carrillo, ist die spanische KP nach Francos Ende bereit, die Macht mit den demokratischen Kräften zu teilen?
CARRILLO: Die spanische KP ist bereit, sich an einer provisorischen Regierung zu beteiligen, deren Aufgabe darin besteht, Wahlen vorzubereiten. Dafür wird die KP Spaniens mit fast allen Kräften zusammenarbeiten. Natürlich nicht mit den Monarchisten von Juan Carlos, den spanischen liberalen Rechten, wie den Unternehmern und Großgrundbesitzern.
SPIEGEL: Ihr portugiesischer Genosse Cunhal hat das demokratische Spiel keineswegs loyal gespielt. Haben Sie Pläne wie er?
CARRILLO: Wie Sie wissen, haben die italienische KP und wir eine andere Konzeption zum Aufbau des Sozialismus in der Demokratie gewählt. Wir sind fest davon überzeugt, daß man in westlichen entwickelten Ländern nur innerhalb einer Demokratie und gemeinsam mit allen anderen sozialistischen Kräften zum Sozialismus kommen kann. Das heißt: Die individuellen Rechte und die menschlichen Freiheiten müssen respektiert werden, das Parlament und das Recht zur Opposition muß bestehen bleiben.
SPIEGEL: Heißt das, die KP Spaniens hat endgültig auf die Diktatur des Proletariats und die Vormacht der einzigen Partei verzichtet?
CARRILLO: Da können Sie ganz sicher sein. Das ist Bestandteil unseres verabschiedeten Parteiprogramms.
SPIEGEL: Worin unterscheiden Sie sich dann von den Sozialisten?
CARRILLO: Ach, wissen Sie, zwischen uns und den spanischen Sozialisten gibt es eigentlich keinen großen Unterschied.
SPIEGEL: Herr Carrillo, wenn es heute Wahlen gäbe, welchen Prozentsatz hofften Sie zu erreichen?
CARRILLO: Das ist wirklich meine letzte Sorge. Nur soviel kann ich Ihnen sagen: Unser Einfluß wird nicht so klein sein, wie die Sozialistische Arbeiterpartei glaubt, aber auch nicht so groß, wie manch andere Leute fürchten.

DER SPIEGEL 41/1975
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