15.09.1975

SPEKULATIONDer Gröspaz

Deutschlands gewandtester Kleinaktionärsanwalt wurde von den Großbanken eingefangen. Er hatte zu viele Schulden gemacht.
Sie sind ein Trottel, Herr Direktor" -- mit Sprüchen solchen Kalibers zog der Dortmunder Kleinaktionärs-Anwalt Kurt Fiebich durch die Hauptversammlungen der sechziger Jahre und schreckte das Industrie-Management mit peinlichen Details aus der Firmenbilanz. Heute schrecken den 54jährigen Volkstribunen kleine Einzelheiten aus seiner eigenen Kasse.
Rund 19 Millionen Mark, so stand es in den alle zwei Monate erscheinenden vertraulichen Mitteilungen der Deutschen Bundesbank über Millionenkredite, schuldete der einstige Kleinaktionär Mitte vergangenen Jahres zehn verschiedenen Kreditinstituten, die seine privaten Börsenmanöver finanzierten.
Mit rund 400 000 Mark Verlust ging Aktionärs-Vertreter Fiebich zu Boden, als seine Spekulation mit Aktien der Wuppertaler Textilfirma Gebhard & Co. am jähen Konkurs dieser Firma zerbrach. Mit rund acht Millionen Mark Salamander-Aktien auf Kredit war Fiebich dabei, als Börsen-Insider mit der Übernahme des Schuhkonzerns durch eine britische Finanzgruppe rechneten. Die Sache ging schief.
"Gröspaz der Kleinen": Größter Spekulant aller Zeiten unter den Kleinaktionären nennen ihn seit kurzem rheinische Wertpapierhändler, und Bankier Ludwig Poullain, dessen Westdeutsche Landesbank zu einem Drittel an Fiebichs Dortmunder Hausbank Burghardt + Bröckelschen beteiligt ist, meinte gar: "Eigentlich müßte Fiebich eine Banklizenz beantragen."
Über Burghardt + Bröckelschen nämlich hatte der einstige Hauptversammlungsschreck auch seinen bislang größten Coup abgezogen: Nur wenige Wochen vor der Hauptversammlung des deutschen Energie-Giganten Veba ließ Fiebich 75 000 Stück Veba-Papiere anschaffen und schob sie zehn Tage nach Einkauf mit einem Nettogewinn von sieben Mark je Stück an die Dresdner Bank weiter. Kasse für Fiebich: über eine halbe Million Mark.
Mut zur Veba-Spekulation hatte Fiebich in Gesprächen mit Dresdner-Bank-Sprecher Jürgen Ponto und Veba-Boß Rudolf von Bennigsen-Foerder gefaßt, aus denen er kombinierte, daß die Banken den Börsenkurs der Veba-Aktien von rund 95 Mark (Mitte Juli) bis zur Hauptversammlung (Ende August) auf mindestens 105 bis 110 Mark heraufziehen wollten.
Mit kleinen Bemerkungen bei Freunden in Banken, Fonds und Tageszeitungen ("Veba ist meine neue Lieblingsaktie, bei Veba ist was im Busch") half der Aktionärsvertreter der Veba-Aktie auf die Sprünge. Besonders Neugierigen verriet er gar, er würde mit Ponto und Wirtschaftsminister Friderichs nach Teheran reisen, um dort Maklergeschäfte zu machen: "Vielleicht gelingt es mir, 15 Prozent des Veba-Kapitals zu einem Preis von 150 Mark je Aktie dem Iran erfolgreich anzubieten." Schon während Fiebichs Teheran-Visite kletterten die Veba-Kurse auf 108 Mark, und Fiebich machte Kasse.
Die kleinen Tricks mit dem großen Geld hatte Fiebich auf einer gut zehnjährigen Kampfzeit in den Hauptversammlungen der Aktiengesellschaften gelernt, bei der er Tuchfühlung mit Großbankiers und Geldhändlern gewann. Bevor sich der gebürtige Leipziger als Idol westdeutscher Kleinanleger etablierte, hatte er sich in anderen Tätigkeiten versucht. So verdingte er sich vor dem Kriege als Rechnungsprüfer bei Mannesmann in Leipzig, pachtete 1947 eine Moorländerei und heuerte nach einem Abstecher zur Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft 1956 als Direktionsassistent bei den Dortmunder Hoesch-Werken an. Seiner Manager-Karriere setzte er jedoch selbst ein Ende, als er
in einem Leserbrief in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" das forcierte Investitionstempo der Stahlbosse kritisierte. Fiebich flog.
In der nächsten Hoesch-Hauptversammlung erschien der Ex-Assistent dann als Kleinaktionär und rechnete mit seinen verdutzten Vorgesetzten öffentlich ab. Rhetorik hatte er zwischendurch in abendlichen Vorträgen an der Dortmunder Volkshochschule ("Afrika im Umbruch") geübt. Von Stund an machte Fiebich, gespickt mit Mandaten mißtrauischer Kleinaktionäre, jährlich zur Hauptversammlungszeit Jagd auf die Bosse.
Dabei kam der geschäftstüchtige Sachse schnell dahinter, daß die beim Tête-à-tête mit gesprächigen Spitzenmanagern aufgeschnappten Insider-Informationen Geld wert waren. Mit Selbst-Erspartem sowie mit Geldern der auf seine Anlagetips setzenden Klientel unternahm Fiebich immer gewagtere Spekulationen.
Fiebich-Favoriten waren meist Firmen, bei denen der Einstieg kapitalkräftiger Großunternehmen vermutet wurde und die außerdem durch Grundbesitz als substanzstarke Kapitalanlage erschienen. Fiebich-Engagements: Stollwerk, Philipp Holzmann, Rosenthal, Didier, Deutsche Texaco. Im Spitzenjahr 1972 allein kassierte Fiebich. wie er seinem Hauptversammlungs-Mitstreiter Lois Erdl anvertraute, 1,5 Millionen Mark.
Das überzogene Salamander-Engagement Fiebichs, mit dem er -- wie bei Veba -- rasch auf Kredit reich werden wollte, stoppte den Erfolgskurs. Zinsen für acht Millionen Mark Kredit bei fallenden Kursen brachten Fiebich ins Schleudern. Nur mit massiver Banken-Hilfe konnte er die Salamander-Baisse durchstehen.
Der Dank des Kurt Fiebich ist den Banken gewiß. Nun nämlich wandelte sich der mittlerweile in den Düsseldorfer Villenstadtteil Oberkassel unweit der Flick-Zentrale siedelnde Selfmade-Banker zum Industriemakler mit Bankaufträgen. Für den Londoner Finanzier Jim Slater arrangierte er den Aufkauf der hessischen Firma Steingut Colditz, für den Bayern-Hypo-Chef Anton Ernstberger versuchte er in London, ein Paket von 15 Prozent Salamander-Aktien an den Mann zu bringen. Für Europas größten Investment-Fonds Robeco will er im Nahen Osten Käufer für 290 000 Veba-Aktien finden.
Zu seinem aktuellen Angebot gehören außerdem 300 000 Aktien von Hapag-Lloyd sowie eine Million AEG-Aktien, die Fiebich einem Ölland andrehen will. "Mein Hausarzt hat mir schon die Cholera-Schutzimpfung für Saudi-Arabien verabreicht", verriet der einstige Anwalt der Kleinen froh.

DER SPIEGEL 38/1975
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