15.09.1975

„Der Prozeß war ein Racheakt der Politiker“

Dimitrios Ioannidis, letzter Chef der am Zypern-Putsch gescheiterten Athener Militärjunta, fühlt sich betrogen: In einem schriftlichen Interview -- aus der Haft -- mit dem SPIEGEL behauptet er, die Politiker hätten den Militärs vor ihrem Machtverzicht im August 1974 zugesichert, sie blieben „bis auf drei bis vier Versetzungen“ ungeschoren.
SPIEGEL: Herr General, vor etwa drei Wochen ging der Prozeß gegen die Führer des Militärputsches vom 21. April 1967 zu Ende. Drei Ihrer Putschkameraden -- Papadopoulos, Pattakos, Makarezos -- wurden zum Tode verurteilt, Sie selbst zu lebenslänglichem Zuchthaus. Was sagen Sie dazu?
IOANNIDIS: Dieser Prozeß war ein Prozeß politischer Zweckmäßigkeit, gewissermaßen ein Racheakt der Politiker.
SPIEGEL: Aber nicht die Politiker setzten Ihrem Regime ein Ende, es brach vielmehr infolge des Zypern-Putsches und der Krise des griechisch-türkischen Verhältnisses zusammen. Wie kam diese Krise in Ihrer Sicht zustande?
IOANNIDIS: Den Höhepunkt erreichte die Krise Anfang Juni 1974, als am Rande der Nato-Konferenz in Brüssel die Ministerpräsidenten Griechenlands und der Türkei zusammentrafen. Auf diesem Treffen wurde von der Seite der Türkei ultimativ die sofortige Regelung der -- nach türkischer Auffassung bestehenden -- Differenzen in Thrakien, der Ägäis und Zypern gefordert. Andernfalls, so drohten die Türken damals, würden sie einseitig intervenieren. Parallel dazu verstärkte die Türkei ihre Streitkräfte in Thrakien und sammelte Truppen an der kleinasiatischen Küste gegenüber den griechischen Inseln.
SPIEGEL: Was haben Sie dagegen unternommen?
IOANNIDIS: Um dieser türkischen Drohung zu begegnen, wurden Maßnahmen zur Verstärkung der Truppen im Grenzgebiet Evros und auf den Inseln eingeleitet. Parallel hierzu wurde die Beschaffung von Kriegsmaterial fortgesetzt. Zunächst bestellten wir in Amerika neue Phantoms, Jagdbomber vom Typ A-7D und Transportmaschinen C-130. Außerdem kauften wir in Frankreich, Westdeutschland, Italien und Norwegen Raketenboote, Zerstörer, Panzer, Kettenfahrzeuge, Kanonen. Aufgrund dieser Bestellungen wird zum Beispiel die griechische Luftwaffe bis Ende 1975 zu den stärksten aktiven Luftstreitkräften Europas gehören.
SPIEGEL: Zu einem Krieg mit der Türkei ist es aber bisher nicht gekommen, jedoch zu einem griechischen Putsch gegen Zyperns Präsident Makarios. Warum haben Sie den Putsch gegen Makarios am 15. Juli 1974 unternommen?
IOANNIDIS: Um der von Makarios verordneten Auflösung der zypriotischen Nationalgarde zuvorzukommen, die einen Gleichgewichtsfaktor zwischen Griechenland und der Türkei bildete.
SPIEGEL: Mit Ihrem Putsch meinten Sie aber auch die Enosis zu erreichen, die Vereinigung Zyperns mit Griechenland. Schon lange standen Sie zu diesem Zweck in Verbindung mit Enosis-Anhängern auf der Insel, etwa zu dem Acht-Tage-Putsch-Präsidenten Sampson.
IOANNIDIS: Zwischen mir und zypriotischen Kreisen, die sich der Politik von Makarios widersetzten, bestanden keinerlei Verbindungen. Wohl aber hat es seit langer Zeit Mißtrauen zwischen Athen und Nikosia gegeben. Im übrigen wird alles, was die Zypern-Krise anbelangt, dargelegt, wenn das Verfahren um die Zyper-Aktion begonnen hat.
SPIEGEL: Welche Rolle haben die Amerikaner in der Zypern-Krise gespielt?
IOANNIDIS: Zwischen Januar und Juli 1974 wurden wir vielen Pressionen ausgesetzt -- vor allem von seiten des damaligen Athener US-Botschafters Henry Tasca. Er bedrängte uns, gegenüber den Türken Konzessionen vor allem in der Frage des Ägäis-Öls zu machen. Man drohte uns ständig, im Falle eines Konflikts mit den Türken würden wir die Ägäis-Inseln verlieren. Gegenwärtig kann ich aber dazu nicht mehr sagen.
SPIEGEL: Kein Geringerer als Präsident Ford hat Ihnen die Verantwortung für den Zypern-Putsch und die türkische Invasion zugeschoben. Ford sagte: "Die damalige griechische Regierung versuchte, Makarios zu stürzen und zu ermorden. Das Ergebnis der griechischen Verletzungen war die Intervention der Türken, die leider Herr der Lage wurden."
IOANNIDIS: Was den ersten Teil dieser Erklärung anbelangt, das heißt, die Verantwortung für Zypern, so erkläre ich: Niemals habe ich meinen Teil an dieser Verantwortung geleugnet. Was den zweiten Teil anbelangt, so wußten die Amerikaner gut, insbesondere nach der Nato-Konferenz in Brüssel im Jahre 1974, daß die Türken im Laufe des Sommers 1974 im griechischen Raum intervenieren würden. Unabhängig davon aber zeigt die Erklärung des amerikanischen Präsidenten den Grad der Abhängigkeit der damaligen Regierung von den Amerikanern.
SPIEGEL: Aber auch Ihnen wirft man Verbindungen zu den Amerikanern vor, zur CIA zum Beispiel.
IOANNIDIS: Die Urheber dieser Geschichten sind in jenen Kreisen zu suchen, die amerikanische Interessen verfolgen und die selbst die US-Staatsangehörigkeit haben, sowie bei einigen bekannten Politikern, die sich jahrelang in den Vorzimmern der ausländischen Botschaften drängten.
SPIEGEL: Auf Ihnen lastet nicht nur die Verantwortung für die Zypern-Tragödie, sondern auch für das Fiasko der Mobilmachung. Was sagen Sie dazu?
IOANNIDIS: Das ist eine gezielte Bosheit jener, die die Nation unterminieren wollen. Die Mobilmachung erreichte rasch alle Planziele, trotz der Tatsache, daß viele Griechen in Ferien waren. Sie meldeten sich spontan und rasch. Die Einheiten wurden rechtzeitig zusammengestellt und in Bewegung gesetzt. Natürlich hat es einige Unordnung gegeben, weil mehr Reservisten kamen als erwartet.
SPIEGEL: Warum eigentlich haben Sie und Ihre Kameraden nach dem Zypern-Fiasko die Macht so ohne weiteres aufgegeben? Wie kam es zu der kläglichen Machtübergabe an die Politiker?
IOANNIDIS: Als die türkische Invasion auf Zypern lief und die Krise mit der Türkei ihren Höhepunkt erreichte, war bereits das Klima für den politischen Wechsel und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit entstanden. Obwohl ich persönlich mit der Art und Weise, mit der sich der Wechsel vollzog, nicht übereinstimmte, erklärte ich mich mit der Mehrheit der anderen Mitglieder einverstanden.
SPIEGEL: Das Ende der Diktatur soll also von den Diktatoren gewollt gewesen sein? Hatten Sie für sich selbst und Ihre Kameraden keine Garantien verlangt?
IOANNIDIS: Natürlich. Damals, im August 1974. wurden freigiebig Zusicherungen an den Präsidenten General Gizikis, die Führung der Streitkräfte und mich gegeben. Ich persönlich habe in Gegenwart auch einer dritten Person von einem verantwortlichen Minister Zusicherungen erhalten, daß bis auf drei bis vier Versetzungen keinem Offizier etwas geschehen würde. Es mußte einige Zeit vergehen, bevor das griechische Volk und die Offiziere erfuhren, daß diese Zusicherungen nichts anderes waren als Paragraphen des Betrugsplanes der damaligen Regierung. Auf jeden Fall aber gibt es Unterlagen, Schriftstücke. Sie werden einmal ans Tageslicht kommen. Die Bitterkeit der Offiziere aber darüber. daß wir von den Politikern betrogen wurden, ist absolut gerechtfertigt.
SPIEGEL: Herr General, Sie haben in Ihrem Leben sicher viele Fehler gemacht. Was ist Ihrer Meinung nach Ihr größter Fehler gewesen?
IOANNIDIS: Mein größter Fehler war es, daß ich die Führung der Streitkräfte meinen Dienstvorgesetzten anvertraute und nicht die Rolle spielen konnte, die ich in der kritischen Zeit ab 20. Juli 1974 spielen sollte.

DER SPIEGEL 38/1975
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