28.07.1975

USABauch des Drachens

Hätte Präsident Ford Solschenizyn empfangen sollen? Rund 500 US-Bürger verlangten es, doch Henry Kissinger war dagegen.
Der Präsident war noch nicht einmal abgeflogen, da wurde seine Reise schon donnernd verurteilt.
Mit seiner Unterschritt unter das Ergebnis der "Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE), die Präsident Ford in dieser Woche in Helsinki leisten will, werde er die "Völker Osteuropas verraten" und ihre "Versklavung auf immer offiziell besiegeln". So klagte der Nobelpreisträger und exmittierte Sowjetbürger Alexander Solschenizyn, zur Zeit in den USA, und sagte eine Ford-Einladung ab.
Für den abgeblitzten US-Präsidenten war das, fand Newsweek, "eine böse Blamage", und ein hoher Beamter des Weißen Hauses mußte einräumen: "Es ist eine vermurkste Geschichte."
Das mochte stimmen. Die beiden erzkonservativen Senatoren Helms und Thurmond hatten Ford nahegelegt. Alexander Sotschenizyn, der seit Ende April durch Kanada und die USA reist. am 30. Juni zu empfangen. Und der amerikanische Gewerkschafts-Dachverband AFL-CIO hatte dem Präsidenten eine Einladung für ein Dinner mit dem Nobelpreisträger am gleichen Tag zugestellt.
Bei diesem Essen beklagte Solschenizyn wie ein alttestamentlicher Prediger sein Schicksal: Dem "roten, brennenden Bauch des Drachen" sei er entkommen. Ein russisches Sprichwort besage: "Man holt nicht den Wolf. damit er einem gegen die Hunde hilft."
Die Versammelten vernahmen"s mit Begeisterung. Es war, schrieb die Kolumnistin Mary McGrory" "die heißeste Rede eines Kalten Kriegers", die sie jemals zu hören bekommen hätten, obschon hier die Creme der amerikanischen Entspannungsfeinde beisammen saß: der ultrakonservative Gewerkschaftsboß Meany, 80, Ex-Verteidigungsminister Melvyn Laird, jetzt bei "Reader's Digest", in dessen Juli-Ausgabe er den Ausverkauf Amerikas in der Entspannungspolitik beklagt, und Verteidigungsminister James Schlesinger, der kürzlich einen nuklearen Präventivschlag der USA für möglich erklärte.
Der Präsident der USA war zu dem Festmahl nicht erschienen. Während man darüber streiten kann, ob er sich souverän zeigte, indem er der -- innenpolitisch populären -- Rallye der Entspannungsgegner fernblieb, oder ob es noch souveräner gewesen wäre, sich über die Empfindlichkeiten des
Entspannungspartners Moskau hinwegzusetzen, wirkte das Verfahren jedenfalls kleinlich: Der Terminplan des Präsidenten sei überfüllt, erklärte Pressesprecher Ron Nessen am nächsten Tag. Ford sehe im übrigen nur dann Sinn in einer solchen Begegnung, wenn sie "substantiell" gestaltet werden könnte. Welchen substantiellen Verpflichtungen Ford am gleichen Tag nachging, führte die "New York Times" genüßlich auf, etwa "Das komplette Kartoffelkochbuch" entgegenzunehmen, überreicht von der "Farm-Familie des Jahres", den Ottomans aus Oregon.
Das Verhältnis des derzeitigen Präsidenten der USA zur Literatur, zumal zu der von Sotschenizyn verfaßten, war freilich noch nie besonders eng gewesen. Mitarbeiter hätten ihm erzählt, sagte er einmal als Vizepräsident, daß das Werk des damals gerade Ausgewiesenen "superb" sei, er selber habe freilich noch nichts von dem bedeutenden Mann gelesen.
Seine Offenheit trug ihm damals noch Sympathien ein, diesmal war es anders: Erst mußte Ron Nessen einräumen, daß in Wahrheit nicht Zeitdruck, sondern der Rat Henry Kissingers die Begegnung verhindert hatte, der sie für außenpolitisch "nachteilig" hielt. Kissinger in Milwaukee: Wenn Solschenizyns Ansichten Bestandteil der amerikanischen Politik würden, sei die Gefahr eines militärischen Konflikts "beträchtlich".
Gleichwohl besann sich der Präsident um. Rund 500 US-Bürger hatten ihm schriftlich mitgeteilt, was sie von seiner Haltung hielten: Allesamt verurteilten sie Fords Absage an Solschenizyn. Hektisch telephonierten Mitarbeiter des Weißen Hauses seitdem hinter dem Schriftsteller her. Doch als ihm sein Gastgeber Senator Helms bei einem Empfang auf dem Kapitol die Einladung des Weißen Hauses ins Ohr flüsterte, winkte Solschenizyn ah: Er wolle schriftlich eingeladen werden.
Ein paar Tage später feuerte er noch mal hinterher: Nur wenn es ihm gelingen könnte, Ford von der Unterzeichnung der KSZE-Papiere in Helsinki abzuhalten, sei eine Begegnung sinnvoll. Dafür aber bestehe "keine Hoffnung" sie bestand tatsächlich nicht.

DER SPIEGEL 31/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
Bauch des Drachens

  • Italien: Wasserhose verwüstet Strand
  • Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen
  • Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg
  • Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft