28.07.1975

KOMMUNISMUSEkliges Ding

Die Zukunftsvorstellungen des Kommunismus -- klassenlose Gesellschaft, Abschaffung des Staates -- müssen revidiert werden. Diesen Schluß zieht der kommunistische Philosoph Wolfgang Harich in einem neuen Buch.
In sechs Gesprächen, die sich über ein halbes Jahr verteilten, diskutierte der Ost-Berliner kommunistische Philosoph Wolfgang Manch. 51, mit dem Lektor des Reinbeker Rowohlt-Verlages Freimut Duve -- Thema: Welche politischen Konsequenzen ergeben sich für den Marxismus-Leninismus aus den Analysen des Club of Rome ("Die Grenzen des Wachstums", 1972, und "Menschheit am Wendepunkt", 1974), wonach die Biosphäre keinen weiteren industriellen Fortschritt aushält?
Im Frühjahr mußte das Diskutier-Turnier abgebrochen werden. Manch, der von 1956 bis 1964 eine Haftstrafe wegen staatsfeindlicher Betätigung abgesessen hatte, inzwischen aber in der DDR als, wie er es selber ausdrückt, "voll resozialisiert" gilt, erlitt eine Herzattacke. Übrig blieb ein "Torso-Manuskript", dessen Veröffentlichung Manch erst nach einigem Zögern genehmigte. Manch am 26. April an Duve: "Geben Sie das Ding, so unvollkommen, wie es ist, in Satz!" Nächste Woche soll nun das "Ding" erscheinen*.
Bei dem Entschluß, das Manuskript zu veröffentlichen, hatte Manch auch politische Bedenken überwinden müssen. Er fürchtet, daß das Buch bei seiner, Harichs, "Obrigkeit" auf "wenig Wohlwollen" stoßen könnte. "Unannehmlichkeiten" seien immerhin "denkbar". Harichs Besorgnis kommt nicht von ungefähr, denn tatsächlich propagiert er in den mit Duve geführten Gesprächen einen "asketischen" Kommunismus, der sich sehr von den emanzipatorischen Zukunftsvorstellungen unterscheidet, die Marx, Engels und Lenin beschrieben haben.
Friedrich Engels hatte vorausgesagt, daß die Menschheit im kommunistischen Endzustand nicht nur die "Befriedigung der Bedürfnisse aller sicherstellen", sondern auch noch neue Bedürfnisse erzeugen werde. Marx hatte versprochen (in seiner "Kritik des Gothaer Programms"), daß unter kommunistischen Bedingungen alle "Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen" würden als im Kapitalismus und "jedem nach seinen Bedürfnissen" gegeben werde. Noch 1961 versprach Chruschtschow, die sowjetische Industrie werde in 20 Jahren alles produzieren, was der
* Wolfgang Harich: "Kommunismus ohne Wachstum? Sechs Interviews mit Freimut Duve". Rowohlt-Verlag, Reinbek; 212 Seiten; 18,50 Mark.
Mensch zu "Wohlstand und Glück" brauche.
Die Vorstellung einer unter kommunistischen Bedingungen praktisch unerschöpflichen Industrieproduktion nahm im Denken der marxistischen Klassiker einen zentralen Platz ein. Sie bildete nämlich die als wissenschaftlich beweisbar ausgegebene Begründung für die Voraussage, daß die künftige Gesellschaft keine Klassen mehr kennen werde, daß sie den Zwang zur Arbeit nicht mehr auszuüben brauche und daß damit die Notwendigkeit von gesellschaftlicher Autorität entfalle.
"Die Entwicklung der Produktion", meinte Engels, "macht die fernere Existenz verschiedener Gesellschaftsklassen zu einem Anachronismus. In dem Maß, wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein."
Eben diesen Kausal-Nexus zwischen einer beliebig zu steigernden Industrieproduktion und dem "Reich der Freiheit" ist nun durch die Berechnungen der Club-of-Rome-Autoren Meadows, Mesarovic, Pestel und anderer erschüttert worden.
Daß die These des Club of Rome, wonach die Biosphäre der Erde keineswegs grenzenlos ausbeutbar ist, politisch-philosophische Konsequenzen haben könnte, ist seit längerem in der westlichen Welt geläufig. Schon vor Erscheinen der Meadows-Analyse "Die Grenzen des Wachstums" hatte zum Beispiel Konrad Lorenz ein "technologisches Moratorium" gefordert, das nur von einer "Schreckensherrschaft der "Guten"" durchzusetzen sei. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Daniel Beil hält, angesichts der Grenzen des Wachstums. Freiheits-Verluste für unausbleiblich (SPIEGEL 15/1975).
Hingegen haben sich bisher Gelehrte der kommunistisch regierten Staaten dem Problemkreis der "Grenzen des Wachstums" nur äußerst zaghaft genähert. Heiße Themen -- wie etwa, ob es noch vertretbar sei, Sauerstoff fressende Großflugzeuge zu bauen, oder die Frage nach der Überheizung der Atmosphäre durch Kernkraftwerke -- werden von ihnen fast völlig gemieden.
Gleichwohl, völlig spurlos sind die düsteren Thesen des Club of Rome auch nicht an den Kommunisten vorübergegangen. im Herbst 1972 veranstaltete die Moskauer Zeitschrift "Fragen der Philosophie" eine Diskussion über "Mensch und Umwelt", an der so namhafte russische Gelehrte wie Pjotr Kapiza, der "Vater der russischen Atombombe". und der Hydrometeorologe Jewgenij Fjodorow teilnahmen*.
Auf der Moskauer Konferenz wurde unter anderem auch die Möglichkeit der Übervölkerung erörtert -- ein Thema, das für die Kommunisten deswegen besonders unbehaglich ist, weil es von Karl Marx entschieden abgelehnt wurde. Auf die Gefahr der Übervölkerung hatte zuerst der englische Pfarrer Malthus aufmerksam gemacht, wofür er von Marx heftig gescholten wurde. "Malthusianismus" gilt seither unter Marxisten-Leninisten als eine extrem scheußliche Abart des Kapitalismus. Um so bemerkenswerter ist, daß Kapiza auf der Moskauer Konferenz die Übervölkerungs-Gefahr "ein globales Problem der nächsten Zukunft" nannte.
Wie wenig freilich diese Bemerkungen bedeuten, zeigte sich im vorigen Jahr auf der Bukarester Bevölkerungs-Konferenz: Die Sowjet-Union stimmte
* Mit Lebensgefährtin Gisela May.
** Eine deutsche Übersetzung des Protokolls ist bei Rowohlt in Heft 2 von "Technologie und Politik" erschienen.
dort für das Recht jeder Familie, die Zahl ihrer Kinder selbst zu bestimmen.
In der Tat scheint es so zu sein, daß Wolfgang Harich -- neben Robert Havemann (SPIEGEL 22/1 975) -- zu den wenigen kommunistischen Philosophen gehört, welche die "Grenzen des Wachstums" ernst nehmen und die These akzeptieren, daß die Menschheit, wenn sie ihre jetzige industrielle und demographische Expansion fortsetzt, in 100 Jahren ihren "letzten Schnaufer" (Harich) tun wird. Auf jeden Fall ist er der erste namhafte Kommunist, der ernsthaft die politischen und philosophischen Konsequenzen der Club-of-Rome-Analyse überdenkt -- und zwar mit dem Ergebnis, daß "enorme Abstriche" am "alten Menschheitstraum Kommunismus" vorgenommen werden müssen.
Nach Harich wird die Gesellschaft im Zustand des Kommunismus keine "Überflußgesellschaft" und kein "Paradies" sein "Die ausschweifenden Phantasien unbegrenzten Wohllebens, die sich bisher mit dem Begriff des Kommunismus verbanden, werden wir fallenlassen müssen." "Scheußlichkeiten" wie zum Beispiel die Rationierung werden unerläßlich sein. Die "Produktion von Menschen" (Engels) wird geregelt werden müssen.
"Der Kommunismus wird daher", meint Harich, "auch nie ohne staatliche Autorität und kodifiziertes Recht auskommen, wie dies die Klassiker des Marxismus-Leninismus ... angenommen haben." Und: "Jeder Gedanke an ein künftiges Absterben des Staates ist daher illusorisch."
Die Abschaffung des Staates, die für Marx, Engels und sogar noch für Lenin die Krönung des emanzipatorischen Kommunismus bilden sollte, ist für Harich eine schlichte Torheit. Der Staat bildet nämlich, Harich zufolge, das unentbehrliche Instrument, um das durchzusetzen, was angesichts der Grenzen des Wachstums notwendig ist: Konsum-Verzicht, Geburten-Limitierung, Waren-Rationierung, Formung der menschlichen Bedürfnisse, zum Beispiel durch "gesetzlich verfügte Massen-Entziehungskuren".
Harichs Kommunismus ist ein Gesellschaftszustand, wie ihn der 1797 in Paris hingerichtete Francois Noel Babeuf propagierte -- ein Kommunismus also, der jedem Erdbewohner einen gerechten, und das heißt gleichen Anteil der irdischen Lebensmöglichkeiten zuteilen soll. Babeuf ist für Harich aktuell, weil, wie er meint, angesichts der Grenzen des Wachstums ein einziges gesellschaftliches Problem zum beherrschenden geworden ist: die gerechte Verteilung der von der Erschöpfung bedrohten Ressourcen der Menschheit.
Daß Harich seine Kommunismus-Vorstellung -- laut Freimut Duve "der totale Polizeistaat globaler Versorgung" -- ernst meint, ist kaum zu bezweifeln. Gleichwohl ist in den Darlegungen Harichs eine hintergründige Ironie spürbar.
Harichs zukünftiger "asketischer Verteiler-Staat" (Duve) ist, jedenfalls partiell, ein Abbild des Staates, in dem Harich lebt und der ihn einst ins Gefängnis warf, der DDR also. Daß dieser Staat sich aber in Harichs Zukunftsbild eines kommunistischen Welt-Polizeistaates gern wiedererkennt, ist wenig wahrscheinlich. Und sicher ist auch dem Autor Harich geläufig, daß sich die SED-Herren nicht gern als "Obrigkeit" angesprochen sehen. Gleichwohl bekennt sich Harich mit geradezu penetrantem Eifer zu den "autoritären Strukturen unseres Systems" -- eine eklige Situation für ihn, vor allem aber für seine "Obrigkeit".

DER SPIEGEL 31/1975
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