07.07.1975

KRIEGSVERBRECHERLängst verschwunden

Resigniert die bundesdeutsche Justiz bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern, die nach Südamerika geflüchtet sind? Der Fall Kutschmann offenbart Grenzen der Fahndung.
Argentiniens Bundespolizei wartete vergebens auf den entscheidenden Anruf. Seit Stunden vernahmen ihre Beamten einen elegant gekleideten Mann namens Pedro Ricardo Olmo, Verkaufsleiter des internationalen Elektrokonzerns "Osram", der in den Ruch geraten war, ein lang gesuchter deutscher Kriegsverbrecher zu sein.
Die Polizei in Buenos Aires hatte ihn am vorvergangenen Samstag auf das Präsidium geholt, nachdem in den Morgenzeitungen eine alarmierende Meldung erschienen war: Der Kriegsverbrecher-Fahnder Simon Wiesenthal habe behauptet, Olmo sei mit dem ehemaligen Gestapo-Kriminalkommissar und SS-Untersturmführer Dr. Walter Kutschmann identisch, der von der bundesdeutschen Justiz wegen Beihilfe zum Mord gesucht werde.
Wiesenthal detaillierte, was Kutschmann vorgeworfen werde: Er sei für die Ermordung von 20 polnischen Professoren und deren Angehörigen in Lemberg 1941 verantwortlich und habe außerdem an der Ermordung von mehreren tausend jüdischen Einwohnern der galizischen Städte Brzezany und Podhajce im Jahr 1942 mitgewirkt.
Bei der Vernehmung stritt Olmo alle Vorwürfe ab. Sechs Stunden lang blieb er bei der Story, die er später auch den Vertretern der spanischen Nachrichtenagentur "Efe" erzählte: Er sei gebürtiger Spanier, habe zwar im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Armee gedient, mit dem Gestapo-Mann Kutschmann aber sei er nicht identisch.
Das miserable Spanisch des angeblichen Spaniers machte zwar die Vernehmer mißtrauisch, Aufklärung aber konnte nur die Deutsche Botschaft in Buenos Aires bringen, die über die bundesdeutsche Fahndung informiert sein mußte. Jeden Augenblick konnte der Anruf der Botschaft kommen -- er kam nicht.
Die Botschaft war kopflos: Sie hat zur Zeit keinen Botschafter, der Geschäftsträger war nicht greifbar, der nächsthöhere Beamte aber, Botschaftsrat Werner Graf von der Schulenburg, mit dem Fall nicht vertraut.
Er hatte am Morgen im "Argentinischen Tageblatt" einen Bericht über die Wiesenthal-Enthüllungen gelesen, aber als ihn ein Journalist anrief, war ihm "der Name Kutschmann im Augenblick nicht geläufig". Erst das Studium des Fahndungsbuchs der Botschaft, das eine Eintragung über Kutschmann enthielt, ließ ihn reagieren.
Doch statt das Polizeipräsidium sofort zu informieren, setzte der Diplomat erst zwei Tage später ein Telegramm an das Bonner AA auf und bat um nähere Weisung, obwohl eine alte Verfügung des Auswärtigen Amtes die Botschafter anhält, ihre Gastländer stets zu informieren, wenn deren Staatsbürger Gegenstand deutscher Rechtsverfahren sind.
Die Bonner Order an Schulenburg, die Argentinier zu informieren, kam zu spät. Die für den Fall Kutschmann zuständige Justizbehörde West-Berlins ließ noch rasch über das Bundeskriminalamt ein internationales Fahndungsersuchen ausschreiben, doch Olmo war längst verschwunden. Die Vernehmer hatten ihn wieder freigelassen.
"Das ist eine Katastrophe", klagt Fahnder Wiesenthal, "das Bundeskriminalamt hätte automatisch ein Telex an die Polizei in Argentinien schicken müssen mit dem Hinweis: Der Mann ist bei uns zur Verhaftung ausgeschrieben. Die Argentinier hätten Kutschmann behalten, wenn nur das Telex gekommen wäre."
Wiesenthais Ärger ist verständlich, denn die Lässigkeit der bundesdeutschen Justiz und ihrer Helfer hat eine jahrelange Detektivarbeit wirkungslos gemacht, durch die es dem unermüdlichen Galizier gelungen war, den Exekutor des Professorenmords von Lemberg zu entlarven.
Lange Zeit wußte er nicht, wer für die Untat verantwortlich war. Schon im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß war der Fall behandelt worden, doch ohne Ergebnis.
Der Propagandalärm des Kalten Krieges produzierte endlich einen Schuldigen: Theodor Oberländer, Bundesminister in Bonn, sollte als Offizier der Abwehr mit seinem Bataillon "Nachtigall" die polnischen Wissenschaftler liquidiert haben. 1960 verurteilte das Oberste Gericht der DDR Oberländer nach einem Schauprozeß wegen seiner angeblichen Mordtat zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe -- in Abwesenheit.
Spätestens 1963 aber wußte Wiesenthal: "Oberländer kann nicht der Täter sein. Er war Oberleutnant der Wehrmacht, der Lemberger Mord aber eine Sache von SS und Sicherheitspolizei." Wiesenthal recherchierte weiter und fand endlich den richtigen Täterkreis: die Angehörigen der Einsatzgruppe C.
Mitte der sechziger Jahre kamen die Verantwortlichen zahlreicher Galizien-Morde, darunter auch jener in Lemberg, vor westdeutsche Gerichte. Die hohen Gestapo-Funktionäre Hans Krüger und Hermann Müller wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Dann verlor die zuständige Hamburger Staatsanwaltschaft das Interesse. Einstellungsbeschluß: "Die Täter sind, wie mit Sicherheit feststeht, nicht mehr am Leben."
Wiesenthal mochte sich damit nicht begnügen, er nahm neue Spuren auf. In Rom stieß er auf die polnische Gräfin Lanckoronska, die in Gestapo-Haft gesessen und bei Krüger einen Mann kennengelernt hatte, der als der eigentliche Lemberg-Exekutor galt.
Der Name des Mannes: Walter Kutschmann. Wiesenthal ermittelte, daß ein Mann dieses Namens, geboren am 24. Mai 1914 in Dresden, tatsächlich unter Krüger gedient hatte. Kutschmanns Spur endete freilich im dunkeln: Er war im Sommer 1944 nach Spanien desertiert.
Lebte er noch? Wiesenthal recherchierte in Spanien, ohne einen Anhaltspunkt zu finden. Wie aber, wenn er wie so viele Ex-Nazis nach Südamerika geschleust worden war? Buenos Aires war lange Zeit die erste Station auf der Flucht in die lateinamerikanische Anonymität gewesen.
Wiesenthal-Freunden in Buenos Aires fiel bald ein argentinischer Geschäftsmann wegen seines schlechten Spanisch auf: Pedro Ricardo Olmo. in seinen Personalakten fehlte jeder Hinweis auf die Vergangenheit, er war auch erst 1947 argentinischer Staatsbürger geworden.
Wiesenthal animierte einen argentinischen Journalisten. den Osram-Verkaufsleiter Olmo zu interviewen und ausgiebig zu photographieren. Der Vergleich der Olmo-Photos mit alten Kutschmann-Bildern ließ keinen Zweifel mehr: Olmo war Kutschmann.
Im August 1967 hatte Wiesenthal sein erstes Ziel erreicht: Die Staatsanwaltschaft am Landgericht Berlin erwirkte beim Amtsgericht Tiergarten einen Haftbefehl gegen Olmo-Kutschmann. Zugleich bat sie das Bundesjustizministerium, in Buenos Aires die Auslieferung Olmos zu beantragen.
Doch Bonns Juristen winkten ab, ein Auslieferungsantrag sei aussichtslos. Begründung: Argentinien verlange stets Gegenseitigkeit. die aber könne Bonn nicht zugestehen, da Artikel 16, Absatz 2 des Grundgesetzes verbiete, Deutsche ans Ausland auszuliefern. Daran waren in der Tat alle Auslieferungsanträge Bonns gescheitert.
Auch andere Staaten Lateinamerikas verschanzten sich hinter ihren hohen Souveränitätsmauern. Der Gestapo-Mann Barbie in Bolivien, der Gaskammerbauer Rauff in Chile -- sie wußten sich vor jeder Auslieferung sicher. Nur Brasiliens Militärdiktatur machte eine Ausnahme: Sie lieferte den KZ-Kommandanten Stangl aus.
Wiesenthal indes drängte weiter. Als die argentinischen Behörden plötzlich im Mai 1973 zusagten, den ehemaligen KZ-Kommandanten Josef Schwammberger, argentinischer Bürger wie Olmo, an die Bundesrepublik auszuliefern, faßte der Fahnder neuen Mut. Im April 1975 lieferte er letztes Beweismaterial gegen Kutschmann.
Doch die Berliner Staatsanwaltschaft hatte resigniert. Kein noch so heftiges Drängen konnte sie bewegen, noch einmal über Bonn Auslieferung zu beantragen. Wiesenthal sah keine Chance mehr.
Da kam ihm doch noch ein Zufall zu Hilfe: Anfang Juni ließ die polnische Hauptkommission für die Verfolgung von NS-Verbrechen vorsichtig durchblicken, Oberländer sei zu Unrecht für das Lemberger Verbrechen verantwortlich gemacht worden. Das nutzte Wiesenthal zu "einer Flucht nach vorn". Er stellte sich scheinbar vor Oberländer, um in aller Öffentlichkeit den wahren Schuldigen anzuklagen: Walter Kutschmann.
Seither hat Simon Wiesenthal Anlaß, über die Langmut bundesdeutscher Justizbehörden und über die Radikalkur nachzudenken, die vor Jahren der inzwischen verstorbene hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bei der Jagd nach Adolf Eichmann empfahl.
Aus Mißtrauen gegen die westdeutsche Justiz bewog Bauer den israelischen Geheimdienst, den in Argentinien versteckten Eichmann auf eigene Faust zu holen. Wie der Judenverfolger entführt wurde, erzählt Ex-Geheimdienstchef Isser Harel in einem Bericht, der auf Seite 92 dieses Heftes beginnt: "Das Haus in der Garibaldistraße".

DER SPIEGEL 28/1975
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