14.07.1975

PSYCHOANALYSEEnde eines Traumas

Ein sowjetischer Literaturforscher erschüttert die Analytiker-These, Dostojewski sei ein literarischer Vatermörder gewesen.
Mit 17 Jahren verlor Rußlands neben Tolstoi -- bedeutendster Romancier. Fjodor Michailowitsch Dostojewski, seinen Vater, und über 100 Jahre lang galt als sicher, daß der reiche, geizige und jähzornige Säufer von seinen Leibeigenen erschlagen wurde. Nunmehr hat der sowjetische Literaturwissenschaftler Gennadij Fjodorow ermittelt: Der Arzt und Gutsbesitzer Michail Andrejewitseh Dostojewski war arm, krank und rechtschaffen. er starb an einem Gehirnschlag.
Den Artikel Fjodorows publizierte die Moskauer "Literaturnaja gaseta" am 18. Juni zusammen mit einem Kommentar des Fjodorow-Kollegen W. J. Kirpotin auf einer vollen Seite. Die Entlarvung der Legende vorn bösen Vater ist wichtig, denn sie entkräftet die psychoanalytische These über Dostojewskis Vaterhaß und dessen Rückwirkung auf Leben und Werk des Dichters, eine These, die Biographen, Historiker und Kritiker entscheidend beeinflußt hat.
Maßgebend hierfür war auch die Autorität Sigmund Freuds. Der Begründer der Psychoanalyse griff 1928 mit einem Aufsatz "Dostojewski und die Vatertötung" in die Diskussion ein, nachdem sein Schüler Jolan Neufeld schon 1923 eine kleine Schrift zur Psychoanalyse Dostojewskis (1821 bis 1881) veröffentlicht hatte. Sie erschien zwei Jahre später auf russisch.
Neufeld und Freud übernahmen aus den 1920 publizierten "Memoiren" der Dichter-Tochter Ljubow Fjodorowna die Version von der Ermordung des Vaters, die in den achtziger Jahren schon Dostojewskis jüngerer Bruder Andrej Michailowitseh in die Welt gesetzt hatte. Die Dostojewskaja schilderte ihren Großvater zudem als trunksüchtig, tyrannisch und wohlhabend.
Freud zog aus der angeblichen Ermordung des Vaters den Schluß, dieses Ereignis sei für den Dichter das "schwerste Trauma" seines Lebens und der "Angelpunkt seiner Neurose" gewesen. Er fand auch "die Formel für Dostojewski", den Neurotiker: "Ein besonders stark bisexuell Veranlagter, der sich mit besonderer Intensität gegen die Abhängigkeit von einem besonders harten Vater wehren kann" -- eine Formel, in die er auch die "affektive" Epilepsie des Romanciers und dessen "lethargische Schlafzustände" in der frühen Jugend einbezog. Freud deutete sie wie die epileptischen Anfälle nach dem vermeintlichen Mord-Trauma als "Selbstbestrafung für den Todeswunsch gegen den verhaßten Vater". Dafür sprach auch, daß der Dichter während seiner Verbannung in Sibirien angeblich "frei von Anfällen" gewesen sein sollte.
In diesen analytischen Deutungszusammenhang paßte der Vatermord in Dostojewskis berühmtestem Roman "Die Brüder Karamasow". Freud-Schüler Neufeld war von der "Identität" des Dichters mit der Figur des indirekt am Vatermord beteiligten Iwan Karamasow überzeugt, und auch Freud sprach von der "unverkennbaren Beziehung" zwischen dem Roman-Mord und dem "Schicksal von Dostojewskis Vater".
Sowjet-Forscher Fjodorow hat nunmehr dieses Schicksal anhand amtlicher Dokumente und anderer Quellen aufgeklärt:
* Der natürliche Tod an Gehirnschlag wurde von zwei Ärzten unabhängig voneinander bezeugt und von zwei Gerichten bestätigt.
* Eine zweite Untersuchung fand statt, als ein Gutsbesitzer Leibrecht vage Zweifel vom Hörensagen an der Todesursache äußerte. Das Verfahren erbrachte keine Verdachtsmomente für einen gewaltsamen Tod, Leibrecht wurde daher amtlich verwarnt.
* Die Behauptung, die angeblich schuldigen Bauern hätten Ärzte und Juristen bestochen, um die Untersuchung niederzuschlagen, erwies sich, schon von allen Forschern angezweifelt, als unhaltbar.
Die Bestechungsthese erschien bereits ihrem Urheber. Dostojewskis jüngerem Bruder, als fragwürdig. Seinen Bericht kommentiert Fjodorow: "Es ist erstaunlich: Dem Sohn war nicht bekannt, daß die Untersuchung länger als 16 Monate gedauert hat."
Ebenso sind für Fjodorow die Behauptungen der Dostojewskaja über den Charakter ihres Großvaters "durch sichere Quellen nicht belegt". Er nennt Michail Andrejewitsch vielmehr einen "bemerkenswerten Arzt" und "großartigen Vater", der Gesundheit und Geld opferte, um seine beiden ältesten Söhne auf eine teure Ingenieur-Schule nach Petersburg schicken zu können.
Nach dem Tod seiner Frau, die mit 37 Jahren an Schwindsucht starb und ihm sieben Kinder hinterließ, das jüngste anderthalb Jahre alt, war Dostojewskis Vater völlig gebrochen und konnte, selbst krank, nicht mehr praktizieren. Sein Versuch, das Gut wieder hochzubringen, scheiterte. Kurz vor seinem Tod am 6. Juni 1839 schilderte er seinem Sohn Fjodor brieflich die Katastrophe: Schnee bis zum Mai, dann Hitze, Dürre und Stürme -- "eine Bedrohung nicht mehr mit der Armut. sondern mit dem nackten Hunger".
Fjodorows Entdeckung ist auch ideologisch bedeutsam. Noch immer gilt die Psychoanalyse in der Sowjet-Union als bürgerlich-reaktionär. Daß es Fjodorow nunmehr gelungen ist, die analytische Dostojewski-Deutung zumindest erheblich anzukratzen, wird in der "Literaturnaja gaseta" voller Genugtuung verzeichnet.
So heißt es im redaktionellen Vorspann: "Der Erfolg der sowjetischen Dostojewski-Wissenschaft ist eng mit ihrem offensiven Charakter verbunden, mit der Kritik der bürgerlichen Konzeptionen ... vor allem jener, die sich darum mühen, Dostojewskis Werke ihres entschiedenen sozialen Engagements zu berauben und sie auf die Besonderheiten von Persönlichkeit, Seele und Charakter einzuschränken."

DER SPIEGEL 29/1975
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