01.09.1975

ENGLANDNehmt euch!

30 000 illegale Hausbesetzer -- Londons Polizei hat vor ihnen kapituliert.
Sie haben in unseren Betten geschlafen, unsere Wände beschmiert, unser Essen verzehrt, Strom und Telephon benutzt", entrüstete sich Elizabeth Harper. Doch die Polizei habe sich für die Eindringlinge als nicht zuständig erklärt: "Es sei illegal, Hausbesetzer ohne Gerichtsurteil rauszuschmeißen."
Ein Trupp schwergewichtiger Männer einer Wach- und Schließgesellschaft, von der aus dem Urlaub heimgekehrten Frau Harper alarmiert, übernahm es, diese "gut organisierten, wohllebenden Faulpelze" aus der Residenz im vornehmen Londoner Stadtteil Kensington wieder zu entfernen. Die ungebetenen Besucher jedoch blieben nicht auf der Straße. Sie besetzten sogleich das Haus gegenüber. Erneut rückte die private Wach-Organisation an, erneut exmittierte sie die Besetzer.
Während in Frankfurt hin und wieder noch Hundertschaften der Polizei abkommandiert werden, um besetzte Häuser zu räumen, sind Britanniens "Squatter" durch Polizeieinsatz allein nicht mehr zu vertreiben. Etwa 30 000 Briten -- Trunkene und Studenten. Süchtige und Arbeitslose, Italiener, Deutsche, Frauen und Kinder -- haben derzeit zum Abbruch bestimmte Miets-Häuser und von Grundstücksspekulanten aufgekaufte Villen besetzt. Sie residieren seit einem Jahr in den ehemaligen Büroräumen des Umweltschutzministeriums am Londoner Regent's Park und übernahmen allein im Stadtteil Islington 147 Sozialwohnungen.
Ein halbes Jahrzehnt wohnten Squatters im Prince of Wales Crescent, bis vorige Woche Abbrucharbeiter die Mauern einrissen. Doch obdachlos müssen die von Bulldozern Verdrängten nicht bleiben, beruhigte das von der Squatting-Gemeinschaft herausgegebene "Handbuch für Hausbesetzer": "Nehmt euch, was euch gefällt. Ihr werdet ein Haus im guten Zustand in einer akzeptablen Gegend schon finden."
Londons Hausbesetzer konferieren regelmäßig, tauschen Adressen leerstehender Gebäude aus, erklären in ihren Broschüren, wie ein Yale-Schloß ausgewechselt und das vom Elektrizitätswerk abgestellte Licht
wieder angeschaltet werden kann, welche Rechte die Hausbesetzer, welche die Hausbesitzer haben. Ein Rat: Es sei besser, nicht freiwillig zu räumen, sondern auf einen Gerichtsbeschluß zu warten. "Zumindest ist man dann bis zum Verhandlungstag sicher."
Die Polizei rückt meist erst an, wenn ein Delikt, etwa "Diebstahl von Elektrizität", nachweisbar ist. Nach einem Gesetz aus dem Jahre 1381 wird die Häuserbesetzung selbst nicht als Einbruch qualifiziert, solange weder Fenster eingeschlagen noch Schlösser aufgebrochen werden. "Unbefugtes Betreten" aber ist nach derzeit geltendem englischen Recht eine Angelegenheit der Zivilgerichte. Die Besitzer dürfen zwar "angemessene Gewalt" anwenden, um die Besetzer zu vertreiben, müssen aber auch einkalkulieren, daß sie dann womöglich wegen Körperverletzung angezeigt werden.
"Times" und "Guardian" forderten nach der Okkupation der Harper-Residenz dringend neue Gesetze. Doch die in "alarmierendem Ausmaß zunehmenden Häuserbesetzungen" (so der konservative Abgeordnete Michael Ha-Vers) beruhen weniger auf den Aktionen linker Extremisten, sondern eher auf der britischen Wohnungsmisere und Planungsfehlern der Stadtverwaltung.
Mehr als 200 000 Londoner warten derzeit allein in der Hauptstadt auf Sozialwohnungen. Obdachfose müssen bereits auf Staatskosten in Hotels einquartiert werden, weil den Sozialfürsorgern Unterkünfte fehlen. Studenten finden keine Zimmer, Arbeitslose können die Mieten nicht zahlen. Oft bleibt den Sozialbehörden folglich keine Wahl, als die Squatter so lange in den zum Abriß bestimmten staatlichen Gebäuden zu dulden, bis die Häuser tatsächlich abgerissen werden.
Dann, so trösten die Autoren des London-Führers "Alternative London" die Wohnungslosen, könnten sie immer noch einen Möbelwagen ersteigern. Wohl sei es illegal, in einem geparkten Fahrzeug auf einer öffentlichen Straße zu wohnen, ein Leser aber habe gemeldet: "Ich habe mehrere Monate auf einem Behördenparkplatz am St. James' Park gelebt."

DER SPIEGEL 36/1975
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