09.06.1975

„Deutsche völlig ausgepumpt“

Solschenizyns Tannenberg-Buch „August Vierzehn“ hat einen deutschen Nachahmer gefunden. Der Berliner Autor Wolfgang Paul veröffentlichte das „literarische Bild“ einer deutschen Niederlage: der Marneschlacht im September 1914. Seine These: Die Deutschen hätten gewinnen können. Der Historiker Karl Lange aber widerspricht ihm in einem Buch: Pauls „monokausale Erklärung“ gehe an den wirklichen Ursachen der Niederlage vorbei.
Die Deutschen kämpfen wieder an der Marne-Front. 61 Jahre nach der Entscheidungsschlacht des Ersten Weltkriegs ist das "Wunder an der Marne" erneut zum Gegenstand einer publizistischen Auseinandersetzung geworden, an der sich auch ablesen läßt. wie die Deutschen ihre Vergangenheit bewältigen.
Zwei bundesdeutsche Autoren, der Schriftsteller Wolfgang Paul, 56, und der Geschichtsprofessor Karl Lange, 81, haben eine alte Streitfrage neu belebt, die einmal ein ganzes Volk erregte: wer die deutsche Niederlage in der Marneschlacht im September 1914 verschuldet habe.
"An den Soldaten hat es nicht gelegen", weiß Paul. "Besiegt fühlten sie sich nicht, als sie abmarschieren mußten. Sie murrten und grollten, sie hielten alles für Desorganisation ihres Stabes, des Generalstabes, und damit hatten sie recht. Ein Versagen der Führung, ein unverständliches Versagen der deutschen Führung."
Von so "monokausaler Erklärung des Mißerfolgs" mag der Historiker Lange nichts wissen. In seiner Optik scheiterten die Armeen des Kaisers, weil "die vorhandenen Kräfte 1914 einfach nicht ausreichten". Vor allem vermißt Lange in Pauls Darstellung "das für die deutsche Willensbildung Entscheidende: die Klärung der Frage, ob auch bei einem Durchhalten an Ourcq und Marne eine Erfüllung des Schlieffen-Plans möglich war".
Wie unterschiedlich sie aber auch formulieren und urteilen -- in einem Punkt stimmen die Kontrahenten überein: Die Marneschlacht war mehr als eine Schlacht unter vielen. Sie verwandelte den Bewegungskrieg in den Stellungskrieg, sie zerstörte die deutschen Siegesaussichten im Ersten Weltkrieg. Mehr noch: Sie markierte die Grenzen deutscher Kraft und wurde zum Menetekel machtpolitischer Hybris des wilhelminischen Deutschlands.
Die beiden Interpreten bleiben freilich ein zu ungleiches Paar: Paul bietet in seinem Buch "Entscheidung im September" eine farbig-spannende Schlachtbeschreibung, Lange hingegen analysiert in einer wissenschaftlichen Monographie "eine verdrängte Niederlage und ihre Folgen".*
Orientiert am literarischen Vorbild Alexander Solschenizyns" will "Entscheidung im September" laut Verlagsankündigung "ein Gegenstück zu Tannenberg im "August Vierzehn"" sein. Ein Hauch von Solschenizyn ist unverkennbar: Selten hat ein Autor engagierter und emotionaler über eine Schlacht geschrieben.
Die Rezensenten waren denn auch ausnahmslos entzückt. "Die Welt" konstatierte "eine respektable Leistung" der "Tagesspiegel" lobte, Paul erzähle "mit einer Souveränität, als wäre er dabei gewesen". Die "FAZ" wurde überschwenglich: "Paul hat die Marneschlacht "bewältigt", indem er durch die Kraft seiner Darstellung erschüttert und von Vorurteilen freimacht."
Der Berliner Allround-Autor Paul. Herausgeber von Bildbänden und Verfasser politischer Reisebücher ("Einladung ins andere Deutschland"), versteht es in der Tat, Geschichte lebendig zu machen. Als Romancier weiß er, wie man Leser über weite Textstrecken hinweg festhält, als ehemaliger Panzer-Oberleutnant des Zweiten Weltkrieges besitzt er militärische Grundkenntnisse,
* Wolfgang Paul: "Entscheidung im September"; Bechtle Verlag, Eßlingen; 416 Seiten; 29.80 Mark. -- Karl Lange: "Marneschlacht und deutsche Öffentlichkeit 1914-1939, Bertelsmann Universitätsverlag. Düsseldorf; 221 Seiten: 42 Mark.
die ihm die Darstellung einer komplizierten Schlacht erleichtern.
Zudem verknüpfen ihn familiäre Bande mit dem Thema: Sein Vater, der ehemalige Husaren-Wachtmeister Franz William Paul, im Buch unter dem Decknamen "Koch" auftretend, kämpfte in der Marneschlacht und hinterließ ein Tagebuch, das der Sohn 1973 bei einem Besuch im heimatlichen Dresden fand und nach West-Berlin mitnahm.
Der Autor begann sich für die Marneschlacht zu interessieren. In einer Bibliothek entdeckte Paul die Memoiren eines anderen sächsischen Marneschlacht-Teilnehmers: des Generalobersten Max Freiherr von Hausen.
Der Freiherr hatte wie die Pauls einst in Dresden-Loschwitz gelebt, er war in den Krieg als Oberbefehlshaber der (sächsischen) 3. Armee gezogen. In eben jenem Loschwitz hatte er im Winter 1918/19 auch "Erinnerungen an den Marnefeldzug 1914" geschrieben.
Ein weiterer Sachse fand Pauls Interesse: der Generalmajor Baumgarten-Crusius, ehedem Offizier in der 3. Armee. Dessen 1919 erschienenes Buch "Die Marneschlacht 1914, insbesondere auf der Front der dritten Armee" entdeckte Paul auf seinem Streifzug durch die Marneschlacht-Literatur.
Die drei Marne-Sachsen hatten eines gemeinsam: Sie wollten zur "Zerstörung einer ungeheuren Kriegslegende" (Baumgarten-Crusius) beitragen, jener populären Version, wonach die 3. Armee durch mangelnden Angriffsgeist und gemächlichen Trott die Niederlage an der Marne mitverschuldet habe. Ihre Gegenthese besagte, die Niederlage sei durch die "menschliche Unzulänglichkeit" des deutschen Generalstabschefs Moltke und anderer Offiziere entstanden.
Die Apologie der drei Sachsen klang dem Exil-Sachsen Paul so überzeugend, daß er sich die 3. Armee zum Kollektivhelden seiner Erzählung auswählte.
"Entscheidung im September" beginnt denn auch im Loschwitzer Haus des Freiherrn von Hausen, der am 1. August 1914 einen "Mobilmachungsbefehl" erhält. Eine Kabinettsordre Kaiser Wilhelms II. verheißt ihm: "Ich ernenne Sie für die Dauer des mobilen Verhältnisses zum Oberbefehlshaber der 3. Armee."
Schlieffens Plan: Frankreich in sechs Wochen besiegen.
Bald darauf war die Sachsen-Armee marschbereit und bewegte sich in die Rheinprovinz, den Aufmarschraum des deutschen Westheeres -- getreu dem Angriffsplan. den 1905 der Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen entworfen hatte und der auch nach seinem Tod als unumstößliches Dogma deutscher Kriegführung galt.
Schlieffens Grundgedanke für den Fall eines Zwei-Fronten-Krieges: Niederwerfung Frankreichs binnen sechs Wochen und zugleich hinhaltende Verteidigung im Osten, bis die im Westen freiwerdenden Divisionen gegen Rußlands Armeen zur Generaloffensive antreten können.
Auf dem Papier nahm sich sein Rezept für den Sieg im Westen höchst logisch aus: Um sich nicht durch einen Frontalangriff an dem stählernen Wall der französischen Verteidigungsanlagen jenseits des Rheins festzurennen, sollten die deutschen Armeen mit einem weiträumigen Umfassungsmanöver durch Belgien den Gegner im Rücken fassen -- unter kaltblütiger Verletzung aller Völkerrechtsregeln. die Belgiens Neutralität garantierten. Dem rechten Flügel der deutschen Angriffsarmeen stellte Planer Schlieffen die Aufgabe. bis nach Nordfrankreich vorzustoßen, die französischen und britischen Truppen südlich von Paris anzugreifen und sie gegen die Festungsanlagen an der Mosel zurückzudrängen, wo sie von den nun losschlagenden Verbänden des linken deutschen Flügels vernichtet werden sollten.
Schlieffen verteilte die Kräfte des Westheeres ungleichmäßig: Einem überstarken Rechtsflügel stellte er einen schwachen Linksflügel zur Seite, der die Franzosen zum Angriff verlocken sollte, um sie daran zu hindern, sich den aus Belgien vorstoßenden deutschen Verbänden entgegenzuwerfen "Der Plan", so der britische Militärhistoriker Liddell Hart, "sollte also wie eine Drehtür funktionieren: Wenn die Franzosen auf die eine Seite drückten, würde die andere herumschwingen und sie von hinten treffen."
Entsprechend vollzog sich im August 1914 der deutsche Aufmarsch. Mitte August erreichten die beiden Preußen-Armeen des Rechtsflügels, die 1. unter Generaloberst Alexander von Kluck und die 2. unter Generaloberst Karl von Bülow, ihre Aufmarschräume: am 18. August trat auch die 3. Armee den Vormarsch an.
Doch die drei Armeen kamen nur langsam voran. Die auf dem äußersten Rechtsflügel operierende Kluck-Armee eroberte Brüssel erst am 20. August, vier Tage später fiel die Festung Namur der 2. und 3. Armee in die Hände (siehe Karte Seite 110). Die Generalobersten trieben ihre Armeen zur Eile an, denn schon hatte der französische Gegner die Falle betreten, die ihm der schwache deutsche Linksflügel stellte: General Joseph Jacques-Césaire Joffre, der Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte, warf die Masse seiner Verbände gegen die deutschen Stellungen in Lothringen.
Je mehr aber die deutschen Armeen vordrangen, desto deutlicher wurde, daß sie auf, den falschen Krieg vorbereitet waren. Taktik, Ausrüstung und Kommandostruktur wirkten, als wollten die Deutschen noch einmal den Krieg von 1870/71 führen.
Manches erinnerte tatsächlich an den letzten Krieg. Die französischen Soldaten trugen noch immer die roten Hosen des 19. Jahrhunderts und schleppten sich mit einem Tornister, der so schwer war, daß ein Mann allein ihn nicht anlegen konnte. Die weithin leuchtenden Rothosen machten den Gegner "zum leichten Ziel für Schützen, die zu zielen verstanden, und doch gaben sie den Infanteristen ein fast feierliches Gefühl" -- so Paul.
Aber auch die deutschen Soldaten mit ihren feldgrauen Uniformen und Pickelhauben trieb das Pathos militärischer Tradition "Mit entrollten Regimentsfahnen", berichtet Paul, "griff die Infanterie an. Der Tambour schlug die Trommel.
Hörner schmetterten Signale, die Offiziere zogen ihre Säbel, sie schritten oder liefen vor ihren Einheiten, die Pistole schußbereit. Die Soldaten riefen "Hurra'."
Jede deutsche Armee führt ihren eigenen Krieg.
Deckung nehmen war ihnen noch unbekannt, die Offiziere standen aufrecht neben den liegend schießenden Soldaten. Paul: "Man wollte sich nicht tarnen." Zum Angriff traten sie "in dichtgedrängten Massen an, die leicht mit Aufschlagzündern und Schrapnells auseinanderzusprengen und zu vernichten waren". Feudalistisches Militärzeremoniell beendete ein Gefecht: Hörner bliesen das Signal "Feuer einstellen".
Ebenso altväterisch wirkte die Feindaufklärung, die noch immer von der Kavallerie betrieben wurde.
Ergebnis: Die reitenden Feindbeobachter sahen oft, was gar nicht da war, und irritierten damit die Armeestäbe. So meldeten Patrouillen, das britische Expeditionskorps unter Feldmarschall Sir John French sei am 13. August in Ostende, Calais und Dünkirchen an Land gegangen -- in Wahrheit hatte es sich in Boulogne, Rouen und Le Havre ausgeschifft.
Folgenreicher aber war, daß den Deutschen die Kommandostruktur für die Führung eines modernen Massenheeres fehlte. Paul: "Millionenheere wurden geführt, als säße man noch im Sattel, nähme den nächsten Hügel, den man zum Feldherrnhügel machte. Und die Befehle gab man so lapidar wie Friedrich der Große in der Schlacht bei Kunersdorf."
Moltke saß mit seiner Obersten Heeresleitung (OHL) in einem fernen Hauptquartier. zunächst in Koblenz, dann in Luxemburg, und wußte oft nicht, was die Armeen trieben. Ein Heeresgruppenkommando als Bindeglied zwischen Armeen und OHL gab es nicht, die Armeestäbe mußten oft rätseln, was Moltke plante.
Telephonische Verbindungen zwischen OHL und Armeen bestanden kaum, die Funkgeräte mit ihren geringen Reichweiten verwirrten eher: Durch das Verschlüsseln der Befehle und die Einschaltung von Zwischenstationen dauerte die Übermittlung meist 24 Stunden; oft kamen die Sprüche beim Empfänger verstümmelt an.
Da sich zudem der sensible Generalstabschef scheute, den Führern der Armeen klare, bedingungslose Befehle zu erteilen, führte jede Armee ihren eigenen Krieg. Am 17. August hatte Moltke zwar Bülow auch die 1. Armee unterstellt, doch der aggressiv-ehrgeizige Kluck verweigerte Bülow so heftig den
* Beim Verlassen seines Stabswagens 1914.
Gehorsam, daß Moltke schon nach zehn Tagen seinen Befehl zurücknahm.
So blieben die drei Armee-Führer sich und ihren Rivalitäten allein überantwortet. Auch sie hielten kaum Kontakt miteinander; meist hörten die Armeestäbe den Funk der Kameraden ab, als gelte es, Operationen des Feindes zu enträtseln.
Kluck, Oberbefehlshaber der stärksten der drei Armeen, gab den Ton an: Ihm war schon vor Kriegsausbruch die führende Rolle bei dem Marsch nach Paris konzediert worden. Bülow drang auf enge Zusammenarbeit der Rechts-Armeen, während Hausen, Herr über die kleinste Streitmacht, sich oft nicht recht ernst genommen fühlte.
Vor allem Bülow monierte ständig die geringen Kampf- und Marschleistungen der Sachsen. Hausen, eher an gepflegten Gesprächen und behaglichen Quartieren interessiert, ließ seine hungernde und erschöpfte Truppe ein gemächliches Tempo anschlagen. Sie bewältigte durchschnittlich nur 23 Kilometer pro Tag, Klucks Armee jedoch schaffte bis zu 40 Kilometer. Zudem kränkelte die Führung der 3. Armee: Hausen litt an Typhus, seine Offiziere befiel mancherlei Unwohlsein, Folge des ungewohnten kalten Champagners.
Der mangelnde Kontakt riß Lücken zwischen der 2. und 3. Armee, zuweilen entstanden auch tödliche Mißverständnisse. Artillerie der 2. Armee beschoß Reims und traf sächsische Soldaten, die -- ohne die Preußen zu informieren -- bereits die Stadt besetzt hatten.
Auf das Zusammenwirken der drei Armeen aber kam es jetzt mehr denn je an, denn der Krieg nahm eine neue Wendung. Joffre hatte am 24. August die mörderische Schlacht in Lothringen (französische Verluste: 300 000 Mann) abgebrochen und begonnen, die Mitte und den linken Flügel seiner Verteidigungsfront zurückzunehmen. Desto rascher drängten die aus Belgien heranrückenden Deutschen nach, in wenigen Tagen standen sie im Raum Paris.
Das Ende des Schlieffen-Plans: Aus Paris droht Gefahr.
Die Erfolgsmeldungen der Armee-Führer machten Moltke siegestrunken. er glaubte, die Entscheidungsschlacht sei bereits geschlagen. Moltke war so optimistisch, daß er Kluck und Bülow zwei Armeekorps und eine Division entzog, um damit die hartbedrängten Truppen in Ostpreußen zu verstärken.
Joffre aber nutzte diese Schwächung des deutschen rechten Flügels zu einer Gegenoperation: Er stellte im Raum Amiens, an Klucks rechter Flanke, eine neue Armee unter General Maunoury auf und ließ zugleich die Truppen Bülows ostwärts von Paris durch eine andere französische Armee überraschend angreifen. Die 2. Armee geriet so stark in Bedrängnis, daß Bülow den noch im Norden von Paris agierenden Kluck zu Hilfe rief.
Bülows Hilferuf hatte fatale Folgen: Die 1. Armee, die Paris im Westen umfassen sollte, schwenkte plötzlich nach Südosten ab und setzte dem Gegner im Osten der französischen Hauptstadt nach, ohne darauf zu achten, daß sie jetzt gegenüber Paris mit offener Flanke operierte. Es war praktisch das Ende des Schlieffen-Plans: Paris blieb frei von deutscher Umklammerung.
Immer schneller rückte Klucks Armee nach Süden, immer mehr gewann sie an Boden. Sie setzte sich sogar teilweise vor Bülows Armee und schien kaum noch aufgehalten werden zu können. Am 3. September 1914 erreichte sie den Schicksalsfluß: die Marne.
Da befiel Moltke, der eben noch Klucks Kehrtwendung zugestimmt hatte, eine dunkle Ahnung: Wie, wenn Joffre auf einmal zu einem Zangenangriff aus den Räumen Paris und Verdun ausholte und das ganze deutsche Westheer einkesselte und vernichtete? Die Chance dazu hatte Joffre, denn die inzwischen nach Paris verlegte Armee Maunourys war kampfbereit.
So sieht es Paul: "Moltke ahnte die Absicht des Gegners. Zur Charakterstärke eines Feldherrn hätte freilich gehört, daß er die Absicht des Gegners ausmanövrierte, sie unschädlich machte, indem er seinen einmal gefaßten Plan weiterverfolgte. Die Charakterstärke, das Mögliche zu wollen und dann durchzustehen, hatte Moltke jedoch nicht."
Mit solchen Formulierungen will Paul seine Leser auf das vermeintliche Versagen des Mannes vorbereiten, den er für den Hauptverantwortlichen des Marne-Desasters hält. Trotz kluger Einsichten, so Pauls These, habe der von allerlei pessimistischen und mystischen Stimmungen heimgesuchte Generalstabschef auf dem Höhepunkt des Kampfes "die Nerven verloren". Pauls Moltke-Bild widerspricht den Erkenntnissen der modernen Geschichtsforschung. Spätestens an dieser Stelle offenbart sich die ärgste Schwäche des Paul-Reports: Er stützt sich auf eine allzu schmale Quellenbasis. Eigene Forschungen hat Paul nicht unternommen, von den rund 500 Titeln der Marneschlacht-Literatur benutzt er nur 39. wobei die meisten neueren Arbeiten (von Wallach, Ritter, Marx, Herzfeld, Foerster) fehlen. Das macht ihn anfällig für manche Fehler und Mißdeutungen.
Der Kaiser lehnt die Verstärkung der Kluck-Armee ab.
Sicherlich ist unerheblich, daß Paul den Soldaten oft falsche Uniformen anzieht, die Feldgrauen von 1914 mit dem (erst 1935 eingeführten) Karabiner 98k ausrüstet, meist unzutreffende Dienstränge verwendet und Mörser nicht von Haubitzen unterscheiden kann.
Bei einem "literarischen Bild" (Verlagsankündigung) mag man auch hinnehmen, daß der Autor Szenen und Dialoge, die in der beschriebenen Form nicht stattgefunden haben, konstruiert und überlieferte Aussprüche zurechthobelt. Der Leser ist freilich irritiert: Er weiß nicht mehr, welches Zitat echt und welches erfunden ist.
Weit bedenklicher aber ist Pauls Umgang mit den Fakten, wenn er seine These von der Hauptschuld Moltkes belegen will. In Pauls Sicht ist Moltke "ein Höfling, ein Bürogeneral (wie später Keitel für Hitler)", ein Schwächung und der Anthroposophie zugeneigt. Da darf auch die Version nicht fehlen, Moltke sei nur höchst ungern Generalstabschef geworden.
Das sind arge Verzeichnungen, spätestens revidiert seit den Forschungen des israelischen Militärhistorikers Jehuda Wallach, der in den sechziger Jahren die Mär vom "Feldherrn wider Willen" eine "plumpe Lüge" nannte.
Auch solche Revision macht den zögernden und feinfühligen Generalstabschef noch nicht zu einem eisenharten Feldherrn, doch er reagierte auf die neue Lage am rechten Flügel entschlossener, als es ihm Paul unterstellt. Klucks Südost-Schwenkung inspirierte Moltke zu einer neuen Operation: Er wollte durch eine Zangenbewegung der anderen deutschen Armeen die Mitte und den rechten französischen Flügel umfassen und vernichten.
Keinen Augenblick vergaß er dabei den Schutz des mit offener Flanke kämpfenden rechten deutschen Flügels. Paul moniert, Moltke habe nichts für die drei Armeen im Raum Paris unternommen. Er irrt: Moltke hatte sofort beim Kaiser beantragt. zwei Armeekorps der Armee des Kronprinzen Rupprecht den Verbänden Klucks zu unterstellen, doch Wilhelm lehnte ab.
Moltke wies daher die Rechts-Armeen an, nach außen zu schwenken -- mit Front gegen die aus Paris drohende Gefahr. Er sah den rechten Flügel äußerst gefährdet, zumal in der OHL alarmierende (von Paul nicht erwähnte) Meldungen einliefen, die sich später als falsch erwiesen, das Hauptquartier aber äußerst irritierten: In Ostende, also im Rücken der Kluck-Armee, sollten 40 000 Mann britischer Truppen und ein russisches Expeditionskorps gelandet sein. Mit einem Großangriff des Gegners war jeden Tag zu rechnen.
Wie richtig Moltke spekuliert hatte. sollte sich bald erweisen: Am 4. September stieß die neue Armee des Generals Maunoury ostwärts Paris gegen die Qurcq vor und griff Klucks offene Flanke an. Noch wollte Kluck seinen Vormarsch über die Marne fortsetzen, da zogen ihn die Hilferufe seiner bedrängten Truppen an der Ourcq nach Norden.
Ein Stabsoffizier befiehlt den deutschen Rückzug.
Ohne sich genau mit der benachbarten Armee Bülows, die ebenfalls von den Franzosen in schwere Kämpfe verwickelt wurde, zu verständigen, warf Kluck die Masse seiner Verbände herum und gab das eroberte Gebiet an der Marne auf. In Eilmärschen rückte er nach Norden, Maunourys Angriffsverbänden entgegen. An der rechten Flanke der allein gelassenen Bülow-Armee aber tat sich eine gefährliche Lücke auf, nur notdürftig von einem Kavalleriekorps der 1. Armee geschützt.
Aber auch an der linken Flanke der Bülow-Armee klaffte ein gewaltiges Loch, denn Hausen hatte am 5. September eigenmächtig einen Ruhetag für die Sachsen-Armee einlegen lassen. Auch ein verzweifelter Bajonettangriff der 3. Armee konnte Bülows Truppen keine Entlastung bringen. Selbst Paul findet: "Die Ausgangslage der Schlacht an der Marne hätte für die Deutschen anders ausgesehen, wenn Hausens Armee keinen Ruhetag eingelegt hätte."
Das schlechte Gewissen der Sachsen ließ dann die (vor allem von sächsischen Militärs vertretene) Lesart entstehen, Bülow habe frühzeitig die Marneschlacht verloren gegeben. Die Version verband sich mit der Mission des Mannes, den die patriotische Dolchstoßlegende zum Saboteur des deutschen Sieges emporstilisiert hat: des Oberstleutnants Richard Hentsch, Leiter der Nachrichtenabteilung der OHL,
Er wurde von Moltke zu den Armeen entsandt, um die Lage zu erkunden und notfalls einen taktischen Rückzug anzuordnen. Selber von der Aussichtslosigkeit der Lage überzeugt, befragte er die Armeestäbe, ohne seinen (und Moltkes) Pessimismus zu verbergen.
Am Abend des 8. September stand Hentsch vor Bülow und dessen Generalstabschef, Generalleutnant von Lauenstein. Autor Paul beschreibt die dramatische Szene: Man habe Hentsch gesagt, die 2. Armee sei zur "Schlacke" ausgebrannt, daraufhin sei von Lauenstein das "Signal" gekommen, man müsse "eine Zurücknahme der 2. Armee ins Auge fassen". Da habe Hentsch erklärt, die Lücke zwischen 1. und 2. Armee lasse sich wieder schließen, wenn man die Verbände in den Norden zurücknehme. Paul: "Die Vorentscheidung für den Rückzug war gefallen."
Die Teilnehmer der Besprechung mit Ausnahme Hentschs behielten die Szene freilich anders in Erinnerung. Das Wort von der "Schlacke" habe der 1. Armee gegolten, ein Rückzug sei nur für den Fall in Aussicht genommen worden, daß die 1. Armee nicht an die 2. aufschließen könne. Noch am nächsten Morgen zürnte Bülow" man wolle ihn zum Rückzug zwingen: "Ich will nicht, da ich die Lage nicht für so schlimm ansehe."
Doch Hentsch erzwang, was Bülow nicht zugestehen wollte. Als er auf der Fahrt zur 1. Armee erfuhr, britische Truppen seien soeben -- in den Vormittagsstunden des 9. September 1914 -- in die Lücke zwischen den beiden Armeen hineingestoßen und machten die Lage der 2. Armee unhaltbar, zwang er Kluck zum Rückzug -- mit der voreiligen Behauptung, Bülow ziehe sich bereits zurück. Die Deutschen hatten die Schlacht verloren, für die Alliierten aber war es ein Wunder -- das Wunder an der Marne.
Gleichwohl bleibt Paul dabei: "Moltke hätte jetzt der 2. Armee funken müssen, sie solle aushalten auch in schwieriger Lage, bei Hausen stünde es nicht schlecht, Kluck sei zuversichtlich, am 9. September die Franzosen nach Paris hineinwerfen zu können. Ein Feldherr, der jetzt schweigt, gibt die Verantwortung auf."
Der Autor merkt offenbar gar nicht, daß er damit die alte Dolchstoßlegende erneuert, die nach dem Ersten Weltkrieg eine fatale Rolle in Deutschland spielte. In Wirklichkeit haben nicht Personen, sondern hat der deutsche Kräfteverfall die Marneschlacht entschieden, wie Professor Lange nachweist.
Nüchterne Historiker und Militärs haben nie anders geurteilt: Erschöpft von den vielen Märschen, vom Hunger geplagt, auf 60 Prozent ihres Mannschaftsbestandes reduziert, ohne Reserven, waren die deutschen Truppen "völlig ausgepumpt" (so der Historiker Müller-Brandenburg). Der Nachschub war nahezu zusammengebrochen, es fehlte an Ersatz, Geräten und Munition. Selbst der OHL-Oberst Max Bauer, ein fanatischer Anhänger der Dolchstoßlegende, räumte ein, auch bei einem Sieg an der Marne wäre der deutsche Vormarsch spätestens bei Paris zum Stehen gekommen.
Wolfgang Paul aber glaubt noch immer, daß die Deutschen trotz allem an der Marne hätten siegen können. "Was ich als Historiker", kommentiert Kritiker Lange, "an dem Buche von Paul auszusetzen habe, ist das Steckenbleiben im Emotionalen."

DER SPIEGEL 24/1975
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