16.06.1975

AFFÄRENNase und Schwanz

Der US-Flugzeugkonzern Northrop überzog die Weit mit einem Agentennetz, um auf dubiose Weise die Geschäfte zu fördern. Frankreichs Ex-Luftwaffenstabschef kassierte Gelder ebenso wie arabische Generäle.
Die Düsen-Kampfflugzeuge der US-Konzerne Northrop (YF-17) und General Dynamics (YF-16), so befand der hochdekorierte französische Ex-Luftwaffenstabschef Paul Stehlin, seien Frankreichs Konkurrenz-Modell Mirage F 1 von Dassault-Bréguet "unzweifelhaft überlegen".
Stehlins Verdikt, letzten September in einem Memorandum an Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing niedergelegt, galt unter Frankreichs Militärs und Politikern sogleich als Verrat. Denn das "Geschäft des Jahrhunderts" stand bevor: die Entscheidung der Nato-Staaten Norwegen, Dänemark. Holland und Belgien über das Nachfolgemodell des Starfighters.
Acht Monate später sahen sich die Zweifler bestätigt. Stehlin stand, so enthüllen Dokumente, die am vorletzten Freitag ein Unterausschuß des Foreign Relations Committee des amerikanischen Senats veröffentlichte, seit 1964 auf der Gehaltsliste des Flugzeug-Konzerns Northrop -- neben General Dynamics schärfster Konkurrent für Frankreichs Flugzeugbauer Dassault.
Stehlin -- er stürzte wenige Stunden nach den Washingtoner Enthüllungen vor einem Pariser Omnibus und wurde schwer verletzt -- kassierte für seine Dienste im ersten Jahr 5000 Dollar, im Februar 1974 war sein Salär auf 7500 Dollar gestiegen.
Der Franzose war nur einer von vielen "Beratern" und Lobbyisten, die Northrop in Europa, im Nahen Osten und anderswo beschäftigt hat, um das Waffengeschäft zu ölen und sich, sei es illegal oder legal, Zugang zu wichtigen Informationen und Regierungsvertretern zu verschaffen.
Der auf den Bau von Düsen-Kampfflugzeugen spezialisierte Rüstungskonzern Northrop kämpfte mit allen Mitteln und fiel auf. Allein von 1971 bis 1973 schütteten die Amerikaner, so hatte schon vor Wochen Washingtons Börsenaufsichtsbehörde ermittelt, 30 Millionen Dollar an verschiedene "Berater, Vermittler und andere" aus, ohne die Zahlungen korrekt zu verbuchen.
Angefangen hatten die peinlichen Enthüllungen für Northrop mit Watergate. Nachdem die Watergate-Sonderfahnder herausgefunden hatten, daß der Rüstungskonzern seit 1961 insgesamt 1,14 Millionen Dollar Schmiergeld an Politiker abgezweigt hatte, begannen Northrops Buchprüfer Ernst & Ernst, die Empfänger üppiger Zahlungen auszuspähen.
Ihr vertraulicher Bericht ging auch an den Senatsausschuß unter Leitung von Frank Church. der seit Wochen die Geschäftspraktiken der US-Multis abklopft. Unter dem Kapitel "Ungewöhnliche Zahlungen an dritte Parteien" gaben Ernst & Ernst Northrops trübe Geschäfte zu Protokoll.
Kaum einer der Northrop-Agenten brauchte offenbar etwas von Flugzeugen zu verstehen; über die Provisionen, die Verwendung der Gelder. die sie bezogen, mußte zumeist keine Rechenschaft abgelegt werden ... Ich weiß einen Dreck von Flugzeugen", rühmte sich Northrop-Mittelsmann Frank J. DeFrancis, "außer, daß sie eine Nase und einen Schwanz haben."
DeFrancis war von Northrop 1967 angeheuert worden, so zitiert der Untersuchungsbericht einen Manager des Konzerns, "um dem Erfordernis nachzukommen, einen besseren Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern in der deutschen Regierung zu bekommen". Immerhin hatte DeFrancis 22 Jahre als Rechtsberater für die westdeutsche Botschaft in Washington gearbeitet. Er rühmte sich bester Beziehungen zu hohen Regierungsstellen.
1971 gründete Northrop insgeheim in der Schweiz -- wohl nur zu Schmiergeldzwecken -- die Economic and Development Corp. (EDC). Northrop "ist nicht daran interessiert", so heißt es in einem im Untersuchungsbericht enthaltenen Konzern-Dokument, "zu erfahren, wie die EDC arbeitet und mit wem sie in Verbindung steht". Aufgabe der EDC war es, "hinter den Kulissen zu arbeiten, mit den richtigen Leuten am richtigen Platz".
Zu den richtigen Leuten zählte Franz Josef Bach, einst persönlicher Referent Konrad Adenauers, von 1964 bis 1968 deutscher Botschafter im Iran und seit seinem Ausscheiden als CDU-Politiker aus dem Bonner Parlament im Jahre 1972 Industrie-Vertreter. Bach wird in dem Report zusammen mit einem Deutschen, "dessen Name wie Theo Benehum klang" (DeFrancis), als Geschäftspartner der EDC genannt.
Bach konterte letzte Woche sogleich den "juristisch nicht greifbaren, aber unterschwellig zum Ausdruck kommenden Vorwurf der Bestechung" mit der Behauptung: "Ich habe nie für Northrop gearbeitet und nie Geld von Northrop bekommen."
Fest steht, daß Bonn schon 1964 durch Regierungsvertrag mit Washington 46 Northrop-Trainer im Wert von rund 120 Millionen Mark beschaffte. Zwischen 1966 und 1971 erhielt Northrop von Bonn Aufträge über insgesamt 2,23 Millionen Mark.
Welche Mittlerdienste die Deutschen Northrop geleistet haben, ist zweifelhaft. Belegt ist, daß DeFrancis in einem Brief an Northrop-Chef Thomas V. Jones vom 18. August 1971 versicherte, die Schweizer Firma werde sich "der Dienste von Dr. Franz Bach bedienen, dessen Wissen und Erfahrung einzigartig sind".
Auch DeFrancis beteuert, daß er an niemanden in Westdeutschland Schmiergelder gezahlt habe. Indes: DeFrancis betonte auch, daß "einige Leute mit Northrop nicht identifiziert werden möchten" und er daher für Barzahlungen "einfach als Mittelsmann" diene. Von Northrop kassierte er bis zum 30. September letzten Jahres Honorare von insgesamt 590 000 Dollar. 1973 hatte er einen 15-Jahres-Vertrag mit dem Konzern geschlossen. Jährliches Honorar: 100 000 Dollar. Insider in Washington nehmen an, daß er zumindest kleinere Beträge an westdeutsche Politiker weiterreichen sollte.
Ebenso geschickt wie in Europa manövrierte Northrop auch im Vorderen Orient in der Grauzone des Waffenhandels. Von Northrop bevorzugte Schlüsselfigur war hier Kennit Roosevelt -- Enkel des US-Präsidenten Theodore Roosevelt -, der als CIA-Beamter 1953 den Coup gegen den iranischen Premier Mohammed Mossadegh inszeniert und so die Machtübernahme Schah Resa Pahlewis ermöglicht hatte. Northrop zahlte dem ehemaligen Geheimdienstler zuletzt jährlich 75 000 Dollar. Als Gegenleistung ließ Roosevelt seine alten CIA-Verbindungen spielen, um, so bekannte Konzernchef Thomas V. Jones in einem vertraulichen Dokument, "aktiv an der Herstellung und Erhaltung unserer Kontakte zu den höchsten Regierungsstellen im Nahen Osten mitzuwirken".
Mit Erfolg. "Der Schah hätte nicht herzlicher sein können", schrieb Roosevelt 1965 stolz an Northrop-Vize Patrick W. Timberlake. Damals suchte Northrop mit seinem F-5 Freedom Fighter den F-104-Starfighter von Lockheed auszutricksen. Der Schah gab Northrop den Zuschlag.
Auch beim Zustandekommen eines 200-Millionen-Dollar-Geschäfts über ein Nachrichtensystem im Iran war Geld im Spiel. So zahlte die persische Northrop-Tochter Page Communications Engineers Inc. 705 000 Dollar an Prinz Charam Pahlewi, Mitglied der kaiserlichen Familie. Der Prinz versorgte Northrop dafür mit "allgemeinen praktischen Informationen", heißt es im Untersuchungsbericht.
Für den Fernmelde-Auftrag hatte die Northrop-Tochter Page mit Nippon Electric, General Telephone & Electronics Corp. und der Siemens AG ein Konsortium gebildet. Die Firmen verpflichteten sich, jeweils fünf Prozent ihres Auftragswertes für einen nicht näher bezeichneten Fonds -- den Siemens verwaltete -- abzuzweigen. 4,1 Millionen Dollar flossen daraus an die Schweizer EDC, und bei der mischte wiederum Bonns ehemaliger Persien-Botschafter Franz Josef Bach mit. Mehr als 1,1 Millionen Dollar gingen auf ein Schweizer Nummernkonto, laut Ausschuß-Dokumenten "von Siemens für Zahlungen an -- der Firma Northrop unbekannte -- Einzelpersonen bestimmt".
Hilfreiche Hände fand Northrop auch in Saudi-Arabien, wenn sie nur ausreichend geschmiert wurden. Und wieder war es Kennit Roosevelt, der mit Dollars nicht knauserte. wenn es darum ging, Northrop-Maschinen an den Mann zu bringen. "Meine Freunde in der CIA halten ein Auge auf die Dinge", meldete er 1965 der Konzernleitung in Los Angeles, als die Saudis zwischen Lockheeds Starfighter und Northrops Freedom Fighter schwankten. König Feisal kaufte bei Northrop. Roosevelt, lobte Konzernchef Jones seinen Agenten, sei vielleicht "die Schlüsselfigur" für Flugzeugverkäufe im Vorderen Orient im Wert von "nahezu einer Milliarde Dollar".
Gefördert wurde der Absatz. so gab Northrop zu, durch Zahlung von Bestechungsgeldern in Höhe von 450 000 Dollar an zwei saudiarabische Generale. Als Makler agierte dabei der wohlhabende Geschäftsmann und Northrop-Agent Adnan Chaschioggi, Sohn des Leibarztes des ermordeten Königs Feisal.
"Die Mißgriffe' die wir gemacht haben, werden sich nicht wiederholen", beteuerte zwar letzte Woche Northrop-Präsident Jones vor dem Untersuchungsausschuß des Senats in Washington. Aber gerade das ist fraglich.
Denn wie keine andere Branche ist die Rüstungsindustrie anfällig für Durchstechereien. Wie Northrop sind fast alle Waffenproduzenten schon einmal in den Ruf geraten, Bestechungsgelder gezahlt zu haben. Bei der Beschaffung neuer Waffensysteme geht es fast immer um Milliarden Mark und Zehntausende von Arbeitsplätzen. Und wie nirgends sonst bestimmt vielfach eine einzige Entscheidung das Schicksal eines Rüstungskonzerns für Jahre, womöglich für immer.
Die Entscheidung der Belgier beispielsweise für die F-16 -- Voraussetzung für Norwegen, Dänemark und die Niederlande, ebenfalls diese Maschine zu bestellen -- wurde für den Hersteller General Dynamics zur Bonanza. Nach dem Entschluß der Europäer, 350 F-16 zu kaufen, hat der US-Konzern ein Auftragspolster von 2,1 Milliarden Dollar. Zudem hat sich die US-Luftwaffe bereits für 650 Maschinen dieses Typs entschieden.
Experten sind sicher, daß andere Staaten nun mit Aufträgen nachziehen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts dürfte General Dynamics dann bis zu 3000 der mit doppelter Schallgeschwindigkeit fliegenden F-16 verkaufen. Erwarteter Verkaufswert: über 20 Milliarden Dollar. Insgesamt werden durch die F-16, rechnet General Dynamics vor, voraussichtlich 65 000 neue Arbeitsplätze allein in den USA geschaffen, weitere 25 000 in europäischen Ländern, die -- ab 1977 -- zu 40 Prozent an der Produktion der in Europa verkauften Maschinen beteiligt werden.
Aggressiver denn je werden deshalb künftig die Flugzeugkonzerne ums Überleben kämpfen. Von den sechs großen US-Konzernen -- Fairchild. General Dynamics, Grumman, LTV Aerospace, McDonnell Douglas, Northrop -- haben, so meinen Experten, nur drei gute Chancen, die Luftschlacht durchzustehen: General Dynamics, Northrop und McDonnell Douglas.
Und Europas Luftfahrtindustrie wäre schon manches Mal abgeschmiert, wenn nicht der größte Teil des Umsatzes aus dem militärischen Bereich stammen würde.
Doch wie bei den Verkehrsflugzeugen triumphieren auch bei den Militärmaschinen die Amerikaner über die Europäer, sie bestreiten annähernd 80 Prozent der militärischen Nachfrage in Europa.
Angesichts der Übermacht der USA scheinen die Abfangmanöver der Europäer fast aussichtslos. Frankreichs Mirage ist abgeschlagen, und das ehrgeizige Gemeinschaftsprojekt der Deutschen, Briten und Italiener zum Bau des Mehrzweckkampfflugzeuges MRCA (Multi Role Combat Aircraft) ist noch immer nicht so recht flügge.
Europas Flugzeugbauer, diagnostizierte denn auch die Pariser Zeitung "Le Monde", haben "den Gnadenstoß" erhalten.

DER SPIEGEL 25/1975
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