03.11.1975

VERTRÄGEIm Genitiv

Bonner Sprachforscher aus dem Unions-Lager haben im jüngsten deutsch-polnischen Vertrag ein angeblich unzulassiges „s“ entdeckt.
Die Opposition, obschon darin geübt, selbst in vielen Zungen zu reden, hat die Regierung bei einer -- vermeintlichen -- Sprachschlamperei ertappt.
Gestützt auf das Zeugnis des Erwin Weit, heute im Westen lebender Leibdolmetsch des einstigen Polenführers Wladyslaw Gomulka, bombardierten vornehmlich christsoziale MdB vorige Woche das Bonner Außenamt mit Kritik wegen angeblicher Übersetzungsfehler in den jüngsten deutsch-polnischen Abkommen. Weit hatte in Springers "Welt" und Löwenthals "ZDF Magazin" auf "gravierende Abweichungen" des polnischen Textes vom deutschen Wortlaut der Vereinbarungen hingewiesen und die Bonner aufgefordert, vor der Ratifizierung sprachliche Übereinstimmung herzustellen.
Weits Hauptvorwürfe:
* Im Gegensatz zur deutschen Bezeichnung "Bundesrepublik Deutschland" heiße es in den polnischen Dokumenten stets "Bundesrepublik Deutschlands" ("Republica Federalna Niemiec", statt korrekt im Nominativ "Niemcy"):
* außerdem hätten die Polen den deutschen Begriff des "Viermächte-
* Mit dem polnischen KP-Führer Wladystaw Gomulka (l.) und SED-Chef Walter Ulbricht in Warschau
Abkommens" über Berlin schlichtweg mit "Vierseitige Vereinbarung" übersetzt.
Die Amateur-Linguisten der Union witterten sogleich deutschlandpolitischen Unrat. Sie argumentierten, der Genitiv im Staatstitel besage ganz gewiß, daß die Warschauer Kommunisten der Bundesrepublik die volle Identität mit Deutschland streitig machen, den Bonner Staat mithin nur als einen Teil Deutschlands darstellen wollten. Bei der Verwendung des Begriffs "Vierseitige Vereinbarung" hätten sich die Polen überdies die sowjetische Terminologie zu eigen gemacht.
Diesen Vorwurf zu widerlegen bedurfte es für die Vertrags-Experten in Hans-Dietrich Genschers Außenministerium keiner Mühe. Denn das Berlin-Abkommen, an dem die Bundesrepublik ja gar nicht beteiligt war, heißt in den Dokumenten aller vier vertragschließenden Mächte wörtlich übereinstimmend "Vierseitige Vereinbarung". Doch auch was den Deutschland-Genitiv anlangte, hätte es für die aufgeregten Unierten lediglich einer Rückfrage bei einem Slawisten bedurft' um sich wieder zu beruhigen.
Denn abgesehen davon, daß die kommunistischen Staaten keinerlei politisches Interesse daran haben können, die von ihnen als endgültig propagierte Teilung Deutschlands dadurch zu widerlegen, daß sie die Bundesrepublik durch den Deutschland-Genitiv zu einem deutschen Teilstaat erklären, ist die Benennung Deutschlands im zweiten Fall im Polnischen sprachüblich und im Russischen möglich.
Im Russischen heißt Deutschland "Germanija", die Bundesrepublik Deutschland aber wird (auch im Moskauer Vertrag von 197O) "Federatiwnaja Respublika Germanii" -"Deutschlands" genannt, so wie etwa die Polen bei zusammengesetzten Staatsbegriffen grundsätzlich den Genitiv benutzen: "Sozialistische Föderative Republik Jugoslawiens", "Sozialistische Republik Rumäniens".
Die Polen selbst reagieren denn auch auf die Enthüllungen ihres vormaligen Chefdolmetschers einigermaßen verständnislos. Professor Stanislaw Stomma' Chef der kirchentreuen katholischen Abgeordnetengruppe Znak im polnischen Parlament. dem Sejm, und derzeit auf Bonn-Besuch. belustigt sich: "Das ist ein talmudistisches Problem." Der Genitiv "Niemiec" klinge "ganz normal für jedes polnische Ohr".
Ohnehin ist schwer erfindlich, worin das Problem eigentlich stecken soll. Was auch immer Hans-Dietrich Genscher in Warschau unterschrieben hat -- sein polnischer Kollege Stefan Olszowski hat seinen Namen auch unter den deutschen Text gesetzt, und darin heißt es nun für alle polit-linguistischen Kümmelspalter ganz unbezweifelbar: "Bundesrepublik Deutschland" und "Viermächte-Abkommen".

DER SPIEGEL 45/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"