19.05.1975

„Bruder Minh, fürchte dich nicht“

Als einziger Journalist war SPIEGEL-Redakteur Gallasch zugegen, als der südvietnamesische Staatschef General Minh kapitulierte -- er stellte das Tonbandgerät zur Verfügung, auf dem Minh seine letzte Rede aufnahm.
Die südvietnamesischen Soldaten vor dem Präsidentenpalast von Saigon hatten ihre Verteidigungsbarrikaden schon verlassen. Ziemlich nahe schoß Artillerie, krachten Bomben, die Straßen waren wie leergefegt. Es war am 30. April, 11 Uhr.
Vor der Treppe des Palastes kletterte Vizepräsident Nguyen Van Huyen in seinen Wagen. Er sagte, daß Präsident Duong Van Minh sich im Palast befinde und dort auf die Ankunft der "Gesandten der Befreiungsfront" warte. Dann fuhr er in seiner schwarzen Limousine davon. Die Soldaten der Palastwache grüßten den zweiten Mann des sterbenden Saigon-Regimes nicht einmal mehr, als er ihre Barrikaden passierte -- Barrikaden, auf denen Maschinengewehre, Stahlhelme, Uniformen, Handgranaten und sogar eine Bazooka in wildem Durcheinander lagen.
Im ersten Stock des Palastes traf ich Ha Huy Dinh, einen Saigoner Rechtsanwalt, der mit seinem Bart und seinem traditionellen schwarzen Gewand wie eine jüngere Ausgabe von Ho Tschiminh aussah. Dinh hatte gleichfalls den Gedanken gehabt, zum Präsidentenpalast zu gehen, um zu sehen, was da passierte. In den folgenden drei Stunden wich Dinh nicht von meiner Seite, er photographierte und übersetzte.
Während wir noch etwas ratlos herumstanden und warteten, öffnete sich zu unserer Linken eine Tür -- heraus kam General Minh mit einem Gefolge von etwa zehn Gehilfen. Sie hatten gerade ihren Bunker verlassen und gingen zum Präsidenten-Büro im zweiten Stock. Minh zu mir: "Es ist gut, daß Sie da sind. Sie werden Augenzeuge sein, wenn ich meine Macht denen übergebe, die ihrer würdiger sind als ich."
Auch Premierminister Vu Van Mau war da. Plötzlich wurde die Stille von heftigem Granat- und Artillerie-Feuer, Maschinengewehrsalven und Pistolenschüssen zerrissen, so daß wir alle sofort in Deckung rannten. Ich kauerte hinter einem Betonpfeiler und fürchtete, daß womöglich auch ein deutscher Journalist zu den letzten Toten dieses Kriegs gehören könne. Niemand wußte: War dies ein Putschversuch, den reaktionäre Generale in letzter Minute unternahmen, oder versuchte die Palastwache, den Präsidenten zu töten?
Drei T-54-Panzer sowjetischer Bauart mit riesigen Flaggen der Befreiungsfront rollten nun die Thong-Nhat-Avenue herunter. Der erste durchbrach das Gitter vor dem Palast, indem er es einfach niederwalzte. Immer mehr Fahrzeuge kamen an. Schließlich fuhr eine Kolonne von ungefähr 20 Panzern über den Rasen auf den Palast zu und feuerte aus allen Rohren in die Luft.
Am äußeren Ende des Rasens hatte sich das kleine Häuflein der einst so stolzen Palastwache gesammelt, die Hände hoch über die Köpfe erhoben. Nach einer Weile befahlen die Sieger ihnen, sich niederzusetzen, was sie auch taten -- ein Bild der Ohnmacht.
Der Palast war nun voller Soldaten der Befreiungsarmee. Pulverdampf zog in Schwaden die Treppen hoch. Links in der Halle stand General Minh einem grimmig aussehenden Offizier der Befreiungsarmee gegenüber, dem Kommandeur Pham Xuan The. Eine russische Pistole vom Typ K 55 in der Hand und selbst ziemlich aufgeregt, sagte der, zu Minh gewandt: "Herr Minh, wir möchten, daß Sie unverzüglich mit uns zur Rundfunkstation fahren und die sofortige Kapitulation verkünden, damit kein Blut mehr vergossen wird."
Doch General Minh, das Gesicht von Trauer gezeichnet, aber ganz ruhig, wollte den Palast in diesem kritischen Augenblick nicht verlassen. Noch wußte niemand, wie die Bevölkerung von Saigon während der nächsten Stunden reagieren würde, ob es nicht zu Ausschreitungen und Unruhen käme. Deshalb schlug Minh vor, daß er seine Rede im Palast auf Tonband aufzeichnen und dieses dann zum Rundfunksender bringen lassen wolle. Nach kurzem Wortwechsel stimmte der Kommandeur zu.
Aber dann mußte man die Idee wieder fallen lassen, denn im Palast gab es kein entsprechendes Gerät -- wie überall sonst in der Stadt hatten auch im Palast die Angestellten bei der Flucht alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Ich selbst hatte zwar mein Tonbandgerät dabei, verstand aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, worum es eigentlich ging.
Der gerade angekommene Politkommissar Bui Van Tung, General Minh, Premier Mau und andere Politiker gaben im Protokoll-Raum im ersten Stock eine kurze Pressekonferenz. Danach verließen die drei Top-Politiker und Kommandeur The hastig den Saal und gingen in den Garten. gefolgt von den Journalisten.
Draußen warteten zwei Jeeps. Minh und Mau kletterten in den einen, der Politkommissar Tung in den anderen. Mein Begleiter Dinh brachte es fertig, daß er und ich zu Tung in den Jeep steigen durften -- als einzige Nichtfunktionäre.
Nach kurzer Fahrt hielten die beiden Fahrzeuge in der Nguyen-Binh-Khiem-Straße vor einem kleinen Nebengebäude des örtlichen Rundfunksenders. Dort gingen wir im zweiten Stock in ein kleines Aufnahmestudio von vielleicht 20 Quadratmeter Größe. Während wir warteten, nahm einer der Rundfunkangestellten ein Thieu-Porträt von der Wand und warf es durch das Fenster in den Hof.
Niemand schien zu wissen, was nun weiter geschehen sollte. Premierminister Mau schwitzte sichtlich und fächelte sich frische Luft zu. doch dabei strahlte er, als ob dies alles sein ganz persönlicher Sieg sei; er wirkte entschieden fröhlicher als Minh. Minh und der Politkommissar saßen auf den beiden einzigen Stühlen, ich zwischen ihnen auf einem kleinen Teetisch. Vor mir stand der Kommandeur und hielt immer noch seinen Revolver in der Hand -- doch offenbar mehr, um sich an irgendwas festzuhalten, als um jemanden zu bedrohen.
Inzwischen war die gespannte Stimmung einer gelockerten und freundlichen Atmosphäre gewichen, alle plauderten miteinander. Besonders Kommandeur The, der zuerst ziemlich brüsk gewesen war, wirkte nun freundlich und wiederholte immerzu, an Minh gewandt: "Bruder Minh, fürchte dich nicht! Wir kämpfen für unser Volk, weil wir unsere bösen Feinde besiegen müssen. Aber nun sind wir hier, niemand hat dir etwas getan, und niemand wird dir etwas tun."
Ungefähr zehn Minuten lang passierte weiter gar nichts. Ich nutzte die Gelegenheit. um "Big Minh" die Frage zu stellen, die uns alle am stärksten beschäftigte, nachdem Minh die Nachfolge von Präsident Tran Van Huong angetreten hatte: "Warum haben Sie nicht gleich nach Ihrer Amtsübernahme die Amerikaner aufgefordert. Vietnam zu verlassen, sondern einen Tag lang gewartet, so daß die Befreiungsarmee ihren militärischen Druck auf Saigon noch verstärken konnte?"
Minh: "Ein solches Ultimatum muß auf 24 Stunden befristet sein. Uns war aber klar, daß die Amerikaner den Abzug in dieser Zeit nicht schaffen konnten. Andererseits war es wichtig, daß alle Amerikaner nach Ablauf eines derartigen Ultimatums auch wirklich außer Landes waren, denn sonst hätte die US-Regierung versucht sein können, Truppen zum sogenannten Schutz amerikanischer Bürger zu schicken. Das aber hätte die Zerstörung der Stadt und den Verlust Tausender von Menschenleben zur Folge gehabt. Aus diesem Grunde habe ich den Amerikanern zusätzlich Zeit gegeben. ehe ich offiziell forderte, daß sie das Land innerhalb von 24 Stunden verlassen müßten.
Weiter: Warum hatte Minh nicht eher die Regierungsgewalt von Thieu übernommen, als es vielleicht noch mehr Spielraum für Verhandlungen mit der Befreiungsfront gab'? Minh: "Die Befehlshaber der Armee standen voll hinter Thieu, selbst noch, nachdem er zurückgetreten war und Huong zum Stadthalter eingesetzt hatte. Ich habe alles versucht, was in meiner Macht stand. Aber die Armee wollte nicht,"
Dann eine Frage an Premier Mau, den Mitbegründer der sogenannten Dritten Kraft, der nur eine Woche zuvor noch die künftige Bedeutung dieser Gruppe unterstrichen hatte: "Welche Zukunftschancen geben Sie der Dritten Kraft denn nun noch, da die politische Lage sich derart gewandelt hat?" Mau: "Da es nun keine Erste Kraft mehr gibt, brauchen wir auch keine Dritte Kraft mehr."
Unterdessen entwarf der Politkommissar Tung auf einem grünen Blatt Papier. das er auf den Knien hielt, die Ansprache, die General Minh im Radio verlesen sollte. Hin und wieder dachte er über einen Ausdruck nach, strich ein Wort und ersetzte es durch ein anderes. Sein Gesicht zeigte keine Gefühlsregung. Da kämpften diese Männer nun über 30 Jahre lang für die Befreiung ihres Landes -- und wußten in der Stunde des Sieges nicht, in welchen Worten die Kapitulationserklärung abgefaßt werden sollte!
Einige der Soldaten sprachen mich auf Russisch an und wollten über Marxismus reden. Alle dachten, ein deutscher Journalist bei dieser Szene könne nur aus der DDR kommen. Aufgeklärt, wurden sie etwas skeptischer, wenn auch nicht eben unfreundlich.
Tung wünschte, daß General Minh den Text, den er verlesen sollte, vorher auf Band sprach. Doch ein Tonbandgerät fand sich auch im Funkhaus nicht -das Gebäude war ebenfalls geplündert worden. Blieb nur der kleine SPIEGEL-Taschenrecorder, die Rede aufzunehmen. Niemand freilich wußte das Gerät zu bedienen -- so wurde ein SPIEGEL-Redakteur Protokollführer bei der Kapitulation Südvietnams.
Die Aufnahmeprozedur mußte dreimal wiederholt werde: Beim erstenmal las Minh nicht mehr weiter, als er an die Stelle kam, wo er sagen sollte: "Ich, Duong Van Minh, Präsident der Saigoner Regierung ..." Er wollte sich einfach als "General Minh" bezeichnen, ohne Erwähnung seiner Zwei-Tage-Präsidentschaft und der Saigoner Regierung. Schließlich einigte man sich auf die -- für Minh unbefriedigende
Formel: "Ich, General Duong Van Minh, befehle allen Soldaten, ihre Waffen niederzulegen Aber dann mußte das Ganze noch mal durchexerziert werden, da Minh die Handschrift des Politkommissars nicht lesen konnte.
Schließlich klappte es, und wir gingen in das Tonstudio, das sich in einem anderen Gebäude befindet. Ich setzte mich vor das Mikrophon und stellte das Tonband an; Minh saß links dahinter, die anderen standen an der Wand.
Erst später erfuhr ich, daß es sich um eine Life-Übertragung gehandelt hatte. Die Vietnamesen, die vor ihren Radioempfängern hockten, mochten annehmen, ein amerikanischer Techniker habe die Sendung überwacht, denn sie hörten mich auf Englisch fragen: "Ist das jetzt okay?" Und: "Sollen wir das wiederholen?"
Als alles vorbei war, kam der Politkommissar herüber und sagte etwas, das ich nicht verstand. Dinh übersetzte: Als Zeichen seiner Wertschätzung wolle der Politkommissar, daß ich ihn zurück in den Palast chauffiere.
Während Tung bereits Platz genommen hatte, versuchte ich, seinen Jeep in Bewegung zu setzen -- vergebens. Tungs Fahrer, über meine plötzliche Bevorzugung verärgert, weigerte sich. den Startmechanismus zu erklären, und nach einigen Augenblicken sprang Tung wieder hinaus. In einem anderen Wagen fuhren wir zurück zum Palast.
Inzwischen war es etwa zwei Uhr nachmittags. Scharen von Uniformierten zogen durch die Straßen, die Waffen über der Schulter. Während der Fahrt war nur ein einziger toter Soldat zu sehen. Er wurde auf der Fußstütze einer Fahrradrikscha transportiert, wobei sein Kopf immerzu auf den Asphalt aufschlug.
Vor dem Palast mußte ich aussteigen. Auf Kommissar Tungs eher düsterem Gesicht zeigte sich ein kurzes Lächeln. Dann sagte er das einzige deutsche Wort, das er kannte: "Danke."

DER SPIEGEL 21/1975
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