22.08.2005

BUNDESTAGSWAHL„Resignative Wechselstimmung“

Er entscheidet sich oft in letzter Sekunde, er liebt den Widerspruch und wirkt dabei selbst stark verunsichert: Der deutsche Wähler verweigert Demoskopen und Politikern im aufziehenden Blitzwahlkampf die Eindeutigkeit.
Der deutsche Wähler ist eine Zicke, und kaum einer leidet so darunter wie Herr Engel. Er sitzt in einem weiß gestrichenen Saal von der Größe einer Turnhalle. Vor ihm steht ein Computerbildschirm, er hat einen Kopfhörer auf den Ohren und ein Mikrofon vor dem Mund. Er arbeitet im Callcenter des Meinungsforschungsinstituts Forsa in der Mitte Berlins. Von hier aus soll er dem deutschen Wähler den Puls fühlen. Herr Engel drückt auf "wählen".
"Ja, bitte", brummt es aus der Leitung, es spricht eine Frau mit Belag auf der Stimme. "Hallo, hier ist das Forsa-Institut in Berlin, Engel mein Name." Er redet sanft und freundlich, damit die Dame nicht gleich wieder auflegt. Er muss schnell rausfinden, welche Person im Haushalt zuletzt Geburtstag hatte und diese nach ihrer politischen Meinung befragen, so will es das von Forsa gewählte Zufallsprinzip.
Die ersten Versuche sind alle gescheitert. Zuerst hat eine Frau gesagt: "Rufen Sie im Dezember wieder an, so lange ist mein Mann in Polen." Beim zweiten Mal meinte ein älterer Herr: "Ich bin zu alt für Meinungsforschung." Beim dritten Mal bekam Herr Engel zu hören, er arbeite bestimmt für al-Qaida, und Politik sei außerdem doof. Jetzt hofft er auf Frau Jabitte. Sie sagt: "Dann machen Sie mal."
Sie soll zunächst drei politische Themen nennen, die sie in der vergangenen Woche interessiert habe. "Dann nehm ich die 1200-Jahr-Feier bei uns in Magdeburg, dann das mit den toten Kindern, ja, und dann, Moment, dann nehm ich noch die Überschwemmungen."
"Welche Überschwemmungen?", fragt Herr Engel. Er muss präzise sein, so will es der Fragebogen. Sein Institut will ja 80 Millionen Deutschen möglichst genau erklären, was ihnen wichtig ist.
"Na, das mit diesem Tsunami."
"Aber das ist doch schon über ein halbes Jahr her", sagt Herr Engel.
"Aber sonst gab's ja nix Politisches", sagt Frau Jabitte.
Herr Engel seufzt, er notiert Tsunami. Nun soll er die Zufriedenheit mit Spitzenpolitikern abfragen, man darf Punkte
vergeben zwischen null und hundert. Von Hans Eichel und Frau Merkel hat Frau Jabitte schon gehört, sie vergibt 50 Punkte.
"Und jetzt Wolfgang Gerhardt", sagt Herr Engel.
"Gerhard Schröder, meinen Sie den?"
"Nein, Wolfgang Gerhardt, der ist bei der FDP."
"Wirklich? Bei der FDP?"
"Ich kreuze hier einfach mal an: nicht bekannt", sagt Herr Engel.
Zum Schluss will er noch wissen, ob sie ihre Wahlentscheidung schon getroffen habe. "Gibt es schon wieder Wahlen?", fragt Frau Jabitte. "Also, beim letzten Mal hab ich PDS gewählt, aber diesmal mache ich CDU. Oder SPD. Aber nicht diesen Gerhardt von der FDP."
Herr Engel sagt, dass er leider nur eine Partei eintragen könne. "Dann nehm ich CDU. Nein, SPD, nehmen Sie SPD."
"Dann nehmen wir SPD", sagt Herr Engel, er bedankt sich sehr herzlich, dann legt er auf.
Der deutsche Wähler soll am 18. September die Zukunft der Republik bestimmen. Er soll sagen, wie es mit dem Arbeitsmarkt, den Steuern, der Außenpolitik und damit mit Deutschlands Rolle in der Welt weitergehen soll. Aber er kennt Wolfgang Gerhardt nicht, der bald über Deutschlands Rolle in der Welt mitentscheiden könnte. Und er springt zwischen SPD und CDU hin
und her, als ginge es um die Farbe eines Duschgels. Der deutsche Wähler erscheint irgendwie derangiert dieser Tage. Auf Herrn Engel wirkt er wie ein Fabelwesen, das er hört, aber nicht sehen kann, das er vernimmt, ohne es zu begreifen.
Drei Stockwerke über seinem Telefonarbeitsplatz sitzt Manfred Güllner an einem großen weißen Konferenztisch. Er hat die Antworten von Frau Jabitte und 999 weiteren Befragten aus dieser Woche auf dem Tisch liegen. Die Antworten sind jetzt in Zahlen und Statistiken übersetzt, das macht einen wissenschaftlicheren Eindruck als das Gestammel am Telefon. Güllner soll die Zahlen deuten, er soll erklären, wie Deutschland tickt und wie es wählen wird. Aber die Deutung ist komplizierter geworden für ihn und seine Kollegen von den anderen Instituten.
Seit Jahrzehnten spürt Güllner dem deutschen Wähler nach, er sagt, er kenne ihn inzwischen ganz gut, so gut zumindest, dass ihn fast nichts mehr verwundere.
Sein Wissen hat ihn zu einem geachteten Mann gemacht. Auf die Brusttasche seines Hemdes hat er sich seine Initialen einsticken lassen, MG. Er spricht langsam und mit sonorer Stimme. Er hört sich an wie ein Priester, der die Heilige Schrift interpretiert, nur dass die Bibel über 2000 Jahre die Gleiche geblieben ist und der Wähler sich immer wieder ändert. "Es ist schwerer geworden, ihn zu verstehen", sagt Güllner.
Will der Wähler den Regierungswechsel? Will er härtere Einschnitte, oder sagt er nur ja zu Reformen in der Hoffnung, dass sie ihn selbst nicht betreffen? Weiß er überhaupt schon, was er will, wen er wählt und warum?
Es sind nur noch vier Wochen bis zur Wahl, aber der Wähler verweigert die Eindeutigkeit. Nicht einmal 50 Prozent der Befragten sagen, sie wüssten bereits genau, wo sie am 18. September ihr Kreuz machen, noch nie zuvor war der Wähler so lange so unentschieden wie bei dieser Wahl (siehe Grafik). Er wirkt ratlos, und vielleicht verhält er sich nur deshalb so zickig, weil er verunsichert ist.
Der deutsche Wähler kommt in diesen Tagen aus dem Urlaub zurück oder vom Arzt, oder er sitzt zu Hause vor dem Fernseher. Wieder klingelt irgendwo in Deutschland das Telefon, diesmal heißt der Anrufer Infratel, es ist eine Telefonzentrale, die für TNS Infratest arbeitet. Die Interviewerin will eigentlich nur ihren Fragebogen abarbeiten, aber die Frau am anderen Ende der Leitung verspürt jetzt ein großes Redebedürfnis. Vielleicht freut sie sich, dass überhaupt mal jemand anruft. Sie stellt erst mal den Fernseher leise.
"Welche Partei haben Sie bei der letzten Wahl gewählt?", fragt die Interviewerin.
"Na, die SPD. Wissen Sie, ich bin jetzt 43 Jahre alt, ich habe immer SPD gewählt, verstehen Sie, aber jetzt habe ich überhaupt kein Vertrauen mehr in die Politik, auch in die SPD nicht mehr, und deshalb muss ich jetzt neu nachdenken."
Die Interviewerin möchte zur nächsten Frage übergehen, aber die Dame möchte genau das nicht. Sie redet weiter. Ihr Betrieb sei gerade von einem anderen übernommen worden, aber der habe nur eine Bestandsgarantie für ein Jahr gegeben. Sie glaube, dass daran die SPD schuld sei und auch der Roland Koch aus Hessen, wo sie wohne. Sie sagt: "Die reden alle das Gleiche, aber bewirken tun die nichts." Sie sagt, sie wolle sich noch einmal informieren, sie habe noch vier Wochen Zeit, das müsse reichen. "Sie können mich jederzeit wieder anrufen."
Am Ende weiß die Interviewerin nicht viel mehr als am Anfang. Vielleicht hat Allensbach-Chefin Renate Köcher es am besten getroffen, als sie vergangene Woche eine "resignative Wechselstimmung" bei den Deutschen diagnostizierte. So wünschen sich gerade mal 50 Prozent einen Wechsel der Bundesregierung, obwohl nicht einmal ein Drittel glaubt, dass sich dadurch etwas ändert. Sie wollen den Wechsel, aber versprechen sich nichts davon, so dass am Ende wieder fraglich ist, ob sie ihn überhaupt wollen.
Der Wähler hat seine wichtigste Entscheidungsgrundlage verloren, die Hoffnung. Es hat sich eine Ernüchterung im Volk eingenistet, die jede Fähigkeit zur Begeisterung erstickt. Das, was der deutsche Wähler will, kann er nicht bekommen.
Er will ja, dass es besser wird, ohne dass sich sein Leben allzu sehr ändert. Er wünscht nichts sehnlicher als den Erfolg jener Reformen, die er so sehr fürchtet. Er entscheidet sich im einen Moment für eine Richtung und erschrickt im nächsten darüber, dass er sich festgelegt hat. Das macht ihn unzufrieden und irgendwie auch zur tragischen Figur.
Richard Hilmer hat sich ein Diagramm in sein Büro reichen lassen. Es sind die Umfragewerte der deutschen Parteien seit 1998 in Linienform. Es sieht aus wie eine Zeichnung des Himalaja-Gebirges.
Hilmer ist der Chef von TNS Infratest, dem Institut, das der SPIEGEL regelmäßig beauftragt, er nennt Stichwörter, die die Ausschläge erklären. Auf Hilmers Diagramm heißen die Berge und Täler "Lafontaine-Rücktritt", "CDU-Spendenskandal", "Hans Eichel", "Irak-Krieg", "Hartz IV" oder "Gesundheitsstreit der Union". Erregt steht Hilmer vor seinen eigenen Messungen: "Ein solches Zickzack hätte es früher nie gegeben."
Er sitzt in der Zentrale seines Instituts in Berlin-Treptow und fährt die Berge und Täler noch einmal mit dem Zeigefinger nach. "Es ist ein Wahnsinn", sagt Hilmer. "Es ist alles viel turbulenter geworden.
Schauen Sie hier." Sein Finger ist im Sommer 2002 stehen geblieben, in der Zeit vor der letzten Bundestagswahl, in der der Hügel der SPD plötzlich zu einem Berg aufschießt und der imposante CDU-Zacken schmilzt. "Ein Swing von zwölf Prozent. Und das alles in nur sechs Wochen. Das ist gewaltig, das ist enorm, das ist turbulent." Er spricht schnell und gehetzt, so, als wollte er den rasanten Meinungswandel der Wähler mit seiner Sprechweise verdeutlichen. Er sagt, es gebe nur eine Methode, um herauszufinden, in welcher Gemütslage sich die Deutschen wirklich befinden: "Wir müssen sehr zeitnah messen." Er klingt wie ein Chefarzt, der einen intensiveren Einsatz von Kardiogrammen verordnet.
Am anderen Ende der Republik sitzt Frau Professor Köcher in einem Sessel, der mit weißem Tuch bespannt ist, sie hat die Arme auf den Lehnen ausgebreitet und redet wie ein Militärstratege: "Jede Wahl ist eine einzigartige Situation, wie jede Schlacht eine einzigartige Situation ist. Man muss sich alle Rahmenbedingungen anschauen, das Gelände, auf dem gekämpft wird, das Klima, die Qualität der Feldherren und die Stärke der Truppen."
Sie redet in einer heilen Fachwerkwelt mit knarzender Holztreppe und Bauernschränken. Das Allensbach-Institut ist eine Fluchtstätte vor der Hektik der modernen Zeit. Im Hof plätschert ein Springbrunnen, in der Ferne funkelt der Bodensee. Die Allensbach-Welt erinnert an eine Zeit, in der die Welt überschaubar und die Deutschen noch berechenbar waren, eine Zeit, als Konrad Adenauer und Helmut Kohl der Allensbach-Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann deren Erkenntnisse wie Goldtaler aus der Hand rissen.
Wenn Renate Köcher über den Wähler redet, liegt Wehmut in ihrer Stimme. Sie sagt, der Wähler lese nicht mehr, er sei zerstreut, er lasse sich gern ablenken von Dingen, die unwesentlich
sind. Sie spricht von "kurzfristigen Aufregungswellen", von denen die Deutschen sich immer öfter mitreißen ließen. Sie spricht von einem Wesen, das nicht mit sich im Reinen sei. Sie sagt, dass die Menschen sich gegenwärtig wohl fühlten in ihrer Abkehr von der SPD, aber sie ist vorsichtig geworden.
Eigentlich, so sagten ihre Zahlen, sei der Wähler auch im Sommer 2002 sehr unzufrieden gewesen mit der Bundesregierung. Er sei bereit gewesen zum Wechsel, weil es Deutschland nicht gut ging. Es war der Moment, als die Professorinnen Köcher und Noelle-Neumann Edmund Stoiber zum künftigen Sieger ausriefen. Sie hatten es doch gelesen aus ihren Daten, sie hatten geglaubt, den Wähler durchschaut zu haben.
"Und dann diese Flut und dieser Irak", sagt Köcher. Sie ist noch immer aufgebracht, wenn sie darüber redet. Flut und Irak klingen aus ihrem Mund wie die Nennung zweier Geschlechtskrankheiten. Die Leute seien plötzlich wie ausgewechselt gewesen. "Das hatte ja alles kein Gegengewicht mehr." Seit dieser Erfahrung ist der Wähler für Frau Köcher vor allem ein leicht verführbares Wesen. Der Deutsche hat ihr Institut ein bisschen dumm aussehen lassen im Sommer des Jahres 2002, aber er hat auch einen Teil seines Charakters offenbart.
Die Veränderung des deutschen Wählers ist auch ein Spiegel der Gesellschaft insgesamt. Er hat sich losgesagt von familiären Zwängen und gesellschaftlichen Bindungen. Es gibt weniger Arbeiter, die sich einer Gewerkschaft verpflichten, es gibt weniger Katholiken, die zur Kirche gehen. Die klassischen Milieus schrumpfen und mit ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit.
Der Wähler hat sich emanzipiert, er ist flexibler geworden, er kann jetzt frei entscheiden, alles ist möglich. Aber er genießt diese Freiheit nicht, er leidet. Er verlangt öffentliche Sparsamkeit und will mehr Rente. Er wählt die Roten oder auch nicht.
Vielleicht möchte man gar nicht so genau wissen, auf welcher Grundlage in Deutschland Wahlentscheidungen zustande kommen. Vielleicht würde das das schöne Bild von der Demokratie trüben. Denn der Wähler ist nicht nur ein verunsichertes, sondern zuweilen auch ein denkfaules Wesen. Gerade mal zehn Prozent der Menschen interessieren sich sehr für Politik, ein weiteres Drittel wenigstens ein bisschen, die meisten gar nicht. Sie wollen nicht behelligt werden von Politikern, sie möchten eine Regierung, die sauber und leise ihre Arbeit macht, ohne Geräusche, ohne Streit, damit sie das Gefühl haben, sich nicht selbst kümmern zu müssen.
Manfred Güllner hat in all den Jahrzehnten als Wahlforscher trotzdem gelernt, nicht den Respekt vor dem Wähler zu verlieren. Er macht sich keine Illusionen mehr, er weiß, dass Politik im Leben der meisten Menschen keine wichtige Rolle spielt.
Er musste beobachten, dass immer weniger Wähler präzise begründen, weshalb sie am Ende so wählen und nicht andersrum. Und doch ergibt die Summe der Entscheidungen für Güllner am Ende meist einen höheren Sinn. Die Wähler scheinen ein mysteriöses Gespür für das zu haben, was richtig ist, einen Instinkt, findet er.
Vielleicht kann auch die Addition von Unkenntnis und Unfug zu einem klugen Ergebnis führen. Vielleicht ist das Gefühl von Menschen ein ebenso vernünftiger Ratgeber wie geballtes Fachwissen.
"Es gab keine Wahl in den vergangenen Jahren, bei der die Leute Blödsinn entschieden hätten", sagt Güllner. Er hat sich angewöhnt, das, was verstörend wirken könnte, positiv zu sehen.
MARKUS FELDENKIRCHEN
* Oben links: Gerhard Schröder mit Jungsozialisten in Velbert-Langenberg; unten rechts: Guido Westerwelle beim Volleyball in Kiel.
* Kanzler Gerhard Schröder und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt in Grimma, August 2002.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 34/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESTAGSWAHL:
„Resignative Wechselstimmung“

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"