22.08.2005

AUTORENHarry Potter für Erwachsene

Michel Houellebecq erzählt in seinem neuen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ virtuos von Sex, Science-Fiction und Sektenwahn - und liefert damit den Knüller des Buchherbstes.
Das magische Wort taucht zum ersten Mal nach drei Seiten und ungefähr 50 Zeilen auf: Muschi. Michel Houellebecq, der bissige Beobachter der gegenwärtigen Realität, der Herold des Elends der Mittelschichten, der ungerührte Zeuge des Zerfalls der postmodernen Gesellschaft, ist in seinem obsessiven Element - das weibliche Geschlecht als Mittelpunkt des Lebens, das ansonsten nur ein beschwerlicher Weg ist, ohne vernünftigen Grund, ihn bis zum Ende fortzusetzen.
"Der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich je wirklich wohlgefühlt hatte, war in den Armen einer Frau, wenn ich tief in ihrer Scheide steckte ... Dass es überhaupt so etwas wie eine Muschi gab, war schon als solches eine Segnung." Das sagt sich Daniel, der traurig-komische Held des neuen Houellebecq-Romans, der in diesen Tagen in Frankreich, Deutschland, England, Italien und Holland erscheint; man darf vermuten, dass er die Philosophie des Autors getreulich wiedergibt*.
Fast vier Jahre lang, seit seinem letzten Roman "Plattform" über den Sextourismus, war der scheue Franzose stumm und unsichtbar geblieben. Man wähnte ihn noch in Irland, dem Steuerparadies für Künstler und Schriftsteller, wohin er sich verkrochen hatte, um Frankreich, diesem "finsteren Verwaltungsstaat" mit seinem gnadenlosen Fiskus zu entkommen.
In Wirklichkeit lebte er wie ein deutscher Rentner (deren Heimatflucht ihn schon immer faszinierte) in Südspanien,
praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt, und arbeitete ohne Unterbrechung an seinem neuesten Werk, der perfektionierten Synthese seiner bisherigen drei Romane, Erzählungen und Gedichtbände.
Sein Haar wurde schütter, er verlor nach eigenem Bekenntnis "einen Haufen Zähne", weil er im Drang zum Dichten keine Zeit fand, sich behandeln zu lassen. Er kaufte sich einen großen Mercedes, um die Männerfreuden an dicken schnellen Autos nachzuempfinden, ohne Erfolg, was vorhersehbar war. Und er studierte mit Interesse die rasche Erosion des gesellschaftlichen Überbaus in Spanien, einem lange rückständigen, konservativ-katholischen Land, das sich in kürzester Zeit dem Wandel hin zur libertären Moderne ergab.
Nun ist das Ergebnis fertig, und noch bevor das Buch überhaupt im Handel ist, steht
schon fest, dass es der Knüller und die Affäre des literarischen Herbstes sein wird, mit einer Startauflage von 200 000 Exemplaren in Frankreich und 40 000 in Deutschland.
In seiner ungeliebten Heimat ist Michel Houellebecq, 47, inzwischen der am meisten gelesene Autor seiner Generation, der "französische Harry Potter für Erwachsene", wie der Literaturwissenschaftler Marc Fumaroli von der illustren Académie française befindet.
Der Verlag Fayard, der seinen Star vom Haus Flammarion weglockte und ihm ein für französische Verhältnisse wahnwitziges Honorar von fast anderthalb Millionen Euro zusicherte, behandelte das Manuskript wie eine geheime Massenvernichtungswaffe. Nur wenige erwählte Journalisten (darunter der SPIEGEL-Korrespondent) bekamen gegen eine Verschwiegenheitsverpflichtung ein Vorausexemplar. Das brachte den Rest der Zunft in Rage, versetzte ihn aber auch in fieberhafte Erwartung, die sich jetzt explosionsartig entladen dürfte.
Der leer ausgegangene "Figaro" durchbrach vorigen Donnerstag die Sperrfrist und gab sarkastisch vor, zufällig ein vergessenes Exemplar des Romans auf einer Parkbank gefunden zu haben. Sein Literaturkolumnist Angelo Rinaldi, ebenfalls Mitglied der Académie française, rächte sich, indem er den neuen Houellebecq in die Mülltonne beförderte: "Es gibt nichts, was dürrer, armseliger und gleichzeitig obskurer wäre."
Die Kulturzeitschrift "Les Inrockuptibles" durfte als einzige Houellebecq in Andalusien besuchen und widmete ihrem Kultautor, ohne seinen Roman gelesen zu haben, ein Sonderheft mitsamt Exklusivgespräch auf DVD. Houellebecq, vor zehn Jahren noch völlig unbekannt und als Person geradezu der archetypische Vertreter der von ihm analysierten "einfachen Leute", die eigentlich "kein Thema" sein können, hat inzwischen sogar Anrecht auf eine erste, natürlich nicht autorisierte Biografie, in der angeblich seine kleinen schmutzigen Geheimnisse verraten werden (offenbar hat er sein Geburtsdatum gefälscht).
"Hilfe, Houellebecq ist wieder da!", verzweifelt der Essayist Eric Naulleau und konstatiert einen "literarischen Absturz", während der spanische Dramatiker Fernando Arrabal seinem Freund Houellebecq mit einer Apologie zu Hilfe eilt.
Houellebecq kultiviert das Depressive, das macht ihn so anstößig und für viele unerträglich. Er nährt sich aus Schopenhauers kosmischem Pessimismus, auf den er sich gern bezieht. Sein Stil besteht darin, gar keinen Stil zu haben: Beiläufig und teilnahmslos schildert er das Leben als einen unaufhörlichen Schrei des Leidens, vermengt übergangslos Obszönes, Banales und Visionäres. Seine Ironie ist so schwarz, dass sie kaum noch wahrnehmbar erscheint. Houellebecq versteht sich nicht in erster Linie als Geschichtenerzähler, sondern als soziales Barometer, das die Umbrüche der Sitten und den Untergang der Menschheit in ihrer jetzigen Form anzeigt - ein Balzac light der zeitgenössischen menschlichen Komödie.
Seine Kritiker - in Wahrheit meist neidvolle, hasserfüllte Verfolger - erliegen einem konsternierenden Missverständnis: Nur weil Houellebecq mit aufreizender Flachheit eine flache, sich zu Grunde richtende Welt beschreibt, ist das Ergebnis nicht selbst flach und hohl. Sein Sujet ist der moderne Trash, der alle Lebensbereiche der Spaßgesellschaft durchdringt; aber der Roman ist deswegen nicht auch Trash.
"Die Möglichkeit einer Insel" ist die Begegnung von Naturalismus und Science-Fiction. Die Erzählung spielt auf zwei Ebenen: einer gegenwärtigen, dargestellt als Lebensbericht des Humoristen und Komikers Daniel1, und einer zukünftigen, wo die Welt nach nur angedeuteten globalen Katastrophen von Steinzeit-Wilden und geklonten Neo-Menschen bevölkert wird.
Daniel24 und 25 sind die Reinkarnation in der 24. und 25. Generation ihres genetischen Vorfahren Daniel1, dessen hinterlassene Autobiografie sie rückblickend und oft genug hilflos um Verständnis ringend kommentieren.
Daniel1, der mit seinen kabarettistischen Shows auf provozierend skurrile Weise die Dekadenz und den Untergang der westlichen Zivilisation aufspießt, jagt wie alle seine Leidensgenossen dem Glück hinterher. Es bleibt unerreichbar, denn die Bedingung des Glücks ist bedingungslose Liebe, und die kann Daniel nur von seinem Hund Fox erwarten.
Zwei Frauen haben im Leben dieses ersten Daniel gezählt - Isabelle, die schrecklich intelligente Chefredakteurin einer Pariser Mädchenzeitschrift, und Esther, eine zweitklassige, aber atemberaubend sinnliche spanische Schauspielerin. Beide Beziehungen scheitern auf tragisch-komische Weise.
Isabelle liebt den Sex nicht genug, beim Sex ist Intelligenz weitgehend überflüssig. Sie ist zwar willig, lässt sich aber nur von hinten nehmen, wobei sie auch noch die Augen schließt, um den animalischen Akt nicht sehen zu müssen. Esther dagegen liebt die Liebe nicht genug, Sex ist für sie nur ein Unterhaltungsspiel, in dem sie alle Register beherrscht, vaginal, oral, anal. Sie lässt Daniel ausgerechnet auf ihrer Geburtstagsparty fallen, einer gigantischen Orgie, bei der alle Gäste wild durcheinander vögeln - und Daniel der Einzige bleibt, dessen Schwanz nicht zu seinem Recht kommt.
Darin zeigt sich das Grundprinzip, auf dem laut Houellebecq die westliche Gesellschaft beruht: "Die sinnliche Begierde bis ins Unerträgliche zu steigern und deren Befriedigung immer mehr zu erschweren." Diesen Widerspruch hatte Daniel in vielen seiner Sketche verarbeitet. Doch das hinderte ihn nicht daran, selbst in die Falle zu tappen.
Den Grund seiner Frustration glaubt Daniel schnell erkannt zu haben: Auf der Party ist er der Einzige über 25. Das Alter ist ein Schiffbruch, denn die Fähigkeit und der Zugang zum Sex schwinden, ohne dass
die Begierde ganz erlischt. "Jugend, Schönheit, Kraft: Die Kriterien der körperlichen Liebe sind dieselben wie bei den Nazis", schreibt Houellebecq alias Daniel.
Im kaum auszuhaltenden Endstadium wird der Sex eine reine Causa mentalis: Das arme Opfer mit dem "Körper eines alten Mannes voller jugendlichem Begehren" denkt nur noch an Sex. Damit erlischt das Leben, denn alle Energie ist sexueller Art. Daniel, der wie verrückt seiner entschwundenen Esther nachstellt, begeht folgerichtig Selbstmord, und Houellebecq prophezeit den Menschen eine schon bald drastisch sinkende Lebenserwartung, auf gut 50 Jahre für Frauen und gut 60 für Männer.
Der Wunsch nach Unsterblichkeit hingegen erhält sich; er ist sogar das Einzige, was von den Religionen übrig bleibt. Daniel1 ist der Sekte der Elohim beigetreten, die ihren Jüngern ewige Wiedergeburt dank revolutionärer Reproduktionstechniken verheißt, besserer noch als Klonen: Die lästige Kindheitsphase wird übersprungen, beim Tod des alten das neue Exemplar binnen 24, höchstens 48 Stunden geliefert. Das ist Dienst am Kunden.
So kommt es, dass Daniel mitsamt seinem Hund Fox genetisch überlebt, ohne derselbe zu sein. Denn beim Neo-Menschen wurden die Auslöser des Leidens weggezüchtet - und mithin alle Triebe und Gefühle. Die Neo-Menschen leben in scheinbar reiner Rationalität, streng isoliert, und kommunizieren nur elektronisch miteinander. Allein eine abgeschwächte, untragische, nur lebenserhaltende Energie wurde ihnen bewahrt, die ausreicht, das Denkvermögen als befreites Denken zu gewährleisten.
Ist das die Erlösung, die Abwesenheit von Schmerz, die individuelle Freiheit und die Unabhängigkeit? Anders als geplant, finden die Neo-Menschen kein Glück. Die Eintönigkeit, die nur von sporadischem Gedankenaustausch unterbrochene Routine ihres Lebens führt zu Traurigkeit, Melancholie und Apathie. Die Lebensgier lässt sich eben doch nicht ganz austreten.
Am Ende machen sich zwei Neo-Menschen, Marie23 und Daniel25, auf den Weg, die eine aus den Ruinen von New York, der andere aus der Dürre Südspaniens, um eine neue Gesellschaft, ein unbekanntes Paradies zu suchen, vielleicht in der Gegend von Lanzarote. Gegen alle Vernunft lassen sie sich zu diesem Wagnis und seiner Verheißung durch die Entdeckung eines Gedichts hinreißen, das Daniel1 kurz vor seinem Tod an Esther geschickt hatte:
"Und die Liebe, die alles so leicht macht,
Dir alles schenkt, und zwar sogleich;
Es gibt in der Mitte der Zeit
Die Möglichkeit einer Insel."
Ja, ist es möglich? Houellebecq, der Depressive, der Erschöpfte und Gehetzte, der skandalöse Sexwütige, das Inbild des Weltschmerzes, wäre am Ende das, was er wohl schon immer war: ein unheilbarer Romantiker. ROMAIN LEICK
* Michel Houellebecq: "Die Möglichkeit einer Insel". Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont Verlag Köln; 448 Seiten; 22,90 Euro.
* Oben: Tanzstück von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne (2000); unten: Anhänger der für ihre Klon-Experimente berüchtigten Raëlianer in Montreal (2002).
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 34/2005
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