26.05.1975

Datum: 26. Mai 1975 Betr. : Kritiker, Ost-West

Das literarische Leben blühe in unserem Lande, behauptete Marcel Reich-Ranicki in der "Frankfurter Allgemeinen", ja, es sei sogar spannender als die neuesten Bücher, "was wiederum nicht viel bedeuten will". Reich-Ranickis Vorstoß meint vor allem eine Kontroverse, die sich bis in diese SPIEGEL-Ausgabe fortsetzt. Wolfgang Harich, Ost-Berliner System-Kritiker, hatte die bei Hoffmann und Campe erschienene Marx-Biographie von Fritz J. Raddatz sehr harsch kritisiert (SPIEGEL 17/1975) und sogar den Vorwurf "Plagiarius" erhoben. Solche Art von Verriss kritisierte wiederum Günter Grass (20/1975). Er nannte Harichs Art des Kritisierens "Rufmord", die Methode habe Manch "von Marx geborgt". Mitnichten, entgegnete Manch (21/1975), seine polemische Methode stamme aus den Waffenarsenalen Lessings und Meines. Gegen einen anderen Vorwurf Harichs -Wäscheschnüffelei, "Kammerdienerpsychologie" -protestiert in diesem Heft Uwe Johnson. Das zuweilen mehr als Allzumenschliche am Propheten Marx, von Raddatz ins hellste Licht gerückt, von Harich als jedermann geläufig beiseite geschoben, sei zumindest denen ganz unbekannt, die in Marxens Namen regiert werden, den DDR-Bürgern (Leserbrief, Seite 14).
Der Ost-Berliner Chemie-Professor Robert Havemann, als Altkommunist (Parteimitglied seit 1932) im Dritten Reich zum Tode verurteilt, wegen seiner Vorlesung "Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme" in Ost-Berlin seiner Professur enthoben und aus der Partei ausgeschlossen (SPIEGEL-Titel 13/1964), macht den Regierungen sozialistischer Länder einen überraschenden Vorwurf. Unter der Devise vom Anschluss ans Weltniveau beteiligen sie sich an einem Wettrennen mit dem Westen um Konsumglanz, das sie eh nie gewinnen könnten -- und dies noch dazu in einer Zeit, in der dem Westen nach Meadows-Gutachten, Umweltschutz, Ölkrise ohnehin der Spass an immer mehr Zuwachs vergangen sei ("DDR: Im Strudel des kapitalistischen Infernos?", Seite 65). Der vollständige Text wird nächstens in einer von Rudi Dutschke und Manfred Wilke herausgegebenen
Anthologie "Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke" erscheinen. Fritjof Meyer, Ost-Experte in der SPIEGEL-Auslandsredaktion und Michael Morozow aus der Dokumentation, Autor einer Breschnew-Biographie, haben zu diesem Buch beigetragen. Es erinnert an eine oft mit Vorsatz übersehene Wahrheit: System-Kritiker im Osten sind Sozialisten.

DER SPIEGEL 22/1975
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