26.05.1975

GEWERKSCHAFTENAb zur Werkbank

In prominenten westdeutschen Großbetrieben fielen die alten Betriebsräte bei den Wahlen durch. Die junge Gewerkschafts-Generation siegte.
Für die Listen-Taktiker in Frankfurts IG-Metall-Zentrale stimmt die Welt nicht mehr: Wann immer ihre Provinz-Fürsten Meldung über den Ausgang der Betriebsratswahlen erstatteten, mußten sie den ruhmlosen Abgang altvertrauter Kämpfer betrauern.
Das Malheur begann im hilligen Köln. Dort genoß das Betriebsratsduo der Ford-Werke den respektvoll gemeinten Sammelnamen "der Büffel und sein Zauberlehrling". Doch seit kurzem ist der Büffel kein Büffel mehr, und der Zauber seines Lehrlings ist erloschen. Bei den Betriebsratswahlen im letzten Monat steckten der ehemalige Vorsitzende Ernst Lück und sein engster Verbündeter Wilfried Kuckelkorn eine so böse Niederlage ein, daß sie künftig nur noch nebenberuflich die Interessen ihrer Kollegen vertreten dürfen: Die bis dahin von normaler Werkarbeit Freigestellten müssen aus dem Betriebsratsbüro in die Montagehalle zurück.
So rauhes Schicksal trat in den vergangenen Wahlwochen viele altgediente Räte -- und wo sie den Platz im Betriebsratsbüro hielten, schafften sie es oft nur mit dünner Mehrheit. So stark war der Sturm auf das Establishment, daß sich Otto Gottschlich, IG-Metall-Funktionär in Stuttgart, sorgt: "Der Drang, das Bestehende abzulösen, hat zu Ausuferungen geführt" Vor allem in den Großbetrieben der Metallindustrie konnten die Betriebs-Rebellen -- meist Anhänger härterer- Gewerkschaftspolitik -- die Altvorderen aus ihren Ledersesseln vertreiben.
Im Opel-Stammsitz Rüsselsheim etwa hievten sie den langjährigen Betriebsratsvorsitzenden Paul Lorenz mit solcher Wucht aus dem Vorstandssessel, daß der verscheuchte Oldtimer ganz auf sein Mandat verzichtete. Bei den Bochumer Opel-Werken holte die betriebsinterne Opposition immerhin zwölf von 37 Sitzen.
Die Ursachen für den rabiaten Machtwechsel können selbst gestandene Gewerkschaftsfunktionäre nur vermuten. Bochums Opel-Betriebsratschef Günter Perschke sieht in seiner schweren Schlappe ein "erschreckendes Protestergebnis". Der Anführer der Opposition, der mit Angriffen gegen die "sozialpartnerschaftliche Linie" des Betriebsratsvorsitzenden erfolgreich Stimmen sammelte, ist überzeugt: "Die Kollegen akzeptieren unsere Kritik."
Auch IG-Metall-Wahlkampfleiter Manfred Leiss, der manche der Bochumer Oppositionellen zwar für Chaoten hält, will die Betriebsrats-Rotation "grundsätzlich nicht nur negativ sehen". Für den Mann aus der Zentrale ist der Autoritätsverfall "so manchen alten Souveräns" auch eine "Erscheinung bürokratischer Entfremdung". Und selbst Kölns IG-Metall-Kommissar Arno Schwarting, der für die Abwahl des Ford-Betriebsrates mitverantwortlich ist, gibt zu: "Gerade in den anonymen Großbetrieben hat vielleicht so mancher alte Fuhrmann gewisse Dinge mit der linken Hand gemacht." in der Tat gingen den Wachablösungen zumeist jahrelange Querelen voraus. Bei den Ford-Werken hatte es der alte Betriebsrat nicht geschafft, die im Türkenstreik 1973 sichtbar gewordenen Risse in der Belegschaft zu überbrücken. Darüber hinaus klüngelte die Kölner IG-Metall-Führung so ungeniert mit dem angeschlagenen Betriebsrat, daß dieser Allianz von den Ford-Arbeitern noch ein Schmerz besonderer Art angetan wurde: Der neue Betriebsratsvorsitzende kommt von jenem Fließband. an dem damals der Streik ausbrach.
Die Schlappen der Altgedienten bringen das Gewerkschaftsmanagement jetzt in Zwiespalt. Die Sieger der Betriebsratswahlen nämlich hatten sich --obwohl Gewerkschaftsmitglieder -- nur selten einen sicheren Platz auf der gewerkschaftlichen Kandidatenliste ergattern können. Meist kandidierten sie auf einer zweiten Liste -- und verstießen damit gegen die Doktrin der Einheitsgewerkschaft.
Bei strenger Auslegung der Organisationsrichtlinien müssen die Rebellen nun mit einem Ausschluß aus der Gewerkschaft rechnen. So harte Sanktionen jedoch scheuen die Gewerkschaften aus gutem Grund. Sie müßten sonst etwa bei den Kölner Ford-Werken deren neuen Betriebsratsvorsitzenden und mehr als die Hälfte der Betriebsräte aus der Gewerkschaft feuern -- ihr Einfluß im Unternehmen nähme ab, die Zentrale hätte eine Autoritätskrise zu gewärtigen, der sie kaum gewachsen wäre. Bei den Opel-Werken Rüsselsheim hatte die IG Metall in trüber Vorahnung denn auch beide Kandidatenlisten abgesegnet.
Dennoch wissen die aufgeschreckten Funktionäre, daß sie in der Zukunft sehr scharf nachdenken müssen, um "das Chaos in den Griff zu kriegen" (IG-Metall-Führer Franz Steinkühler). Erst einmal jedoch wollen sie auf einer Klausurtagung nach den Gründen für die Niederlage der Alten suchen. Der konfliktbereite Gewerkschaftsführer Franz Steinkühler allerdings glaubt die Hauptursache schon jetzt entdeckt zu haben: "Die notwendige Auseinandersetzung um die Gewerkschaftslinie", sagt er, "wird allzu häufig abgewürgt."

DER SPIEGEL 22/1975
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