26.05.1975

Abitur: Einbahnstraße wird zur Sackgasse

Zehn oder sogar 15 Jahre müssen viele 1975 er Abiturienten auf einen Studienplatz warten. Spätestens ab 1978 werden pro Jahr mindestens 48000 Bewerber überhaupt nicht mehr zum Studium zugelassen. Ein Geheim-Papier der Kultusminister sieht Notmaßnahmen vor: Das Abitur allein genügt künftig nicht mehr, jeder soll sich einem Test unterziehen oder vor Studienbeginn einen Beruf erlernen. Aber weiterhin werden die Studienchancen vor allem nach den Abiturnoten vergeben, Fachleute nennen dies einen „Unfug ersten Ranges“.
Noch in keinem Jahr war die Veranstaltung so aufwendig, die Deutschlands Studienräte seit vielen Generationen so lieben wie Bräute die Trauung und wie Priester die Messe: das Abitur,
Verbraucht wurden mindestens 800 Zentner Papier und 2,2 Millionen Stunden allein für die Klausuren, die Lehrerzeit für Auf- und Durchsicht gar nicht gerechnet. Denn noch nie waren so viele Jungen und Mädchen bei der Reifeprüfung dabei wie diesmal: 130 000, fast ein Viertel eines Altersjahrganges.
Die schriftlichen Arbeiten sind überall erledigt. Das mündliche Examen ist in einigen Ländern auch schon vorüber, in anderen steht es noch bevor. Als erste haben die Bremer und die Niedersachsen alles hinter sich gebracht, als allerletzte teilen Ende Juni die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg die Zeugnisse aus.
Wie eh und je wurde auch im Jahre 1975 versucht, bei den Themen für den Abitur-Aufsatz den ewigen Werten und den Zeitläuften gleichermaßen gerecht zu werden. So durften in Baden-Württemberg die Kandidaten unter anderem wählen, ob sie fünf Stunden lang ein Stückchen "Iphigenie" betrachten, Gedichte von Eichendorff und Heym "interpretieren und vergleichen" oder sich über das "Schlagwort "Kommunikation"" auslassen wollten. Im Saarland lieferten Zitate von Francois La Rochefoucauld (gestorben 1680), Alfred Döblin (gestorben 1957), Alexander Mitscherlich und Heinrich Böll vier der fünf Themen.
Deutscher Schultradition entspricht es auch, daß beim Abitur nur noch sehr wenige durchfallen. Trotzdem ist die Reifeprüfung keine "säkularisierte Konfirmation" mehr, wie ein Kritiker sie nannte, also ein Ritual ohne Risiko.
Das Reifezeugnis genügt vielen nicht mehr, seit der Numerus clausus um sich greift und Studienplätze nach Abiturnoten zugeteilt werden.
Für 1975 hatte die Bundesregierung vor fünf Jahren die "dauerhafte Beseitigung des Numerus clausus" angekündigt und nur für das Medizinstudium "noch gewisse Einschränkungen" avisiert. Selten war eine Prognose so falsch wie diese.
Aber nicht nur die Bundesregierung. auch das Bundesverfassungsgericht und die Bundesländer irrten: das höchste deutsche Gericht, als es am 18. Juli 1972 in einem berühmt gewordenen Urteil darüber befand, in welchen Grenzen Zulassungsbeschränkungen mit dem Grundgesetz vereinbar sind. die Bundesländer, als sic ein Vierteljahr später einen Staatsvertrag über den Numerus clausus abschlossen und die Dortmunder "Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen" (ZVS) gründeten. Die Richter und die Länder wähnten, der Numerus clausus bleibe auf wenige Fächer beschränkt und könne binnen weniger Jahre aufgehoben werden.
Das Gegenteil wird von diesem Jahre an wahr. Der totale Numerus clausus beginnt.
Noch vor eineinhalb Jahren. im Wintersemester 1973/74. studierte nur eine Minderheit von weniger als einem Viertel der Studenten Fächer. die von der ZVS bewirtschaftet wurden. Vom nächsten, dem Wintersemester 1975/76 an werden es mehr als zwei Drittel der Studenten sein. Teils für alle. teils zunächst für einige Bundesländer wurde die ZVS-Zuständigkeit so erweitert. Und es wird nur zwei. höchstens vier Semester dauern, bis Dortmund alle Studienchancen in der Bundesrepublik vergibt und verweigert, abgesehen allenfalls von einigen Randfächern wie Mongolistik und Orientalistik.
Mehr oder minder schnell wird sich in den meisten Fächern eine ähnliche Entwicklung vollziehen wie im ältesten Numerus-Fach Medizin. Im Wintersemester 1974/75 wurde zum Arztstudium nur noch zugelassen, wer in seinem Reifezeugnis mindestens die Durchschnittsnote 1,7 aufwies oder wer vor mindestens fünf Jahren das Abitur gemacht hat. So will es der Staatsvertrag: Die ZVS vergibt, abgesehen von Sonderquoten für Härtefälle und Ausländer, 60 Prozent der Studienplätze nach Abiturnoten ("Leistung") und 40 Prozent nach Wartezeit.
Noch glauben die meisten diesjährigen und künftigen Abiturienten, viel schlechter könne es doch gar nicht mehr werden, als es schon sei. Ihren Irrtum werden sie schon bald erleben.
So umstritten das Zulassungssystem, das die Bundesländer 1972 vereinbarten, immer schon gewesen ist, zum Skandal wächst es sich erst in diesem Jahr aus. Selbst Herbert Schnoor, SPD-Staatssekretär im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium und einer der geistigen Väter des Staatsvertrages. hält Wartezeiten von acht Jahren, die eben dieser Vertrag als obere Grenze vorsieht, für "inhuman und unökonomisch". Schnoor ist Vorsitzender des wichtigsten ZVS-Gremiums (des Verwaltungsausschusses)
* Die Anträge wurden auf Mikrofilm aufgenommen und werden vernichtet.
und einer Lenkungsgruppe, die über die Festsetzung von Kapazitäten entscheidet. Nächsten Monat wird er Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei.
Aber einige hundert Abiturienten des Jahres 1975 werden nicht nur acht, sondern sogar zehn Jahre ihres Lebens für einen Studienplatz opfern müssen -etliche nur deshalb, weil sie in diesen Abitur-Wochen nach dem Urteil irgendeines Studienrates in einem einzigen Fach nicht "sehr gut", sondern nur "gut" sind.
Und das geschieht so: Wer vom Wintersemester an Medizin studieren will, braucht wahrscheinlich die Note 1,7. Ein Abiturient erreicht sie mit drei Einsen und neun Zweien, aber er verfehlt sie, wenn er nur eine einzige Eins weniger und statt dessen eine Zwei mehr hat. Dann bleibt ihm lediglich die Hoffnung auf die Wartezeit-Quote.
Aber da genügen für ihn fünf Jahre nicht mehr wie für jene, die im Wintersemester 1974/75 an die Reihe kamen. Die einfache Rechnung: Im letzten Wintersemester wurden mehr als 19 000 Medizin-Bewerber abgelehnt. Die meisten stecken nicht auf und stellen alle Semester wieder den Antrag, zugelassen zu werden. Und jedes Jahr verlängert sich die Schlange um Hunderte von neuen Abiturienten. Zehntausendfach straft sich das Bildungssystem selbst Lügen.
Pro Jahr werden aber nur etwa 2700 Medizin-Plätze nach Wartezeit vergeben. Mithin wird mancher 1975er Abiturient mindestens acht, wahrscheinlich zehn, vielleicht auch 15 Jahre warten oder auf den Arztberuf verzichten müssen, womöglich nur, weil er in der Reifeprüfung einen Konjunktiv nicht kannte oder einen Kosinus falsch berechnete.
Abiturienten, die zu solchen Grenzfällen werden, sehen den Studienplatz immerhin zum Greifen nahe vor sich. Die meisten anderen müssen sich, wollen sie die begehrtesten Fächer Medizin, Zahnmedizin oder Pharmazie studieren, von vornherein darauf einrichten, etwa ein Jahrzehnt zu warten oder zu verzichten. Denn Durchschnittsnoten besser als 2,0, die für die sofortige Zulassung in diesen Fächern gebraucht werden, erreichen nur drei von 100 Reifeprüfungen.
Wartezeiten länger als die Autoren des 1972er Staatsvertrages es für denkbar hielten, länger als zwei Weltkriege und länger als ein ganzes Studium, Zulassung im übrigen nur noch für Leute mit Super-Abitur -- das System, das zu solchen Konsequenzen führt, ist nicht länger geeignet, die Flut der Abiturienten in die Hochschulen zu kanalisieren. Aber noch immer kann niemand sagen, daß es schlimmer nicht kommen werde. Noch immer kann trotz allem jeder Abiturient studieren. Zwar stehen die Chancen, einen Studienplatz zu erhalten, derzeit in Zahnmedizin 1:8, in Medizin und Pharmazie 1:6, in Psychologie 1:4 gegen ihn (siehe Graphik), und auch für einige andere Fächer ist der Andrang groß. Aber noch immer gibt es zwei, drei Dutzend Fächer, in denen fast jeder unterkommt oder sogar noch mehr Plätze vorhanden sind, als es Bewerber gibt.
Doch damit ist es bald, spätestens 1978, vorbei. Dann wird es, wie der von Bund und Ländern bestellte Hochschul-Planungsausschuß hochrechnete. 48 000 Studienbewerber geben, die überhaupt keinen Studienplatz bekommen können und ein für allemal auf ein Studium verzichten müssen.
Spätestens von 1978 an wird sich das deutsche Bildungssystem Jahr für Jahr zehntausendfach selbst Lügen strafen, wenn es Abiturienten erst das Recht zuspricht, eine Hochschule zu besuchen, und dieses Recht vielen von ihnen gleich anschließend definitiv verweigert.
Ausschüsse der Konferenz der Kultusminister (KMK) und Fachleute bei der ZVS, im Bonner Bildungsministerium und bei anderen Instanzen sind seit mehreren Monaten bemüht, Notmaßnahmen vorzubereiten. Regie führt dabei vor allem der CDU-Ministerialdirektor Paul Harro Piazolo, der im Kultusministerium von Baden-Württemberg als Amtschef fungiert (wie sonst nur Staatssekretäre). Zusammen mit SPD-Schnoor sitzt er dem ZVS-Verwaltungsausschuß vor, zusammen mit seinem Minister Wilhelm Hahn koordiniert er die Hochschulpolitik der CDU! CSU-Länder.
Wie kein anderer Amtschef oder Minister engagiert sich Piazolo für ein 33-Seiten-Papier, das eine KMK-Arbeitsgruppe "Hochschulzugang" ausarbeitete und das den Kultusministern unter dem Aktenzeichen 47/75 als "Anlage 1" zuging. Auf Piazolos Drängen nahmen sie es "mit Zustimmung" zur Kenntnis.
Das Geheim-Papier enthält eine "Kombination kurzfristiger Maßnahmen". um die Zahl der Studienbewerber drastisch zu reduzieren und anders auszuwählen als bisher.
Hauptziel ist es, daß in den intern so genannten "entgleisten Fächern" (Definition: "Fächer mit besonders hohem Nachfrageüberhang") "über die Abiturnote hinaus weitere legitimierbare Auswahlkriterien eingesetzt werden, ohne die Rolle der Abiturnoten ganz aufzugeben". Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sagen in ihrem Papier voraus, daß sonst in absehbarer Zeit noch weitere, wahrscheinlich sogar alle Massenfächer entgleisen, also außer Kontrolle geraten werden.
Das Abitur soll in diesen Fächern für eine Zulassung zum Studium weiterhin notwendig, aber nicht mehr allein ausreichend sein. Die wichtigsten Vorschläge:
* Mit Tests wird nach dem Abitur zunächst vor allem für die Fächer Medizin und Psychologie, später unter anderem auch für die Geistes-, Rechts- und Naturwissenschaften die spezifische Studienfähigkeit festgestellt. Wer sich dem Test unterzogen und ihn nicht bestanden hat, darf ihn -- wenn überhaupt -- nur einmal wiederholen und kann sich bei nochmaligem Scheitern für das Fach seiner Wahl nicht wieder bewerben.
* Einen praktischen Beruf erlernen muß, wer Betriebswirtschaft, technische Fächer, Architektur oder Zahnmedizin studieren will.
* Praktika werden verbindlich für Studiengänge, für die weder ein Test noch das Erlernen eines Berufes möglich sind. Bedingung: Die erfolgreiche Teilnahme muß festgestellt werden können, "am besten mit differenzierten Noten". Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, daß die am besten geeigneten Abiturienten für die Numerus-clausus-Fächer zugelassen werden, sollen die Abiturnoten je nach beabsichtigtem Studienfach gewichtet werden. Eine ähnliche Regelung gab es bis 1972; damals wurden zum Beispiel bei einer Bewerbung für das Fach Biologie die Schulnoten in Biologie fünffach. in Chemie dreifach gezählt.
Die Zahl der verfügbaren Studienplätze kann nach Ansicht der KMK-Arbeitsgruppe dadurch erhöht werden, daß
* ein Wechsel des Studienfaches grundsätzlich nur noch bis zur Zwischenprüfung oder vor dem vierten Semester möglich ist,
* der Wechsel von Fachhochschulen -- den früheren Ingenieur- und Höheren Fachschulen -- auf die Universitäten zumindest stark eingeschränkt, wenn nicht sogar unterbunden wird,
ein Zweitstudium nur noch in Ausnahmefällen erlaubt und generell nicht mehr aus öffentlichen Mitteln gefördert wird.
Diese Maßnahmen würden Zehntausende von Studenten zwingen, ihr Verhalten zu ändern. Zur Zeit setzt jeder dritte Fachhochschüler nach dem Examen sein Studium an einer Universität fort, und 24 Prozent der Studenten wechseln das Fach.
Betroffen wären von diesen Sperren jene "Parkstudenten" (KMK-Terminus), die ein nicht allzu frequentiertes Fach belegen, sich aber lediglich die Wartezeit im Hörsaal vertreiben, bis sie für das Fach ihrer Wahl zugelassen werden. Von den Biologiestudenten zum Beispiel ist derzeit jeder dritte in Wirklichkeit ein verkappter Mediziner.
Neben Trick- und Parkstudenten trifft es auch die Falschen.
Betroffen wären auch jene Fachhochschüler, die mit der mittleren Reife das Gymnasium verlassen haben. um die Chancen auf einen Studienplatz zu erhöhen: Die Examensnoten an den Fachhochschulen sind besser als beim Abitur, haben aber bei der ZVS das gleiche Gewicht.
Die Abwehraktion würde jedoch neben diesen Park- und Trickstudenten auch die Falschen treffen: jene, die ein Fach wechseln, weil sie schlecht oder gar nicht beraten wurden, und die Fachhochschüler, die aus bildungsfremden Schichten kommen, nur die Realschule besucht haben und nach mehreren Berufsjahren zu studieren begannen. Sie entdecken ihre theoretische Begabung oft erst auf der Fachhochschule und sind für das weitere Studium an einer Universität geeigneter als viele Abiturienten.
Die Tatsache, daß der Bericht der Arbeitsgruppe mit diesen und weiteren Vorschlägen und Diskussionsthemen von den Kultusministern "mit Zustimmung" zur Kenntnis genommen worden ist, wird je nach politischer Couleur einstweilen noch verschieden interpretiert. Für CDU-Piazolo "besteht kein Zweifel, daß damit die Grundlinie dieses Berichts akzeptiert wurde", für SPD-Schnoor handelt es sich um "einen Formelkompromiß, der in der Sache noch keine Entscheidung bedeutet".
Sicher ist, daß dieses Papier den Trend der Bildungspolitik für die nächsten Jahre vorwegnimmt, auch wenn es für jede einzelne Maßnahme noch eines formellen Beschlusses der Kultusminister bedarf.
Der Streit um das Hochschulrahmengesetz, das von den beiden Koalitionsparteien im Bundestag beschlossen wurde und von den CDU/CSU-Ländern im Bundesrat blockiert wird, hat die Tatsache verdeckt, daß über dessen Kapitel "Zugang zur Hochschule" in der großen Linie völlige Übereinstimmung herrscht.
Seit die CDU/CSU nach dem Ergebnis der Saar-Wahlen nicht mehr mit einer Mehrheit im Bundesrat rechnen kann, sind die Chancen für das Hochschulrahmengesetz gestiegen. Peter Glotz, SPD-Staatssekretär im Bundeswissenschaftsministerium, hält eine Einigung sogar noch vor der Sommerpause "nicht für unmöglich, wenn auch nicht für wahrscheinlich". Das Rahmengesetz wird die rechtlichen Möglichkeiten schaffen, um die von der KMK-Arbeitsgruppe entwickelten Notmaßnahmen zu verwirklichen.
Die radikalste Korrektur des jetzigen Zulassungssystems wird von Bildungspolitikern aller Parteien in Bonn und in den Ländern geradezu herbeigesehnt: der Test, der dem Abitur folgen soll. Denn mit dessen Hilfe könnten die Wartezeiten, die auf ein Jahrzehnt und länger zu wuchern drohen, auf null reduziert werden.
Alljährlich würde dann an Zehntausende sogleich nach dem Abitur das Gebot ausgehen, daß jedermann sich testen lasse. Die Studienbewerber müßten an ein- und demselben Tage, sogar präzise zur selben Stunde überall in der Bundesrepublik in einigen hundert Messehallen und Sportarenen antreten.
Sie würden Aufgaben von der Art rechnen müssen, wie viele Gläser in einer Kiste sind, wenn in einer anderen 9 Gläser mehr und in beiden zusammen 43 sind. Sie würden Sätze ergänzen, Wörter nach ihrem Sinn ordnen, Stücke zu geometrischen Figuren fügen und feststellen müssen, was Zucker und Diamant oder Veilchen und Elefant gemeinsam haben (Beispiele aus einem "Intelligenz-Struktur-Test" von Rudolf Amthauer). Möglichst noch mehr Fragen würden einen engeren Zusammenhang mit dem gewünschten Studienfach haben.
In den USA markieren solche Massentests schon seit Jahrzehnten den Übergang von der Schule zur Hochschule, wenn es um die Zulassung zu den auch dort überlaufenen Fächern geht. Zwei Non-Profit-Unternehmen veranstalten sie im Auftrage der Hochschulen. Die Zahl der Teilnehmer (Kosten pro Kopf: 25 Dollar) liegt Jahr für Jahr über einer Million. Mehrere Firmen machen ein Geschäft daraus, die Bewerber zu drillen, wie sie den Test knacken können.
In der Bundesrepublik sind Kölner Psychologen, angeführt von Professor Josef Hitpaß, und die Bonner Studienstiftung des deutschen Volkes bereit, gemeinsam oder getrennt ab 1978 nach dreijährigen Vorbereitungen die Abiturienten-Tests zu organisieren.
Die Studienstiftung ist bereits einschlägig tätig, wenn auch nur in vergleichsweise geringem Umfang. Sie sortiert sich mit Tests jeden 100. bundesdeutschen Abiturienten als Hochbegabten heraus und fördert ihn mit einem Stipendium bis zum Examen.
Die Kölner wie die Bonner Psychologen beteuern, daß der Test unabhängig von Ort, Zeit und Person des Testers immer zum selben Ergebnis führe. Insofern halten sie ihn für objektiver als die Abiturnoten.
Zugleich aber dämpfen sie allzu große Erwartungen. Hitpaß: "Der Test kann die Auswahl nicht gerecht, sondern nur gerechter, nicht objektiv, sondern nur objektiver machen."
Der Kölner Psychologe bezweifelt überdies, daß die Eignung für einen akademischen Beruf überhaupt getestet werden kann: "Ist etwa der ein erfolgreicher Mediziner, der ein großes Vermögen ansammelt, oder der, der selbstlos ein Samariterdasein führt?" Laut Hitpaß kann der Test auch keine Prognose für den erfolgreichen Abschluß eines Studiums liefern, er müsse sich vielmehr auf die "Voraussage für den Anfangserfolg" beschränken.
Aber selbst wenn der Test so gut wäre, wie seine Protagonisten behaupten, so wäre dieses Verfahren ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
Bestätigte der Test die Abiturnoten, so würde der immense Aufwand kaum zu rechtfertigen sein. Kehrte er die Ergebnisse der Reifeprüfung ins Gegenteil um, so würden die Studienräte und die Spitzen-Abiturienten aufbegehren -- unter dem Motto, das Ergebnis von 13 Schuljahren dürfe doch wohl nicht in drei Test-Stunden auf den Kopf gestellt werden. Selbst wenn es zu solchen Kontrasten nur in Einzelfällen käme wäre ein Welle von Prozessen zu erwarten.
Demnächst in Karlsruhe: Entscheidung über Wartezeit.
Erst neuerdings ist die Stimmung in den Chef-Etagen der Ministerien umgeschlagen. Es sind plötzlich doch noch Zweifel aufgekommen, ob dieser Weg beschritten werden kann. Ausgelöst hat diese Tendenzwende der Bundesverfassungsrichter Helmut Simon, der dem Ersten Senat des höchsten deutschen Gerichts angehört.
Mitglieder von ZVS-Ausschüssen, die sich mit Simon in Karlsruhe trafen, verstanden einige seiner Äußerungen als Prognose, daß ein Testverfahren vor den Karlsruher roten Roben nicht bestehen könne. Ein Teilnehmer: "In diesem Punkt war Herr Simon sehr bestimmt."
Simons Hauptargument, wie es sich mehreren Teilnehmern einprägte: Die Wartezeit lasse jedem die Chance auf einen Studienplatz, der Test mache sie für viele zunichte und sei deshalb als Ergänzung zur Abiturnote (die auch diese Wirkung habe) nicht mit Artikel 12 des Grundgesetzes vereinbar*. Mit dem Eindruck, daß Simon Wartezeiten sogar von 15 Jahren für verfassungs-
* Artikel 12: "Alle Deutschen haben das Recht Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen ..."
konform hält, schieden die ZVS-Funktionäre von Karlsruhe.
Die Gedanken des Richters über die Wartezeit werden sich womöglich schon bald in einem Urteil des höchsten Gerichts wiederfinden. Denn es ist eine einschlägige Entscheidung anhängig, um die das für alle ZVS-Verfahren zuständige Verwaltungsgericht Gelsenkirchen das Bundesverfassungsgericht ersucht hat.
Seit Simons Offenbarungen sind die deutschen Kultus-Spitzen unsicher, ob sie weiterhin das Testverfahren vorbereiten oder die Äußerung des Richters als vorweggenommenes Urteil des Bundesverfassungsgerichts werten sollen. Dann wäre in der Tat jede weitere Vorbereitung überflüssig, denn gegen den Test würde sich mit Sicherheit ein Kläger in Karlsruhe finden.
Die beiden anderen Vorschläge. wie die Wartezeit abgeschafft oder zumindest verkürzt werden soll, sind so abstrus, daß sie aller Voraussicht nach auch dann nicht verwirklicht werden könnten, wenn sie Rechtens wären: daß von Studienbewerbern verlangt wird, vor Beginn des Studiums ein Praktikum zu leisten oder einen Beruf zu lernen. Oberschwestern würden
mitbestimmen, wer Medizin studiert.
Solche praktischen Erfahrungen mögen künftigen Akademikern durchaus einen "individuell und für die Gesellschaft sehr nützlichen Erfahrungshorizont" bringen, wie die KMK-Arbeitsgruppe in ihrem Papier hervorhebt. Würden sie aber zur Pflicht gemacht, so würden die Probleme des Numerus clausus nicht vermindert, sondern vermehrt.
Für das Zulassungsverfahren hätten Praktikum oder Lehre nur dann einen Sinn, wenn dadurch die Zahl der Studienbewerber reduziert würde. Das ist aber kaum zu erwarten. Wer zum Beispiel Zahnmedizin studieren will und jetzt Wartezeiten von sechs Jahren durchhält, wird sich durch eine dreieinhalbjährige Lehre als Zahntechniker nicht abschrecken lassen. Und künftige Ärzte werden es ihren Studienplätzen zuliebe gern in Kauf nehmen, sich zu Krankenpflegern ausbilden zu lassen.
Sollen Praktika und Lehrjahre trotzdem als Filter wirken, müßten am Ende Zensuren verteilt werden, die
so formulierte es die KMK-Arbeitsgruppe -- "in den Anforderungen an die bundesweite Vergleichbarkeit nicht hinter den Abiturnoten zurückstehen" dürften. Zu den Schulnoten kämen die Praxisnoten, zum Teufel der Beelzebub. Darüber, wer einen Studienplatz erhält, würden Oberschwestern und Schlossermeister mitentscheiden.
Doch damit nicht genug. Es ist völlig ungewiß, ob überhaupt genügend Plätze zur Verfügung stehen würden. Der Wirtschaft würde zugemutet, Tausende von künftigen Akademikern für Berufe auszubilden, in denen sie am liebsten keinen einzigen Tag tätig sein würden.
Schier unlösbar ist auch das Problem, wie nah oder fern die praktischen Erfahrungen dem gewünschten Studienfach sein sollen.
Wenn sie ihm möglichst verwandt sein sollen, müßten einige hundert Berufe mit einigen Dutzend Studiengängen kombiniert werden. Dazu der Düsseldorfer Ministerialdirigent Willi Becker, Vorsitzender des KMK-Hochschulausschusses: "Wer könnte sagen, ob die Ausbildung zum Krankenpfleger oder zum Metzger die bessere Voraussetzung für den Chirurgen ist?"
Genügt es aber, einen beliebigen Beruf zu lernen oder auszuüben, dann bekäme "das Ganze den Charakter eines Bundesarbeitsdienstes für Abiturienten". So sieht es ein anderer Insider.
Es ist wahrscheinlich der Mut der Verzweiflung, der die Kultusminister solche unsinnigen Vorschläge erörtern läßt. Denn kein Minister sieht eine Chance, die Zahl der Studienplätze entsprechend der Nachfrage der Abiturienten zu erhöhen.
Daß jedes Jahr noch immer doppelt so viele Studienplätze neu geschaffen werden, wie sie die Universität Bonn besitzt, sehen dieselben Pläne vor, die trotzdem für 1978 einen Abiturienten-Überschuß von 48 000 anzeigen. Die Hochschulen noch stärker zu erweitern, würde nicht nur am Veto der Finanzminister scheitern, sondern auch der eigenen Einsicht der Kultusminister widersprechen: Aus den knappen Kassen müssen andere Sparten, vor allem die bislang vernachlässigte berufliche Bildung, überproportional versorgt werden. Überdies würde in mehreren Studienfächern das Problem nur aufgeschoben: Es würde zwar nicht mehr so viele Abiturienten ohne Studienchancen, wohl aber einige Jahre später entsprechend mehr Akademiker ohne angemessene Arbeitsplätze geben.
Kaum zu erwarten ist auch, daß die Kapazität der Hochschulen besser ausgenutzt wird und dadurch mehr Abiturienten aufgenommen werden. Zwar verpflichtete das Bundesverfassungsgericht die Hochschulen in Numerus-clausus-Zeiten zu "erschöpfender Nutzung der vorhandenen Ausbildungskapazitäten". Aber die Verordnung, die daraufhin erlassen wurde, blieb bislang ein Schlag ins Wasser. Die Formel. nach der die Hochschulen ihr Aufnahmevermögen berechnen müssen, ist viel zu kompliziert und läßt zu großen Spielraum für Wunschzahlen.
Aus München meldeten die Zahnmediziner, ihr Fachbereich sei nach der Formel mit 512 Prozent Studenten belegt. In Erlangen gaben die Pharmazeuten ihre Auslastung mit der Schnapszahl von 333 Prozent an.
Zu solchen Zahlen-Spielen steht eine Berechnung in Kontrast, die das Stuttgarter "Büro für angewandte Mathematik" aufmachte und über die der SPIEGEL in der vergangenen Woche berichtete. Sie endete mit brisantem Ergebnis: Deutschlands Hochschulen seien keineswegs überfüllt -- im Gegenteil, 160 000 Studenten könnten zusätzlich aufgenommen werden, wenn das derzeitige Chaos von Raumverteilung und Stundenplanung beseitigt würde.
Demgegenüber geben CDU-Piazolo und SPD-Schnoor zu, daß ihre eigenen Kapazitätsberechnungen am Ende möglicherweise keinen einzigen zusätzlichen Studienplatz bringen (siehe Interview Seite 49).
Die heimliche Hoffnung der ratlosen Kultusminister ist es, daß die Abiturienten selbst das Problem entschärfen. Ihr Kalkül, das sie allerdings -- wenn überhaupt -- nur unter vier Augen offenlegen: Je schlechter die Studienaussichten werden, desto mehr Abiturienten werden resignieren und von sich aus auf ein Studium verzichten.
Aber dafür gibt es bislang kaum Anzeichen. Es mag sein, daß der Andrang für das eine oder andere Fach nachläßt, aber insgesamt wird er sich kaum vermindern. Er hat sogar noch immer zunehmende Tendenz. Die stärksten Jahrgänge kommen erst noch (siehe Graphik Seite 41).
Der Bildungsboom, der vor rund zehn Jahren einsetzte, hat die Schülerzahlen der Gymnasien auf das Doppelte emporschnellen lassen: 1,6 Millionen sind es zur Zeit. Es werden nicht nur mehr Schüler als früher aus den Grundschulen in die Sexten aufgenommen. Es bleiben auch weit weniger Oberschüler sitzen, und es gehen nicht mehr so viele vor dem Abitur ab.
Die Bildungswelle blieb nicht auf die Oberschulen beschränkt. Früher hatten neun von zehn Studienanfängern das Abitur an einem Gymnasium gemacht. heute sind es nur noch zwei von drei. Das andere Drittel erwirbt die Hochschulreife auf dem Zweiten Bildungsweg oder an den Fachhochschulen.
Daß sich so viele junge Deutsche akademische Lehren und Ehren aneignen wollen, haben die Kultusminister jahrelang nicht nur geduldet. sondern intensiv gefördert. Einige Wege sind sogar erst in den letzten Jahren eröffnet worden.
Zu denen, die das nicht mehr wahrhaben wollen, gehört Baden-Württembergs Kultusminister Wilhelm Hahn. im Amt seit 1964. Er tut so. als sei er nicht dabeigewesen, und erklärt die "Abiturientenschwemme" zu "einer der schwersten gesellschaftspolitischen Fehlentwicklungen aufgrund falscher Versprechungen und Maßnahmen".
Und ausgerechnet Franz Josef Strauß fordert im Jahre 1975 den "Verzieht auf die Ideologie, daß der Mensch erst beim Abiturienten beginne" -- jener Strauß, dem im Juni 1963 ein Mensch ohne Abitur nicht mal eine Antwort auf kritische Fragen wert war. Strauß seinerzeit zu Polit-Studenten in Regensburg: "Sagen Sie mal, haben Sie überhaupt das Abitur?" Und: "Ich will wissen, ob Sie das Abitur haben." Und: "Haben Sie das Abitur?"
Nicht die "heutigen Bonner Regierungsparteien" allein waren es (wie Strauß behauptet), die vor zehn Jahren nach mehr Abiturienten riefen. Diese Forderung, zuerst von dem Religionsphilosophen Georg Picht aufgestellt -- wurde auch von allen führenden CDU-Kulturpolitikern einschließlich Hahn übernommen.
Es war auch gar keine Fehlentwicklung, als sich im vergangenen Jahrzehnt die Abiturientenzahlen verdoppelten. Ähnlich stiegen die Anteile der Absolventen höherer Schulen auch in allen anderen westlichen Industrieländern. Die meisten sind der Bundesrepublik sogar noch immer voraus (siehe Graphik Seite 50).
So notwendig es war und ist, die Zahl der Abiturienten zu erhöhen, so verfehlt war und ist es, das System der höheren Bildung als Einbahnstraße von der Sexta bis zum akademischen Examen anzulegen.
In diesem System ist der Abiturient eine "unbrauchbare Kunstfigur" (so der Bielefelder Pädagoge Hartmut von Hentig). Wenn er nicht studiert, wird die Einbahnstraße zur Sackgasse. Sein Abitur ist nach 13 Schuljahren nicht viel mehr wert als die Mittlere Reife nach zehn Jahren.
In weitaus den meisten Zweigen der Wirtschaft und der Verwaltung ist der Abiturient sozusagen nicht vorgesehen. Er muß wie der Realschüler in den gehobenen öffentlichen Dienst gehen oder eine Lehre anfangen, die allerdings meist um ein Jahr verkürzt wird.
Zwar haben in den letzten Jahren 60 Großunternehmen besondere Ausbildungsgänge für Abiturienten entwickelt. Sie verbinden zwei bis drei Jahre lang Praxis mit Theorie, enden mit staatlicher Prüfung und bringen zum großen Teil auch Titel ein ("Handelsfachwirt" zum Beispiel).
Und noch attraktiver sind für Abiturienten die Berufsakademien, die vor altem in Baden-Württemberg, aber auch in Schleswig-Holstein und Hamburg geschaffen wurden. Sie bieten praktische Ausbildung in Betrieben und theoretische in staatlichen Instituten.
Aber diese Alternativen zum Studium gibt es in so geringer Zahl, daß sich
* In den Farbwerk Hoechst
dort sogar noch mehr Bewerber um die Plätze balgen als in den Numerus-clausus-Fächern an den Hochschulen.
Selbst Großbetriebe und Berufsakademien haben damit begonnen, die Abiturienten nach ihren Noten zu sortieren. Im Kampf um die Studienplätze werden die Schulzensuren sogar eine noch größere Bedeutung erhalten als bisher.
Von den Abiturnoten wird künftig nicht nur abhängen, wer bevorzugt zum Studium zugelassen wird, sondern sogar, wer überhaupt studieren darf.
Das ist sicher, obwohl über die Notmaßnahmen noch nicht definitiv entschieden worden ist. Aber zur festen Überzeugung wohl aller Kultusminister gehört, daß die Abiturnoten bei der Auslese der Bewerber das größte Gewicht behalten sollen -- sowohl dann. wenn der Test eingeführt wird, als auch dann, wenn es bei der Wartezeit bleibt.
Über Lebensschicksale wird künftig noch häufiger als heute der "wissenschaftliche Unfug ersten Ranges" entscheiden, wie der Tübinger Pädagogik-Professor Andreas Flitner die Zuteilung von Studienplätzen nach Abiturnoten nennt. Es ist für ihn ein "scheinexakter und schein-objektiver Umgang mit Daten, die auf ein solches Berechnungsverfahren keinen Anspruch erheben können und nach dem bisherigen Selbstverständnis der Schule auch nicht erhoben haben".
Schon heute sind die Schulen in Gefahr, sich infolge des Mißbrauchs ihrer Noten zum Numerus-Lotto in eine verkehrte Welt zu verwandeln. in Zukunft sind sie es noch mehr.
Sitzenbleiben braucht kein Nachteil, sondern kann klug berechnete Chance sein, wenn dadurch eine wichtige Zensur aufgebessert wird. Umgekehrt kann allzu großer Schulerfolg ein Lebensziel zunichte machen, wie der gerichtsnotorisch gewordene Fall einer Oberschülerin in Nordrhein-Westfalen zeigt. Sie übersprang zwei Klassen, aber ihr Reifezeugnis reichte dann nicht für einen Medizin-Studienplatz. Auch als Härtefall kam sie nicht durch. An Zahnärzte höhere geistige Anforderungen als an Philosophen.
Worte wechseln ihren Sinn. "Befriedigend" ist in Wahrheit ungenügend, wenn es keinen Studienplatz sichert. Noch kann jemand Philosophie studieren, auch wenn er in allen Fächern nur Vieren hat, während der künftige Zahnarzt eine Rundum-Begabung -- in allen Fächern mindestens gut -- zu sein hat. Erst der totale Numerus clausus wird auch die anderen allesamt lehren, die Zensuren nach Zehnteln zu zählen.
Des Widersinns kein Ende: Leistung in der Oberstufe des Gymnasiums nicht aus Freude, sondern unter Druck. Nicht Solidarität unter Gleichaltrigen, sondern Kampf jedes gegen jeden. Nicht Freude an der Aufgabe im schweren Fach, sondern Suche nach dem Brett, das sich am leichtesten bohren läßt. Das ist der Geist, den der Numerus clausus in die Schulen bringt (siehe "Erst mal Keilschrift, später Medizin" Seite 57).
Die Zensuren erhalten eine Bedeutung, die ihnen auch schulintern nicht zukommt. Denn sogar als Mittel, Leistung zu messen und zu vergleichen, taugen sie nur in Grenzen.
Berühmt geworden ist eine Untersuchung des Deutsch-Didaktikers Robert Ulshöfer, die schon 1949 veröffentlicht wurde und bis heute nicht durch eine andere Arbeit entkräftet wurde. Ulshöfer ließ einen Aufsatz von 42 Lehrern zensieren. Als er ihn zurückbekam, hatten sich seine Kollegen der ganzen Notenklaviatur bedient: Sie gaben einmal die Eins, sechsmal die Zwei. 12mal die Drei, siebenmal die Vier, 14mal die Fünf und zweimal die Sechs.
Daß die Noten von Lehrer zu Lehrer, von Klasse zu Klasse, von Schule zu Schule wechseln, ist in vielen Untersuchungen nachgewiesen worden. Wie groß die Unterschiede je nach Bundesland sind, brachte erst der Numerus clausus an den Tag. Nach dem Staatsvertrag wird für jedes Bundesland der Durchschnittswert aller Abiturnoten errechnet, die Unterschiede werden ausgeglichen. Einen Bonus erhalten die Abiturienten der Länder. in denen die Noten schlechter sind als im Hundes-Schnitt, einen Malus diejenigen aus den Ländern. in denen es bessere Zensuren gibt als woanders.
Es zeigte sich vor allem, daß in Bayern andere Maßstäbe gelten als im übrigen Deutschland: Dort gibt es die besten Zensuren. Seither müssen die Abiturienten des weißblauen Freistaates einen Malus hinnehmen.
Der Volkszorn verrauchte allerdings schnell, als die befürchteten Folgen ausblieben. Trotz Malus erhalten bayrische Abiturienten noch immer 17 Prozent der ZVS-Studienplätze, entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtzahl der Abiturienten in der Bundesrepublik dürften es nur zehn Prozent sein.
Obwohl sich Bayern als Einser-Fabrik erweist und seine Abiturienten der nichtbayrischen Konkurrenz die Studienplätze wegschnappen, mosern die Münchner Kultusbeamten in den Sitzungen der ZVS-Ausschüsse unablässig über den Malus, den sie nur noch "unser Problem" nennen. Ein Teilnehmer: "Manchmal muß man schon beinahe annehmen, daß Bayern aus der Bundesrepublik austritt, wenn wir den Malus nicht abschaffen."
Nach dem Staatsvertrag soll es Bonus und Malus nur solange geben, bis "für die Bewertung der Reifezeugnisse einheitliche Maßstäbe" entwickelt worden sind.
Wird des Normen-Abitur zum Einbruch in eine Tabuzone?
Diesem Zweck dienen sogenannte Normenbücher (amtlicher Terminus: "Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung"), die in den letzten Monaten gefertigt wurden, im Schuljahr 1975/76 erprobt und vom Schuljahr 1976/77 an überall verbindlich werden sollen. Nach CDU-Vorstellungen steht am Ende der Entwicklung irgendwann in den achtziger Jahren ein Zentralabitur mit gleichen Aufgaben mindestens für jedes Land (wie bislang nur in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland), womöglich auch für die gesamte Bundesrepublik.
Während ein Zentralabitur von den meisten SPD-Kultusministern entschieden abgelehnt wird, haben sie den Normenbüchern allesamt zugestimmt.
Erste Bemühungen, die Abitur-Anforderungen und -Maßstäbe zu vereinheitlichen, gibt es seit Ende 1973. Aber bislang sind in den Reifeprüfungsordnungen noch immer im wesentlichen nur die Regularien festgelegt worden, etwa wer vom Mündlichen befreit werden darf, wie eine Fünf in Deutsch ausgeglichen werden kann und ob Wörterbücher benutzt werden sollen.
Den meisten deutschen Studienräten genügen diese Vorschriften vollauf. denn für sie ist nach dem Urteil des Bremer Bildungsforschers Caspar Kuhlmann "eine Kollektivierung von Maßstäben ein Einbruch in die Tabuzone". Aber eben dieser Einbruch ist nun geplant.
Den Grund schrieb der KMK-Schulausschuß ins Protokoll einer Sitzung: "Es wird darauf hingewiesen, daß die Kritik am Abitur ... am ehesten durch die Vereinbarung einheitlicher Kriterien der Leistungsbewertung ausgeräumt werden könne."
Die Studienräte sollen künftig ähnlich arbeiten wie die Richter beim Eiskunstlauf. Für den Deutschaufsatz zum Beispiel können 48 "Bewertungseinheiten" (ursprünglich: "Rohpunkte") vergeben werden, je 12 für die Kategorien Kennen, Verwenden und Urteilen, je 4 für Aufbau nebst Methode, für Gedankenführung und für Sprachverwendung. Wer auf weniger als 8 "Bewertungseinheiten" kommt, wird mit "ungenügend" zensiert, wer mehr als 40 erhält, ist "sehr gut".
Auch die Einheiten jeder der sechs Kategorien werden nach Tabellen vergeben. Das "Verfügen über Fakten. Begriffe, Mittel, Methoden. Theorien und Modelle", wie der Begriff "Kennen" definiert wird, soll so gepunktet werden: 0 bis 2 "lückenhaft, unverarbeitet", 3 bis 5 "unvollständig, unzusammenhängend", 6 bis 8 "vollständig, unzusammenhängend", 9 bis 10 "partiell, differenziert", 11 bis 12 "umfassend, differenziert".
In anderen Fächern sind die Vorschriften ähnlich. In Latein zum Beispiel soll eine Übersetzung auch dann noch "ausreichend" sein, wenn auf 100 Wörter zehn Fehler kommen. In Physik dürfen laut Normenbuch "die Abzüge für Mängel in Sprache und Darstellung 10 Prozent der Gesamtpunktzahl nicht überschreiten".
Der Saarbrücker Oberschulrat Ludwig Denne, Vorsitzender des KMK-Schulausschusses, befürchtet nicht, daß dieses Normenabitur am Widerstand der Studienräte scheitert: "Wenn sie sich erst daran gewöhnt haben, wird es sich mit den Normenbüchern leichter arbeiten lassen, als wenn sie die Kriterien für ihr Urteil immer wieder erst selbst fixieren mußten."
Während mit den Normenbüchern das -- unerreichbare -- Ziel angesteuert wird, daß eine Abitur-Eins in Hessen genausoviel wert ist wie in Bayern, wird zugleich für den einzelnen Abiturienten das Gegenteil angestrebt: für ihn soll eine Eins von Fach zu Fach verschiedenen Wert haben.
Vermutlich noch in diesem Sommer wollen die Kultusminister formal beschließen, worüber sie sich schon ziemlich einig sind: die Abiturnoten ab 1977 je nach ihrer Bedeutung für das Studienfach zu gewichten.
Die Arbeitsgruppe, die den Plan ausarbeitete, räumte in ihrem Bericht an die Kultusminister ein, daß "über den Prognosewert bestimmter Schulfächer für bestimmte Studiengänge nur wenig Erfahrungen vorliegen". Das hinderte sie aber nicht daran, eine "Fächerliste" zu entwerfen und -- zumeist eher nach Gutdünken als nach gesicherten Erkenntnissen -- jedem Studienfach ein paar Schulfächer zuzuordnen.
So sollen für die Rechtswissenschaft nicht weniger als fünf verschiedene Kombinationen möglich sein, von "Deutsch und Fremdsprache" bis zu "Mathematik und Wirtschaftskunde". Wer Germanistik studieren will, soll die Wahl haben, ob er Deutsch und eine Fremdsprache oder zwei Fremdsprachen gewichten läßt. Psychologen können sich entscheiden zwischen Mathematik und einem naturwissenschaftlichen Fach oder Deutsch und einer Fremdsprache.
Die Experten sind sich darüber im klaren, daß (so die Arbeitsgruppe in ihrem Papier) "die Festlegung das Prestige von Schulfächern stark berührt und daher erhebliche Widerstände erwarten läßt". An Bedeutung verlieren werden vor allem Geschichte und Erdkunde, die nur noch für Studenten dieser Fächer von Gewicht sein sollen, aber auch Deutsch, das relativ selten aufgeführt ist und noch dazu meist durch ein anderes Fach ersetzt werden kann.
Zum heimlichen Hauptfach in der Oberstufe des deutschen Gymnasiums aber wird Biologie werden, weil naturwissenschaftliche Fächer besonders häufig gewichtet werden können und weil Biologie gegenüber Physik und Chemie als das leichteste Fach gilt.
Wenn auch durch das Gewichtungs-System die Gefahr vermindert wird, daß ein Medizin-Bewerber mit Einsen in Biologie und Chemie an einer Fünf in Geographie scheitert, so bringt es doch neue Nachteile: Die Schiller müssen sich frühzeitig -- durchweg zu Beginn der Oberstufe, wenn sie ihre Leistungsfächer auswählen -- über ihre Studienabsichten einigermaßen im klaren sein. Denn wer Medizin studieren will, braucht fortan gute Noten in ganz anderen Fächern als ein künftiger Anwalt.
Wie auch immer die Fächer gewichtet, wie die Leistungen gepunktet und ob irgendwelche Kriterien zusätzlich zum Abitur eingeführt werden: Die Dortmunder Zentralstelle ist darauf und auf den totalen Numerus clausus vorbereitet. Dann wird im deutschen Schulleben nur noch das zählen, was sich in die Sprache des ZVS-Computers übersetzen läßt.
Den Fragebogen für das kommende Wintersemester läßt ZVS-Chef Henning Berlin zum erstenmal so drucken, daß er zum Teil gleich von der Maschine gelesen werden kann. Er träumt von einer Datenbank, in der alle Angaben der Bewerber gespeichert werden, und er hat auch schon sondiert, ob Abitur-Zeugnisse gleich im Gymnasium computerreif geschrieben werden können. Gescheitert ist der ZVS-Technokrat nur mit dem ehrgeizigen Vorhaben, die Anträge in Dortmund nach einem ähnlichen System bearbeiten zu lassen, wie es in Wolfsburg bei der Montage von Autos angewendet wird.
Der Chef der Zentralstelle in einem internen Bericht an seinen Verwaltungsausschuß: "Versuche, die Antragsprüfung fließbandmäßig in gleiche Arbeitstakte aufzuteilen, scheiterten, weil wegen der unterschiedlichen Qualität der Anträge gleiche Arbeitstakte nicht gebildet werden können."

DER SPIEGEL 22/1975
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