26.05.1975

„Quartett spielen immer nur vier“

SPIEGEL: Mit großem Aufwand ist die ZVS unter Ihrer Verantwortung dabei, die Kapazität der Hochschulen, also die Zahl der Studienplätze, zu ermitteln und festzusetzen. Halten Sie es für möglich, daß kein einziger zusätzlicher Studienplatz dabei herauskommt?
SCHNOOR: Das ist sehr gut möglich, wobei man sich darüber im klaren sein muß, daß es "die" Kapazität gar nicht gibt. Sie kann nicht berechnet, sondern nur durch eine politische Entscheidung festgesetzt werden.
SPIEGEL: Zu der Null-Perspektive, die Sie für denkbar halten. steht die Untersuchung eines Mathematikerteams in krassem Widerspruch, der zufolge 160000 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden könnten, wenn man betriebsorganisatorische Anforderungen an die Hochschulen stellte.
SCHNOOR: Ich sage nicht voraus, daß es keinen zusätzlichen Studienplatz geben wird, aber ich muß diese Möglichkeit in meine Überlegungen einbeziehen. Andererseits ist völlig sicher, daß aus Berechnungen der Mathematiker nicht auf größere· Aufnahmezahlen geschlossen werden kann.
SPIEGEL: Warum nicht?
SCHNOOR: Ein Fehler, den die Autoren dieser Untersuchung und zum Beispiel auch die Rechnungshöfe begehen, ist, daß sie das Problem der Raumkapazität überschätzen. In der Wirklichkeit spielt es fast keine Rolle. Wir gehen bei der Festsetzung der Höchstzahlen von Studenten, die die Hochschulen aufnehmen müssen, immer von der Personalkapazität aus und unterstellen in 99 von 100 Fällen, daß die erforderliche Raumkapazität vorhanden ist.
SPIEGEL: Ein Gedanke der Studie ist es, das Drittel jener Vorlesungen, Seminare und so weiter zu durchforsten, die für weniger als zehn Studenten abgehalten werden. Dieser Luxus passe nicht zum totalen Numerus clausus.
SCHNOOR: Ich kann das nicht so sehen. Unsere Hochschulen werden die nächsten 20 Jahre mit dem Numerus clausus und mit Kapazitätsberechnungen leben müssen, da können wir nicht ganze Wissenschaftsdisziplinen austrocknen. Es gibt Veranstaltungen, die aus didaktischen Gründen gar nicht mehr Hörer haben sollen. Für den Unterricht am Krankenbett haben wir die Richtzahl fünf festgesetzt, und Quartett können in einer Musikhochschule immer nur vier spielen. Und warum, ernsthafter gesprochen, soll ein Professor nicht ein Seminar über sein spezielles Forschungsgebiet auch nur für wenige Studenten abhalten, zumal wenn dieses Angebot außerhalb seines Lehrdeputates läuft? Sicher haben wir aber Veranlassung, Schwerpunkte zu bilden und zu konzentrieren. Aber weder ich noch sonst jemand kann da eine Prognose wagen.
SPIEGEL: Nur eben die, daß alles enden kann wie das Hornberger Schießen.
SCHNOOR: Auch wenn tatsächlich kein einziger Studienplatz zusätzlich geschaffen würde, befänden wir uns nicht in Hornberg. Es wäre auch schon viel erreicht. wenn die Hochschulen gleichmäßig ausgelastet wären und jeder Student überall prinzipiell die gleichen Studienbedingungen vorfände.

DER SPIEGEL 22/1975
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