26.05.1975

In Holland werden Plätze verlost

Der Numerus clausus ist ein
Weltproblem. Es gibt kaum ein großes Industrieland, das seiner Jugend auch nur annähernd so viele Studienplätze bieten kann, wie sie verlangt.
Die Kriterien, nach denen die Bewerber ausgesucht werden, sind allerdings unterschiedlich. Das zeigt die bislang einzige fundierte einschlägige Untersuchung. Sie wurde im Auftrag des Bonner Wissenschaftsministeriums von dem Kölner Wema-Institut durchgeführt und 1974 veröffentlicht.
Das Wema-Team stieß auf "vielfältige Schwierigkeiten". Die Bildungssysteme sind so unterschiedlich, daß Vergleiche kaum möglich sind. Überdies wurden fast überall Reformen beschlossen oder schon begonnen, so daß auch die Wema-Studie nicht mehr als eine Momentaufnahme ist.
Am starrsten sind die Regeln in östlichen Ländern. In der DDR berechtigt ein erfolgreicher Schulabschluß nur dazu, sich um einen Studienplatz zu bewerben. Vorrangig ist die soziale Auswahl, Arbeiterkinder haben weit größere Chancen als Söhne von Angestellten oder Intellektuellen. Förderlich sind Gutachten der Schule, des Betriebes oder der Volksarmee.
Auch in der Sowjet-Union ist das Gutachten der Schule, unterzeichnet vom Direktor und dem Komsomol-Funktionär, von Bedeutung. Mancher wird gar nicht zur (obligatorischen) Eingangsprüfung an der Hochschule zugelassen, wenn dieser Begleitbrief nicht positiv genug ausfällt. Die Prüfung erstreckt sich zumeist auf vier Fächer. Durchschnittlich wird nur jeder dritte Bewerber zugelassen, an Kunsthochschulen ist das Verhältnis sogar 40:1.
Das Abschlußzeugnis eines holländischen Gymnasiums berechtigt zum Studium, aber ähnlich wie in der Bundesrepublik wird die Wirklichkeit diesem Anspruch nicht gerecht. Für Fächer mit Numerus clausus wird ein Teil der Plätze nach den Durchschnittsnoten vergeben, ein anderer Teil ausgelost.
Die Hochschulen in England legen die Aufnahmebedingungen selbst fest, allerdings für das ganze Land einheitlich. Ausgenommen sind nur Oxford und Cambridge. die noch stärker selektieren. Im allgemeinen werden Kenntnisse in fünf Fächern geprüft. Einen Platz für das Fach Medizin erhält nur jeder dritte Bewerber; Ingenieur oder Geisteswissenschaftler wird nur jeder zweite, der einen entsprechenden Platz begehrt.
In Frankreich genügt für die Zulassung an den privaten und staatlichen "grandes écoles" das "baccalauréat" nicht, das dem deutschen Abitur vergleichbar ist. Eine Eingangsprüfung ist obligatorisch, sie ist nicht standardisiert, sondern differiert je nach Hochschule. Junge Franzosen bewerben sich nicht selten an fünf, sechs oder zehn verschiedenen Hochschulen zugleich. Die Anforderungen sind so hoch, daß viele auch nach dem Schulabschluß auf dem Gymnasium bleiben und zwei Jahre lang an Vorbereitungskursen teilnehmen.
Als Modell für die Bundesrepublik ist keines dieser Verfahren im Gespräch. Die "Arbeitsgruppe", die im Auftrage der Kultusministerkonferenz Vorschläge für die Reform des Hochschulzugangs ausarbeitete. erklärte Schulgutachten, Hochschuleingangsprüfung und Auslosung von Studienplätzen "für besonders ungeeignet und einer weiteren Prüfung nicht für bedürftig".

DER SPIEGEL 22/1975
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