26.05.1975

BERLINFällt wenich uff

Aus einem senatseigenen Berliner Vorratslager verschwanden mehrere hundert Tonnen Zucker. Die Reserven, für den Krisenfall angelegt, werden nur lasch kontrolliert.
Wenn der Fuhrunternehmer Karl Müller mit seinem blauen Achttonner aus dem Berliner Westhafen donnerte, hatte er durchweg zuviel geladen. Dreimal erwischte ihn die Polizei, jedesmal wurde die Ordnungswidrigkeit abgestraft.
Jedoch, womit er sich wirklich übernommen hatte, kam erst unlängst in einem Saal des Kriminalgerichts zu Moabit ans Licht.
Fünf Jahre lang faßte der Spediteur Woche für Woche Ladung am alten Zollspeicher, einem diebstahlsicheren Großschuppen der landeseigenen Berliner Hafen- und Lagerhaus-Betriebe (Behala). Und oft war es mehr, als seine Kunden bestellt hatten -- denn, so der Berliner Volksmund: "Wo viel is. da fällt wenich wenich uff." Das wenige Zuviel: mindestens tausend Zentner von 40 000 Tonnen Zucker, die dort als Senatsreserve (für den Krisenfall) lagern.
Auf der Suche nach dem Leck, aus dem der Zucker rieselte, entdeckten Richter wie Staatsanwalt unisono "unglaubliche Zustände". Müller-Verteidiger Gerd Joachim Roos fühlte sich gar "im größten Selbstbedienungsladen Berlins". Bestandskontrollen oder Revisionen nämlich hatte es, so die Beweisaufnahme, im betroffenen Reservelager seit Jahren nicht gegeben.
Zum Nebenerwerb mit der süßen Sore -- DDR-Produkte vom VEB Zuckerkombinat Ernst Thälmann -- hatten sich bereits 1969 Behala-Bodenmeister Heinz Gerstmeier und sein Vize Horst Walkowski durchgerungen. beide Vertrauenspersonen mit Schlüsselgewalt über den Speicher. Auch Spediteur Müller, der dem Duo gelegentlich mit hochprozentigen Gebinden ausgeholfen hatte, mußte damals nicht lange überredet werden.
Zu den Aufgaben der Bodenmeister zählten unter anderem Bestandskontrolle und Zuckerbewachung im Speicher. Stichproben durch Vorgesetzte sind zwar vorgeschrieben, gelten aber offenbar selbst Behala-Chef Karl Heinz Wattenberg nicht als sicheres Kriterium: "Die meisten Mitarbeiter sind doch im Kinderwagen in diesen Betrieb gekommen. Da kommt so schnell kein Mißtrauen hoch." Die Lagerarbeiter wiederum verluden nach Weisung der Bodenmeister, regulär: Umwälz-Kontingente für gewerbliche Abnehmer, um die Krisenbestände frisch zu halten. Eine oder zwei Paletten mehr -- für den Papierkram waren schließlich die beiden Chefs zuständig, die dann von Müller, jeweils beim Schnäpschen im Büro, fünfzehn Mark pro Zuckersack kassierten.
Es war denn auch ein unvorhergesehener Umstand. der den Handel schließlich störte (und Müller sieben Monate mit Bewährung eintrug): die weltweite Zuckerkrise, die 1974 die Preise hochgetrieben und die Händlerlager geräumt hatte. Nunmehr hielt es Meister Gerstmeier zumindest für angebracht, ein erstes Manko zu offenbaren: Beim Paketzucker fehlten einige Dutzend Tonnen.
Und nun erst, nachdem die Geschäftsleitung durch insgesamt zwanzig Mann fünf Tage lang auch die eingelagerten Sackbestände kontrollieren ließ, ergab sich die wahre Fehlmenge. Insgesamt 335 Tonnen im Gesamtwert von 350 000 Mark -- genug, um ein Gemeinwesen von 10 000 Einwohnern ein Jahr lang mit dem Süßstoff zu versorgen -- waren ohne Papiere über die Rampe gegangen.
Zu einer Verschärfung des Kontrollsystems sieht sich Wattenberg dennoch nicht in der Lage: "Zählen Sie mal hunderttausend Tonnen Zement, vierzigtausend Tonnen Zucker, Sackzipfel für Sackzipfel. Die Beweissicherung ginge in die Hunderttausende."
Ob bei solcher Betrachtung den Verwaltern der übrigen Vorratslager für die blockadebedrohten Berliner mehr zur Sicherung einfällt, steht einstweilen dahin. Für Karl-Heinrich Koreuber jedenfalls, den verantwortlichen Vorratsdezernenten beim Senat, sind die West-Berliner Reservelager -- mit Rohstoffen, Halbwaren oder Fertigprodukten für 1,7 Milliarden Mark -- trotz allem noch feste Burgen. Koreuber: "In jedem Kaufhaus verschwindet mehr." So ganz sicher scheint das nicht.

DER SPIEGEL 22/1975
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