26.05.1975

Szenen aus Saigon

nach der Machtübernahme durch die Nordvietnamesen photographierten die SPIEGEL-Redakteure Börries Gallasch und Tiziano Terzani. Sic waren dabei, als die neuen Machthaber das allzu kolossale Denkmal des Unbekannten Soldaten, das jahrelang das Saigoner Zentrum zum Ruhm einer ruhmlosen Armee verunziert hatte, vom Sockel stießen. Ihre Eindrücke aus der Stadt, die nun den Namen Ho Tschi-minhs trägt, kabelten sie über Hanoi und Hongkong nach Hamburg:
An Fabrikmauern und auf Spruchbändern über den Straßen Saigons ist jetzt der alte Satz Ho Tschi-minhs zu lesen: "Vietnam ist ein Land. Die Vietnamesen sind ein Volk. Flüsse können versiegen, Berge können bröckeln, aber diese Wahrheit bleibt bestehen."
Als sich am 15. Mai die neuen Machthaber in der Hauptstadt des Südens zur Siegesfeier einfanden. wurde klar, wie weit die Wiedervereinigung Vietnams schon Wirklichkeit geworden ist. Aus dem Norden wie aus dem Süden stammten jene schon fast legendären Figuren auf dem Podium vor dem Unabhängigkeitspalast, die jahrzehntelang für dieses gemeinsame Ziel gekämpft hatten. Neben dem 87 Jahre alten Ton Duc Thang. dem Präsidenten des Nordens, der im Mekong-Delta geboren wurde, stand der von einer Familie aus dem Norden abstammende, aber im Süden geborene Le Duc Tho -- jener Mann, der fast drei Jahrzehnte lang die Revolution im Süden geführt und in Paris für Hanoi mit Kissinger verhandelt hat.
"Die Tage des Hungers und der Not sind vorbei. Nord und Süd sind unter einem Dach vereint, und der Traum von Onkel Ho ist wahr geworden", so formulierte es Le Duc Tho in einem Gedicht. Freilich, diese wiederholten Beteuerungen von der Einheit der Nation bedeuten noch keine Wiedervereinigung im Verwaltungssinn. Am besten ließe sich der derzeitige Zustand nach den Worten eines Vietnamesen so beschreiben: "Ein Land, ein Volk. eine Partei, eine Armee, zwei Verwaltungen."
Doch fortgesetzt kommen jetzt knochige vietnamesische Kader in grünen Uniformen aus Hanoi und den eroberten Gebieten, halten endlose Konferenzen ab, schleppen Stapel von Akten mit. In den früheren Ministerien der Saigoner Regierung arbeiten rund um die Uhr Technokraten an Dokumenten: Ein Gesamtplan radikaler Reformen wird offenbar ausgearbeitet.
Unterdessen ist die Unsicherheit in der Bevölkerung keineswegs geschwunden. Hunderttausende Soldaten und Polizisten des früheren Regimes haben keinerlei Einkünfte. Offenbar aus Sicherheitsgründen haben die Militärs die Macht immer noch nicht an zivile Behörden übergeben. Und tatsächlich wurden allein in Saigon seit dem 1. Mai elf Soldaten der Befreiungsarmee ermordet.
Saigon ändert sein Gesicht. Das bunte Passantenvolk von einst ist nun durchsetzt mit dem allgegenwärtigen Grün der Uniform der Befreiungssoldaten und dem Schwarz der Guerilla-Pyjamas. Die Stadt gleicht immer mehr der Metropole eines Bauernstaates, Relikte aus der Zeit der amerikanischen Präsenz werden verdrängt, versteckt, vernichtet, abgeschafft. Ganze Stapel von "Playboy-Magazinen, US-Schallplatten, Thieu-Plakaten und alten amerikanischen Propaganga-Postern bringen die Mülltonnen im Zentrum zum Überquellen. Stacheldraht und Sandsäcke verschwinden. Abends bleiben die Bars geschlossen, die Neonlichter ungenutzt, keine Popmusik dröhnt mehr durch die Straßen. Es herrscht keine Ausgangssperre mehr, aber um neun Uhr ist die Stadt wie leergefegt.
Jedermann glaubt, untergetauchte Prominente des alten Regimes zu erkennen: Als kürzlich ein Mann beerdigt wurde, der vor zehn Jahren mal einer der zahlreichen südvietnamesischen Minister war, behaupteten die Leute, der Sarg habe nur Steine enthalten, der Ex-Minister hingegen lebe unter neuem Namen weiter.

DER SPIEGEL 22/1975
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